Reihe Teil 9- Lost in Translation- Bill Murray

Weiter geht es also mit Bill Murray und Lost in Translation von Sofia Coppola aus dem Jahr 2003.
Sofort fällt einem das höhere Alter der zu untersuchenden Person gegenüber vielen anderen Charakteren innerhalb dieser Reihe auf. Dennoch ist es auch bei Bob, so der Name von Bill Murray’s Charakter, ein innerer Schmerz, der ihn gefangen nimmt. Der Umgang mit diesem Schmerz jedoch ist neu. Bob ist schon über einen Punkt hinweg, an dem zum Beispiel der ehrgeizige Edward Norton aus The Score scheitert. Er baut eine Distanz zu seinem eigenen Leben auf. Dieses Gefühl von Melancholie und räumlicher Entfremdung vor sich selbst wird in allen Filmen von Sofia Coppola deutlich. Durch tragende Kamerabewegungen, den Wechsel von traurigen Popmusiktönen und absoluter Stille, sowie den geduldigen Blicken in starre, schöne, aber fast gestorbene Augen, gelingt es ihr den Zuseher in dieselbe Stimmung zu hieven, wie die Charaktere. Die Identifikation läuft im Fall von Sofia Coppola über die Inszenierung. So beginnt ihr Film Somewhere beispielsweise mit einer schier unendlichen Sequenz, in der ein Auto um eine Rennstrecke fährt. Immer dieselbe Runde drehend fährt das Auto ins Off und kommt nach einiger Zeit wieder durch das Bild gefahren. Man ist sofort in dieser eintönigen Welt, einem Gefängnis der Freiheit. 
 
Auch Lost in Translation funktioniert über diese Muster, allerdings wirft Bill Murray einige frische Zutaten in das Gesamtkonzept, die Lost in Translation für mich bis dato zu Coppola’s besten Film machen. Der Begriff „Midlife-Crisis“ fällt immer wieder im Zusammenhang mit diesem Bob, der im Drehbuch so passend mit dem Satz:
 
