In den kom­men­den zwei Wochen beglei­ten wir mit Jugend ohne Film die Retro­spek­ti­ve eini­ger aus­ge­wähl­ter Arbei­ten von Vic­tor Kos­sa­kovs­ky auf Doc Alli­ance. Wir sind uns bewusst, dass wir die Wer­ke so nicht in ihrem ursprüng­li­chen For­mat und ihrer eigent­li­chen Wir­kung betrach­ten kön­nen. Jedoch könn­ten wir sie sonst ver­mut­lich gar nicht sehen. Begin­nen wol­len wir mit einem der bekann­tes­ten Wer­ke des rus­si­schen Filmemachers.

In The Bel­ovs (Bel­o­vy, 1992) eröff­net sich das größt­mög­li­che Dra­ma aus der schein­bars­ten Bana­li­tät. Es ist ein Krieg zwi­schen der Natur und der Struk­tur des Lebens, eine poe­ti­sche Suche nach der Essenz des Mensch­li­chen inmit­ten einer Lee­re, die jeder­zeit bedroht von einer Gewalt, zu zer­bre­chen droht. Kos­sa­kovs­ky filmt in lyrisch-duns­ti­gen (fast bin ich geneigt zu schrei­ben «rus­si­schen») schwarz-weiß Bil­dern eine Fami­lie, die an der Quel­le eines Flus­ses im länd­li­chen Russ­land lebt. Dort ist Anna Feo­do­rov­na Bel­o­va, eine zwei­fa­che Wit­we, die aus jeder Pore ihrer Bewe­gun­gen einen Über­le­bens­kampf gegen das eige­ne Lei­den aus­strahlt. Sie pflegt die Tie­re auf der Farm und singt und singt und singt. Dann lebt dort Michail Feo­do­ro­vich, ihr Bru­der, mit dem gemein­sam Anna weit abseits der rest­li­chen Welt ihre Tage ver­bringt. Michail ist außer in der ers­ten Ein­stel­lung und kur­zen Momen­ten des Frie­dens auf einem Trak­tor oder mit sei­nen Brü­dern, meist schimp­fend, lei­dend und kla­gend zu sehen. In die­ser ers­ten Ein­stel­lung ver­steht er sich aus­ge­rech­net mit sei­nem Hund bezie­hungs­wei­se sein Hund ver­steht ihn. Aber mit Men­schen ver­steht sich Michail nicht, er wirft um sich mit ideo­lo­gi­schen, poli­ti­schen und phi­lo­so­phisch-mora­li­schen Vor­wür­fen, betrun­ken am Tisch, immer nahe an der tota­len Erschöp­fung, ver­letzt und ver­let­zend. Sel­ten hat man der­art nahe die Abgrün­de der Inti­mi­tät zwei­er Men­schen erlebt. Ein Bru­der beschwert sich dar­über, dass immer alle schrei­en. Ein­mal bedroht Michail sei­ne Schwes­ter gar mit einer lee­ren Fla­sche, im Hin­ter­grund sitzt scho­ckiert ein Jun­ge, den wir erst kurz zuvor wahr­ge­nom­men haben. Der Ton setzt aus und wir bli­cken in das Herz einer Feind­lich­keit, die eigent­lich uner­klär­lich ist und gera­de dadurch fest ver­wur­zelt scheint. Wenn es eine dra­ma­tur­gi­sche Struk­tur gibt, dann ist es jene der sich auf­schau­keln­den Gewalt, die durch den Besuch der bei­den Brü­der Vasi­ly und Ser­gei einen kata­ly­ti­schen Effekt erfährt. Jedoch bricht Kos­sa­kovs­ky sol­che Klar­hei­ten immer wie­der und ent­fal­tet somit ein Wech­sel­spiel aus Frie­den und Krieg. Ein Bei­spiel dafür wären die traum­haf­ten, damp­fen­den Ein­stel­lun­gen eines gemein­sa­men Sau­na­be­suchs und eines Bads im Fluss.

