Quen­tin Taran­ti­no und Guy Rit­chie sind zwei Fil­me­ma­cher, die gera­de in jugend­li­chen Krei­sen einen enorm hohen Beliebt­heits­grad haben. Ihre Fil­me wir­ken kraft­voll, offen­siv und gehen nach vor­ne. Bei­de haben ein sehr offe­nes Ver­hält­nis zu Gewalt und bei­de war­ten mit einer unheim­li­chen Dich­te an Kult­songs auf, die sie in ihre Fil­me inte­grie­ren bzw. um die sie ihre Fil­me auf­bau­en. Auch ver­wen­den sie bei­de häu­fig Non­sen­se-Dia­lo­ge und erlau­ben sich sti­lis­ti­sche Extra­va­gan­zen, wie plötz­li­che Free­ze­Frames, Zeit­lu­pen oder Zeit­raf­fer, ein­ge­blen­de­te Titel oder offen­sicht­li­che Remi­nis­zen­sen an ande­re Fil­me. Schwar­zer Humor, schrä­ge Cha­rak­te­re und eine augen­schein­li­che Abnei­gung gegen chro­no­lo­gi­sches Erzäh­len kom­plet­tie­ren die Gemein­sam­kei­ten zwi­schen dem Eng­län­der Guy Rit­chie, der einen hohen bri­ti­schen Wie­der­erken­nungs­wert in sei­nen Fil­men trans­por­tiert und dem Ame­ri­ka­ner Quen­tin Taran­ti­no, der das Selbst­ver­ständ­nis von ame­ri­ka­ni­schem Film auf­saugt, bear­bei­tet und dem Publi­kum entgegenschleudert.

Taran­ti­no am Set von Djan­go Unchained

Rit­chie am Set von Sher­lock Holmes

Den­noch reicht Rit­chie lan­ge nicht an die Klas­se von Taran­ti­no her­an. Taran­ti­no ist ein Filmregis­seur; sei­ne Bil­der sind Kino, sie haben eine Kino­ä­st­ethik und sei­ne Art zu Erzäh­len ist nach­voll­zie­bar, betont etwas Grö­ße­res, als das Bild selbst. Sei­ne Cha­rak­te­re drän­gen ihren Humor nicht durch Poin­ten und plat­te Sprü­che auf, son­dern durch ein Gesamtkonzept.

All das gibt es in Rit­chie-Fil­men nicht. In einer Kri­tik der NY Times zu «Lock, Stock and Two Smo­king Bar­rels» bringt es Janet Mas­lin auf den Punkt:

The pun­chy litt­le flou­ris­hes that load this Eng­lish gangs­ter film with atti­tu­de are per­fect­ly wel­co­me, becau­se there’s no honest, sub­stan­ti­al part of the movie they can hurt. 

Taran­ti­no mag auch kei­ne inhalt­li­che Sub­stanz haben, aber er hat eine cine­as­ti­sche Sub­stanz. Dage­gen ist Guy Rit­chie ein Wer­beregis­seur, mit einer Musik­vi­deo­äs­the­tik, die unter einem coo­len Look schlicht und ergrei­fend nichts ver­steckt. Im Gegen­satz zu etwa Michel Gon­dry, der neben sei­ner visu­el­len Ideen­fin­dung auch im nar­ra­ti­ven Bereich unheim­lich krea­ti­ve Wege geht, ver­liert sich Rit­chie in sei­nem Cre­do «Style over Con­tent», weil er ver­gisst, dass die bei­den untrenn­bar zusam­men­hän­gen. Schrei­en Musik­an­sät­ze bei Taran­ti­no förm­lich nach der Sicht­bar­ma­chung des Autoren, sind sie bei Rit­chie nur schmü­cken­des Bei­werk. Taran­ti­no hat eine merk­li­che Ent­wick­lung durch­ge­macht von «Reser­voir Dogs» bis «Ing­lo­rious Bas­ter­ds», woge­gen Rit­chie sich von «Lock, Stock and Two Smo­king Bar­rels» bis zu «Rock­nRol­la» zunächst kaum ent­wi­ckelt hat und dann ins Block­bus­ter-Milieu zu wech­seln mit «Sher­lock Holmes».Ritchie bil­det einen Sog, der ähn­lich funk­tio­niert wie ein Video­spiel: Inter­es­siert man sich und lässt man sich dar­auf ein, kann man für Stun­den dar­in ver­schwin­den und alles geni­al fin­den; betrach­tet man es von Außen, weiß man über­haupt nicht, was dar­an toll sein soll. Man muss einen Rich­tie-Film schon lie­ben, bevor er beginnt, damit man ihn dan­nach auch für gut befin­den kann.

Lock, Stock and Two Smo­king Barrels

Death Pro­of

Die­ses zum Teil leicht unmo­ti­viert anmu­ten­de Durch­ein­an­der­wer­fen von Ein­flüs­sen und die­ser Musik­vi­deo­style kom­men den­noch sehr gut an. Guy Rit­chie-Fil­me erin­nern eben ans Fern­se­hen- und Video­spiel­zeit­al­ter (also das Zeit­al­ter, indem mei­ne Gene­ra­ti­on (ca.20) Kin­der waren) , er weiß genau, was er macht. Außer­dem könn­te man sei­ne Art zu Erzäh­len wohl­wol­lend auch als vir­tu­os bezeich­nen, wie er völ­lig absur­de, bana­le und schein­bar weit ent­fern­te Plot­tei­le inein­an­der ver­webt, ist jedes­mal wie­der respekt­ein­flö­ßend. Guy Rit­chie ist wie Nach­mit­tags den Fern­se­her ein­zu­schal­ten. Es kann inter­es­sant sein, span­nend, lus­tig, kurz­wei­lig. Min­des­tens ist es bunt und es gibt ein paar coo­le Sprü­che und Sze­nen. Sei­ne Fil­me sind fast mehr für das Heim­ki­no gemacht, als für das gro­ße Kino in der Stadt. Aber es kann kein cine­as­ti­sches Erleb­nis sein, wie bei Taran­ti­no. Ein wich­ti­ger Fak­tor dies­be­tref­fend ist auch der Umgang mit der Zeit. Bei Rit­chie kann es oft gar nicht schnell genug sein, wil­de Plot­twists, rasend schnel­le Dia­lo­ge und eine hohe Schnitt­fre­quenz. Taran­ti­no lässt sich dage­gen Zeit. Er lässt sei­ne Bil­der atmen, lässt dem Zuse­her Zeit sie zu lesen. 

Aber viel­leicht braucht es heu­te auch kein Kino mehr? Viel­leicht ist Taran­ti­no ein ange­staub­ter Fil­me­ma­cher aus einer längst ver­ges­se­nen Zeit, der jetzt einen Spa­ghet­ti-Wes­tern dreht und Guy Rit­chie, der sich dem Main­stream ange­schlos­sen hat und Sequels ins Kino bringt und sich einem Stoff unter­ord­net und mit eige­nen Ein­flüs­sen gar­niert, der Musik­vi­de­os in Film­län­ge dreht, ist ein Fil­me­ma­cher unse­rer Zeit. Viel­leicht sind bei­de Fil­me­ma­cher nicht wirk­lich rele­vant, son­dern nur Teil einer län­ger anhal­ten­den Modeerscheinung.