1. Der Abstand hängt ety­mo­lo­gisch mit dem Ver­zicht zusam­men. Es ist ein Ver­bal­abs­trak­tum zum mit­tel­hoch­deut­schen abe­stān: abste­hen, ent­fernt sein; über­las­sen, verzichten.

2. Abstän­de kön­nen regel­mä­ßig (Mond­pha­sen, Mei­len­stei­ne oder nerv­li­che Zusam­men­brü­che) oder unre­gel­mä­ßig (Ankunft deut­scher Züge im Bahn­hof, Gehalts­kür­zun­gen oder Wol­ken­brü­che) sein.

3. Abstand ist abs­trakt, es gibt ihn nicht ohne eine Prä­zi­sie­rung. Ich kann nicht ein­fach Abstand sein, ich muss auf Abstand gehen, Abstand neh­men, Abstand hal­ten. In die­ser Wei­se muss man dann auch die Qua­li­tät des Abstands bemes­sen (meist in metri­schen Ein­heits­sys­te­men). Ist es ein gro­ßer Abstand, ein klei­ner Abstand?

4. Etwas kann auch abge­stan­den sein, das hat dann aber weni­ger mit Ver­zicht zu tun, es sei denn man meint damit den all­seits belieb­ten Ver­zicht auf Erneue­rung. Jeden­falls fällt auf, dass jene, die uns zu Abstand raten, das in abge­stan­de­nen Phra­sen tun. Aber womög­lich liegt das dar­an, dass die Luft, die sich zwi­schen uns bewegt, wenn wir auf Abstand gehen, abge­stan­den ist.

5. Ein Abstand kann Zeit und Raum betref­fen. Im zeit­li­chen Fall kön­nen wir ihn womög­lich mit Sehn­sucht, Erin­ne­rung, Ver­ges­sen oder Non­cha­lance über­brü­cken, im ört­li­chen Fall brau­chen wir Sei­le, Flug­zeu­ge, Schrit­te oder zumin­dest Träume.

6. Manch­mal, so sagt man, kann es hel­fen, Din­ge mit etwas Abstand zu betrach­ten. Dann ver­zich­ten wir viel­leicht auf bestimm­te Affek­te. Wir sehen mehr. Man sagt, dass das Bild grö­ßer wird, aber es scheint mir Para­dox, dass Bil­der grö­ßer wer­den, wenn man sich von ihnen entfernt.

7. In Sport­ar­ten, in denen es dar­um geht, der Schnells­te zu sein, soll man Kon­tra­hen­ten distan­zie­ren. Beson­ders mora­lisch wirk­sam ist eine Distan­zie­rung jedoch, wenn sie aus der Nähe pas­siert. Ich den­ke da zum Bei­spiel an Über­hol­ma­nö­ver, die aus der Distanz nur schwer umsetz­bar sind. Distanz kommt aus dem Latei­ni­schen und bedeu­tet so etwas wie „von­ein­an­der wegstehen“.

8. Man­che Men­schen sind distan­ziert, das heißt kühl, unnah­bar, womög­lich abge­ho­ben, unin­ter­es­siert. Müs­sen die­se Men­schen anders Abstand hal­ten? Ande­re aber hal­ten Abstand zu sich selbst oder ste­hen gar neben sich (wobei zu klä­ren wäre wie weit und ob man, wenn man neben sich steht, Sicher­heits­ab­stand ein­hal­ten muss).

9. Kann ein Abstand sicher sein?

10. Abstand kann auch ein Aus­druck von Respekt sein. Man ver­zich­tet dann aus Ehr­erbie­tung auf Nähe; meis­tens ist Abstand aber Aus­druck von Angst.

11. Der Abstand ist eine mathe­ma­ti­sche Kate­go­rie. Manch­mal kann man einen Abstand bestim­men, wenn man Zah­len kennt, die auf den ers­ten Blick nichts mit ihm zu tun haben. Es wäre inter­es­sant zu beob­ach­ten, wenn wir kei­nen Abstand zuein­an­der hal­ten müss­ten, son­dern bestimm­te Win­kel (Begrün­dung: solan­ge wir gleich­schenk­lig ste­hen und bei­de über 1,80m sind, soll­te der Abstand, wenn wir die­sen Win­kel ein­neh­men, groß genug sein.).

12. Der Abstand ist unbekannt.

13. Es gibt in man­chen Gebie­ten des Lebens einen per­fek­ten Abstand (glau­ben vie­le): zum Fern­seh­ge­rät, zur nächs­ten Toi­let­te, zu den eige­nen Feh­lern, zur Zivilisation.

14. Wir haben Din­ge erfun­den, die den Abstand ver­un­mög­li­chen oder zumin­dest erschwe­ren. Dazu gehö­ren Kle­ber, Nägel und Mobiltelefone.

15. Man­ches kann man auf Abstand tun: spre­chen, spa­zie­ren oder schla­fen. Man­ches nicht: küs­sen, schla­gen oder beatmen.

16. Man­che leben abs­ti­nent. Ande­re gehen dann von ihnen auf Abstand.

17. Ein Abstand hat ein Gewicht. Er kann schwer wie­gen oder man spürt ihn gar nicht. Kürz­lich habe ich einen Abstand auf die Waa­ge gestellt und war über­rascht, dass er mehr wog als an einem ande­ren Tag.

18. Vor man­chen Din­gen muss man Abstand hal­ten, wenn einem das Leben lieb ist: Radio­ak­ti­vi­tät, tosen­de Flam­men oder bestimm­te Berei­che der Popmusik.

19. Wenn eine Distanz sozi­al sein soll, dann muss man letzt­lich nur den Abstand vom ärms­ten bis zum reichs­ten Vier­tel einer Stadt mes­sen und schon kennt man die sozia­le Distanz.

20. In die­sen Tagen wür­de ich nur ungern ein Magnet sein wollen.