Der Sessel im Gartenbaukino

Gartenbaukino, innen / Detailaufnahme von gepolsterten Kino-Klappsesseln (Lucca Chmel / Robert Kotas, 1961) Quelle: ÖNB, Bildarchiv Austria, CHM 2338.

Man kennt ihn. Nach einer halben Stunde, also etwa nach Ende des ersten Aktes, macht er sich bemerkbar. Manchmal aber auch schon direkt nachdem man Platz genommen hat. Jedenfalls immer dann, wenn man es sich gerade richtig gemütlich machen will. Ein hölzerner oder vielleicht stählerner Balken drückt sich allmählich durch das Polster auf den Rücken, während gleichzeitig die Knie davor an die Rückwand des vorderen Stoßen. Das alles, nachdem der Kampf um die Armlehne befriedet wurde. Mit ein wenig Glück hat man freie Sicht. Meistens jedoch verdeckt ein Hinterkopf einen nicht unwesentlichen Teil des Bildes. Wenig später schafft es noch ein Nachzügler in den Saal. Missmutig erhebt sich eine Gruppe, von zehn Personen. Eine unruhige Mischung aus Peinlichkeit und Empörung macht sich breit. Doch bald sind die Wogen wieder besänftigt. Irgendwie gehört das ja auch dazu.

Das letzte Mal als ich das Vergnügen mit den Sesseln des Gartenbaukinos hatte, liegt schon ein paar Monate zurück. Ich sah mir den neuen Film von Hong Sang-soo, Domangchin yeoja während der Viennale an. Es war eine Spätvorstellung und ich hatte an diesem Tag gearbeitet, war also entsprechend müde. Dankbarer Weise ließen mich der Sessel nicht schlafen, vielleicht war es aber auch der Kaffee, den ich zuvor noch trank. Der Saal war nahezu leer, geradezu ausgebrannt. Er vermittelte den Eindruck, als hätte auch er unter den Strapazen des Festivals gelitten. Die vielen Menschen, die mir noch im Foyer entgegen strömten, hatten ihren Abdruck hinterlassen. Sang-soos Film endete im Kino. Es war ebenso leer, wenngleich steriler als das, in dem ich mich befand. Ein paar Tage später unterhielt ich mich mit Kollegen über den Film. Ich kam nicht umhin, mich über die Sitze zu beschweren. Lächelnd stimmte man mir zu.

Seitdem ist einiges geschehen. Die sterile, gähnende Leere aus Sang-soos Film hat gänzlich auf die Säle der Stadt umgegriffen. Der Angst, die die Kinolandschaft noch im Frühjahr 2020 erfüllte, ist einer Resignation gewichen. Es ist still geworden und die Zukunft ungewiss. Doch nicht für das Gartenbaukino. Ein paar Wochen nachdem die Kinos wieder schließen mussten, las ich eine Meldung, welche die Renovierung dieses altehrwürdigen Kinos ankündigte. Wie automatisch versuchte ich mich zu erinnern, wie es aussah, um dieses Bild für mich zu behalten. Ich hatte Sorge es nicht mehr wiederzuerkennen.

Ist es denn wirklich so schlimm um das Kino bestellt, dass das notwendig ist? Gibt es denn nichts wichtigeres für das Kino als eine Renovierung? Womöglich ist es doch notwendig. Auf Facebook startete vor einiger Zeit ein Aufruf nach Bildern der Sessel aus den 1960er Jahren. Nun ist März 2021 und von den siebenhundertsechsunddreißig Sesseln fehlt jede Spur.

Stattdessen öffnet das Haus seine Pforten für eine Pressekonferenz, welche die Planungsschritte der Sanierung vorstellt. Auf der Bühne stehen verloren ein paar Buchstaben der alten Leuchtreklame, dahinter mit Abstand Geschäftsführer Norman Shetler, die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Staatssekretärin für Kunst und Kultur Andrea Mayer und der Architekt Manfred Wehdorn. Nach den obligatorischen Zahlen hat Wehdorn das Wort. Er schildert das Konzept der Sanierung. So wolle man das Kino wieder in den ursprünglichen Zustand der 1960er Jahre versetzen. Damals, als die Zeiten nach den ‚schlimmen Kriegsjahren‘ endlich wieder ‚gemütlicher‘ wurden. Jene ‚schlimmen Kriegsjahre‘, von denen auch in den persönlichen Annalen des Gartenbaukinos, zwischen „Einbau der Tonanlage“ 1930 und „Übernahme der Kino-Konzession durch die KIBA (Kinobetriebsanstalt Ges.m.b.H)“ 1947 jede Spur fehlt. Man will zurück zu dem Kino, das Robert Kota 1954 umgestaltete. Dieser Robert Kota, der an einigen Projekten ab 1933 von Carl Wittmann (baute Theaterinnenausstattungen für Propagandazwecke und erhielt nach Ende des Zweiten Weltkriegs Berufsverbot) mitwirkten. [1] Es soll schließlich alles werden, wie es einmal zu Zeiten von Robert Kota war – damals, in der guten alten Zeit. Alles soll wieder in dem festlichen Ambiente und Glamour erstrahlen. Und das alles bis zur kommenden Viennale – „Das geht nicht anders!“

