Kurzer Gedanke zur Erschwerung der Welt anhand von Harris-Tweed

Der ori­gi­na­le Har­ris Tweed ist Aus­druck einer unver­meid­ba­ren Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Nein, es geht nicht um das Tex­til selbst, auch wenn die inein­an­der ver­lau­fen­den For­men und Tönun­gen der Wol­le, die unbe­zwing­ba­ren Laby­rin­the der Tar­tans, die wel­len­ar­ti­gen Ver­stri­ckun­gen ver­wo­be­ner Ver­spielt­heit durch­aus den neu­gie­rig Bli­cken­den über­for­dern kön­nen. Viel­mehr soll es hier um die Art und Wei­se gehen, in der Har­ris-Tweed einem Lebens­stil ent­spricht bezie­hungs­wei­se Lebens­sti­len. So gibt es jenen posh-Stil eines bri­ti­schen (vor­nehm­lich eng­li­schen) Wohl­stands, für den die exklu­siv auf den Na h‑Eileanan Siar (die Äuße­ren Hebri­den) Schott­lands her­ge­stell­te, zu tra­gen­den Stoff­ge­mäl­de schi­cke, sta­tus­träch­ti­ge Mode­sym­bo­le sind, nicht für jeden erschwing­li­che Objek­te einer zugleich klas­si­zis­ti­schen und pseu­do-fre­chen Begier­de irgend­wo zwi­schen Hips­ter-Chick und ech­ten Gen­tle­men, Retro-Aris­to­kra­tie und Detail­ver­liebt­heit. Ehe­mals die gewähl­te Klei­dung des Land­adels beim sinn­lo­sen Erschie­ßen von Hasen und Gefie­der rund um das Urlaubs­an­we­sen im blut­reich nie­der­ge­run­ge­nen Schott­land, ist Har­ris-Tweed heu­te prin­zi­pi­ell auch für soge­nann­te nie­de­re Men­schen trag­bar. Fami­li­en­fo­tos, auf denen die Far­ben der Tweeds mit der Land­schaft um das beschei­de­ne Schloss her­um ver­schmel­zen, zie­ren die stol­zen Wän­de einer deka­den­ten Ver­gan­gen­heit, deren ver­weh­te Blü­te sich im Tweed ver­fan­gen hat. Schnell könn­te man, ob der­lei gescho­re­ner Mensch­lich­keit den Tweed ver­dam­men, aber ist es sein Fehler?

Der Tweed kann nicht ein­mal was für sei­nen Namen, der auf einem Miss­ver­ständ­nis beruht. Denn die Schot­ten nann­ten den Stoff nach der Art und Wei­se sei­ner spe­zi­el­len Gewebs­for­men „tweel“ aus dem Eng­li­schen „twill“. Croi­sé nen­nen das die Fran­zo­sen (und auch die Deut­schen, die mit sol­chen For­men nicht so viel am Hut haben) und man kann es, darf es aber nicht, ver­wech­seln mit dem Moi­ré-Effekt, der jenes Flim­mern von Klei­dung beschreibt, das man­chen Stoff­mus­tern vor einer Kame­ra zu eigen wird. Auch dann kein kla­res Bild! Jeden­falls erhielt ein Han­dels­mann (man traue ihnen nicht.) im Jahr 1826 eine Lie­fe­rung und er hielt das Wort „tweel“ für den lachs­rei­chen schot­tisch-eng­li­schen Grenz­fluss Tweed. Dass man von Lach­sen schreibt, wenn min­des­tens genau­so viel Blut durch die­sen von eng­li­schen Mas­sa­kern heim­ge­such­ten Fle­cken Erde floss, ist ein Aus­weich­ma­nö­ver, denn wir wol­len unse­re schö­nen, wei­chen Pull­over ja nicht besu­delt wis­sen, oder? Immer­hin wan­del­te auch Tho­mas of Ercil­doune durch die­se Gefil­de, aus denen der Har­ris-Tweed wahr­schein­lich gar nicht kommt. Als Tho­mas the Rhy­mer erwarb sich die­se legen­dä­re Figur im 13. Jahr­hun­dert einen immensen Ruhm durch Poe­sie und Pro­phe­zei­un­gen. Den Sagen nach konn­te er kei­ne Lügen erzäh­len, den­noch ver­kün­de­te er mehr­fach, dass Schott­land über das gesam­te König­reich herr­schen wür­de. Wenigs­tens in sei­ner Vor­her­sa­ge bezüg­lich der ver­nich­ten­den Nie­der­la­ge der Schot­ten in der Schlacht von Flod­den Field behielt er Recht und so hat­te er bestimmt auch den eng­li­schen Land­adel vor Augen, der mit Golf­schlä­gern auf Pfer­den ritt und Tweeds gegen den doch stür­mi­schen Wind des Atlan­tiks trug. Im Golf gab es bis in die 1930er sowie­so kei­ne Alter­na­ti­ve zum Tweed. Dann kamen Fla­nell­ho­sen und Polo­hem­den und die Welt ver­lor an Wärme.

