Kann sich jemand, der sich so bewusst im Ton ver­greift wie Ulrich Seidl über­haupt noch im Ton ver­grei­fen? Anschei­nend schon. Dabei geht es nicht, um ein im Ton ver­grei­fen im Sin­ne eines Skan­dals oder bestimm­ter über­trie­be­ner Sze­nen. Die gehö­ren zum Kino von Seidl nun mal genau­so wie die fron­ta­len, sta­ti­schen Ein­stel­lun­gen oder das Aus­stel­len mensch­li­cher Feh­ler. Viel­mehr geht es um eine Über­zeich­nung der Cha­rak­te­re, die den gewohn­ten Rea­lis­mus hin­ter einem Schlei­er der Kon­struk­ti­on ver­schwin­den lässt-und des­halb wirkt das Gesche­hen nicht gut und zynisch beob­ach­tet, son­dern schlicht und ergrei­fend bos­haft und gestellt. Nor­ma­ler­wei­se offen­ba­ren sich Men­schen aus dem All­tag, Men­schen, die man im Super­markt oder der U‑Bahn, in der Arbeit, im Sport­ver­ein oder von Par­tys kennt in Seidls Fil­men nach und nach, zei­gen ihre per­ver­tier­ten, kran­ken, aber doch irgend­wo mensch­li­chen Sei­ten. Man fühlt sich zugleich ent­frem­det, als auch ertappt. 
Doch in „Paradies:Glaube“ gibt es die­se nor­ma­len Cha­rak­te­re nicht; sie sind von Anfang an in Kon­flik­te ein­ge­bet­tet, die weit über den All­tag hin­aus­ge­hen, selbst wenn Seidl sich noch so bemüht All­täg­lich­keit zu zei­gen. Damit spie­le ich vor allem an auf die äußerst bil­lig erschei­nen­de Kon­stel­la­ti­on einer streng-katho­li­schen Frau und ihrem (aus­ge­rech­net) mus­li­mi­schen Ex-Mann. Der Glau­bens­krieg, der sich zwi­schen den bei­den Part­nern ent­zün­det, ist zwar auf der einen Sei­te ein mensch­li­cher und damit typi­scher Seidl-Kon­flikt, aber auf der ande­ren Sei­te trieft er gera­de­zu vor Meta­pho­rik und Bedeu­tung. Dabei wer­den die Figu­ren in so gro­ßen Extre­men prä­sen­tiert, dass genau die­se Iden­ti­fi­ka­ti­on, die ansons­ten immer mit­schwingt völ­lig ver­schwin­det. Natür­lich ist der Mus­lim kein radi­ka­ler Isla­mist, was wohl ein noch grö­ße­res Extrem dar­ge­stellt hät­te. Aber man kann kaum leug­nen, dass man in die­sem Film stän­dig den bös­ar­tig lachen­den Regis­seur hin­ter dem Bild ver­mu­tet, der Situa­tio­nen schafft, in denen sei­ne Figu­ren pein­lich aus­se­hen müs­sen, statt dass sie von sich aus han­deln. In „Para­dies: Lie­be“ war das kei­nes­wegs so. Dort blie­ben die Figu­ren nach­voll­zieh­bar bis in die außer­ge­wöhn­lichs­ten Aus­le­bun­gen ihrer sexu­el­len Fan­ta­sie, genau­so in frü­he­ren Fil­men des Regis­seurs wie „Hunds­ta­ge“ oder „Import/​Export“. Bei allem Zynis­mus lief auf einer ande­ren Ebe­ne immer noch ein Gefühl von Ein­sam­keit mit. Im zwei­ten Teil sei­ner Tri­lo­gie ver­liert Seidl nun gro­ße Tei­le jener Wahr­heit, die ihn sonst so aus­zeich­net. In „Paradies:Glaube“ ver­kom­men vie­le Sze­nen zur blo­ßen Kari­ka­tur eines vom Regis­seurs abwer­tend behan­del­ten Lebens­stils. Ein wei­te­res Bei­spiel des völ­li­gen Über­zie­hens und der über­mä­ßi­gen Kon­struk­ti­on von Sze­nen zeigt sich in einer Sequenz am Bahn­hof, als Anna Maria mit Rosen­kranz in der Hand Zeu­ge einer Sex-Orgie wird. Oder spä­ter, als sie bei einer Alko­ho­li­ke­rin über die Mut­ter Got­tes reden will. Eigent­lich ist der Vor­wurf der Bos­haf­tig­keit nicht der Rede wert. Aber man hat das Gefühl, dass Seidl sei­ne Figu­ren ger­ne etwas grau­er gezeich­net hät­te. Die Sze­nen, in denen sich jene Mensch­lich­keit offen­bart, wer­den erdrückt von ihrer Abar­tig­keit bezie­hungs­wei­se der Abar­tig­keit der gan­zen Situation. 

