Eine große, blecherne Leere bevölkert von Menschen, die nach Freiheit oder Liebe suchen. Derart blickt Alec Soth auf die USA, die er mit seinen Fotos abmisst; seine Vermessung folgt Sammel- und Reiseimpulsen: verlorene Gestalten, Sexarbeiterinnen, der Mississippi, Aussteiger, abgelegene Schlafplätze, Möchtegern-Cowboys, bärtige Männer im Schilf. Er bewegt sich am Wegesrand, im Hinterland der Nicht-Orte, wo in jeder Begegnung das Seelenbild einer Nation entstehen könnte.
Viele Bilder sind streng komponiert, so streng, dass sie von jenen Elementen leben, die aus der Komposition ausbrechen: vor allem betrifft das die Blicke der Fotografierten, die oft in Richtung Kamera gehen, die etwas erzählen, was einem entgehen könnte, Unsicherheit und Zärtlichkeit. In den meisten der in Wien ausgestellten Reihen hat Soth mit einer Großbildkamera gearbeitet, immer so, dass die Auflösung gerade reicht, um ein Detail aus dem Ganzen springen zu lassen.
Häufig agiert us-amerikanische Kunst zwischen zwei Polen, jenem des Traums und jenem des zerstörten Traums. Sloth balanciert dazwischen, behält innerhalb des Realismus einen Sinn für Romantik (oder andersherum). Er zeigt vielleicht, dass es keinen amerikanischen Traum gibt, aber amerikanische Träumer. In seiner Reihe „Niagara“ sammelt er neben Bildern auch tatsächliche Liebesbriefe. Sie liegen neben, zwischen den Fotos. So offenbarend manche Fotografien sind, so viel sie sowieso preisgeben, es stellt sich ein ungutes Gefühl ein mit diesen intimen Briefen in einem Raum. Was sagt das über eine Kunst, wenn sie Liebesbriefe anderer für sich beansprucht?
Von berühmten Politikern oder Romanciers werden manchmal Liebesbriefe veröffentlicht. Es herrscht die Illusion, dass man über die Leidenschaften näher an die Wahrheit kommt. Nur die Poeten verstehen, dass man über die Wahrheit näher an die Leidenschaften kommt. Alec Soth schreibt Prosa. Er dokumentiert die Regungen, die auf einer Müllhalde nach Geborgenheit suchen. Wahrscheinlich sind diese Briefe die letzte Wahrheit (oder Lüge, je nach emotionalem Befinden), die von den Menschen bleibt, sie zu bewahren, ist ein Rettungsakt (verzweifelt wie die Briefe selbst). Sie könnten auch Grabinschriften sein, man denkt an die Spoon River Anthology von Edgar Lee Masters: All, all are sleeping, sleeping, sleeping on the hill. Die Ebene, die sich zwischen Trost und Trostlosigkeit auftut, bewirtschaftet Soth und zugleich wachsen dort die Überreste einer zu Ende erzählten Nation, deren Geschichte zu sein scheint, dass sie dennoch immer weiter erzählt, von ihrer Leere, ihrer Größe, ihrer Grausamkeit, ihren Träumen.

© Alec Soth /Magnum Photos

