Seehundwürde

Du hast ihn nie spielen sehen, für dich ist er ein älterer Verrückter, der fast von der Tribüne fällt, unkontrolliert von einer Trainerbank aufspringt oder bei Benefizspielen seinen viel zu schweren Körper über den Platz schleppt. Du hast ihn nie spielen sehen, für dich ist er Boulevard, Exzess, eine Welt, die du dir nicht vorstellen kannst. Du hast ihn nie spielen sehen, aber sein Name klingt auch in deinen Ohren: Maradona. Diego Maradona. Diego Armando Maradona. Einer, der nie wirklich aus irgendeiner Zeit stammte, einer, der die Zeit prägte, der die kommende Zeit veränderte. Einer, bei dem selbst die kühlsten nordischen Gemüter das „R“ rollen, weil in seinem Namen bereits die Leichtigkeit, ja Poesie des Fußballspiels enthalten ist.

Wie bei einem Seehund gibt es bei diesem Maradona das Leben an Land (unbeweglich, schrecklich anzusehen) und im Wasser (pure Eleganz und Würde). Wie bei einem Seehund muss es Land und Wasser im Leben geben. Du hast ihn nie im Wasser gesehen, aber du hast davon gehört, wenn dir andere erzählten, du hast ungläubig Ausschnitte von ihm gesehen, später auch Clips auf Youtube, aber du hast nie ein ganzes Spiel mit ihm gesehen…wie hat er sich bewegt? Ist er gelaufen oder nur mit Ball? Du glaubst zu wissen, dass der Fußball kaputt ist und dass das, was er heute noch geben kann aus verblassenden Erinnerungen besteht. Identifikationen, die die Alten an die Jungen weitergeben, ein alter Wimpel ganz zerfressen von Motten und vielleicht die immer gleiche Erzählung von einem Tor, einer Verletzung oder dem Tag an dem man es selbst hätte schaffen können.

Dass ein Trikot mit der Nummer 10 etwas bedeutet, scheint lachhaft, wenn man sieht welche Spieler diese Nummer heute tragen. Du weißt, dass Jugendspieler für jedes Dribbling gescholten werden, weil die Mechaniker dieses Sports einen immer schneller werdenden, immer körperlicher werdenden Rhythmus suchen, einen bei dem am Ende immer die Effizienz steht, nie der Ruhm. Bei Maradona ging es um den Ruhm. Die höchsten Höhen, die tiefsten Tiefen, alles Ruhm. Maradona wurde nicht von dem Kapitalismus regiert, der heute fast alle Spieler zu Marionetten macht, zu Managern, die so gezüchtet scheinen, dass sie auch ohne Herkunft sein könnten; ohne Fremdheit, sie funktionieren einfach, man ist froh um jeden Spieler, der sich unwohl fühlt in einem neuen Verein, am Druck zerbricht oder etwas sagt, was er nicht auch in der Werbung von sich gibt.

Maradona hat natürlich auch Werbung gemacht, für Dosenbier oder Fast-Food-Ketten zum Beispiel. Er hat die schönsten und die hässlichsten Seiten eines Sports offenbart, der spätestens mit ihm und an ihm seine emotional überwuchernde Zerstörungswut vollkommen entfaltete: an einem Menschen, der nur spielen wollte (oder konnte), als politische, gesellschaftliche, religiöse Waffe, die alles übertüncht, die Kriege nachspielt, Verbrechen und Korruption inspiriert und eine Blindheit vor den eigentlichen Problemen in der Welt verankert, sodass wir uns alle freuen können, wenn die Kinder aus den Slums in Buenos Aires, die armen Bettler Neapels oder sonst irgendwelche „Benachteiligten“ endlich ihre Gerechtigkeit erfahren, wenn auch nur für 90 Minuten. Ja dann können wir die Augen schließen und trauern über einen Mann, der viele Menschen glücklich machte. Denn das eigentliche Herz des Fußballs, dass wie eine romantische Pandorabüchse von Generation zu Generation weitergetragen wird, das von jenen genährt wird, die das Spiel so sehr lieben, dass daraus eine Bindung entsteht, die Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Eleganz, der Wahnsinn, die Ungerechtigkeit, der Mythos, das alles ist Diego Armando Maradona.