Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Mein langsames Leben von Angela Schanelec


Das Leben im Kino ein­zu­fan­gen, heißt oft sich von her­kömm­li­chen dra­ma­tur­gi­schen Mus­tern völ­lig zu ver­ab­schie­den. Rea­lis­tisch ist im Kino näm­lich oft das, was sich von der domi­nie­ren­den Form abhebt; das Rebel­li­sche, wenn man so will. In Ange­la Scha­nelecs „Mein lang­sa­mes Leben“ liegt die Beto­nung nur schein­bar auf dem „lang­sam“, denn in Wahr­heit bekommt man hier „Leben“ vor­ge­führt. Ob man das als lang­sam oder schnell, als wenig oder viel wahr­nimmt, bleibt einem dabei ganz allein über­las­sen. In den für ihr Kino cha­rak­te­ris­ti­schen lan­gen Ein­stel­lun­gen begibt sich die Regis­seu­rin auch in die­sem Film auf die Suche nach dem Ech­ten inner­halb des schein­bar Bana­len. Dabei sind ihr die Lücken und Ris­se in einem Som­mer, den Vale­rie und ihre Freun­de in und um Ber­lin ver­brin­gen, deut­lich wich­ti­ger, als auch nur irgend­was abzu­run­den. In einer lan­gen seit­li­chen Kame­ra­fahrt könn­te sich visua­li­sie­ren, was hin­ter die­sem Film steckt. Freun­de und Geschwis­ter spa­zie­ren durch einen Park und die Kame­ra fährt unauf­halt­sam von rechts nach links. Dabei ver­liert sie die Figu­ren manch­mal, dann fin­det sie ande­re Figu­ren, wech­selt die Rich­tung, fährt dann wie­der wei­ter. Manch­mal ist das Sicht­feld ver­sperrt, man kommt nie ganz ran. Es geht um das Leben einer Grup­pe Mitt­drei­ßi­ger in der deut­schen Haupt­stadt, aber eigent­lich geht das Leben die­ser Grup­pe um die Kamera. 

Wahr­heit ist wirk­li­cher als Inhalt und Wirk­lich­keit wird über Stil her­ge­stellt. Trotz aller Zurück­hal­tung steckt der Film vol­ler groß­ar­ti­ger insze­na­to­ri­scher Ideen wie einer Sex­sze­ne über die gespro­chen wird, aber die dann in ihrer Aus­füh­rung nicht zu sehen ist. Doch statt sich einer Ima­gi­na­ti­on hin­zu­ge­ben, wie im Kino von Micha­el Han­eke, bei dem man sich oft fra­gen muss, was hin­ter den geschlos­se­nen Türen pas­siert, liegt die Kraft bei Scha­nelec im blo­ßen Drif­ten über die unter­schied­li­chen Gefüh­le hin­weg. In der Brei­te des Lebens, das eben nicht in einem Kanal abläuft, son­dern in einem Meer. Die Stim­mung erhält sich den­noch auf­recht, da alle Per­so­nen an einer Schwe­re zu tra­gen haben, die ihre Wor­te oft in selt­sa­mer Ver­ach­tung aus ihren Mün­dern kom­men las­sen. Häu­fig plat­ziert sie die Prot­ago­nis­ten auch am rech­ten Bild­rand. Wie vor einer Mau­er.  Bei Scha­nelec spürt man die­se Mau­er, vor der sich das Leben abspielt die gan­ze Zeit. Die ellip­ti­sche Erzähl­wei­se erlaubt es der Regis­seu­rin ein wahr­haf­ti­ges Gefühl des Lebens zu geben. Der Titel wirkt fast wie eine unnö­ti­ge Ent­schul­di­gung an ame­ri­ka­ni­sier­te Zuse­her. Oder weil „Mein Leben“ zu prä­ten­ti­ös gewe­sen wäre.
Bei Scha­nelec wird auch getanzt. Zunächst tanzt eine jun­ge Frau, die bald hei­ra­ten wird und auf ein klei­nes Mäd­chen auf­passt, zum „Erl­kö­nig“. Man sieht nur die Reak­ti­on des Mäd­chens auf den Tanz. Vie­les in der Insze­nie­rung pas­siert im Off. Die eigent­li­chen Bil­der schei­nen immer am Ran­de oder gar außer­halb des Bil­des zu sein. Als wäre die Kame­ra nur zufäl­lig dort. Dann tanzt die Prot­ago­nis­tin mit ihrem Bru­der auf der Tanz­flä­che eines lee­ren Clubs. Die Freun­din (?) des Bru­ders sieht ihnen dabei zu. Der Film schnei­det hin und her, bleibt aber deut­lich län­ger bei den Tan­zen­den. Glück­lich sieht die Freun­din nicht aus. Als wür­de die Schwes­ter etwas von ihrem Bru­der bekom­men, was die Lebens­ge­fähr­tin nie bekom­men kann. Aber das ist nur mei­ne Inter­pre­ta­ti­on und sie kommt dadurch zu Stan­de, dass Scha­nelec den Film völ­lig in alle Rich­tun­gen öff­net. Wenn einem nichts vor­ge­kaut wird, könn­te es noch nach allem schme­cken. Spä­ter wird noch auf der Hoch­zeit getanzt. Die Musik wird im On tat­säch­lich ein­ge­spielt, alles ist O‑Ton, weil hier eben das Leben zählt und nicht der Film. Die Kame­ra fährt hin und her, betrach­tet die unter­schied­li­chen Paa­re beim Tan­zen. Dabei ist sie nie auf­dring­lich, son­dern immer mit Respekt. In einer Sze­ne wird der Prot­ago­nis­tin vor­ge­wor­fen, dass es ihr bei ihrem Stil nur dar­um gin­ge selbst inter­es­sant zu wir­ken. Der Inhalt sei ihr völ­lig egal. (Sie stu­diert Archi­tek­tur) Die Fra­ge ist also in den Raum gewor­fen: Ist hier alles Stil­ge­zwun­gen­heit und nichts Inhalt? Dadurch, dass die­se Fra­ge im Film gestellt wird, bemerkt man ihre Sinn­lo­sig­keit erst so rich­tig. Wenn der Film Schwä­chen auf­weist, dann nicht in sei­ner Stil­treue, son­dern in sei­nem Schau­spiel. Es ist nichts gegen die Sta­tik und Distanz der Betrach­tung ein­zu­wen­den, aber manch­mal schei­nen die Figu­ren zu sehr einem vor­ge­ge­be­nen Script zu fol­gen. Dadurch wirkt das ech­te Leben dann doch manch­mal wie ein Film. Aber das ist äußerst selten.