Reihe Teil 7- The Dark Knight- Heath Ledger

Der nächs­te Film ist The Dark Knight von Chris­to­pher Nolan aus dem Jahr 2008.

„Wel­co­me to a world wit­hout rules“ steht in gro­ßen Buch­sta­ben über dem Pos­ter, das Bat­man vor sei­nem bren­nen­den Logo zeigt, wel­ches in ein Gebäu­de hin­ein gebrannt wur­de. Anar­chie jetzt! Nie zuvor wur­de der­art kon­zen­trier­tes Mar­ke­ting, fokus­siert auf einen ein­zel­nen Cha­rak­ter, den sagen­um­wo­be­nen Erz­feind des Super­hel­den, den Joker, betrie­ben. Got­ham (die fik­ti­ve Stadt im Bat­man-Uni­ver­sum) wur­de bereits ein Jahr vor Kino­start eta­bliert, als eine real exis­tie­ren­de Stadt in den USA. Zei­tun­gen wur­den ver­teilt. Es ging um die Wahl des Bür­ger­meis­ters, klei­ne­re Ver­bre­chen und wei­te­re poli­ti­sche The­men. Aber irgend­wer hat­te mit bun­ten Far­ben Van­da­lis­mus in den Schlag­zei­len und Wer­be­an­zei­gen betrie­ben. Film­kri­ti­kern wur­den Tor­ten geschickt mit mys­te­riö­sen Tele­fon­num­mern, im Inter­net gab es Spie­le und das Lachen des Jokers begann sich zu ver­brei­ten, bevor man auch nur annä­hernd wuss­te, wie er denn aus­se­hen wurde.

In unse­rer Rei­he ist der Joker ein Son­der­fall. Er ist ein Cha­rak­ter, den es schon gab, bevor es den neu­en Film gab. Er war schon ein Mythos, bevor er die Lein­wand betrat. Viel­leicht einer der belieb­tes­ten Schur­ken der Geschich­te der erzäh­len­den Bil­der. Den­noch waren Mil­lio­nen von Kino­be­su­chern mit The Dark Knight zum ers­ten Mal von der Aura des Jokers fas­zi­niert. Das hat drei Gründe:

1. Der Joker-als Böse­wicht der Gegen­wart
2. Der Joker-als Mythos für einen tra­gi­schen Schau­spie­ler
3. Der Joker-als Stil­übung für den größ­ten Block­bus­ter­re­gis­seur unse­rer Zeit

„You wan­na know how i got the­se scars?“; der Joker wird die­se Fra­ge offen­las­sen, er wird sie im Lau­fe des Films ver­schie­den beant­wor­ten. Immer tra­gisch, mit dem Hang zum völ­li­gen Wahn­sinn. Eine Ant­wort auf eine Welt, in der alles, was anders und böse ist immer nach Erklä­run­gen schreit. Wenn man län­ge­re Zeit erschöpft ist, dann erfin­det man einen Begriff dazu und alles ist gut, wenn Ter­ro­ris­ten U‑Bahnen in die Luft sprin­gen, dann gibt es immer Moti­ve, wenn Kin­der mit Waf­fen Kin­der töten, dann waren es die Video­spie­le oder die Eltern. Uns macht nichts mehr Angst, wir kön­nen doch alles klä­ren. Und wir füh­len uns sicher. Psy­cho­lo­gie und Poli­tik sind sozu­sa­gen zur neu­en Kir­che ver­kom­men. Ein mora­li­scher Über­le­bens­kampf, der uns in der Nacht schla­fen lässt und am Tag leben lässt. Das Kino ist schon seit lan­ger Zeit auf die­sen Zug auf­ge­stie­gen. Und zwar auf­grund von schein­ba­ren Zuschau­er­druck. Wenn man-so die Annah­me-die Moti­va­tio­nen plau­si­bel dar­stellt, dann kann man sich sämt­li­che Aus­brü­che und Ver­rückt­hei­ten erlau­ben. Also ist das Kino über­be­völ­kert mit trin­ken­den Vätern, ster­ben­den Müt­tern, ver­ge­wal­ti­gen­den Onkeln und ertrun­ke­nen Schwes­tern. Natür­lich haben gera­de im euro­päi­schen oder unab­hän­gi­gen Film immer wie­der Fil­me­ma­cher mit die­sen Kli­schees gespielt. Aber im Main­stream-Kino gel­ten sie bis heu­te als Mani­fest. Der Zuse­her soll ja unter­hal­ten wer­den und nicht scho­ckiert. The Dark Knight ris­kiert es trotz­dem. Die ein­zi­ge Erklä­rung zum Ver­hal­ten des Jokers kommt aus dem Mund von Micha­el Cai­ne: „Some peo­p­le just want to watch the world burn.“ Und das macht uns Angst, das macht den Joker so unheim­lich fas­zi­nie­rend. Wir wol­len wis­sen: WARUM? Er bleibt