Ziel sei es in erster Linie die Technik zu erneuern und die Räume zu restaurieren. Dieses Vorhaben am denkmalgeschützten Objekt soll so gewissermaßen ein Paradebeispiel für die Zukunftsfähigkeit des Kinos sein, gleichwohl haben nicht alle Wiener Kinos dieses Privileg. Aber sieht so die Zukunft des Kinos aus? Leider behält Lars Henrik Gass womöglich schneller recht, als uns lieb ist, wenn er fordert, dass man das Kino nur in die Zukunft retten kann, indem man es zum Museum erklärt. Aber muss die Zukunft des Kinos in der Vergangenheit liegen? Das Kino ausgerechnet in einer Zeit zurückzuführen, als es noch nicht um seinen gesellschaftlichen Stellenwert bangen musste, lässt einen gewissen Zynismus durchscheinen, der vor der Realität die Augen verschließt und sich in eine sorgenlose Vergangenheit flüchtet. Es heißt von Seiten Shetlers, es zähle der Komfort. Der Komfort, der leider zu gut nach Wien passt, wo Kino nur für die Privatangelegheit der eigenen nostalgischen Sehnsüchte dient, wo Moderne nicht gelebt wird, sondern fetischisiert wird. Mir scheint, bald schon soll der Film beginnen, bevor der Projektor überhaupt angeschaltet wurde. In eben dieser glorreichen besungenen Zeit der 1960er Jahre hielt Christian Metz in den Cahiers du Cinéma fest:

„Die Summe der Eindrücke teilt sich nach Henri Wallon bei der Projektion eines Filmes in zwei völlig voneinander getrennte Reihen, die ‚visuelle Reihe‘ (d.h. den Film, die Diegese) und die ‚propriozeptive Reihe‘, d.h. das Bewusstsein vom eigenen Körper – und damit das der realen Welt –, das nur noch eine schwache Rolle spielt (nämlich dann, wenn man sich in seinem Sessel bewegt, um eine bessere Lage zu finden)“[2]

Gerade jetzt vermisse ich diesen unbequemen Sessel, der auf den Rücken drückt und einem mitteilt, dass man immer noch in irgendeinem Kino sitzt. Wenn man Filme wieder „kollektiv“ schauen und vor allem im Kino „streiten“ will, wie es Andrea Mayer in Aussicht stellte, dann sind die neuen Sitze wohl kaum eine Hilfe dafür, es sei denn, sie meinte mit „streiten“ gemütlich plauschen oder lästern. Eher will man, eine „Bindung“ zum Publikum herstellen. Diese Bindung gibt es, soviel Spätmoderne darf sein, bei Startnext zu erkaufen, kostet 360€ und sichert einem eine Sesselpatenschaft, die darin besteht, seinen Namen mit einer Plakette für fünf Jahre an einen Kinosessel anzubringen. Dies wird stolz am Ende der Pressekonferenz verkündet. Danach flimmert über den ORF-Livestream von der Pressekonferenz die Projektion des Kampagnen-Teasers auf der riesigen Leinwand des Gartenbaukinos  – ein bisschen wie das Ende in Sang-soos Film. Wo einst vor ein paar Monaten die Wiener Unterwelt vergangener Tage zu sehen war, sieht man nun zusammengetrommelt die Größen des österreichischen Films, um dort mit ihren Erinnerungen für das Kino herzuhalten, als wären sie Zeitzeug_innen einer längst vergangenen Epoche. Ob „Gartenbau Forever“ ein glücklicher Slogan für den Aufbruch in die Zukunft ist, wage ich zu bezweifeln. Es bleibt am Ende doch alles, wie es war.

[1] https://www.gartenbaukino.at/das-kino/die-geschichte-des-kinos.html. Im Online-Geschichtslexikon der Stadt Wien finden sich leider auch nur spärlich Information. Die einzige Notiz über die ominösen Jahre, war „eine Gedächtnisfeier für den verewigten Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß“. (https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Gartenbaukino)

[2] Christian Metz, „Zum Realitätseindruck im Kino“ in Semiologie übers. v. Renate Koch, München, Fink 1972, S. 30. Orig.: „A propos de l’impression de réalité du cinéma“ in Cahiers du Cinéma, Paris, de l’Étoile. – Nr. 166-167, Mai-Juni 1965, S. 75-82.

Die Fliege auf dem Rezensenten

Es kommt selten vor, dass sogenannten Rezensenten etwas peinlich ist. Gewisse Strömungen innerhalb ihrer Branche brüsten sich gar damit, dass ihnen gar nichts peinlich ist, ihre Texte sprechen da für sich. Dabei gäbe es viel, was den Rezensenten peinlich sein könnte. Zum Beispiel könnten sie zu spät zu einer Pressevorführung im Kino kommen oder in einem Anflug von Leichtsinn das falsche Buch gelesen haben. Sie könnten einen unvorteilhaft gekleideten Zuschauer im Theater für einen Teil des Szenenbilds halten, während des Konzertes einnicken oder aufgrund intimster Assoziationen eine falsche Interpretation an den Tag legen, etwa dass es in Hemmingways Hills Like White Elephants um eine Brustvergrößerung geht und nicht um eine Abtreibung. Er hätte ja auch einfach schreiben können, um was es geht, sagen dann die überraschten Rezensenten.

Inzwischen sind solche Fehler jedoch weniger üblich, schließlich gibt es im Internet oft bereits Rezensionen, die die Rezensenten lesen können und die sogenannten Presseabteilungen schreiben schon ganze Texte für die müde Horde an Rezensenten, die von einer Rezension in die nächste geschleudert wird und an manchen Abenden gar nicht mehr weiß, was sie rezensiert hat und vor allem weshalb. Am Wichtigsten für die Rezensenten ist ohnedies ihre eigene Schlauheit, das heißt, sie schreiben seltener, um etwas über das Werk zu sagen, dass sie rezensieren, als um selbst schlau zu wirken (und wenn das nicht, so doch zumindest nicht dumm).