Aller­dings gibt es vie­le Tweeds aber nur einen Har­ris. Die­ser ist eben jener, der auf den Äuße­ren Hebri­den her­ge­stellt wird. In den 1840ern führ­te Lady Dun­mo­re die Mar­ke in die höhe­ren Gesell­schaf­ten ein. Sie besaß beschei­de­ne 610 Qua­drat­ki­lo­me­ter auf der Insel Har­ris (eigent­lich Lewis and Har­ris, wobei Har­ris die Süd­in­sel bezeich­net), die ihr, wer hät­te das gedacht, durch ihr Erbe zufie­len. Zu Leb­zei­ten bau­te sie dort eine Schu­le, küm­mer­te sich mit Lei­den­schaft um Grün­flä­chen und Gär­ten und pro­mo­vier­te eben jenen Har­ris-Tweed, von dem hier die Rede ist. In Fol­ge der Ver­trei­bung der Schot­ten (der Cle­aran­ces) durch die Groß­grund­be­sit­zer fin­den sich heu­te übri­gens vie­le Har­ris-Tweed-Werk­stät­ten an den eigent­lich nur schwer bewohn­ba­ren Küsten.

All das wäre aber kein Grund über die­sen Stoff zu schrei­ben. Die längst bür­ger­lich gewor­de­nen Pro­jek­te der Aris­to­kra­tie sind wahr­lich ohne Belang, tau­send­fach durch­ge­kaut und tra­gen in sich weni­ger Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit als rei­ne Sinn­lo­sig­keit. Nein, das, was die Welt erschwert, ist wie so oft eine ande­re Per­spek­ti­ve. Man begeg­net ihr in vie­len Sta­tus­sym­bo­len und eli­tä­ren Ver­gnü­gun­gen. Man muss ja nur an den Mer­ce­des den­ken, der einst Hit­ler auf sei­nen Para­den chauf­fier­te und heu­te vor­nehm­lich von posie­ren­den Jugend­li­chen an Tank­stel­len poliert wird, die noch bei ihren Eltern lebend jeden Cent ihres Lehr­ling­ge­halts für den sau­be­ren Stern auf der Motor­hau­be eines Blech­schlit­tens aus­ge­ben. Oder an den Bio-Genuss der glo­ba­li­sier­ten Bil­dungs­schicht, der sich hand­ge­mach­ten Käse, selbst­er­zeug­te Zie­gen­milch und loka­len Schin­ken für das gute Gewis­sen schme­cken lässt, wäh­rend die Arbei­ter­schicht, die die­se Lebens­mit­tel angeb­lich her­stellt, mit Mer­ce­des oder nicht im McDri­ve steht, um dort eini­gen Mil­li­ar­dä­ren, die ver­sal­ze­nes Fett ver­kau­fen zu mehr Mil­li­ar­den zu ver­hel­fen. So eine Lis­te lie­ße sich unend­lich fort­set­zen, im Fall von Har­ris-Tweed jedoch liegt der Sinn und dem­entspre­chend auch die Sinn­lich­keit im Stoff selbst ver­bor­gen. Denn die­se Far­ben und For­men ste­hen im direk­ten Aus­tausch mit der Land­schaft, aus der sie kom­men. Nicht nur bedeu­tet das, dass man selbst auf dem Kör­per eines zyni­schen, alten Mil­lio­närs ohne Gewis­sen das Meer hören kann, den Wind durch Grä­ser huschen sieht oder Scha­fe rie­chen kann (man ver­zei­he die Syn­äs­te­si­en, die hier nur Aus­druck eines berau­schen­den Wider­spruchs sein sol­len), son­dern auch, dass die­se Stof­fe her­ge­stellt wer­den müs­sen. Der guten alten bri­ti­schen Tra­di­ti­on (die sich in ande­ren Situa­tio­nen auch als reak­tio­när offen­bart) fol­gend, wird das vie­ler­orts noch als klas­si­sches Hand­werk voll­bracht. Gear­bei­tet wird an Web­stüh­len, die in man­chen Muse­en als zu alt gel­ten wür­den. Jun­ge Men­schen neh­men sich des Hand­werks an, tra­gen die Tra­di­ti­on wei­ter, hal­ten die Kul­tur einer Insel am Leben. Sie suchen nach einem Nar­ra­tiv, das sie in ihre Erzeug­nis­se ein­we­ben kön­nen. So ver­spielt sich etwa ein Son­na­n­au­fang auf Stei­nen im Meer im Mus­ter des Tweeds oder das letz­te Licht eines hoff­nungs­vol­len Som­mers. Men­schen, die sich für eine Exis­tenz auf einer ent­le­ge­nen schot­ti­schen Insel ent­schei­den, um mit Scha­fen und Web­stüh­len, dem Wet­ter und der Ein­sam­keit zu leben, bringt man nicht so leicht zusam­men mit den lach­ses­sen­den Tweed-Hip­stern aus Lon­don. Die raue Land­schaft die­ser ent­le­ge­nen Orte, die rei­che, wil­de, unzu­gäng­li­che Natur hat wenig mit der Erobe­rungs­äs­the­tik West­eu­ro­pas gemein, der Stoff in den Hän­den ist etwas ande­res als der Stoff im Geschäft. Die­se zutiefst mit der Natur ver­wach­se­ne Form der Tex­til­poe­sie ist Aus­druck einer Uto­pie, die sich von nichts erschüt­tern lässt. Es ist als hät­te ein Har­ris-Tweed ein eige­nes Leben, das nichts mit Klei­dung und alles mit Geo­gra­phie zu tun hat. Man kann die­se Stof­fe lesen wie die gehei­me Kar­te einer bes­se­ren Welt.

