Professione: reporter von Michelangelo Antonioni und «Tod, Sehen und das Mysterium»


Es folgt eine wei­te­re Bespre­chung einer wort­lo­sen Sequenz. Dies­mal als Lite­ra­tur­zu­sam­men­fas­sung statt als Essay. Es geht dabei um die berühm­te vor­letz­te Ein­stel­lung des Fil­mes „Beruf: Repor­ter“ von Michel­an­ge­lo Antonioni. 

1.Einleitung
In vie­len Publi­ka­tio­nen zum Film „Beruf: Repor­ter“ (Pro­fes­sio­ne: repor­ter, ITA 1975)  von Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni wird in Abschnit­ten auf die vor­letz­te Ein­stel­lung ein­ge­gan­gen. Der Prot­ago­nist des Films, David Locke, frägt sei­ne Beglei­te­rin eini­ge Minu­ten vor die­ser Ein­stel­lung: „Was siehst du jetzt?“[1]Aus­ge­hend von die­ser Fra­ge wer­de ich im Fol­gen­den Tex­te ver­glei­chen, die unter­schied­li­che Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze zur Bedeu­tung der Kame­ra­füh­rung in der zweit­letz­ten Ein­stel­lung des Films liefern. 
Mei­ne Fra­ge lau­tet: „Wie siehst du jetzt?“. 
Bewusst wer­de ich mich dabei auf das Sehen als Teil­be­reich der Wahr­neh­mung beschrän­ken, da Lockes Fra­ge im Film sich eben­falls auf die­sen Aspekt kon­zen­triert und die Ton­ebe­ne nicht nur der Unter­ma­lung der Bil­der dient, son­dern als eigen­stän­di­ges Sub­jekt betrach­tet wer­den müss­te. Außer­dem soll es sich bei mei­ner Arbeit nicht um eine Zusam­men­fas­sung der Inter­pre­ta­tio­nen der Hand­lung han­deln. Es ist zu beach­ten, dass die visu­el­le Umset­zung der zu bespre­chen­den Ein­stel­lung als Sum­me der ver­wen­de­ten Stil­mit­tel inner­halb des gesam­ten Films betrach­tet wer­den kann und die Inter­pre­ta­tio­nen somit manch­mal über die vor­letz­te Ein­stel­lung hin­aus­rei­chen.  Da sich die meis­te Lite­ra­tur zu „Beruf: Repor­ter“ nur auf eini­gen Sei­ten auf die zweit­letz­te Ein­stel­lung bezieht, wer­de ich vie­le unter­schied­li­che Tex­te für mei­ne Arbeit ver­wen­den. Außer­dem wer­de ich noch häu­fi­ger ergän­zend auf Aus­sa­gen des Regis­seurs Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni aus Inter­views ver­wei­sen, um die Ansät­ze zum Ver­ständ­nis der wort­lo­sen Sequenz aus „Beruf: Repor­ter“ bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen. Bei die­ser Ein­stel­lung han­delt es sich um eine Plan­se­quenz, also um eine kom­plet­te Sze­ne, die aus nur einer Ein­stel­lung besteht.[2]Bei­spie­le für beein­dru­cken­de Plan­se­quen­zen gibt es zuhauf. Dabei muss sich die Kame­ra übri­gens gar nicht bewe­gen. Joe Wright setz­te in sei­nem „Ato­ne­ment“ eine äußerst effek­ti­ve und gekonn­te Plan­se­quenz ein. Sie zeigt das Aus­ma­ßes eines Krie­ges, das Ver­der­ben und die Hoff­nung und ist eine groß­ar­ti­ge Kom­po­si­ti­on aus Bild und Musik. Hier ein wei­te­res Bei­spiel aus Wel­les «Touch of Evil».
