Reihe Teil 1:The Score-Edward Norton

In die­ser Rei­he geht es weder um eine Kri­tik, noch um eine detail­lier­te Bespre­chung der Fil­me. Es geht um Asso­zia­tio­nen und Beob­ach­tun­gen und den Ver­such am Ende Gemein­sam­kei­ten festzustellen:
The Score ist ein ame­ri­ka­ni­scher Kino­film von Frank Oz (In&Out,Die Frau­en von Ste­pford u.a.) aus dem Jahr 2001. 
Wie der Titel schon erah­nen lässt, han­delt es sich um einen Heist-Movie. Also die Pla­nung und Umset­zung eines Ver­bre­chens. Film­ge­schicht­lich wird er vor allem des­halb in Erin­ne­rung blei­ben, weil es sich um den letz­ten Film der Schau­spiel­le­gen­de Mar­lon Bran­do handelt.
Die­ser Film ist Teil einer Rei­he von Fil­men, die durch­aus mit dra­ma­tur­gi­schen oder insze­na­to­ri­schen Schwä­chen behaf­tet sind (mal mehr und mal weni­ger), die aber vom Groß­teil des jun­gen Publi­kums sehr geschätzt wird. War­um ist das so? In Gesprä­chen mit den „Fans“ die­ser Fil­me und über die Beob­ach­tung der letz­ten Jah­re bin ich zum Ent­schluss gekom­men, dass es immer an ein­zel­nen Prot­ago­nis­ten in Fil­men liegt, mit denen man sich, gera­de im jun­gen Alter, extrem iden­ti­fi­zie­ren kann, weil sie rebel­lie­ren, weil sie anders sind, weil sie cool sind, aber genau­so auch weil sie ver­letz­lich sind, weil sie neu­ro­tisch sind usw. Eben alles, was wir auch sind oder ger­ne sein wür­den. Natür­lich ist dies kei­ne neu­ar­ti­ge Ent­wick­lung, das Star­sys­tem des frü­hen Hol­ly­woods oder der Nach­kriegs­zeit hat die­sen Fak­tor der Iden­ti­fi­zie­rung schon immer aus­zu­nut­zen gewusst. 
Aller­dings behaup­te ich, dass sich eine Ver­schie­bung die­ser Star­schau­spie­ler hin zu Star­prot­ago­nis­ten gege­ben hat. Kaum einer hängt sich Heath Led­ger an die Wand, auf den Pos­tern ist „Der Joker“. Kaum einer kennt Audrey Tat­uou, aber alle ken­nen Amélie Pou­lain. Es sind heu­te Cha­rak­ter­dar­stel­ler, wenn auch in gro­ßen Pro­duk­tio­nen, die die Mas­sen begeis­tern. Wenn ein Tom Crui­se einen Action­film macht, dann schafft er es nicht (selbst wenn er nicht schlecht spielt), dass man beim Zuse­hen nicht Tom Crui­se sieht. Er schafft es nicht ein­mal, dass man Tom Crui­se in sagen wir Mis­si­on Impos­si­ble oder in Day and Knight sieht; man sieht ledig­lich Tom Crui­se. Bei Di Caprio ist es so, dass man ihn zwar immer wahr­nimmt, aber ähn­lich wie beim gro­ßen De Niro der 70er und 80er Jah­re immer auf sei­ne Rol­le bezo­gen: Es gibt einen Di Caprio in Depar­ted und einen in Zei­ten des Auf­ruhrs etc. Tom Crui­se ist sicher­lich nicht das ein­zi­ge Opfer die­ser Ver­än­de­rung. (Jim Carrey, Bruce Wil­lis, Samu­el L. Jack­son,…) Die­se Schau­spie­ler haben ihre Fans und auch ihre Berech­ti­gung, aber sie haben kaum mehr das Poten­zi­al mit ihrem Auf­tre­ten einen Film aufzuwerten. 
The Score ist inso­fern ein gewag­tes Bei­spiel, weil an die­ser Stel­le ( der Edward Nor­ton-Stel­le) eigent­lich Fight Club ste­hen müss­te. Aller­dings ist Fight Club ein für ein jun­ges Publi­kum kon­zi­pier­ter Film und daher fin­de ich die Erschei­nung bei The Score viel inter­es­san­ter. Betrach­tet man den Film näm­lich in aller Ruhe kommt man zum Ent­schluss, dass es ein Abge­sang auf die Forsch­heit der Jugend ist, eine Mah­nung zum Respekt, eine Wür­di­gung der Erfah­rung und für den Erwach­se­nen Zuschau­er wich­ti­ge und bana­le Erkennt­nis: „Wir haben es den Jun­gen noch­mal gezeigt.“  Schon der Cast mit sei­nen 3 Gene­ra­tio­nen an Cha­rak­ter­köp­fen (Bran­do, De Niro und Nor­ton) weißt mehr als deut­lich auf die­sen Kon­flikt der Gene­ra­tio­nen hin. Und auch wenn De Niro und Bran­do Legen­den sind und De Niro im Zen­trum der Hand­lung steht, so ist es doch Edward Nor­ton, der die Fas­zi­na­ti­on an The Score aus­macht. Er könn­te auch „der Uner­fah­re­ne“ sein, der ein­fach noch ler­nen muss…aber das ist er auf kei­nen Fall. 