Vor einigen Jahren ist mir im Rahmen meiner Arbeit für ein kleines Tageblatt, bei dem ich eigentlich für den Sport zuständig war (ich war der einzige, der etwas für den Radsport übrig hatte und die Zeitung war Hauptsponsor eines größeren lokalen Feuerwehrradrennens) dennoch etwas Peinliches passiert. Der zuständige Rezensent für das Kino erkrankte kurzfristig und so wurde ich auserkoren mir den neuen Blockbuster von Christopher Nolan, Inception anzusehen und vor allem darüber zu schreiben. „Es wird darin allerhand geklettert und man fährt wohl auch Ski. Das ist doch was für Sie!“, meinte mein Chef, für den alle Mitarbeiter genau aus dem bestanden, über was sie schrieben. Ich war also ein Fahrrad mit ein paar Tennis- und Fußbällen am Lenker und ich stand irgendwo im Keller, sodass er nicht zu oft an mich erinnert wurde.

Trotzdem wollte ich dem guten Mann, der kurz darauf einem Herzinfarkt erlag nicht widersprechen, ja eigentlich fand ich sogar Gefallen an der Idee, mich in einem dunklen Saal von Bildern und Tönen berieseln (in diesem Fall eher beschießen) zu lassen, um dann ein paar mehr oder weniger schlaue Sätze zu schreiben. Der eigentlich zuständige Rezensent hatte mir sogar mit vor Husten röchelnder Stimme durch das Telefon eine kleine Einführung in das Werk dieses Nolan gegeben und ich fühlte mich bereit, meine erste Rezension zu verfassen. Ein wenig besorgte mich zwar, dass ich nur 30 Minuten nach dem Abpfiff des Films bei einem Eishockeyspiel außerhalb der Stadt sein musste, aber ein wenig Sport, so dachte ich, könne mir nicht schaden, selbst wenn es nur ein Sprint zum Auto wäre.

Im Kino sah ich dann viele verschiedene Rezensenten (vor allem Männer, die ohne Unterlass über das Kino sprachen bis der Film begann und sobald dieser endete wieder mit dem Sprechen begannen), die sich mit Kugelschreibern und Notizblöcken und Wurstsemmeln und Kaffeetassen und ihren Regenschirmen und Bananen im Kino ausbreiteten. Auch ich zückte meinen Notizblock, auf dem ich sonst Statistiken festhielt, die ich bei Sportveranstaltungen aufschnappte, zum Beispiel „das letzte Mal, dass wir in einem Spiel dreimal die Latte trafen, gab es noch gar keine Latte.“. Als die Lichter im Kinosaal ausgingen, wurde mir klar, dass ich meinen Notizblock gar nicht würde sehen können. Ich spähte zu meiner Seite und sah, dass manche der Rezensenten mit leuchtenden Kugelschreibern ausgerüstet waren, was mich etwas zum Schmunzeln brachte, ich weiß nicht genau weshalb.

Ich packte den Notizblock also zurück in meine Tasche, aber das ist nicht das, was mir peinlich ist an dieser Geschichte. Denn wenige Minuten nachdem der Film begonnen hatte, hörte ich durch den Lärm des Films das laute Summen einer überdimensional großen Fliege, die schnurstracks auf meiner Nase landete und keine Anstalten machte sich von dort wegzubewegen. Zunächst wischte ich mit der gewohnten Geste des genervten Ärgers, die wir in solchen Situationen alle an den Tag legen, die Fliege beiseite, aber sie sprang nur über meine Hand und landete wieder auf meiner Nase. Es ist kein angenehmes Gefühl eine Fliege auf der Nase sitzen zu haben, schon gar nicht, wenn man sich eigentlich auf etwas anderes konzentrieren sollte.

Ich schlug also mit etwas mehr Nachdruck, aber wieder entwischte mir das Insekt, um seine kühlen Beinchen direkt über meinem Nasenloch zu platzieren. Ich war verdutzt, so etwas war mir noch nie passiert. Für einige Zeit wiederholte ich meine Schläge und versuchte dabei angestrengt das Geschehen auf der Leinwand im Blick zu behalten, was mir aufgrund der komplizierten Handlung, die sich wohl auf verschiedenen Zeitebenen bewegte, nicht ganz leicht fiel. An der Fliege irritierte mich besonders, dass sie entspannt und müde schien, wenn sie auf mir saß, also eigentlich eine leichte Beute sein müsste, aber sich sobald ich mich ihr näherte mit jugendlichem Geschick aus jeder noch so brenzligen Lage befreite. Ich veränderte mehrfach meine Sitzposition und mein dauerndes Herumgefuchtel heimste mir einige Psssts aus der näheren Umgebung ein. Ich versank in meinem Sitz und war der Verzweiflung nahe. Im Film schien immer noch erklärt zu werden, um was es eigentlich gehe, aber davon bekam ich nur wenig mit.