Solch eine Gleich­zei­tig­keit erschwert und berei­chert die Welt. Ich ver­däch­ti­ge mich selbst den Stoff dem Men­schen vor­zu­zie­hen. Schon Joseph Brod­sky hat­te in einem Inter­view gesagt, dass Men­schen mit ihren Hän­den mehr Schön­heit voll­brin­gen kön­nen als in ihrer See­le ist. Ich bin also in eines die­ser schot­ti­schen Geschäf­te im Her­zen Wiens gegan­gen. Es gibt zwei Arten die­ser Läden. Die einen ver­kau­fen Whis­key, die ande­ren ver­kau­fen Klei­dung. Schon beim Betre­ten bin ich mir nicht sicher, wel­cher Lebens­stil hier ver­kauft wird. Trin­ke ich den Whis­key oder stel­le ich ihn her? Unter­stüt­ze ich beim Kauf die Destil­le­rie und die stol­ze Frau am Web­stuhl oder das Bild eines Wohl­stands, die­ses schot­ti­sche Geschäft in Wien, in dem die­se gelang­weil­te Lie­be des Öster­rei­chers zu ande­ren Kul­tu­ren zum Vor­schein kommt wie ein Über­bleib­sel kolo­nia­lis­ti­scher Träu­me? Ich sehe mich um. Alles ist per­fekt ange­rich­tet, die Far­ben abge­stimmt, es schreit mich an: Schott­land, Schott­land! Aber kein Schot­te kauft die­ses Schott­land. Zumin­dest sehe ich kei­nen. Ich sehe auch kei­nen Schot­ten, der die­ses Schott­land ver­kauft. Statt­des­sen vier oder fünf Öster­rei­che­rin­nen, die zwei oder drei Kun­den bedie­nen und in schein­bar end­lo­sen Wie­der­ho­lun­gen Pull­over zusam­men­le­gen, aus­ein­an­der­fal­ten, auf­hän­gen, anrich­ten. Sie lächeln nicht, ich bin mir aber nicht sicher, ob man in Schott­land lächelt. Ich war noch nie dort, ent­schei­de aber wäh­rend ich immer weni­ger Lust auf die aus­ge­stell­ten Tweeds (kein Har­ris-Tweed) habe, dass ich lie­ber eine Tweed-Werk­stät­te sehen wür­de als einen Tweed in Wien zu kau­fen. Sie soll­ten gleich noch ein Rei­se­bü­ro in die­sen Läden inte­grie­ren, den­ke ich mir und erken­ne mei­ne Dop­pel­mo­ral. Womög­lich wäre das so etwas wie die Moral die­ser Gedan­ken. Dass eine Dop­pel­mo­ral auch ret­ten kann. Ich glau­be aber, das spa­ren wir uns. Schließ­lich sind Schot­ten geizig.