O partigiano: Once Upon a Time…Partisans

Über die Jah­re hat sich die vom Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um getra­ge­ne Vien­na­le-Retro­spek­ti­ve ein beacht­li­ches Renom­mee erar­bei­tet. Für ein Publi­kums­fes­ti­val die­ser Grö­ße ist ins­be­son­de­re die inter­na­tio­na­le Strahl­kraft der Retro beachtlich.

Die Vien­na­le 2019 setzt die­se Tra­di­ti­on in vie­ler­lei Hin­sicht fort: Die Film­aus­wahl rich­tet sich nicht danach, mög­lichst hoch­ka­rä­ti­ge Gäs­te anzu­lo­cken. Ihr Umfang (41 Fil­me!) ist wei­ter­hin üppig. Der Anteil an Ana­log­ko­pien ist noch immer beacht­lich hoch.

Doch muss man hin­ter­fra­gen, ob die inter­na­tio­na­le Cine­phi­lie der Vien­na­le-Retro wei­ter­hin so viel Beach­tung schen­ken wird. Denn bei aller Kon­ti­nui­tät gab es 2019 einen kla­ren Bruch: die kura­to­ri­sche Her­an­ge­hens­wei­se hat sich gewan­delt. Oder viel­mehr gedreht: um 180 Grad.

Unter dem Titel „O Par­ti­gi­a­no“ wid­me­te sich die Retro­spek­ti­ve dem pan­eu­ro­päi­schen Par­ti­sa­nen­fil­men. Das heißt, Fil­men über den Wider­stand gegen die Nazis wäh­rend der Besat­zungs­zeit im Zwei­ten Welt­krieg. Die Schau deckt ein brei­tes Spek­trum an Pro­duk­ti­ons­län­dern und Gen­res ab und zieht sich zeit­lich von Fil­men, die noch wäh­rend des Kriegs ent­stan­den sind, über unmit­tel­ba­re Nach­kriegs­pro­duk­tio­nen bis hin zu den revi­sio­nis­ti­schen Par­ti­sa­nen­fil­men der 70er und 80er.

Es han­delt sich zwei­fel­los um eine fas­zi­nie­ren­de Samm­lung an Fil­men, die das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um rund um Kura­tor Jurij Meden hier zusam­men­ge­tra­gen hat: Vom gro­ßen, staats­tra­gen­den Kriegs­epos (Bit­ka na Nere­t­vi) über Wes­tern-Exege­sen (Diverz­an­ti) und ope­ret­ten­ar­ti­ge Lie­bes­ko­mö­di­en (Slav­nyi malyi) bis hin zu qua­si doku­men­ta­ri­schem Re-Enact­ment (La Batail­le du rail, Błękit­ny krzyż). Kaum zwei Fil­me ähneln sich in The­ma, Stil oder Poli­tik. Hat man mehr als zwei Drit­tel der Fil­me gese­hen, for­miert sich immer noch kein wirk­li­ches Bild des­sen, was hier über Par­ti­sa­nen, das Kino oder die Gesell­schaft aus­ge­drückt wird.

Die­se Hete­ro­ge­ni­tät hat durch­aus ihre Vor­zü­ge. Es schwingt da die Blau­pau­se eines pan­eu­ro­päi­schen Gedan­kens mit. Die anti­fa­schis­ti­sche Klam­mer, die die (film-) kul­tu­rel­le Diver­si­tät umfasst. Trotz kras­ser Unter­schie­de in Geschichts­auf­fas­sung, poli­ti­scher Bot­schaft, Bud­get, Spra­che oder fil­mi­schem Gestal­tungs­wil­len, las­sen sich die­se Fil­me unter dem Eti­kett „Par­ti­sa­nen­film“ subsummieren.

Sieht man zehn, fünf­zehn, zwan­zig Fil­me der Schau, stellt sich schließ­lich Ernüch­te­rung ein. Die ein­zig aus­zu­ma­chen­de Kern­aus­sa­ge „Es gab Wider­stand gegen die Nazis in Euro­pa“ ist doch etwas dünn. Der Ver­zicht auf einen kura­to­ri­schen roten Faden, ver­leiht dem Ensem­ble der Wider­stands­fil­me etwas Revue-haf­tes. Jeder Film eine neue Per­spek­ti­ve, ein neu­es Kapitel.