In the backseat of a Presidential limousine, BOB (late-forties), tired and depressed, leans against a little doily, staring out the window.
eingeführt wird. Ich finde, dass “Midlife-Crisis” nur ein möglicher Begriff ist, um den Zustand von Bob zu erklären. Es ist nicht von der Hand zu weißen, dass es mal einen anderen Bob gegeben hat, einen frischeren und fröhlicheren Bob. Ich behaupte allerdings, dass der Sarkasmus schon immer Teil dieses Charakters war, dieser schwarze Humor, diese Art das Leben zu betrachten. Es sind nur seine Probleme auf dem Laufband und die ungewohnte Umgebung (nicht umsonst der Titel des Films), die neu sind.
Bill Murray spielt einen innerlich fast toten Mann, der zum Leben erweckt wird. Dennoch ist es in jeder Sekunde er, der dieser tristen Welt von Coppola Leben einzuhauchen vermag. Er ist
Humorvoll
Verloren
Einsam
Desillusioniert
Passiv
Eigentlich sind das (fast) allesamt Eigenschaften, die innerhalb eines amerikanischen Drehbuches nicht für einen der Hauptcharaktere gelten dürfen. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass sein Gegenüber, gespielt von Scarlett Johansson (die eigentliche Hauptrolle) sehr ähnlich angelegt ist. Doch diese Passivität ist eben nicht Ausdruck eines bestimmten Alters, sondern eine Reaktion auf die moderne, globalisierte Welt und daher funktioniert der Film auf derart vielen Ebenen auch für ein junges Publikum. Durch die Inszenierung wird hier Wiedererkennung geschaffen, wir finden uns wieder in dieser Welt, in der es nichts zu tun gibt, obwohl es doch so viel zu tun gibt, in der man Erfolgen hinterherrennt, um nichts zu spüren, wenn man sie erreicht hat. In der wir scheinbar frei durch Türen geschoben werden. 
Die immer freundlichen Japaner, die nicht ganz klischeefrei umgesetzt wurden, sind ein adäquates Bild für diese Welt. Eine Welt, in der man vor lauter Äußerlichkeit nur mehr in sich selbst gekehrt ist. Das riesige Fenster, durch das Johansson auf diese Welt blickt steht für unsere Position zu unserem eigenen Leben. (der Blick durchs Fenster ist ein häufiges Stilmittel in Lost in Translation, Fenster, die Distanz zur Umgebung aufbauen, obwohl man eigentlich mittendrin ist) Bill Murray dagegen zeigt uns fernab der Identifikation, wie man in dieser Welt leben kann. Indem er Distanz zu seiner Umgebung schafft und sie ironisch betrachtet, indem er sich selbst nicht zu ernst nimmt, geht er als reifer und wirkungsvoller Charakter hervor.
Dennoch schwimmt der Schmerz immer mit. Doch hier haben wir es mit einem Mann zu tun, der dem Schmerz nicht versucht zu entrinnen, der nicht wie wild dagegen ankämpft oder sein Heil in Anarchie oder Verbrechen sucht, sondern hier haben wir ein Vorbild, wenn auch ein merkwürdiges. Bob ist kein glücklicher Mensch, mehr noch ist er ein Mensch, der mit seinem Leben viel zu früh abgeschlossen hat. Der vielleicht bemerkt hat, dass ihm sein Leben nichts mehr geben kann. Aber er hat sich eine Art beibehalten, die man mit Würde bezeichnen kann. 
Er besteht in dieser Welt, weil er-und das ist der springende Punkt zurück zum Film, zurück zum Drehbuch- ein gutes Herz hat, weil er eigentlich noch lebendig ist und weil er von dieser diegetischen Welt einen Engel geschickt bekommt. Gleichzeitig ist er selbst der Engel für seinen Engel. Auch wenn es hier kein klassisches Happy End gibt, so schwingt dennoch Hoffnung mit, die nur so stark zum Vorschein kommt und so authentisch und wenig gelogen wirkt, weil Murray eben von Anfang an noch ein Restfunkeln in den Augen hat, weil er uns trotz aller Krisen zum Lächeln bringen kann. 
Wo eine ähnliche Wende zur Hoffnung in Somewhere oder in vielen anderen Independentfilmen vorhersehbar und konstruiert wirkt, ist sie in Lost in Translation pure Authentizität, aufgrund ihrer Präsenz von der ersten Sekunde an. Hier wird kein eigentlich schlechter Mann bekehrt oder ein trauriger Mann zu einem Glücklichen, sondern hier wird einfach ein Mann beschrieben. Würde man nur das Drehbuch lesen, könnte man natürlich genau diese Konstruktionen erkennen, aber-und darum geht es ja in dieser Reihe- es ist Murray, der dem ganzen Echtheit abgewinnt.
Wes Anderson und Bill Murray; The Life Acquatic with Steve Zissou
Broken Flowers, Jim Jarmusch
 
So ist es also nicht nur Johansson, die in Murray ein älteres Spiegelbild erkennt, sondern so sind es auch wir selbst. Egal wie jung wir sind, es muss Bob sein mit dem hier mitgehen, weil der Film darauf angelegt ist. Blicken wir durch die Augen von Johansson sehen wir ihn, blicken wir durch seine Augen, sehen wir uns. Allgemein fällt eine gewisse Tendenz von Bill Murray auf solche Charaktere zu spielen, die erstens ihm selbst sehr nahe zu stehen scheinen und zweitens ein passives Verhalten an den Tag legen. Er ist eben ein Mann, der jeden Tag aufwacht, um denselben Tag wieder zu erleben und er ist ein Mann, der verloren durch Amerika reist und seine Ex-Geliebten abklappert. Er ist sich immer bewusst, was er ist; und zwar weiß er, dass er nie wissen wird, was er ist (und er ist selten damit zufrieden, aber dafür geben ihm die Drehbücher ja dann Engel-nicht umsonst ist er die Idealbesetzung für die wiederholte Verfilmung von Dicken’s A Christmas Carol gewesen) und das gibt ihm keine Kraft, aber ein tiefes Verständnis für das Leben. Seine häufige Zusammenarbeit mit Wes Anderson zeigt genau diese Neigung, nur auf einem absurderen Level. Menschen, die träumen sind bei Anderson immer die größten Pessimisten. Und so ist es auch bei Bill Murray und Lost in Translation.

Weiter geht es mit Christoph Waltz und Inglorious Basterds.

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