Ich entschied mich den Saal zu verlassen, um das Problem im Foyer oder wenn es sein musste auf der Toilette in Ruhe zu lösen. Ich stand also zur Empörung jener Rezensenten, die hinter mir saßen auf und verließ den Saal, wobei ich gekonnt, wenn auch von niemanden bemerkt, so tat, als müsste ich nur kurz und aus den üblichen Gründen austreten. Aber sobald ich den Saal verlassen hatte, war von der Fliege keine Spur mehr. Pures Glück! Ich war sie los. Ich verharrte einige Augenblicke im leeren Foyer, um keinen Verdacht bei den anderen Rezensenten auszulösen und schritt schließlich gelöst und nicht ohne jene Erleichterung vorzuspielen, die uns nach Entleerung der Blase durchaus eigen ist, zurück zu meinem Sitz. Aber just in dem Augenblick, in dem ich mich setzte, war sie wieder da und landete ohne zu zögern auf meiner Nase. Verzweiflung!

Nachdem ich wieder versuchte die Fliege mit einigen reduzierten Bewegungen (um die anderen Rezensenten nicht wieder gegen mich aufzuhetzen) loszuwerden, versuchte ich eine Zeit lang sie zu ignorieren und mich auf den Film zu konzentrieren. Aber sobald mir das halbwegs gelang (so gut man sich eben auf einen Film konzentrieren kann, wenn eine zu große Fliege auf der eigenen Nase sitzt), bewegte sich die Fliege leicht und kitzelte mich. Ich musste niesen und auch dafür erntete ich einige scharfe Blicke, die ich in der Dunkelheit des Kinos glücklicherweise nicht sehen musste. Da erinnerte ich mich meiner Wasserflasche. Vorsichtig griff ich in meine Tasche und zog unter doch zu lautem Plastikknacken meine Flasche hervor, öffnete sie erstaunlich leise, legte meinen Kopf zurück und schüttete den gesamten Inhalt in mein Gesicht. Das müsste doch genug sein, um einer solche Fliege ein Trauma zu verpassen. Dachte ich. Aber die Fliege blieb einfach sitzen, ja, ich war mir sogar sicher, dass ich fühlen konnte wie sie begann zu trinken oder mich abzuschlecken wie eine durstige Katze.

„Können Sie das bitte unterlassen? Sie stören.“, hörte ich plötzlich eine Stimme ganz nah an meinem Ohr. Eine ältere Dame, deren Augen mich an eine Fliege erinnerten, hatte sich neben meinen Sitz begeben, um mit strengen, herablassenden Ton das zu adressieren, was der ganze Saal denken musste. Ich nickte nass. Die Dame zog sich zurück zu ihrem Platz, wo sie herzhaft in einen Croissant biss und ich verblieb wie erstarrt, die Fliege auf meiner Nase, die Augen mehr in Richtung Decke als Leinwand und gelegentlich tropfte Wasser von meiner Schläfe hinab auf den von Popcornresten übersäten Boden.

Es ging mir so manches durch den Kopf. Zum Beispiel dachte ich an Ludwig Wittgenstein, der die Aufgabe der Philosophie einmal darin sah, einer Fliege beizubringen wie sie aus einer Flasche entkommen könne. Ich war mir nicht sicher, wer zwischen mir und der Fliege die Fliege war und wer die Flasche. Eine Zeit lang versuchte ich das Tier mit meinen Händen zu fangen, um es in meiner geschlossenen Faust gefangen zu halten, um wenigsten noch etwas vom Film mitzubekommen, der inzwischen schon eine vierte oder fünfte Zeitebene eröffnete. Aber das Biest entkam mir immer wieder und kroch triumphierend zwischen meinen Fingern hervor. Ich pustete so gut ich konnte mit vorgeschobener Unterlippe nach oben, um meine Nase einem nie gekannten Sturm aus Puste auszusetzen, aber nichtmal die Flügelpaare des Insekts flatterten. Aus meiner Verzweiflung schälte sich langsam eine Wut. Ich schlug etwas fester nach dem Tier, aber das Ergebnis war immer das Gleiche.

Jetzt bemerkte ich immerhin, dass wie angekündigt Ski zum Einsatz kamen und das schneeweiße Licht auf der Leinwand erhellte das Auditorium und ermöglichte mir für einige Momente schielend, einen Blick auf die Fliege zu erhaschen. Ihre Augen waren giftgrün und spöttisch. Sie sah mir direkt in die Pupillen und ich konnte erkennen, dass sie es ernst meinte. Sogleich verdunkelte sich der Saal wieder und ich wollte keine Sekunde mehr verstreichen lassen. Mit voller Wucht schlug ich mir ins Gesicht, verpasste die Fliege denkbar knapp und hörte nur mehr ein Knicken (mein Nasenbein).

Für einige Sekunden war ich ausgeknockt, zumindest kam es mir so vor als ich plötzlich einen sich drehenden Kreisel auf der Leinwand sah und dann den Abspann. Meine Nase schmerzte höllisch, von der Fliege keine Spur. Zu meinem Glück begannen die Rezensenten schon während des Abspanns ihre Urteile laut von sich zu geben. Sie erzählten sich die Handlung nach, spielten sie sogar vor und ich hatte so ein recht umfassendes Bild des Films und einen ganzen Sack voller Adjektive noch bevor der Abspann endete. Ich erinnerte mich an das anstehende Eishockeyspiel, packte meine leere Flasche zurück in die Tasche und rannte blutend und nass aus dem Kino. In der Redaktion erzählte ich den ob meines demolierten Gesichts eher amüsierten als verstörten Kollegen am folgenden Tag, dass mir ein Puck vom Spielfeld auf die Tribüne ins Gesicht geflogen wäre beim Eishockey, was alle zufrieden stimmte, ja sogar beglückte.