2. Hand­lung
Beruf: Repor­ter han­delt von David Locke, einem Jour­na­lis­ten. Auf einer Dienst­rei­se in Afri­ka stirbt sein Zim­mer­nach­bar in einem Hotel. Dar­auf­hin nimmt Locke des­sen Iden­ti­tät an. Schnell erfährt er, dass es sich bei sei­ner neu­en Iden­ti­tät um einen Waf­fen­händ­ler han­delt. Er lernt eine jun­ge Frau ken­nen und reist mit ihr quer durch Euro­pa, um die Ter­mi­ne des Waf­fen­händ­lers ein­zu­hal­ten. Ver­folgt von sei­ner Frau und sei­nen Kol­le­gen, aber auch afri­ka­ni­schen Rebel­len und der Poli­zei lan­det er in einem Hotel in Spa­ni­en. Dort voll­zieht sich die zu bespre­chen­de Sze­ne, die Chris­ten wie folgt umreißt:
„Er legt sich schla­fen. Die Kame­ra fährt durch das Zim­mer, über­win­det das ver­git­ter­te Fens­ter, um schließ­lich von außen wie­der hin­ein­zu­bli­cken. Wäh­rend die­ser Fahrt wird Locke erschos­sen. Sei­ne Ex-Frau, die Poli­zei und sei­ne letz­te Beglei­te­rin ent­de­cken die Lei­che.“[3]
Kurz dar­auf endet der Film. Die Sze­ne wird in der rest­li­chen aus­ge­wähl­ten Lite­ra­tur und spä­ter auch bei Chris­ten genau­er beschrie­ben. Für ein gro­bes Ver­ständ­nis des Fil­mes und der vor­letz­ten Ein­stel­lung soll die­se Beschrei­bung der Gescheh­nis­se genügen.
3. Objek­ti­vi­tät
Ein ers­ter Inter­pre­ta­ti­ons­an­satz zur Ein­ord­nung der Kame­ra­füh­rung in der the­ma­ti­sier­ten Plan­se­quenz ist die Beto­nung des objek­ti­ven Blick­win­kels. Aller­dings dif­fe­rie­ren die Autoren inner­halb ihres Ver­ständ­nis­ses von Objek­ti­vi­tät. Rif­kin sieht dar­in die Frei­heit, sich nicht auf eine sub­jek­ti­ve Per­spek­ti­ve fest­zu­le­gen. Er betont, dass Locke nicht im Zen­trum der Hand­lung steht.[4] Die Objek­ti­vi­tät stellt unter ande­rem einen Aus­druck der im Film the­ma­ti­sier­ten Gegen­sätz­lich­keit zwi­schen Sub­jek­ti­vi­tät und Iden­ti­tät dar.[5] Dage­gen defi­niert Roh­die die objek­ti­ve Ein­stel­lung wie folgt: „The shot is an ‘objective‘shot in the sen­se that what it sees is seen by no one in the film. “[6] Für ihn steht „Beruf: Repor­ter“ in der Tra­di­ti­on von Doku­men­tar­fil­men, in der die Kame­ra, statt die Hand­lung zu domi­nie­ren, auf Gescheh­nis­se reagiert und zurück­hal­tend agiert.[7]Anto­nio­ni selbst defi­nier­te die objek­ti­ve Kame­ra in einem Inter­view als eine Kame­ra, die von einem Autor gelenkt wür­de, der sich somit bemerk­bar mache.[8] Fasst man die Kame­ra nun als auto­no­mes oder als bewusst vom Regis­seur gelenk­tes Auf­zeich­nungs­me­di­um auf?