Unbe­re­chen­bar
Anders
Unpo­li­tisch
Frei

Anar­chis­tisch

Nolan kann sich das erlau­ben, weil der Joker mehr eine instal­lier­te Figur, als ein mensch­li­cher Cha­rak­ter ist, weil es in einem Comic­uni­ver­sum ande­re Regeln gibt. Aber es ist erstaun­lich, dass die­se näher an der Rea­li­tät zu sein schei­nen, als vie­le hoch­mo­ti­vier­te Dra­men, die jede klei­ne mensch­li­che Regung moti­viert sehen wol­len. Kön­nen wir uns in die­sem Clown, in die­sem Psy­cho­pa­then und Mas­sen­mör­der tat­säch­lich auch wie­der­fin­den? Ja, weil er uns alles offen­lässt, weil wir sei­nen Hin­ter­grund selbst gestal­ten und man­gels Alter­na­ti­ven wer­den wir unbe­wusst unse­ren eige­nen Hin­ter­grund auf die­ser Figur abbil­den. Wir wis­sen, dass es nur eine Comic­fi­gur ist und las­sen uns kom­plett auf ihr Spiel ein. Und in die­ser Comic­welt ist es so unheim­lich attrak­tiv ein­fach zu tun, was einem schein­bar gera­de ein­fällt. (ganz zu Schwei­gen davon, dass der Joker-ganz im Gegen­satz zu sei­ner eige­nen Aus­sa­ge-minu­ti­ös geplan­te, hoch­in­tel­li­gen­te Ver­bre­chen begeht.) Wir lie­ben Micha­el Dou­glas in Fal­ling Down, wir lie­ben es in GTA sinn­los mit Cabri­os über Pas­san­ten zu fah­ren und wir lie­ben Fil­me, weil sie kei­ne Kon­se­quen­zen haben.

Oft ist eine über­deut­lich gezeich­ne­te Moti­va­ti­on auch Fol­ge einer zu aus­führ­li­chen Arbeit mit Schau­spie­lern, die Angst vor der Rol­le haben und alles mit dem Kopf steu­ern wol­len, bevor sie sich wirk­lich in die Rol­le fal­len las­sen. Heath Led­ger scheint sich für die Rol­le völ­lig auf­ge­ge­ben zu haben. Als das Cas­ting bekannt wur­de, gab es in Fan­krei­sen eigent­lich nur eine Reak­ti­on: Stirn­run­zeln. Casa­no­va, Rit­ter aus Lei­den­schaft oder Bro­ke­back Moun­tain sind nicht gera­de Visi­ten­kar­ten für einen bru­ta­len Psy­cho­pa­then. Schnell reagier­te man bei War­ner und es gab Berich­te über einen Schau­spie­ler, der sich völ­lig in die Rol­le ein­ar­bei­tet, der sich tage­lang in Hotel­zim­mer ver­schanzt, um an der Stim­me des Jokers zu arbei­ten, der allen am Set mit sei­nem Auf­tre­ten Angst einflößt…eigentlich das Übli­che. Dass Jack Nichol­son prak­tisch der direk­te Vor­gän­ger von Led­ger in der Rol­le des Jokers war, half auch nicht gera­de in Sachen Erwar­tungs­hal­tung. Nicholson’s völ­li­ge over-the-top Per­for­mance in Tim Burton’s quietsch­bun­ter Comic­welt, hat Kultstatus.

