Svyato Kossakovsky

Kossakovsky-Retro: Caught My Own Reflection: Svyato

Man kann von zwei Din­gen aus­ge­hen in der Betrach­tung des ver­stö­ren­den Films Svya­to von Vic­tor Kos­sa­kovs­ky, den es bei der noch bis zum 1. Febru­ar lau­fen­den Retro­spek­ti­ve auf Doc Alli­ance zu sehen gibt. Zum einen davon, dass die Anwe­sen­heit oder der Glau­be an unsicht­ba­re Kräf­te und Wel­ten eine beson­de­re Auf­merk­sam­keit gene­riert, die uns in Zustän­de der Angst, der Lie­be und des fan­tas­ti­schen Stau­nens ver­setzt. Der ande­re Gedan­ke ist jener der fil­mi­schen Anti­zi­pa­ti­on und ihrer Wirk­lich­keit, die so gar nichts mit der Auf­merk­sam­keit zu tun haben, aber doch völ­lig abhän­gig von ihr sind. In Svya­to filmt der Regis­seur sei­nen Sohn, als die­ser sich zum ers­ten Mal in einem Spie­gel­bild sieht. Seit des­sen Geburt hat­te der Fil­me­ma­cher sämt­li­che Reflek­tio­nen vor dem 2jährigen ver­steckt. In einer spe­zi­el­len Vor­rich­tung mit vier Spie­geln (von denen man als Zuse­her nur einen wahr­nimmt, was uns nach der gemein­sa­men Sich­tung in ner­vö­se Rage ver­setzt hat) und drei Kame­ras folgt der Regis­seur jenen ers­ten Begeg­nun­gen zwei­er Wel­ten, näm­lich jener Welt des Ichs und der Spie­gel­wel­ten. Nun sind die psy­cho­ana­ly­ti­schen Kon­no­ta­tio­nen kaum zu über­se­hen, aber Kos­sa­kovs­ky über­legt sie mit einem fan­tas­tisch-magi­schen Schlei­er, den man als sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung sei­nes Soh­nes oder auch als Spleen für Anti­po­den im Werk des Regis­seurs auf­fas­sen kann. Der Jun­ge spielt in einem Haus, hin­ter ihm ein wei­ßer, im Wind tuscheln­der Vor­hang, hin­ter des­sen Durch­sich­tig­keit sich der Schat­ten einer Pflan­ze abzeich­net. Neben ihm ein bestän­di­ger Zwerg mit blau­en Augen und einer Later­ne, unter ihm ein hell­brau­ner Par­kett­bo­den vol­ler Spiel­zeug, sei­ne Mut­ter ist aus dem Off zu hören, das Spiel­zeug singt, es ist fried­lich und in, um und vor ihm sind Spie­gel und die­se Kame­ras, die mit sei­ner und unse­rer Wahr­neh­mung spie­len. Die beson­de­re Fas­zi­na­ti­on für die Spie­gel­wel­ten offen­bart sich nicht nur in der Wich­tig­keit, die Kos­sa­kovs­ky die­sem Augen­blick im Leben sei­nes Soh­nes bei­misst, son­dern auch in der letz­ten Sze­ne des Films, als eine Spie­ge­lung in einem See ein Eigen­le­ben beginnt.