The Belovs Kossakovsky

Die zahl­rei­chen Tie­re im Film bil­den Ana­lo­gien zu den Men­schen her­aus. Der Film ver­stärkt dies zum Bei­spiel durch Kame­ra­fahr­ten, die über ver­schie­de­ne Ein­stel­lun­gen fort­ge­setzt wer­den und so die Bewe­gun­gen von Tier und Mensch ver­bin­den. Ein Hund rennt vor und hin­ter dem Trak­tor her und es ergibt sich ein Bild der Har­mo­nie. Doch die Gewalt drückt sich auch in die­sen schein­ba­ren Frie­den. So zer­stört ein Stier in absur­der Manier zwei­mal im Film einen Zaun, um an das gepflanz­te Gemü­se zu gelan­gen und die­ses zu zer­tram­peln und ein Hund bellt wie wild auf einen ein­ge­roll­ten Igel ein und lässt die­sen nicht in Ruhe. Als Frie­dens­stif­ter tritt dann immer Anna auf, eine beein­dru­cken­de Per­son, die zu Beginn des Films gar nicht ver­ste­hen kann, wie­so man sie fil­men wür­de. „Wir sind doch nur gewöhn­li­che Men­schen…“ Die Kame­ra ver­harrt meist in beob­ach­ten­der Posi­ti­on mit einem Inter­es­se an kör­per­li­chen Regun­gen und Gesich­tern. Das bedeu­tet Halb­to­ta­len und halb­na­he Ein­stel­lun­gen, aber sie setzt sich auch in Bewe­gung, da sich Kos­sa­kovs­ky des Kon­flikts zwi­schen der Natur und Struk­tur (Musik, Zwi­schen­ti­tel, Mon­ta­ge) des Lebens abso­lut bewusst scheint. Er ver­mag es gleich­zei­tig zu ord­nen und zu beob­ach­ten und zu letz­te­rem zählt im Fall von The Bel­ovs auch die spon­ta­ne Reak­ti­on, die zum einen mit der räum­li­chen Ver­schie­bung einer Hand­lung zusam­men­hängt, zum ande­ren aber schlicht mit einem Gefühl für den Ort und sei­ne Kon­flik­te. So schwenkt Kos­sa­kovs­ky ein­mal ent­lang zer­stör­ter Wän­de, treibt über den Fluss oder tanzt mit Anna. In die­sem Tanz ver­liert und ret­tet er sich mit ihr gemein­sam. Es muss einem ein­fach nahe gehen, wenn die­se Frau sich im Anblick ihres eige­nen Lei­dens und ihrer trau­ri­gen Erin­ne­rung durch Tan­zen und Sin­gen am Leben hält. Sie ver­gisst ihren Schmerz durch ihre eige­ne Bewe­gung, durch ihre Musi­ka­li­tät und ihr bestän­di­ges Spre­chen. Zwi­schen den plötz­li­chen emo­tio­na­len Aus­brü­chen des Films, arbei­tet man förm­lich mit ihr am täg­li­chen Über­le­ben. The Bel­ovs ist eine sinn­li­che Wahr­neh­mung des frei oder nicht wirk­lich frei flie­ßen­den Lebens, die eine Bedeu­tung gene­riert, ohne dass es die unkon­trol­lier­ba­ren Wen­dun­gen ein­däm­men müss­te. Es ist nur kon­se­quent, dass auch der Film mit musi­ka­li­schen Pas­sa­gen arbei­tet, die eine unschul­di­ge Schön­heit, eine lie­bens­wer­te Poe­sie ein­fan­gen, die sich unter dem Lärm der Strei­te­rei­en und der erdrü­cken­den Stil­le sonst viel­leicht gar nicht offen­ba­ren könnten.

Es herrscht auch ein Pathos des Absur­den hier, ein mensch­li­cher Humor des Grau­ens, der einem zum Lachen bringt bis man sich des Grau­ens bewusst wird. So ist jene erwähn­te Sze­ne, in der ein Stier einen Zaun durch­bricht, durch­aus humor­voll, jedoch wird man sich bewusst, dass Anna die­sen Zaun wie­der repa­rie­ren muss. Hier und da zielt Kos­sa­kovs­ky etwas zu sehr auf den poe­ti­schen Effekt. Schwenks zum Him­mel und ein Echo auf man­chem Dia­log erschei­nen etwas zu gewollt. Es bleibt das Rät­sel die­ses Jun­gen, der im Hin­ter­grund des Streits sitzt, eine mar­gi­na­le Figur, die kurz zuvor ein­ge­führt wur­de, als ihn Anna in der Früh weckt. Zuvor gibt es bereits eine lan­ge Ein­stel­lung auf einem Fami­li­en­fo­to, das ver­mut­lich Anna mit ihren Kin­dern zeigt. Egal, ob es sich um einen Nef­fen auf Besuch, ein tat­säch­li­ches Kind von Anna oder Michail oder um einen Enkel handelt…es ist klar, dass die­ser Jun­ge es an die­sem Ort nicht mehr län­ger aus­hal­ten kann. Und genau die­se Fra­ge kann man sich viel­leicht selbst stel­len. Wann sitzt man ger­ne mit Men­schen zusam­men? Wann will man mit ihnen leben? Was bedeu­tet Nähe? Wenn an die­sem Ort der Fluss sei­nen Lauf beginnt, dann ist The Bel­ovs auch eine para­die­si­sche Geschich­te und man muss sich fra­gen, wohin die­ser Fluss flie­ßen wird oder ob das, was auf der klei­nen Farm pas­siert und nicht pas­siert, sogar das Ende bezie­hungs­wei­se die Ewig­keit sei­nes Ver­laufs ist.