Was dann pas­sier­te, ist bekannt. Am 22.Januar 2008 wur­de Heath Led­ger tot in sei­nem Hotel­zim­mer auf­ge­fun­den. Wie sich spä­ter her­aus­stell­te starb er an einer Medi­ka­men­ten­über­do­sis. Die Film­welt war ent­setzt. Als spä­ter der ers­te län­ge­re Trai­ler zum Film im Inter­net auf­tauch­te, sah man die völ­li­ge Ver­wand­lung, der sich der Aus­tra­li­er unter­zog. Eigent­lich war mit dem ers­ten Trai­ler klar, dass er den Joker auf ein neu­es Level heben wür­de. Film wür­de ihn in gewis­ser Wei­se unsterb­lich machen. (erzählt das mal sei­nem Kind, das ohne Vater auf­wach­sen muss) Natür­lich pro­fi­tier­te der Film von Led­ger. Nicht nur bezüg­lich des Ein­spiel­ergeb­nis­ses, son­dern auch bezüg­lich der Rezep­ti­on. Als Zuschau­er begann mit erhöh­ter Kon­zen­tra­ti­on zuzu­se­hen, wenn Led­ger ins Bild kam, man woll­te (wie­der unter­be­wusst) sozu­sa­gen erken­nen, war­um er gestor­ben ist, man woll­te in sei­ne See­le schau­en und natür­lich hat man oft die Rol­le ver­ges­sen und den Schau­spie­ler gese­hen. ABER: Das gelang einem kaum, weil Led­ger den Joker der­art zele­brier­te, dass man ein­fach nur nüch­tern dem Schau­spie­ler gra­tu­lie­ren muss und es bedau­ern muss, dass so viel Talent, so früh ver­lo­ren gegan­gen ist. Der Oscar, den es dafür post­hum gab, ist ein wei­te­rer ver­zwei­fel­ter Ver­such Hol­ly­woods sterb­li­che, feh­ler­haf­te Per­so­nen unsterb­lich zu machen. Aber die Rol­le war grö­ßer als der Schau­spie­ler und da das das Ver­dienst von Led­ger ist, war er Hol­ly­wood einen gro­ßen Schritt voraus.

In The Dark Knight wird der Böse­wicht insze­niert wie ein Held. Chris­to­pher Nolan hat sich völ­lig auf den Cha­rak­ter ein­ge­las­sen und hat erfolg­reich ris­kiert den eigent­li­chen Hel­den weit weni­ger hel­den­haft erschei­nen zu las­sen, als den Gegen­spie­ler. Und das ist bril­lant kal­ku­liert, weil er weiß, dass sein Held immer genau­so stark sein wür­de, wie der Böse­wicht. Er lässt die bei­den Wider­sa­cher ja sogar über die­se The­ma­tik reflek­tie­ren. Sie brau­chen sich gegen­sei­tig. Kei­ner der bei­den kann ohne den ande­ren. Im Vor­gän­ger Bat­man Beg­ins insze­nier­te Nolan eine Sequenz, in der Bat­man zwi­schen Con­tai­nern im Hafen zum ers­ten Mal für Ord­nung sorgt. Er selbst ist dabei kaum zu sehen, nur die Reak­ti­on sei­ner Fein­de. Man bekommt Respekt und sieht die Kraft die­ses „Super­hel­den“ (der Begriff wirkt bei Nolan immer so bil­lig…) The Dark Knight beginnt mit einer ähn­li­chen Sequenz. Einem Bank­über­fall und wir sehen den Joker nicht, hören aber viel über ihn und spü­ren sei­ne Macht. Die Ansa­ge Nolans: Jetzt kommt ein gleich­wer­ti­ger Kon­kur­rent. Wie schmal ist die Linie zwi­schen Ver­bre­cher und dem Kampf gegen das Ver­bre­chen? Das die Eröff­nungs­se­quenz an Heat von Micha­el Mann erin­nert ist kein Zufall. Auch hier wer­den Ver­bre­cher und Poli­zist auf einer Ebe­ne prä­sen­tiert.
Immer wie­der zeigt er den Joker unter­sich­tig, er zeigt die Angst der Opfer; die Angst einer gan­zen Gesell­schaft. Er zeigt Kri­mi­nel­le, die noch schlech­ter sind, als der Joker; er zeigt einen humor­vol­len Psy­cho­pa­then (Stich­wort: Kran­ken­haus); einen Mann der kei­ne Angst hat. Plötz­lich nimmt sich Nolan Zeit, es wird lei­se und er lässt uns die Frei­heit spü­ren, als der Joker sei­nen Kopf aus einem fah­ren­den Poli­zei­au­to streckt. Manch­mal scheint er sogar Recht zu haben mit sei­nen wil­den Argu­men­ta­tio­nen. Wo Bat­man eine Mas­ke trägt, sehen wir beim Joker zumin­dest ein geschmink­tes Gesicht. Hans Zim­mer fügt eine neue Note in sei­nen sonst fast iden­ti­schen Sound­track zum Vor­gän­ger ein. Der Joker sitzt auf einem Ver­hör­stuhl. Halb im Schat­ten, halb im Licht. Er lässt ihn nicht ster­ben, er zeigt einen Ver­rück­ten. Sei­ne Welt steht auf dem Kopf und Nolan zeigt uns wie das aus­sieht. Weil wir dann auch so den­ken würden?

Wei­ter geht es mit Die fabel­haf­te Welt der Amé­lie und Audrey Tautou.