3.1. Auto­no­me Kamera
Vie­le Autoren beto­nen das auto­no­me Agie­ren der Kame­ra, die als voy­eu­ris­ti­sches Auge mit einem eige­nen Cha­rak­ter bezeich­net wird.[9] „Die Kame­ra scheint nicht betrof­fen zu sein von der absur­den Situa­ti­on, die sie for­mu­liert.“[10] Mehr noch wird die Kame­ra mit einem „sight­see­ing tou­rist“[11] ver­gli­chen und als „sepe­ra­te pre­sence“[12]wahr­ge­nom­men. Tor­las­co geht noch einen Schritt wei­ter, indem sie Bezug auf die Hand­lung der letz­ten Minu­ten des Films nimmt. Sie ver­gleicht die Unab­hän­gig­keit der Kame­ra von David Locke mit dem Ver­lust sei­nes Glau­bens dar­an, dass die Mög­lich­keit auf ein neu­es Leben besteht.[13]Auch Anto­nio­ni selbst weist auf Par­al­le­len zur Wahr­neh­mung des Prot­ago­nis­ten hin. Er erklärt, dass sich die auto­no­me Kame­ra in glei­cher Wei­se für Land­schaf­ten, Objek­te und Per­so­nen inter­es­sie­re, wie David Locke.[14]Für Tor­las­co hat die Kame­ra­füh­rung in der vor­letz­ten Ein­stel­lung zur Fol­ge, dass der Zuse­her, als Sub­jekt der Wahr­neh­mung, ver­schwin­det.[15] „We see not all at once but in a defer­red and inter­mit­tent man­ner, that is, we see in the mode of par­ti­al blind­ness. “[16] Durch die auto­no­me Kame­ra­füh­rung wird aber auch eine zusätz­li­che Per­spek­ti­ve gewon­nen, weil man sieht, was kei­ner der Cha­rak­te­re sehen kann.[17]Gott­gleich also schwebt die Kame­ra durch die Sze­ne­rie. Sie wird zum Star und es muss kein Wort gespro­chen wer­den. Statt­des­sen ver­su­chen wir aus der Fer­ne zu erken­nen, ver­su­chen zu hören, was vor sich geht. Han­ekes Ende in „Caché“ oder Ceylans Ende in „Once Upon A Time In Ana­to­lia“ oder Pol­an­ski Anfang in „Car­na­ge“ funk­tio­nie­ren auf ähn­li­che Wei­se. Sie las­sen den Zuschau­er ganz auf sich allein zurück­fal­len, er muss die Bedeu­tung her­stel­len. Aller­dings wahrt die Kame­ra hier Distanz und ihr scheint es unmög­lich vor­zu­drin­gen und mehr zu offen­ba­ren. Dage­gen fliegt sie bei Anto­nio­ni selbst­stän­dig durch das Bild, sie scheint uns nur die fal­schen Din­ge zu zei­gen. Oder zeigt sie uns die rich­ti­gen Dinge?
Caché
3.2. Sub­jek­ti­ver Blick des Regisseurs
Neben Anto­nio­ni selbst macht ins­be­son­de­re Bru­net­te auf das Para­dox auf­merk­sam, dass durch die (objek­ti­ve) Kame­ra­füh­rung die sub­jek­ti­ve Per­spek­ti­ve des Regis­seurs her­vor­ge­ho­ben wür­de.[18]Der Blick des Regis­seurs wür­de unter­schie­den vom Blick des Cha­rak­ters.[19]Durch die­se Unter­schei­dung wird Sub­jek­ti­vi­tät in ihrem Wesen hin­ter­fragt.[20] Die­ses Para­dox erklärt Anto­nio­ni, indem er dar­auf ver­weist, dass es ihm um eine Objek­ti­vi­tät von einem tech­ni­schen Stand­punkt aus gehe. Er unter­schei­det die objek­ti­ve Kame­ra von der sub­jek­ti­ven Kame­ra, die die Blick­wei­se des Cha­rak­ters wie­der­ge­be. Dadurch wür­de der Fil­me­ma­cher sich als eigen­stän­di­ges Sub­jekt kon­sti­tu­ie­ren.[21] Eine Kame­ra also, die sich ganz vom Blick­sche­ma zu lösen ver­sucht, die eine eige­ne Macht ent­fal­tet. Aller­dings steht hin­ter die­ser Macht der Blick des Regisseurs. 
