„War­um nicht ins Kino gehen?“, fragt der retro­spek­tiv als Post-68er-Por­trait ver­stan­de­ne „Rote Son­ne“ von Rudolf Thome an einer Stel­le und damit wird schnell die Ambi­va­lenz aus Akti­on und Pas­si­vi­tät deut­lich, die sich durch den gan­zen Film hin­durch zieht. Ein Mei­len­stein der (deut­schen) Kino­ge­schich­te. War­um nicht, lie­ber deut­scher Film ist man den Wegen von Thome um 1970 wei­ter gefolgt? Wim Wen­ders hat bekann­ter­ma­ßen „Rote Son­ne“ als ers­ten deut­schen Spiel­film beschrie­ben, als den Film mit dem ein deut­sches Kino beginnt. Doch inzwi­schen hat „Rote Son­ne“ den (bun­ten) Anstrich des letz­ten deut­schen Films bekom­men. Wo wür­de es in die­sem Land heu­te noch so einen Film geben? Auf einer ande­ren Ebe­ne muss man sich aber fra­gen, ob der Film wirk­lich eine deut­sche Spra­che spricht. 
Irgend­wo zwi­schen Jean-Luc Godards flä­chi­gen und bun­ten Bil­dern, phi­lo­so­phi­schen Non­sen­se-Dia­lo­gen, der Cool­ness diver­ser Hol­ly­wood­fil­me und einer baye­ri­schen Note („Lass uns zum Starn­ber­ger See fah­ren.“) ent­fal­tet sich ein gro­tes­kes Unter­hal­tungs­spiel, das immer zugleich Freu­de macht und zu irri­tie­ren weiß. Dabei sind die Bil­der von einer unheim­li­chen cine­as­ti­schen Wucht in ihrer Far­ben­pracht und in der Art, wie sie mon­tiert wur­den. Tho­mas, eine Mischung aus einer noch betrun­ke­ne­ren Ver­si­on von Mick Jag­ger und Mal­com McDo­well gespielt von Mar­quard Bohm, einem der Gesich­ter die­ser aus­ge­stor­be­nen Kino­gat­tung, gerät über eine alte Lie­be in eine Woh­nung vol­ler Frau­en, die alle ihre Freun­de und Bekannt­schaf­ten nach maxi­mal fünf Tagen umbrin­gen. Einen rich­ti­gen Grund scheint es nicht zu geben außer einer poli­ti­schen Mes­sa­ge und dem ewi­gen Geschlech­ter­kampf. Dabei lässt sich der Film trotz einer schein­bar sehr stren­gen, die Räu­me durch­drin­gen­den Auf­lö­sung Luft für Frei­heit und Leer­läu­fe, die man häu­fig so sehr ver­misst im moder­nen deut­schen Kino: Tanz­sze­nen, all­täg­li­che Dis­kus­sio­nen und Dahin­ge­sag­tes. Es ist ein Trei­ben durch die Hand­lung, die zum Neben­schau­platz wird, so wie die Schüs­se merk­wür­dig fern wir­ken. Thome schnei­det in die Kino­land­schaft wie er sei­ne Frau­en in die Kör­per ihrer Gelieb­ten schie­ßen lässt. Dabei folgt er schein­bar sei­nen Instink­ten, lässt sei­ner Lie­be zu sei­ner Haupt­dar­stel­le­rin in sei­nen Bil­dern frei­en Lauf. Der Film ist auch immer ein Flirt mit dem Zuse­her und sei­nen Erwar­tun­gen. Explo­sio­nen, Sex und Gewalt. Die Schluss­se­quenz am Starn­ber­ger See ver­bin­det Lie­be, Gewalt, Humor, Span­nung und die Zeit. Sie ist Kino und gleich­zei­tig ist sie alles, was dem Kino fehlt.
Die gan­ze Zeit über scheint reflek­tiert zu wer­den, aber dar­über wird nicht wirk­lich gespro­chen. Coo­le Sprü­che über­brü­cken das Nach­den­ken. Bil­der, Schau­spie­ler und Musik schei­nen sich der Hand­lung zu wider­set­zen, schei­nen fast kei­ne Lust auf die Geschich­te zu haben. Es ist eben nicht nur ein Fest des Kinos, son­dern eine Pro­test­ak­ti­on gegen das Kino an sich in den Film ein­ge­schrie­ben und viel­leicht liegt dar­in eine deut­sche Note. War­um Wen­ders aber einen Film, der so sehr mit inter­na­tio­na­len Ein­flüs­sen arbei­tet als ers­ten deut­schen Spiel­film bezeich­net, erschließt sich mir nicht ganz. Es ist eher eine deut­sche Varia­ti­on auf die Nou­vel­le Vague. Nicht umsonst könn­te man den „Rote Son­ne“ aus heu­ti­ger Sicht mit Quen­tin Taran­ti­nos „Death Pro­of“ ver­glei­chen. Bei Taran­ti­no wäre es ja auch ziem­lich merk­wür­dig zu ver­su­chen ihm einen natio­na­len Anstrich zu geben. Viel­leicht muss man Wen­ders For­mu­lie­rung also als Auf­schrei ver­stan­den wis­sen, dass es eben auch in Deutsch­land die­se Art Film geben kann. Und damit hat er wohl mehr als Recht, wie er nicht zuletzt selbst bewie­sen hat. Fast asso­zia­tiv wir­ken die Dia­lo­ge, manch­mal hat man das Gefühl Thome lässt sei­ne Cha­rak­te­re das sagen, was ihm just in dem Moment ein­ge­fal­len ist. Manch­mal lässt er sie Bedeu­ten­des sagen, vie­les im Film ist ein Zitat. Schnell wer­den sol­che Fil­me dann als Kult bezeich­net. Aber wor­in liegt nun die Bedeu­tung von „Rote Son­ne“ und wor­in liegt sei­ne genu­in deut­sche Relevanz?