Svyato Kossakovsky

Es ist wie eine Erin­ne­rung an eine kind­li­che Fas­zi­na­ti­on, an den Glau­ben, dass das was wir im Spie­gel sehen, eine ande­re Welt ist. Dar­in liegt nicht nur eine Ana­lo­gie zum Kino son­dern zur Wahr­neh­mung an sich. Kos­sa­kovs­ky erin­nert einen dar­an, wie abge­stumpft man sieht. Der Jun­ge schreit sein Spie­gel­bild an, er häm­mert mit Spiel­zeug gegen die Flä­che, er küsst es, er blickt unter dem Spie­gel hin­durch, er betrach­tet sich/​es stumm. Wann erkennt er sich selbst? Gleich­zei­tig wer­den wir als Zuse­her, ob der Spie­gel und Reflek­tio­nen ver­un­si­chert (und schließ­lich ist es ja auch ein Film). Wir müs­sen uns fra­gen, ob das was wir sehen eine Spie­ge­lung ist oder nicht. In jenem Moment, in dem wir an das Neue, Eige­ne und Beson­de­re in der Welt glau­ben, bli­cken wir genau­er hin und in die­sem Blick liegt die gan­ze Fas­zi­na­ti­on des Lebens. Gehen wir von die­ser Fas­zi­na­ti­on an Gegen­wel­ten aus, die ja nicht zuletzt auch in Kos­sa­kovs­kys ¡Vivan las Anti­po­das! eine ent­schei­den­de Rol­le spie­len, dann ver­ste­hen wir, dass der Blick auf die Welt einer ganz bestimm­ten Wahr­neh­mung unter­liegt, ganz bestimm­ten Emo­tio­nen, For­men und Ideen, die sich in fil­mi­scher Spra­che mani­fes­tie­ren kön­nen. So sehen wir, was wir alle ken­nen, aber nicht in unse­rem Bewusst­sein tra­gen. Wir kön­nen stau­nen, lie­ben oder uns fürch­ten. Der Regis­seur spricht selbst ger­ne von sei­ner Magnet­theo­rie und meint damit eigent­lich den Abstand zwi­schen Kame­ra und Prot­ago­nist. Die­ser magne­ti­sche Grenz­be­reich, indem die Anzie­hung zwi­schen zwei Polen gera­de so ist, dass sie spür­bar wird, ist auch der auf­merk­sa­me Blick. Kos­sa­kovs­ky ermög­licht uns die­ses Mit­er­le­ben durch sei­ne Frei­heit der Anti­zi­pa­tio­nen. Damit mei­ne ich, dass er sich in einem bestimm­ten Ver­suchs­feld bewegt, das er selbst nicht vor­her­se­hen kann. In allen sei­nen Fil­men gibt es eine bestimm­te Idee, eine Anti­zi­pa­ti­on des­sen, was pas­sie­ren kann, und in jedem Fall wird die­se von der tat­säch­li­chen Hand­lung über­trof­fen. In sei­ner auf­wen­di­gen Kon­struk­ti­on, dem Vor­be­rei­ten sei­nes Soh­nes auf die­sen Tag und sei­ner Posi­tio­nie­rung hat Kos­sa­kovs­ky einen Raum und eine Zeit für eine fil­mi­sche Wahr­neh­mung geschaf­fen. Mit sei­ner Anti­zi­pa­ti­on hat er nicht vor­ge­fer­tig­te Wel­ten erschaf­fen oder sich auf Ideen ver­steift, son­dern ein Umfeld geschaf­fen, indem man sich fokus­sie­ren kann, in dem die Auf­merk­sam­keit für den Blick, die Men­schen und die Welt gewähr­leis­tet ist. Wenn es im Zeit­al­ter der völ­li­gen visu­el­len Über­flu­tung mehr als jemals zuvor dar­um geht, im Kino eine Kon­zen­tra­ti­on zu schaf­fen, eine Neu­gier des Blicks zu pro­vo­zie­ren, dann ist die­ser Ansatz ein gol­de­ner Kelch des Fil­me­ma­chens. In die­sem Sinn baut er in Svya­to einen Kino­saal im Kino­saal und ermög­licht uns so sei­ne Welt und unse­ren Blick zu füh­len. Es beginnt ein Wech­sel­spiel zwi­schen dem ver­spiel­ten, magi­schen Glau­ben an eine Illu­si­on und jenem Bruch mit ihr, der uns klar macht, dass wir bli­cken, der uns klar macht, was wir sind und der uns ein­sam zurück­lässt bis wir wie­der glauben.