4. Exis­tenz
Inhalt­lich kreist der gan­ze Film (und die zweit­letz­te Sze­ne) um exis­ten­tia­lis­ti­sche Fra­gen.[22] Da der Exis­ten­tia­lis­mus ein zu wei­tes Feld ist, um es inner­halb die­ses kur­zen Tex­tes zu behan­deln, möch­te ich mich auf drei in den Tex­ten, die sich mit der vor­letz­ten Sze­ne beschäf­ti­gen, vor­kom­men­de Teil­aspek­te des Exis­ten­tia­lis­mus redu­zie­ren: Frei­heit, das In-der-Welt Sein und Selbst­re­flek­ti­on. Die­se Aspek­te gelan­gen zu einer visu­el­len Umset­zung inner­halb der Szene.
4.1. Frei­heit
Die Kame­ra­be­we­gung zeigt, was der Prot­ago­nist erle­ben könn­te, wenn er, wie ein Vogel, aus dem Fens­ter flie­gen könn­te.[23] Dabei ste­hen die Git­ter am Fens­ter meta­pho­risch für die inne­re Unfrei­heit von David Locke.[24]Kon­se­quent wei­ter­ge­dacht wür­de das bedeu­ten, dass das Durch­drin­gen des Git­ters mit der Kame­ra, einer Befrei­ung aus die­sem inne­ren Gefäng­nis gleicht. Sam Roh­die betrach­tet den Gegen­stand der Frei­heit aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve, die sich mehr auf die bereits ange­spro­che­ne Objek­ti­vi­tät bezieht und auch eine Frei­heit des Zuse­hers zur Fol­ge hat:
„The free­dom of the came­ra from the neces­si­ty to deter­mi­ne, to con­trol and pos­sess the nar­ra­ti­ve, its free­dom sim­ply to look ‘objec­tively’, dou­bles over for the spec­ta­tor, equal­ly free, posi­tio­ned in a place of objec­ti­vi­ty and non-neces­si­ty.”[25]
Sieht man sich die Kame­ra­fahr­ten bei Ber­nar­do Ber­to­luc­ci, etwa in “Shan­du­rai” an, kann man ähn­li­ches fest­stel­len. Die schein­bar ent­fes­sel­te Kame­ra, die kei­nen phy­si­ka­li­schen Geset­zen zu gehor­chen scheint, ent­wi­ckelt ein unge­heu­res Gefühl von Frei­heit. Gegen­stän­de, Men­schen und Bli­cke tau­chen aus den Unschär­fen oder dem Off auf. Ein Sog ent­steht, denn man sich nur schwer ent­zie­hen kann, weil er im Gegen­satz ähn­li­cher Effek­te des Schnitts eine hohe Glaub­wür­dig­keit auf­weist. Der Auf­wand sol­cher Fahr­ten ist enorm, doch sie reagie­ren in vie­ler­lei Hin­sicht auf ihre Umge­bung statt ihre Umge­bung für die Ein­stel­lung zu zersetzen. 
4.2. Das In-der-Welt Sein
4 Mona­te, 3 Wochen, 2 Tage
Die Kame­ra lie­fert kei­ne Hier­ar­chie (etwa durch Her­vor­he­bung) der Ereig­nis­se inner­halb der vor­letz­ten Sze­ne.[26]Viel­mehr erschei­nen die Bil­der wie „Natur­er­eig­nis­se“[27], die schein­bar zufäl­lig gesche­hen.[28]Die Welt wird ohne Wer­tung in ihrem simp­len Dasein betrach­tet.[29] Die­sen Effekt konn­ten wir auch schon bei der wort­lo­sen Sequenz in „4 Mona­te, 3 Wochen, 2 Tage“ von Cris­ti­an Mun­giu bemer­ken. Die feh­len­de Her­vor­he­bung von Ereig­nis­sen ist cha­rak­te­ris­tisch für ein Kino mit Rea­li­täts­an­spruch und vor allem cha­rak­te­ris­tisch für das Schaf­fen von Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni. Bedeu­tung kon­zi­piert sich in sei­nen Fil­men aus der eige­nen Erfah­rung und aus der Seh­erfah­rung sei­ner Fil­me. Ein Film von Anto­nio­ni kann streng­ge­nom­men nicht geschaut wer­den, er muss gele­sen wer­den. Aber dazu muss man schauen. 