Die Rezension musste ich trotzdem schreiben, was mir mit Hilfe der Erzählungen der anderen Rezensenten, einer ausufernden Pressemappe und diverser bereits existierender Rezensionen im Internet problemlos gelang, ja, anscheinend sogar so gut, dass mein Text es auf die erste Seite des Feuilletons schaffte (eine Seite, die in unseren Breitengraden manchmal gar nicht existiert) und ich fortan ins Kino geschickt wurde, um zu rezensieren. Die Geburt eines Rezensenten, sozusagen. Die Fliege habe ich nie wieder gesehen und etwas ähnliches ist mir seither nicht passiert, aber bis heute habe ich immer Insektenspray bei mir, wenn ich etwas rezensiere.

Das Kino verlassen

Was ihm am Kino gefiel: sich zu verwandeln, mit jedem neuen Film zu verlieren und neu zu finden, nie derselbe bleiben zu müssen, sich von einer Welt in die nächste zu hangeln, zu fliehen. Es war so einfach sich zu transportieren, ganz ohne Risiko, immer weiter, immer weiter bis er nicht mehr wusste, wer er selbst war. Es gefiel ihm, dass das Kino so viele Versprechen vor sich her trug. Nicht wie Bücher, die geheimnisvoll erscheinen, sondern ganz verführerisch, prahlend beinahe, überdeutlich in den Zeiten, Orten, Stimmungen, in denen sie in ihm existieren konnten. Egal wohin er blickte, sah er mehr. Es kam ihm vor, als würde ihm das Kino eine Welt zeigen, die andere nie sehen würden; Welten sogar. Es brachte ihn näher an das, was er als Realität wahrnehmen wollte, verriet ihm die Tragödien und Komödien, die erst später in seinem Leben kommen würden, warnte ihn, machte ihm Angst, ermutigte ihn und erhob sich wie eine Wolke in ihm, die sich von sich selbst löst und abregnet. Mit jedem neuen Film eröffneten sich hunderte weitere Filme, die man sehen konnte, mehr und mehr wurde das Sehen von Filmen zur Suche nach dem Ungewöhnlichen, Außerordentlichen, dem nächsten Fix. Er wehrte sich gegen die innere Abstumpfung, euphorisch klammerte er sich an das, was ihm wichtig war. Gleichzeitig aber konnte er nie lernen zu vergessen; Bilder krabbelten durch seine Augen wie Bakterien. Inzwischen hatte er längst verdrängt, warum er ins Kino ging. Er ging nur mehr. Wollte alles mit dem Kino machen, es durchdringen, damit ihm keine dort versteckte Emotion entging. Jede Emotion könnte die seine sein. Er redete sich um Kopf und Kragen, wenn es um das Kino ging, immer wollte er alle überzeugen vom Kino, von der Schönheit und vor allem davon, dass er das alles gesehen und somit erlebt hatte. Mit einer riesengroßen Brille betrachtete er jeden Grashalm des Kinos, er beobachtete auch die sogenannte echte Welt durch diese Brille. Zunächst schien ihm alles größer zu sein, stärker und wundervoller, aber nach und nach störte ihn die Brille, sie war ihm eine Last. Er wollte lieber blind mit seinen Augen im Gras verschwinden als jeden Zentimeter zu sehen; er wollte die Augen schließen, vielleicht war es das. Schon seit geraumer Zeit hatte er aufgehört vom Kino zu träumen, er träumte nur mehr von seiner Rolle im Kino. Er schrieb Listen auf, um sich zu merken, was ihm wichtig war. Jetzt würde er alles vergessen, ein Feuer legen über seine Erinnerung und einen Film so sehen wie beim ersten Mal: groß und undurchdringbar, seltsam und bewirkend, dass man sich selbst vergisst. Doch heute konnte er sich nicht mehr vergessen im Kino. Er sah sich selbst beim Sehen zu, die Gedanken kreisten schon beim ersten Bild. Was man wohl dazu schreiben könnte? Was das wohl mit irgendeinem anderen Film zu tun habe? Wie man so einen ganz ähnlichen Film machen könnte? Die Filme existierten nicht mehr für ihn. Er schmeckte nur noch das Schauen, nicht mehr die Filme. Er beobachtete die anderen, die ins Kino gingen. Er beschwerte sich, dass ihnen alles daran egal wäre, er sah ihre Ignoranz, er hatte längst die Kraft verloren, die er brauchte, um sie zu überzeugen, eine Kraft, die er nie hatte. Sie waren glücklich, dachte er. Jeder Film ein neuer Selbstzweck. Alle mit denen er einmal berauscht über das Kino sprechen konnte, schwiegen nur mehr, jeder schien in seiner eigenen Endlosschleife gefangen, die einen in jener, die keine Zeit mehr findet für Filme, die anderen in jener, die zu individuell, zu willkürlich, zu zynisch, zu allwissend geworden war. Das Kino ist eine Illusion, sie gibt den Eindruck, dass man darin leben kann, dass man alles sehen kann. In was hatte er sich verwandelt? Er wusste weder das, noch wer er selbst war unter all den Traumfabriksfäden, gespannt um seinen Körper wie eine Fliege im Spinnennetz, kurz vor ihrem zuckenden Tod. Also begann er zu fliehen, das Kino zu verlassen. Er stürzte sich ins Meer, in die Wellen, hörte Musik so laut, dass die Filme in seinem Kopf wie Gehörzellen starben, er wanderte auf einem einsamen Berg aus Eis, spürte die Erde unter sich, ein Kuss, der nicht nach restaurierten Filmen roch, er weinte bitterlich und würgte die verblassenden Versprechen des Kinos aus sich heraus; er wollte allein sein, nicht mehr sprechen, etwas über Steine lernen oder die Kochkunst, am besten keine Kunst, nur mehr durch die Nacht wandern wie der schlaflose Charles Dickens, auf den Treppen schlafen, wieder aufwachen in einem Schloss, er wollte schreien und weinen, aber all diese Dinge, zumal in dieser Abfolge, hatte er nur im Kino gelernt und sie waren auch nur dort möglich. Er hatte verlernt, einfach nur zu sein.

