Stand by Me von Rob Reiner

1982 erschien Stephen Kings Novelle „The Body“ als Teil des Sammelbands „Different Seasons“. Dieser Band war einer der ersten Abstecher Kings ins tragische Fach. Bis dahin war er in erster Linie als Horrorautor bekannt. Drei der Kurzgeschichten in „Different Seasons“ wurden zu Spielfilmen adaptiert. Zuletzt Apt Pupil von Bryan Singer im Jahr 1998, vier Jahre zuvor The Shawshank Redemption von Frank Darabont. Zuallererst aber „The Body“ – und zwar schon 1986 unter dem Titel Stand by Me von Rob Reiner.

Jerry O'Connell in "Stand by Me"

Rob Reiner wurde wie Stephen King 1947 geboren. 1959 waren sie also beide zwölf Jahre alt. Im Sommer 1959 spielt auch Stand by Me, dessen vier Hauptcharaktere in etwa zwölf, dreizehn Jahre alt sind. Es ist nicht allzu verwegen, darin eine (auto-)biographische Note zu erkennen. Der New Yorker Rob Reiner, der es in den 1970er Jahren als TV-Darsteller zu Prominenz gebracht hatte, versucht sich hier am Coming-of-Age-Genre. Nach der Kult-Mockumentary This is Spinal Tap und der Teenie-Romanze The Sure Thing, war Stand by Me sein dritter Spielfilm als Regisseur, und abermals betrat er neue Pfade (Reiners Folgefilme wie die Meta-Märchengeschichte The Princess Bride, die romantische Komödie When Harry Met Sally und das Gerichtsdrama A Few Good Men führten den eklektischen Pluralismus in seiner Filmographie fort).

In Retrospektive kann man Reiner nur zu seinen Castentscheidungen gratulieren. Alle vier jugendlichen Hauptdarsteller sollten sich zu Teenie-Stars der 80er entwickeln. Die Hauptrolle des Gordie spielt Wil Wheaton (später als Wesley Crusher in „Star Trek: Next Generation“ berühmt geworden), seinen besten Freund Chris spielt River Phoenix, dessen tragisches Ende wohlbekannt ist (und dessen Rolle hier auf unheimliche Art und Weise seinen weiteren Lebenslauf erahnen lässt). Komplettiert wird die Gang durch Corey Feldman und Jerry O’Connell als Teddy und Vern.

Diese vier bilden eine sehr heterogene Gruppe. Gordie ist zurückhaltend, nerdig, schüchtern, Chris ein geborener Leader, frühreif aber ein Problemkind. Teddy ist ein cholerischer Hitzkopf und Vern ein adipöser Clown. Was diese vier so unterschiedlichen Charaktere verbindet wird im Laufe des Films nicht klar. Das wäre an und für sich kein Problem, denn die Thematik des Films passt eigentlich sehr gut zur Ausschnitthaftigkeit und Irrationalität kindlicher Verhaltensweisen. Der Film erhebt allerdings Anspruch auf Vollständigkeit. Einerseits durch seine Rahmung – der erwachsene Gordie erzählt die Geschichte als Flashback, andererseits durch seine konventionelle Struktur und sein dramaturgisches Korsett.

Kiefer Sutherland, Corey Feldman und Wil Wheaton

An und für sich trifft Reiner die Atmosphäre eines prä-pubertären Abenteuers sehr gut. Die vier machen sich auf eine zweitätige Wanderung, weg aus dem Provinznest Castle Rock, um den Leichnam eines vermissten Gleichaltrigen zu finden. Von diesem „Body“ hat Vern erfahren, als er ein Gespräch seines großen Bruders belauscht hat. Dessen Gang (angeführt von einem jungen Kiefer Sutherland) macht sich schließlich auch auf den Weg den Leichnam zu finden und zu bergen (und damit zu medialen Stars des Provinzkaffs zu werden).

Der tote Ray Brower dient aber eigentlich bloß als MacGuffin. Der Weg ist (wie so oft) das Ziel. Behutsam, wenn auch nicht allzu subtil arbeitet Reiner die Biographien der jungen Problemkinder auf. Chris kommt aus einer Unterschichtsfamilie und hat wenig Perspektiven Castle Rock jemals zu verlassen und nicht auch auf die schiefe Bahn zu geraten. Teddys Vater ist seit seinem Einsatz im 2. Weltkrieg ein Fall für die Irrenanstalt. Gordie wiederum leidet unter dem Unfalltod seines älteren Bruders Denny (in kitschig-überbelichteten Flashbacks von einem jungen John Cusack verkörpert) und der schlechten Beziehung zu seinem Vater. Das kleine Abenteuer (aus der Sicht der Jugendlichen ist es ein großes) wird also zur therapeutischen Aktivität, zum einschneidenden Erlebnis im Leben vier junger Burschen.

Die vier Jungs in "Stand by Me"

In Punkto Atmosphäre trifft Stand by Me sowohl den Nerv des jugendlichen Lebensgefühls als auch den Nerv seiner Zeit. Dies geschieht vor allem durch die großartige Auswahl an Popsongs der späten Fünfziger und durch das detaillierte Production Design. Reiners erzählerische Mittel sind aber ganz dem konventionellen Hollywoodkino zuzuordnen. Dies äußert sich in den teils Erzählinstrumenten, denen er sich bedient und in der erzwungenen Struktur des Films. Ein Film wie Stand by Me verlangt nach einer mäandernden Erzählform, nach Freiheit und offener Dramaturgie – Reiner presst die Geschichte in einen konventionellen Spannungsbogen und behilft sich dabei immer wieder kinematischer Kunstgriffe. Da hilft es auch nicht wenn zu diesen Kunstgriffen atemberaubende Establishing Shots zählen, in denen er die Buben vor dem Hintergrund der imposanten Landschaft des pazifischen Westens ablichtet oder sie mit Handkamera durch den Wald begleitet. In diesen Momenten zeigt der Film Potential, das er nie ganz ausschöpft. Es fehlt der Mut zum Extraordinären, wie so oft bei Hollywoodfilmen. Hier stößt Kreativität auf kommerzielle Interesse und die Feigheit der Produzenten. Aus diesem Grund zählen zwar Reiners Filme (zumindest seine frühen) zum filmgeschichtlichen Kanon, aber der Regisseur Reiner nicht zu den großen Filmautoren.

Das soll heißen, dass Stand by Me ein schöner, berührender und auch tiefschürfender Film ist, der jedoch noch schöner, berührender und tiefschürfender sein könnte.

Möchtest du keinen Artikel mehr verpassen? Dann melde dich für den Newsletter an!

[mc4wp_form]

Kommentar abgeben