Viel­mehr ist er 
der Auf­stre­ben­de, 
der Über­am­bi­tio­nier­te, 
aber auch der Begabte, 
der For­sche, 
der Rebell.  
Frü­her war das De Niro. 
Und noch frü­her war das Brando. 
Und wir lie­ben das im Kino. Inter­es­sant nur, dass es heu­te auch in durch­schnitt­li­chen Fil­men funk­tio­niert und dass der Cha­rak­ter nicht mal mehr im Zen­trum ste­hen muss. Das Dreh­buch leis­tet sich eini­ge Unge­reimt­hei­ten und es wird hier und da gefilzt, weil fil­zen ziem­lich cool kommt, aber eigent­lich hirn­ris­sig ist. Mar­lon Bran­do ist auch nur kör­per­lich prä­sent und könn­te von den meis­ten älte­ren Semes­tern im Schau­spiel­busi­ness so gespielt wer­den. De Niro ist der Haupt­cha­rak­ter, der mit einer klas­si­schen „last job becau­se of the woman“ The­ma­tik an die Sache ran­geht. Er spielt ange­nehm zurück­hal­tend und lie­fert noch eine der bes­se­ren Leis­tun­gen sei­ner 00er Jah­re ab. Aber bleibt man mal ehr­lich, dann ent­fal­tet sich der Film (neben den gen­re­üb­li­chen, klas­si­schen Rou­ti­ne­sze­nen, wie das Abwar­ten auf das Aus­schal­ten der Kame­ra etc) in genau 5 Momenten:
1. Edward Nor­ton spricht De Niro auf der Stra­ße an und spielt dabei zwei Rollen
2. Edward Nor­ton pro­vo­ziert zwei Hacker bei einer Geld­über­ga­be im Stadtpark
3. Edward Nor­ton lässt De Niro zap­peln, als die­ser in den Sei­len hängt
4. Edward Nor­ton zeigt sein wah­res Ich kurz vor Schluss
5. Edward Nor­ton erkennt die Wahr­heit ganz am Schluss
(Das ist natür­lich ein sub­jek­ti­ver Überblick) 
Alles Edward Nor­ton. Natür­lich kann man die­se Schau­spiel­mo­men­te auch der Regie zurech­nen. Es ist auch nichts Neu­es gewe­sen, was Nor­ton hier gemacht hat. Dass er zwei Cha­rak­te­re in einem Film und in einer Per­son spielt ist bei ihm schon fast üblich. (Zwie­licht, Ame­ri­can Histo­ry X, Fight Club(?), Down in the Val­ley,..) Sind wir also eine Gene­ra­ti­on der Schizophrenen?
Und es ist trotz­dem nicht Edward Nor­ton, es ist Edward Nor­ton in “The Score”, den wir da sehen; Jack Tel­ler. Er schafft Momen­te der Iden­ti­fi­zie­rung und obwohl er im End­ef­fekt ein Ver­lie­rer ist, so ist er doch der Gewinn für den Film, weil es uns Zuschau­ern heu­te nicht mehr wich­tig ist, ob ein Prot­ago­nist mora­lisch rich­tig han­delt und ob er am Ende als Sie­ger dasteht. Was heu­te inter­es­siert sind die Sze­nen, die er uns gibt. Die Hand­lung und das sehr anre­gen­de Set­ting sind völ­lig belang­los hin­ter die­sem Cha­rak­ter, der den Film trägt, der ihn auf einen höhe­ren Sta­tus für den Zuschau­er hebt, weil er sich nicht an die Hand­lung erin­nern wird, son­dern an Sze­nen mit Edward Nor­ton. Ob das immer so rich­tig ist, sei dahingestellt…es ist aber das, was die Mas­se in die­sem Fall begeistert.
Edward Nor­ton hat lan­ge nicht mehr den Sta­tus als Schau­spie­ler, den er um die Jahr­hun­dert­wen­de genos­sen hat. Aber die­ser Film trägt sei­ne Hand­schrift, die Hand­schrift eines Schau­spie­lers, der mehr sein möch­te als nur ein Charakter.
Ob wir ein Mus­ter fin­den wer­den bei der Betrach­tung der 10 Fil­me lässt sich jeden­falls noch nicht sagen…
Trai­ler:
Ver­gleich­ba­rer Film­klas­si­ker: Laut­los wie die Nacht ( Hen­ri Verneuil )
Ver­gleich­ba­rer moder­ner Film: Insi­de Man (Spike Lee)