Dabei geben vie­le Tex­te dem Fens­ter, das als „Lein­wand in der Lein­wand“[30]ange­se­hen wird, eine beson­de­re Bedeu­tung. Schaub bemerkt, dass im Moment, indem die Kame­ra das Fens­ter durch­quert, der Prot­ago­nist und sein Tod irrele­vant wer­den.[31]Auch für Anto­nio­ni hat das Fens­ter eine essen­ti­el­le Bedeu­tung inner­halb der Szene: 
„The world is out­side the win­dow.“[32]
Mit Heid­eg­ger erklärt der Regis­seur, dass sich Exis­tenz durch das In-der-Welt Sein kon­sti­tu­ie­re. Da Locke das Ende kom­men sehen wür­de, wäre er kein Teil der Welt mehr.[33]Die­se Aus­sa­ge hal­te ich für ein biss­chen wider­sprüch­lich, weil Anto­nio­ni damit ja doch zuge­steht, dass die Kame­ra für mehr steht, als sich selbst, also gar nicht objek­tiv im tech­ni­schen Sinn fungiert.
4.3. Selbst­the­ma­ti­sie­rung
Mit sei­ner lan­gen Kame­ra­fahrt macht der Film auf sei­ne eige­ne Mach­art auf­merk­sam.[34] Ein „Erle­ben von ver­ge­hen­der Zeit“[35]tritt vor die Hand­lung und die Kame­ra bie­tet dem Rezi­pi­en­ten am Ende der Kame­ra­fahrt einen Blick auf ihren eige­nen Start­punkt.[36]Die Kame­ra sieht nicht mehr dem Prot­ago­nis­ten zu, son­dern sie sieht sich selbst zu.[37]Es kommt zu einer Fokus­sie­rung auf den tech­ni­schen Aspekt der Sze­ne.[38] Das „fic­tion­a­li­zing of the came­ra“[39]kann als Selbst­re­fle­xi­on des Fil­me­ma­chers auf­ge­fasst wer­den.[40]
„It [die Kame­ra] also wat­ches its­elf wat­ching them, obser­ving not only their move­ment, but its move­ment, not only what is out­side it, but what fasci­na­tes it, what it ima­gi­nes and turns into images.”[41]
Man kann also sagen, dass Anto­nio­ni ein abs­trak­tes Bild für den Blick auf die Kame­ra lie­fert. Wenn in „Boo­gie Nights“ von Paul Tho­mas Ander­son die Kame­ra in das Objek­tiv einer Kame­ra fährt, dann ist das ähn­lich selbst­re­fle­xiv. Auch Jean-Luc Godard hat immer und immer wie­der mit die­sem Stil­mit­tel expe­ri­men­tiert, nicht zuletzt in der berühm­ten Eröff­nungs­se­quenz zu „Le Mépris“. Was befin­det sich hin­ter der Kame­ra? In der wort­lo­sen Sequenz aus „Beruf:Reporter“ wirkt es aber nicht so, als sei der Fil­me­ma­cher sich sei­nes Medi­ums bewusst, son­dern viel­mehr die Kame­ra selbst. Als wür­de sie aus eige­ner Neu­gier auf den eige­nen Start­punkt zurückblicken.
