Eine unbe­kann­te Stadt durch­wan­dernd mer­ke ich: es ist die Stadt, die den Rhyth­mus der Schrit­te dik­tiert, sie am Kino vor­bei ihre Stra­ßen hin­un­ter­pumpt. Die Art mei­nes Gehens, mei­nes gehend Erfor­schens wird von ihr auf­ge­zwun­gen und unter­schei­det sich je nach Stadt. Unser Schritt kann nicht als Scha­blo­ne gel­ten, an unter­schied­li­chen Orten ange­setzt, so mes­send, prü­fend, ver­mer­kend; der Schritt als fixier­te Ein­heit, die sich dem zu Mes­sen­den auf­drückt, es gar maß­re­geln will, Abstän­de für zu groß, zu klein befin­det. Unser Schritt muss sich anpas­sen, anschmie­gen an die Stadt, ihre Abstän­de, ihren Rhyth­mus: muss sich syn­chro­ni­sie­ren. Der Schritt, die Stadt zunächst unter­wer­fend, gerät zur Stadt selbst; der urtei­len­de Schritt ent­le­digt sich sei­nes Urteils und muss sich statt­des­sen selbst recht­fer­ti­gen, ver­sucht, sei­nem Beur­teil­ten gerecht zu werden.

Die Schrit­te, ein­mal in den Bann der Stadt gebracht, die sie sich ein­ver­leibt, zu den Ihri­gen umwan­delt, las­sen sich nun von ihr len­ken; sie steu­ert und über­nimmt die Ent­schei­dun­gen, die sich auf­drän­gen. Sie bestimmt die Geschwin­dig­keit der sie Durch­wan­dern­den, bestimmt, wo zu ras­ten und wo zu beschleu­ni­gen sei, wo umzu­keh­ren und wo inne­zu­hal­ten; sie lässt Füße sich tief in den Boden gra­ben, schwer, dar­in ver­sin­kend, abkni­ckend; oder lässt drü­ber schwe­ben, drü­ber hin­weg­fe­gen, ihn kaum berüh­rend; lässt ihn sanft abtas­ten, sei­ne For­men, sei­ne Kan­ten, Del­len lieb­ko­send, oder ihn grob, unwirsch durch­prü­geln, zer­tre­ten, durch­lö­chern, als wären die Füße stäh­ler­ne Waf­fen, die wütend sich ein­schnit­ten, ein­ritz­ten. Ange­trie­ben von der Stadt – ihren Alleen, Märk­ten; ihren Grün­flä­chen, brö­ckeln­den oder ste­ri­len Fas­sa­den, Fens­tern und Jalou­sien, die da zure­den; ihren Ver­bin­dungs­we­gen, Bau­stel­len, Sitz­flä­chen, Hoch­häu­sern, Geh­stei­gen; ihren Men­schen, ihrem Wet­ter – streunt man dann ent­we­der Haupt­stra­ßen ent­lang, durch­quert weit­läu­fi­ge Indus­trie­area­le oder hält sich viel­mehr an Schleich­we­ge, an ver­bor­ge­ne, ver­lo­re­ne Ecken; bewun­dert jenes End­lo­se, Aus­schwei­fen­de, umge­ben von geschäf­ti­gem Knat­tern und Dröh­nen, unun­ter­bro­che­nem Wer­keln und Rum­peln, oder bewun­dert die­ses uner­war­tet Einsäu­men­de, Stil­le, Inti­me, das sich hier plötz­lich eröff­net, beglei­tet viel­leicht von Vogel­ge­sang oder lei­sem, unheim­li­chen Rau­schen, Säu­seln und Gemur­mel, das einem der Wind zuträgt.

Zu Fuß erkun­det bewegt sich die Stadt, wäh­rend sie still­steht. Ihr Pochen kommt in unse­rem Bewe­gen zum Aus­druck, ihre Lebens­adern arti­ku­lie­ren sich in unse­rem Abschrei­ten; zugleich aber ver­än­dert sich ihr Bild für uns von Schritt zu Schritt kaum. Ihr Anblick bleibt nach einem ihrer Puls­schlä­ge, nach einem unse­rer Schrit­te fast der­sel­be. Ein Schritt in der Stadt ist gleich dem Auf­ein­an­der­fol­gen zwei­er Ein­zel­bil­der im Film: er ergibt mehr vom sel­ben, aber anders. Eine Ansicht weicht der nächs­ten, erneu­er­ten, sel­ben. Ein Bild aktua­li­siert sich, birgt sei­nen Nach­fol­ger in sei­ner Wie­der­ho­lung; ohne die­se Wie­der­ho­lung wäre es nicht als Bild erkenntlich.

Nicht nur des­we­gen ist der Film die Stadt. Jenes beschrie­be­ne Ein­ver­lei­ben, Syn­chro­ni­sie­ren, Len­ken, Mani­pu­lie­ren, für sich Ver­ein­nah­men: es ist die glei­che Ope­ra­ti­on, die ein Film uns gegen­über wahr­nimmt. Das spon­ta­ne Urteil des Auges, wel­ches ein Bild zunächst mes­sen und maß­re­geln will, ent­fällt, sobald das Sehen zum Bestand­teil des Fil­mes wird, sobald das Sehen ihm gerecht zu wer­den hat; ein star­res, ver­krus­te­tes Sehen weicht einem elas­ti­schen Sehen. Der Film steu­ert die Art sei­nes Abge­tas­tet­wer­dens; bestimmt, wo sich der Blick ver­fängt, ver­hed­dert, und wo er flüch­tig nur hin­weg­haucht, unru­hig nach Fort­set­zung gei­fernd. Jeder Film hat sei­ne Alleen, prun­ken Fas­sa­den: schaut her!, die sich in unse­rem Blick son­nen, sich woh­lig dar­in wäl­zen und gar nicht genug davon bekom­men kön­nen; eben­so sei­ne ver­bor­ge­nen Win­kel, kaum betre­ten, mit san­di­gem Unter­grund, von Pfüt­zen durch­setzt; und er bestimmt, wie er uns hin- und her­trei­ben mag von Allee zu Ver­win­ke­lung; bestimmt, ob die Zeit reicht, zu ras­ten, oder ob die Distan­zen so groß sind, dass wir zügig vor­an­zu­trei­ben brau­chen; ob wir vor­an­stol­pern, panisch viel­leicht ins Ren­nen gera­ten, dazu ver­an­lasst, ihm zu miss­trau­en, hilf­los einen Ori­en­tie­rungs­punkt suchend, den er uns mit­lei­dig gönnt oder hämisch ver­wei­gert. Er bestimmt, ob wir uns in ihm ver­lie­ren sol­len oder ob er nichts als Weg­wei­ser, als Leucht­röh­re ist, von weit­her strah­lend, ein Strah­len aber, das mit­un­ter wun­der­schön oszil­liert, und dem wir uns bereit­wil­lig hin­ge­ben, betört.

Der Schritt in der Stadt beschreibt also sowohl die Sak­ka­den des Auges, das sich Ent­lang­han­geln und Ori­en­tie­ren an einem dar­ge­bo­te­nen Bil­der­strom, als auch den Zwi­schen­raum zwei­er Bil­der auf einem Filmstreifen.