Als Tri­lo­gie bleibt das Pro­jekt wei­ter fas­zi­nie­rend. Anna Maria schei­tert genau wie vor ihr Tere­sa an ihrem Kon­zept von einem Para­dies. In bei­den Fil­men gibt es eine Hoff­nung auf ein Para­dies, das jeweils nur als Ersatz für ein sexu­el­les Ver­lan­gen steht. In bei­den Fäl­len ist die­se Hoff­nung zum Schei­tern ver­ur­teilt. (sehr ein­fa­che Zusam­men­fas­sung); Maria Hof­stät­ter spielt die bibel­treue Katho­li­kin furcht­ein­flö­ßend kon­se­quent. Auch zeigt sich Seidls wah­re Qua­li­tät, das Bli­cken hin­ter den Vor­hang, den Men­schen vor ihre Neu­ro­sen zie­hen immer wie­der. So filmt er in einer erdrü­cken­den Ein­stel­lung, wie Anna Maria mit dem Jesus­kreuz mas­tur­biert (was eine Kla­ge in Ita­li­en nach sich zog, wo der Film in Vene­dig Pre­miè­re fei­er­te) oder als sie einen Mann in einer völ­lig chao­ti­schen Woh­nung besucht. Die Käl­te mit der Anna Maria ihre Bot­schaf­ten von Lie­be preis­gibt ohne jemals Kon­takt zu suchen, selbst wenn sie ande­re berührt; die Her­ab­las­sun­gen, die sie schein­bar unbe­merkt über sich her­zie­hen lässt, beschäf­ti­gen einen lan­ge nach dem Kino. Der Film ist weit davon ent­fernt schlecht zu sein. Aber Seidl wan­delt eben auf einem schma­len Grat, denn wenn sei­ne Fil­me die Grau­stu­fen und die Mensch­lich­keit ver­lie­ren, dann ver­kom­men sie zur ver­kom­men sie zur blo­ßen Aus­stel­lung von Schwä­chen bezie­hungs­wei­se einem sich lus­tig machen über kaput­te Men­schen und sol­che, die es wer­den wollen. 
Noch eini­ge inter­es­san­te Wor­te von Elfrie­de Jeli­nek aus der Stadtkino-Zeitung:
„(…) man kann es viel­leicht sogar psy­cho­lo­gi­sie­rend deu­ten wie in „Glau­be“, es wird einem sogar auf dem berühm­ten Tablett prä­sen­tiert, und doch weiß man nicht, was sie antreibt, Lust zu suchen, Jesus zu suchen (was bei man­chem ein- und das­sel­be ist), sich vor Frem­den bei sinn­lo­sen Bekeh­rungs­ver­su­chen zu demütigen, (…)“
„Je (in)brünstiger sich die­se Mis­sio­na­rin an ande­re ver­schwen­det, um sich in Wirk­lich­keit immer nur selbst zu erschaf­fen, wie alle Fana­ti­ker, die etwas der­ma­ßen Wich­ti­ges wie sich selbst nie­mand ande­rem, auch kei­nem Gott, über­las­sen wür­den, selbst wenn sie sich für die­sen Gott in die Luft spren­gen und ver­nich­ten mögen, des­to schnel­ler ver­schwin­den die ande­ren in ihr, (…)“