Also ging er aus dem Kino eines Tages. Er warf seine Brille in den Mülleimer, torkelte beinahe blind durch die Stadt, die ihm so laut und gefährlich nahe erschien. Fand sich wieder in einem Wald, der nach Feuchtigkeit roch und nach Stille. Er legte sich auf den Boden, sah nur schemenhaft die teilnahmslosen Wipfel der Bäume und dann sah er nichts mehr, so war das nämlich, er hörte auf zu sehen, zu hören, zu reden, zu schreiben; er verschwand und versuchte mit aller Kraft in sich selbst zu ruhen, einen Abwesenheit zu finden, die ihm erlauben würde, wieder von Neuem die Augen zu öffnen, ohne dieses vom Kino provozierte Gefühl, dass man alles schon gesehen hat; ganz junge Augen, ganz kalte Luft, die zum ersten Mal entlang der Lider streicht.

Sie suchten ihn tagelang. Dann gaben sie auf. Man sagt, dass er jetzt in den Bäumen lebt oder sich gar in einen Baum verwandelt hat.

Im Dachboden vergessen. Trotzdem mitgenommen.

8mm-Filmstreifen

Vor kurzem half ich mit Freude einem Freund bei der Erschließung eines jahrelang unentdeckt gebliebenen Dachbodens in seinem Haus. Solche seltenen Vorstöße ins Ungewisse sind wirklich empfehlenswert, was vor allem daran liegt, dass sie die vielen Möglichkeiten eines Lebens ganz greifbar bewusst machen anstatt sie, wie meist, als anhaltendes Bedauern im Hinterkopf einer Existenz zu bewahren. Von dort klopfen sie bekanntermaßen an und münden von Zeit zu Zeit in das Verzagen einer Unmöglichkeit.

In diesem Dachboden aber, der sich tatsächlich als kleine Schatztruhe entpuppte, war alles möglich bevor wir die gerade einmal kniehohe Türe, die zu ihm führt, öffneten. Alles hätte in sich zusammenfallen können, mein Puls stieg merklich, vielleicht würden wir die Lösung für sämtliche Probleme finden, einen Jungbrunnen, Geheimnisse, Landkarten, verloren geglaubte Schriften oder einen Batzen Geld. Es erinnerte mich ein wenig daran, dass Filme für mich auch dieses Versprechen mit sich trugen, im Kinosaal, wenn die Lichter ausgingen und man daran glauben konnte, dass was man sah, eine Welt war. Ich habe oft darüber nachgedacht, warum mir dieses Gefühl mit dem Kino und auch im Leben ferner und ferner scheint. Es scheint geradezu so, als würden die Erfahrungen, die man mit den Dingen macht, zu einer Abstumpfung führen. Anders kann ich mir bis heute die geschmacklichen Extravaganzen mancher Kinoliebhaber nicht erklären, die tausende Filme gesehen haben und folglich nach besonders raren, außerordentlich frivolen Kicks suchen. Die normale Dosis wirkt nicht mehr. Man weiß, wie es ausgeht.

Mein Vater, der ein Mann beständigen Humors ist, wenn auch von jener deutschen Sorte, die ein Augenzwinkern braucht, damit man Bemerkungen wirklich als humoristisch versteht, hat an Sonnabenden vor dem TV-Film sitzend immer wieder gesagt: „Habe ich schon gesehen.“ Was mir lange Zeit vorkam wie ein Scherz, der seinen Reiz aus seiner beständigen Wiederholung gewann, erschien mir nach und nach wie unfreiwillige Kulturkritik. Oder gar eine Ermüdung im Angesicht der fehlenden Dachböden. Diese Bemerkungen haben ihn übrigens nie dazu veranlasst, nicht doch weiter zu schauen, um am Ende eines Films beiläufig zu bemerken, dass er gewusst habe wie es ausgehen würde. Dass er auch ein passionierter Fußballschauer ist, erscheint mir in diesem Licht beinahe noch bizarrer. Denn nur die Naiven unter den Fußballanhängern glauben, dass man Ergebnisse nicht vorhersehen kann, dass man nie wisse, was passieren würde.