5. Tran­szen­denz
Ein wei­te­rer Inter­pre­ta­ti­ons­an­satz zur Plan­se­quenz bezieht sich auf die Visua­li­sie­rung von Tran­szen­denz.[42] „The bounds bet­ween life and death, body and soul, dis­sol­ve befo­re us. “[43] Die Kame­ra wirkt los­ge­löst vom Kör­per.[44] Tor­las­co schreibt, dass der Tod nicht durch den Schuss einer Waf­fe insze­niert wird, son­dern durch die Län­ge der Ein­stel­lung (engl.: Schuss).[45] Die­se „reli­gious dimen­si­on“[46]wür­de für den Rezi­pi­en­ten durch das Spiel mit Raum und Zeit spür­bar.[47]Die Zukunft (der Tod) liegt räum­lich hin­ter dem Rezi­pi­en­ten, wenn er noch pas­sie­ren wird, und der Tod liegt vor dem Rezi­pi­en­ten, wenn er zeit­lich schon gesche­hen ist.[48] Dabei geht es Anto­nio­ni nicht um eine Tran­szen­denz im phi­lo­so­phi­schen Sinn, son­dern um die Wahr­neh­mung einer Erwei­te­rung des eige­nen Ichs.[49]Die vor­letz­te Sze­ne kann als Aus­druck der Suche nach einem neu­en Leben durch Locke ver­stan­den wer­den. Das Pas­sie­ren der Git­ter­stä­be wird von Arrows­mith als das Ver­las­sen des eige­nen Ichs inter­pre­tiert.[50]Wir sehen die See­le bezie­hungs­wei­se Psy­che des Prot­ago­nis­ten.[51] Gas­par Noé und sein „Enter the Void“ kom­men einem da natür­lich in den Sinn. Dort ver­lässt die Kame­ra den Prot­ago­nis­ten im Moment des Todes und wird zu sei­ner See­le, die frei durch die ver­blei­ben­de Welt schwebt, um zu erle­ben, was den engs­ten Freun­den wie­der­fährt. Dabei spielt auch eine Rol­le, dass der Film kom­plett aus der Ich-Per­spek­ti­ve, sub­jek­tiv erzählt wird. Vom dro­gen­rausch, bis zum Tod ist „Enter the Void“ ein visu­el­les Expe­ri­ment und steht dem Kino von Anto­nio­ni damit um eini­ges näher, als man zunächst ver­mu­ten könn­te. Die Dis­kre­panz besteht erneut zwi­schen der Sub­jek­ti­vi­tät eines Noés und der Objek­ti­vi­tät bei Anto­nio­ni. Bei­de trei­ben die­ses Spiel bis zur Spitze.
Beson­ders auf­fäl­lig erscheint, dass durch das Feh­len der Wor­te alles an Bedeu­tung gewinnt. Jedes Geräusch, jede Erwei­te­rung oder Ver­en­gung des Blick­fel­des. Die ver­schie­de­nen Autoren geben ver­mut­lich vor allem des­halb so unter­schied­li­chen Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze, weil das Feh­len von Wör­tern eine Offen­heit erzeugt, die man so eigent­lich nicht kennt aus dem Kino. Man wird auf sei­ne eige­ne Wahr­neh­mung zurück­ge­wor­fen und kann sich nicht sicher sein, was man gese­hen hat und was nicht. Damit ist „Beruf: Repor­ter“ in gewis­ser Wei­se ein non-ver­ba­le Ver­wei­ge­rung des Twists am Ende der Geschich­te. In Chris­toph Hoch­häus­lers „Unter dir die Stadt“ gibt es am Ende den Blick aus dem Fens­ter und einen Satz, der den Zuse­her ins Wan­ken bringt, der die gan­ze Welt in Fra­ge stellt. Es ist ein beein­dru­cken­des Ende, weil uns dort der Blick aus dem Fens­ter ver­wehrt bleibt und wir das ulti­ma­ti­ve Gefühl von Offen­heit erfah­ren. Ein ganz ähn­li­cher Effekt also, den Anto­nio­ni mit einer gegen­tei­li­gen Metho­de erzielt. Er zeigt uns alles, was pas­siert, die kom­plet­te Räum­lich­keit. Aber er scheint zur fal­schen Zeit, in die fal­sche Rich­tung zu bli­cken. Wie ein ver­pass­tes Rendezvous. 
