Notiz zu Spuren von Bewegung vor dem Eis von René Frölke

Wäh­rend man sich sonst erhofft, dass ein Film Licht ins Dunk­le bringt, schwebt die­ser mit gleich­blei­ben­der Auf­merk­sam­keit immer leicht unter dem, was als ver­ständ­lich gilt. Der Titel von René Fröl­kes Spu­ren von Bewe­gung vor dem Eis könn­te von einem jener Bücher ent­lehnt sein, die der Film in den Res­ten, von Archiv lässt sich nicht spre­chen, des ehe­ma­li­gen Zür­cher Pen­do-Ver­lags im Kel­ler ent­deckt. Glei­cher­ma­ßen eig­net sich der Titel ein beun­ru­hi­gen­des wie ver­trau­tes Bild für das Motiv des Films an – eine Suche, die weder weiß, an wel­cher Stel­le sie begin­nen soll noch, was sie glaubt zu fin­den. Statt­des­sen begeg­net die Kame­ra unzäh­li­gen Kis­ten und Regal­wän­den, in denen Bücher nicht ste­hen, son­dern der Auf­la­ge nach gesta­pelt lie­gen, leicht ange­staubt. Kaum lässt sich über den Boden gehen und gleich­zei­tig durch den Sucher der Bolex sehen, ohne Gefahr zu lau­fen, zwi­schen Unsor­tier­tem umzu­fal­len und ein­zu­bre­chen wie auf einen ver­eis­ten See. Es kann nicht die Rede davon sein, dass sich die Bil­der an der Ober­flä­che des Films befin­den, eher ist es ein Tauch­gang oder eine Aus­gra­bung, etwas liegt über ihnen. Es sind Ton­band­auf­nah­men mit der Stim­me von The­re­sia Weig­ner, einer Nach­fah­rin und Nach­lass­ver­wal­te­rin der Ver­lags­grün­der Gla­dys Weig­ner und Bern­hard Moos­brug­ger. Um wen es sich bei den Per­so­nen genau han­delt, will der Film nicht wirk­lich offen­le­gen. Er inter­es­siert sich viel­mehr für die Mate­ria­li­tät oder Lite­r­a­ri­zi­tät, die sich mit und auf dem Film ent­blät­tert. So ent­stand neben der Arbeit am Film zugleich ein Buch, indem Fröl­ke über lan­ge Zeit das Gesprächs­ma­te­ri­al tran­skri­bier­te, in Zei­len setz­te, arran­gier­te, druck­te und bin­den ließ. Das Buch ver­staubt nun in sei­nen Rega­len neben Film­do­sen. Die Ein­stel­lun­gen auf die­ses Buch ver­mit­teln im Film auf eine beson­de­re Wei­se zwi­schen der Ton- und Bild­ebe­ne. Mit den eigen­wil­li­gen Kadrie­run­gen, die nie den gan­zen Satz­spie­gel abbil­det, tre­ten Text­kon­den­sa­te – meist weni­ge Wor­te, mehr zwi­schen als in den Zei­len – her­vor. Erfahr­bar wird so nicht das Buch als Lese­ma­schi­ne, son­dern als Spei­cher des Eph­eme­ren. Das Anhäu­fen, Stö­bern und Blät­tern lässt nicht bebil­dern, statt­des­sen wird es ertas­tet. In einer Ein­stel­lung wer­den diver­se Buch­ti­tel nach­ein­an­der auf einem schwar­zen Grund der Kame­ra prä­sen­tiert wer­den, gera­de so lang, um den Titel und die Gestal­tung des Buch­de­ckels zu erfas­sen. Abge­se­hen von den Kapi­tel­über­schrif­ten in Fröl­kes eige­nem Buch, die mit Jah­res­an­ga­ben über den Ent­ste­hungs­pro­zess infor­mie­ren, bleibt es die ein­zi­ge kon­se­quen­te Struk­tur, die gleich­zei­tig von der Hilf­lo­sig­keit erzählt, sich in einem aus­ufern­den Archiv Über­blick zu ver­schaf­fen. Wer Bücher, Zeit­schrif­ten, Dru­cke und ande­res Schrift­gut sam­melt, weiß dar­um. Es ist der Aus­druck ver­zwei­fel­ter Befürch­tun­gen mit jeder neu­en Mate­ri­al­schicht, ein­mal Gefun­de­nes nie wie­der zu Gesicht zu bekom­men. Der Film folgt dabei Spu­ren, ohne am sel­ben Ort sei­ne eige­ne zu hin­ter­las­sen, ein­zig auf dem Film­ma­te­ri­al. Da er auf einen Kom­men­tar ver­zich­tet, könn­te man glau­ben, es blie­be offen, wie sich die­se Erfah­rung auf den Pro­zess des Fil­mens aus­wirkt. So scheint die Begeg­nung mit dem Arte­fak­ten eines Ver­lags nur sub­jek­tiv erfahr­bar, mög­li­cher­wei­se unver­mit­tel­bar zu sein, letzt­lich tritt sie hin­ter die Doku­men­te zurück. Am Ende ver­harrt die Kame­ra vor einem Kla­vier, an dem The­re­sia sitzt und spielt, getaucht in schumm­ri­gem Büh­nen­licht. Auf ein­mal fällt die Unnah­bar­keit aller vor­he­ri­gen Bil­der ab, es wirkt, als wäre die­se Sze­ne einem ande­ren Film ent­nom­men, auf­ge­taucht oder end­gül­tig ver­schwun­den. Man­che Fil­me ähneln sich Büchern an, wäh­rend man­che Bücher sich in Fil­me ver­wan­deln. Auch wenn man gut dar­an tut, bei­des an unter­schied­li­chen Orten auf­zu­be­wah­ren, ste­hen sie sich in ihrer Flüch­tig­keit oft näher, als man glaubt.