In Wahrheit ist es immer dasselbe und wahrscheinlich liegt genau darin auch das Potenzial zur Verführung der Massen. Wie bei Restaurantketten sieht das Fußballfeld, egal ob im Stadion, im Fernsehgerät oder auf dem Platz, immer gleich aus. Es fühlt sich immer gleich an. Wenn dann einmal in zwanzig Jahren eine Überraschung geschieht oder gar etwas Verrücktes, dann sagen sie: Das ist Fußball. Als wäre es das Wesen dieses von allerhand Mächten gelenkten Sports zu überraschen. Unter dem Deckmantel dieser Unvorhersehbarkeit feiern die Besitzer des Geldes Triumph um Triumph. Wenn es dann mal zu einer Überraschung kommt, geben sie mehr Geld aus, um die Überraschungen auszuschließen. Noch viel schlimmer erging es mir als Jugendlicher, als ich Fußballvideospiele zu meinen Beschäftigungen zählte. Insbesondere in Spielen gegen computergenerierte Gegner hatte ich das Gefühl, dass das Spiel bereits vorher entschieden hat, ob ich gewinne oder verliere. Selbstredend hinderte mich diese Wahrnehmung nicht daran, der gegebenen Ungerechtigkeit und Willkür dieses Systems mit den größtmöglichen Gefühlen zu begegnen. Ich schrie, ich jubelte und zertrümmerte Gegenstände. Sie sagen, es wäre nur ein Spiel. Der Staat hat entschieden, er manipuliert, der Bürger spielt und kauft weiter. Es war eine Simulation. Vielleicht hätte ich die Verpackung lesen sollen.

Als wir auf allen Vieren kriechend den Dachboden betraten, war das anders. Natürlich war streng genommen auch dort in diesem Moment nicht alles möglich. Es gab Menschen, die vorher in diesem Haus lebten. Sie führten ein bestimmtes Leben, sammelten Objekte an, hatten dieses oder jenes Geheimnis, vergasen und erinnerten sich, bewahrten und warfen weg. Basierend auf weitgehenden Nachforschungen zu den Bewohnern des Hauses hätte man vermutlich einen Großteil der dort gefundenen Gegenstände vor dem Betreten des Dachbodens erahnen können. Nur wählten wir nicht nur notgedrungen den umgekehrten Weg, sondern auch weil es viel spannender ist, aus den Gegenständen auf die Menschen zu schließen. Im Kino geht es mir da ganz ähnlich. Ich folge lieber einer Bewegung, aus der ich einen Menschen oder Ort kennenlerne, als einen Menschen zu kennen und diesem dann in Bewegungen zu folgen. Dieser Rest, der bleibt, an Erkenntnissen, die ich nie gewinnen kann, macht für mich eine Begegnung aus. Sei es mit einem Film, einer Person oder einem Objekt. Im Fall meines Freundes gab es keinen wirklichen Kontakt zu den vorherigen Besitzern. Es ist eigentlich so, dass er nur deshalb dort leben darf, weil er im Rahmen einer Ausschreibung gewonnen hat, sich für drei Jahre um Haus und Garten, die beide Eigentum des örtlichen Kulturverbandes sind, zu kümmern.

In einem Dachboden warten oft Dinge, die sich im Schwebezustand zwischen ihrem Verschwinden und ihrer Bewahrung befinden. Objekte, die man verstaut. Man braucht sie eigentlich nicht, aber glaubt, dass man sie vielleicht eines Tages verwenden könnte. Oder es hängt einfach das Herz daran. Manche verdanken ihr Überleben dagegen einfach dem Vergessen. Man weiß gar nicht mehr, dass man etwas besitzt und genau deshalb wird es nicht entsorgt. Es scheint mir plötzlich sehr gut ins Bild zu passen, dass mein Vater Unbrauchbares mit rasender Geschwindigkeit entsorgt. Er besitzt keinen Dachboden. Zusammen mit meiner Mutter lebt er aber in einem. Man darf seine Eltern nicht in einem Dachboden bewahren. Wenn sie es freiwillig tun, darf man zumindest nicht vergessen, dass es den Dachboden gibt. In manchen Dachböden gibt es mehr als Erinnerungen und Stauraum.

Wir fanden allerhand, und da viele Gegenstände doch eine empfindliche Privatheit sprengen, von der ich zumindest aus solcher Nähe nicht berichten will, beschränke ich mich auf zwei, von denen einer auch der Grund ist, warum ich diesen Text an einer filmbasierten Adresse veröffentliche. Der eine Gegenstand war ein Koffer, in dem sich ein altes Tonabspielgerät und einige dazugehörige Tonträger befanden. Darauf aufgenommen fanden wir Chorgesang, es ist uns noch nicht ganz klar, woher dieser stammt und warum er aufgezeichnet wurde, aber all das klingt ganz wunderbar und harrt weiterer Forschung. Was mich allerdings sofort bewegte, war weniger die Tatsache, dass wir Stimmen aus einer vergangenen Zeit hörten, sondern dass sich jemand die Mühe machte, diese aufzuzeichnen.

In der intensiver werdenden Beschäftigung mit Formen des Heimkinos wird gerne das Argument eines kollektiven Gedächtnis gebraucht. Man sieht das Leben aus Sicht von Bürgern mit Kameras. Darüber gewinnt man Erkenntnisse über die Menschen und die Welt, in der sie lebten. Noch sehr wenig wird, so weit ich das überblicken kann, über jene schwarzen Flecken nachgedacht, die man nicht aus diesen Filmen erschließen kann. Gierig stürzt man sich stattdessen auf alles, was einem klar wird. Offen bleibt wie so oft, was unklar bleibt. Konfrontiert mit diesen Tonaufnahmen, die ich für durchaus vergleichbar mit einer 8mm-Filmrolle halte, faszinierte mich viel weniger das, was ich möglicherweise über den Chor, die Musik und die Aufnahmen würde herausfinden können, sondern was mir von Anfang an völlig unerreichbar schien. Also etwa die physische Anwesenheit von Aufnahmegerät und Stimmen im selben Raum. Die Unsicherheit darüber, ob man alles richtig eingestellt hat, nicht zu leise, nicht zu laut, jemand, den man mit den Aufnahmen beeindrucken wollte, der Moment, in dem man das Interesse daran verlor und sie in den Dachboden stellte.