Über die Arbeit mit dem Fens­ter oder der Tür am Ende von Fil­men könn­te man gan­ze Bücher ver­fas­sen. Hier soll es erst mal wei­ter um wort­lo­se Sequen­zen gehen. Der nächs­te Ein­trag dazu wird sich mit einer Sequenz aus Ben­ja­min Hei­sen­bergs Schlä­fer und dem Mot­to: «Lie­be, Ent­schei­dung und das Ver­trau­en» beschäftigen
6.Quellenverzeichnis
- Arrows­mith, Wil­liam, Anto­nio­ni. The Poet of Images, New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press 1995.
- Bach­mann, Gideon, “Tal­king of Michel­an­ge­lo”, Michel­an­ge­lo Antonioni.The Archi­tec­tu­re of Visi­on. Wri­tin­gs and Inter­views on Cine­ma, Mar­ga Cot­ti­no-Jones, New York: Mar­si­lio Publishers 1996, S. 326–333; (Orig. The Guar­di­an, Lon­don: 18. Febru­ar 1975, o.S.).
- Bord­well, David/​Kristin Thomp­son, Film Art. An Intro­duc­tion, New York: McGraw Hill9 2010; (Orig. Rea­ding: Addi­son-Wes­ley, 1979).
- Bru­net­te, Peter, The Films of Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni, Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press 1998.
- Chris­ten, Tho­mas, Das Ende im Spiel­film. Vom klas­si­schen Hol­ly­wood zu Anto­nio­nis offe­nen For­men, Mar­burg: Schü­ren Ver­lag 2002 (Orig. Diss., Phi­lo­so­phi­sche Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Zürich 1999).
- Lock­hart, Kim­ball, “Blocka­ge and Pas­sa­ge in The Pas­sen­ger”, Diacri­tics 15⁄1, Früh­jahr 1985; www​.jstor​.org/​s​t​a​b​l​e​/​4​6​4​632, Zugriff: 21.07.2012.
- Man­ci­ni, Michele/​Alessandro Cappabianca/​Ciraco Tiso/​Jobst Gra­pow, “The World is Out­side the Win­dow”, Michel­an­ge­lo Antonioni.The Archi­tec­tu­re of Visi­on. Wri­tin­gs and Inter­views on Cine­ma, Mar­ga Cot­ti­no-Jones, New York: Mar­si­lio Publishers 1996, S. 173–184; (Orig. “Il mon­do è fuo­ri dal­la fine­s­tra”, Film­cri­ti­ca 252, o.O.: März 1975, o.S.).
- Orr, John, “Camus and Car­né trans­for­med: Bergman’s ‘The Silence’ ver­sus Antonioni’s ‘The Pas­sen­ger’”, Film Inter­na­tio­nal, 5⁄3, Mai 2007, S. 54–63; film​int​.nu/​?​p=4, Zugriff: 18.07.2012.
- Rif­kin, Ned, Antonioni’s Visu­al Lan­guage, Ann Arbor: UMI Rese­arch Press 19822; (Orig. 1977).
- Roh­die, Sam, Anto­nio­ni, Lon­don: BFI Publi­shing 1990.
- Ron­di, Gian­lui­gi, “I am Tired of Today’s Cine­ma”, Michel­an­ge­lo Antonioni.The Archi­tec­tu­re of Visi­on. Wri­tin­gs and Inter­views on Cine­ma, Mar­ga Cot­ti­no-Jones, New York: Mar­si­lio Publishers 1996, S. 168–172; (Orig. “Sono stanco del cine­ma com’è oggi”, Il Tem­po, Rom: 20. März 1975, o.S.).
- Schaub, Mar­tin, “Sysi­phus”, Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni. Rei­he Film 31, Peter W. Jansen/​Wolfram Schüt­te, Mün­chen: Carl Han­ser Ver­lag 1984, S.7–56.