Die Stra­te­gie dahin­ter ist nicht schwer zu ver­ste­hen. Der eman­zi­pier­te Zuse­her soll sich selbst ein Bild machen. Er soll ver­glei­chen, selbst Bezü­ge und Ver­wei­se ent­de­cken. Dem star­ken Nar­ra­tiv, das frü­he­re Retro­spek­ti­ven geprägt hat, hat man kom­plett abge­schwo­ren. Das star­ke Inter­es­se an den Aus­drucks­mög­lich­kei­ten der fil­mi­schen Form und Aus­prä­gun­gen fil­mi­schen Gestal­tungs­wil­lens sind einem Volks­bil­dungs­an­satz gewichen.

Es ist nicht so, dass man nicht auch die­sem Ansatz etwas abge­win­nen könn­te. Dafür braucht es nicht ein­mal all­zu viel guten Wil­len. Mit den vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen eines durch­schnitt­li­chen West­eu­ro­pä­ers die Schau zu besu­chen, sorgt durch­aus für Aha-Momen­te. Die Rol­le der Par­ti­sa­nen und der Fil­me über sie ist weni­ger ein­di­men­sio­nal, als man sich das vor­stellt. Es ist nicht nur eine Viel­falt der fil­mi­schen For­men, son­dern vor allem eine Viel­falt der his­to­ri­schen und poli­ti­schen Per­spek­ti­ven zu entdecken.

Die­se wun­der­sa­me, wun­der­ba­re Viel­falt wird durch die Retro­spek­ti­ve gut abge­deckt. Womög­lich sogar zu gut. Sie ist kaum zu bän­di­gen. Kura­tie­ren ist einer­seits Zei­gen, ande­rer­seits die pro­duk­ti­ve Kon­fron­ta­ti­on des Gezeig­ten mit­ein­an­der. Aber Kura­tie­ren ist auch eine Aus­wahl treffen.

Der Ver­gleich der unter­schied­li­chen Posi­tio­nen führt defi­ni­tiv zu einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis der Mate­rie. Die Belie­big­keit die­ses Erkennt­nis­ge­winns hin­ter­lässt aber einen ungu­ten Nach­ge­schmack. Man ist fast gezwun­gen – das erin­nert an die Ber­li­na­le unter Koss­lick– selbst Sinn in das Pro­gramm hin­ein­zu­tra­gen. Man kann das als einen eman­zi­pa­to­ri­schen Ges­tus ver­ste­hen, der dem Publi­kum gro­ßen Inter­pre­ta­ti­ons- und Gestal­tungs­raum lässt. Oder als Ver­säum­nis, eine Aus­wahl zu treffen.

Hät­ten sich ver­gan­ge­ne Vien­na­le-Retro­spek­ti­ven die Blö­ße gege­ben, eine sol­che Aus­wahl zu unter­las­sen? Und damit her­aus­zu­ar­bei­ten, wel­che unter­schied­li­chen poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und künst­le­ri­schen Kräf­te in den Fil­men der real­so­zia­lis­ti­schen und der west­eu­ro­päi­schen Staa­ten gewal­tet haben. Bezie­hungs­wei­se wo sich ganz erstaun­li­che Ver­bin­dungs­li­ni­en zwi­schen die­sen Fil­men auf­tun, obwohl ihre gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Funk­ti­on auf den ers­ten Blick dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt scheint.

Oder die erstaun­li­che Offen­heit, mit der die Fil­me ein spä­te­res Zusam­men­le­ben in der Zeit nach der Beset­zung, nach dem Kri­tik the­ma­ti­sie­ren? Denn oft genug sind die Fein­de nicht nur die SS-Offi­zie­re und Wehr­macht­sol­da­ten, son­dern die Kol­la­bo­ra­teu­re aus dem eige­nen Land. Oder die star­ken Frau­en­rol­len, die ins­be­son­de­re sowje­ti­sche und jugo­sla­wi­sche Fil­me prä­gen. Aber nicht aus­schließ­lich. Dass man in die­sen Fil­men Frau­en MIT Waf­fen sieht. (Und nicht nur Frau­en UND Waffen.)

Umso mehr Fil­me man in die Gesamt­be­trach­tung mit­ein­be­zieht, des­to mehr Quer­ver­wei­se, Ähn­lich­kei­ten, Unter­schie­de tun sich auf. Es ist ein Pro­blem, dass es nicht im Inter­es­se der Schau liegt, auch nur eine die­ser Lini­en nach­zu­ver­fol­gen. Und es wird auf lan­ge Sicht womög­lich dazu füh­ren, dass der Vien­na­le-Retro­spek­ti­ve ihre inter­na­tio­na­le Beach­tung ver­lo­ren geht.