Erstaun­lich scheint mit tat­säch­lich die Poli­tik zu sein, die in den Film hin­ein­in­ter­pre­tiert wird. Mei­ner Beob­ach­tung nach und auch Aus­sa­gen von Thome fol­gend ist der Film völ­lig unpo­li­tisch, pro­tes­tiert schon fast gegen Poli­tik per se. Es ist ein Por­trait von Under­state­ment, Bana­li­tät und Per­spek­tiv­lo­sig­keit. Para­dox dar­an ist natür­lich, dass der Film dadurch eine poli­ti­sche Note bekommt. Der Film zeigt, dass dem Unpo­li­ti­schen immer etwas Poli­ti­sches bei haf­tet. Schließ­lich könn­te es kei­nen selbst­be­zo­ge­ne­ren, mehr außer­halb der Gesell­schaft leben­den Prot­ago­nis­ten geben als Tho­mas. Hier­in zeigt sich auch, dass Thome zwar eine ästhe­ti­sche Beein­flus­sung von Godard nicht leug­nen kann, aber lan­ge nicht des­sen poli­ti­sche Selbst­ver­liebt­heit an den Tag leg­te. Ein deut­scher Film also, weil er unpo­li­tisch ist? Natür­lich schwingt noch eine ande­re poli­ti­sche Note mit und zwar eine femi­nis­ti­sche Note. Damit greift Thome wohl tat­säch­lich Bewe­gun­gen sei­ner Zeit auf. Nur selbst die­se Bewe­gun­gen waren kei­ne exklu­siv deut­schen Dis­kur­se. Fran­zö­si­sche Ästhe­tik, ame­ri­ka­ni­sche Cool­ness und inter­na­tio­na­le Poli­tik ergibt also einen deut­schen Film? Oder gibt/​gab es genau das dem deut­schen Film, was die­sem abhan­den gekom­men war/​ist?
In einer von The­men­fil­men regier­ten Kino­land­schaft erscheint ins­be­son­de­re der Non­sen­se so befrei­end. Die Beto­nung von Kino­äs­the­tik und Bil­dern befreit ver­krus­te­te Kor­rekt­heit. „Rote Son­ne“ ist sicher­lich ein wich­ti­ger Film in der Kino­ge­schich­te und er ist es ins­be­son­de­re in der deut­schen Kino­ge­schich­te, weil er eine Nou­vel­le Vague-Spra­che in ein deut­sches Set­ting über­trägt und damit einen gro­ßen Schritt in die Moder­ne wagt. Es war/​ist also mög­lich die­sen Stil im deut­schen Kino zu fah­ren. Thome schlägt damit die Brü­cke zwi­schen den Ober­hau­se­nern gegen die er eigent­lich pro­tes­tier­te und einer zwei­ten Deut­schen Wel­le mit den Ästhe­ti­kern Her­zog und Wen­ders an der Spit­ze. Die Hand­lung ist immer Teil ihrer eige­nen Ver­wei­ge­rung, nichts scheint ger­ne gemacht zu wer­den im Film, aber alles pas­siert doch. Damit löst sich der Film von einer stu­pi­den, auch oft poli­ti­schen Hand­lungs­be­zo­gen­heit, die ja ach so ent­schei­dend ist für das Gelin­gen eines Films. Die Cha­rak­te­re haben sich von sich selbst ent­frem­det und auch vom Zuse­her kom­men die­sem dadurch erstaun­li­cher­wei­se näher. Die Befrei­ung eines Kinos bemerkt man erschre­cken­der­wei­se immer noch, wenn man den Film 43 Jah­re nach sei­ner Ver­öf­fent­li­chung sieht. Wür­de der Film heu­te ins Kino kom­men, könn­te Wen­ders fast schrei­ben, dass es sich um den ers­ten deut­schen Spiel­film handelt.Vielleicht spricht die­ser Film aber auch ein­fach eine Kino­spra­che und kei­ne natio­na­le Sprache.