- Tor­las­co, Domi­et­ta, “Undo­ing the Sce­ne of the Crime: Per­spec­ti­ve and the Vanis­hing of the Spec­ta­tor”, Came­ra Obscu­ra 22⁄1 64, Jan 2007, S.77–111.


[1] The Pas­sen­ger Uncut (Professione:reporter, ITA 1975), 1h46‘40“.
[2]Vgl. Bordwell/​Thompson, Film Art, S. 214.
[3]Chris­ten, Das Ende im Spiel­film, S. 126.
[4] Vgl. Rif­kin, Antonioni’s Visu­al Lan­guage, S. 148.
[5] Vgl. Bru­net­te, The Films of Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni, S. 133.
[6]Roh­die, Anto­nio­ni, S. 148.
[7] Ebd., S. 149.
[8] Vgl. Bach­man, “Tal­king of Michel­an­ge­lo“, S. 331.
[9] Vgl. Rif­kin, Antonioni’s Visu­al Lan­guage, S. 143.
[10] Vgl. Schaub, “Sisy­phus“, S. 47.
[11] Rif­kin, Antonioni’s Visu­al Lan­guage, S. 142.
[12] Roh­die, Anto­nio­ni, S. 148.
[13] Vgl. Tor­las­co, ”Undo­ing the Sce­ne of the Crime“, S. 102.
[14] Vgl. Ron­di, ”I am Tired of Today’s Cine­ma“, S. 169.
[15] Vgl. Tor­las­co, “Undo­ing the Sce­ne of the Crime”, S. 106.
[16] Ebd.
[17] Vgl. Arrows­mith, The Poet of Images, S. 147.
[18] Vgl. Bru­net­te, The Films of Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni, S. 134.
[19] Vgl. Ebd., S. 132.
[20] Vgl. Ebd., S. 134.
[21] Vgl. Bach­man, “Tal­king of Michel­an­ge­lo“, S. 331.
[22] Vgl. Orr, “Camus and Car­né Trans­for­med“, o.S.
[23] Vgl. Ebd.
[24] Rif­kin, Antonioni’s Visu­al Lan­guage, S. 127.
[25]Roh­die, Anto­nio­ni, S. 150.
[26] Vgl. Roh­die, Anto­nio­ni, S. 150.
[27]Schaub, “Sisy­phus“, S. 50.
[28] Vgl. Bru­net­te, The Films of Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni, S. 142.
[29] Vgl. Schaub, “Sisyphus”, S. 49
[30] Chris­ten, Das Ende im Spiel­film, S. 161.
[31] Vgl. Schaub, “Sisy­phus”, S. 49.
[32] Man­ci­ni, „The World is Out­side the Win­dow“, S. 183.
[33] Vgl. Ebd.
[34] Vgl. Chris­ten, Das Ende im Spiel­film, S.164.
[35] Ebd.
[36] Vgl. Chris­ten, Das Ende im Spiel­film, S.164.
[37] Vgl. Roh­die, Anto­nio­ni, S. 151.
[38] Vgl. Lock­hart, „Blocka­ge and Pas­sa­ge“, S. 83.
[39] Ebd., S. 76.
[40] Vgl. Roh­die, Anto­nio­ni, S. 150.
[41] Ebd.
[42] Vgl. Arrows­mithThe Poet of Images, S. 148.
[43] Ebd.
[44] Vgl. Ebd., S.167.
[45] Vgl. Tor­las­co, ”Undo­ing the Sce­ne of the Crime“, S. 104.
[46] Arrows­mith, The Poet of Images, S. 148.
[47] Vgl. Tor­las­co, „Undo­ing the Sce­ne of the Crime“, S. 104.
[48] Vgl. Ebd., S. 105.
[49] Vgl. Arrows­mith,The Poet of Images, S. 148.
[50] Vgl. Arrows­mith,The Poet of Images, S. 148.
[51] Vgl. Ebd., S. 159.