Der andere Gegenstand war eine kleine, in einer staubigen Schachtel zwischen Einkaufszetteln und abgeschriebenen Gedichten aufbewahrte Notiz, die man als eine Form von tagebuchartiger Filmkritik auffassen könnte, die mir aber so noch nie begegnet ist. Berichtet wird in verschnörkelter Schrift von einem Filmerlebnis im Haus der Tante:

Wir waren bei Tante Hilde. Es gab Essen und dann einen Film. Niemand wollte ihn sehen. Der Film war schön. Ich kenne seinen Namen nicht. Ich glaube, dass ich ihn vergesse. Es gab einen Maler und eine Frau. Sie haben mir Angst gemacht, weil sie nie gelächelt haben. Papa sagt, dass der Schauspieler nicht wirklich malen konnte und dass man das gesehen hat. In seinem Gesicht habe ich aber gesehen, dass er malen kann. Es gab nicht viele Farben. Ich muss Mama fragen wie der Film heißt. Wenn ich mir den Namen nicht merke, vergesse ich auch alle Bilder. Es gab eines mit einem weißen Kleid, das sich in einem Baum verfing. Und einmal waren die Fingerkuppen des Mannes ganz rot und blutig, was vom Malen kommt. Es gab auch ein Meer. Ich weiß nicht, welches Meer. Ich glaube, dass der Film mehr im Norden spielt. Es wird viel gesprochen, das meiste habe ich vergessen. Es wird immer schlechter mit meiner Erinnerung. Das Aufschreiben macht auch nicht Spaß. Ich kann zu wenig schreiben, wenn ich keine Bilder mehr sehe. Papa sagt, dass es mir hilft. Es langweilt mich aber.

Jetzt, nachdem ich diese Fundstücke so beschrieben und wiedergegeben habe, scheint es mir zu wenig. Vielleicht, weil das was wir erwarten immer mehr ist, als das, was wir erzählen können. Weil die eigentliche Erzählung in dem liegt, was ich vergessen habe aufzuschreiben, während ich schrieb. Ich habe ein Foto der kleinen Notiz gemacht. Ich kann mich nicht entscheiden, ob es besser wäre, es dem Text beizulegen oder nicht. Ob ich die Evidenz betonen will oder die Möglichkeit einer Fiktion.

Der zweite Film

Le lion est mort ce soir von Nobuhiro Suwa

Wie nach dem Ende eines Films oder Buchs nicht vergessen, was man fühlt? Wie erst einmal erfühlen, erdenken, ertasten, was genau sich in einem regt? Wie eine Position zu dem finden, was man da gerade gesehen, gehört, gelesen hat? Es gibt jene, die auf das sofortige Gespräch schwören, die den Film nacherzählen, ihre Meinung im Sprechen bilden. Sie müssen teilen, um zu glauben, loswerden, um zu behalten. Auch jene, die über ganz anderes sprechen wollen, die beinahe, so scheint mir, am Vergessen arbeiten, damit sie das Werk in sich vergraben, verstecken wie ein Eichhörnchen seine Nuss. Es gibt jene, die schweigen, vielleicht eine Zigarette, vielleicht spazieren sie durch die Stadt, leben noch ein wenig im Film, im Buch, lassen die Existenz des eben Erfahrenen wie ein Echo durch ihre Schritte und Gedanken gleiten. Man sieht sie oft. Sie sehen einen nicht. Manchmal beginnen sie sogar so zu sprechen wie Figuren in Buch oder Film, sie beginnen die Manieren des Werks anzunehmen, imitieren mit dem Leben die Kunst. Wie anders lässt sich erklären, dass Maria immer nach dem Kino an die Liebe glaubte und wir sie in unserer Jugend immer völlig kalt in den Saal haben huschen sehen und mit großen Augen, einen nach dem anderen von uns verführend wieder aus ihm schwebend?

Wie aber nicht vergessen? Schreibt man sich auf, was man fühlt, klammert sich an Worte, studiert Texte und Hintergründe zu den Werken, versucht die Erfahrung zu verlängern, man sagt vielleicht, hofft auch, dass man den Film nochmal sehen kann, das Buch nochmal lesen kann? Verlängert man, wiederholt man die Erfahrung, um nicht zu vergessen? Bilder entfallen wie Worte. Man vertraut darauf, dass sie irgendwo in uns fortbestehen, im Unterbewusstsein abgespeichert, vielleicht träumt man ja davon, vielleicht tauchen sie plötzlich wieder auf, wenn man durch ein anderes Bild, eine Gegebenheit in der Welt daran erinnert wird. Niemand erinnert uns an diese Bilder und Worte, keine App, kein Newsletter, nur wir selbst. Wenn gesagt wird, dass das Kino ein sozialer Ort ist, dann gilt das nicht für die Intimität dieses Vergessens. Das Gewicht der Filme und Bücher verliert mit jedem Vergessen, gewinnt mit jedem Erinnern. Jemand hat einmal gesagt, dass man einen Film am Morgen nachdem man ihn gesehen hat, am besten bewerten kann. Wie er dann in einem lebt. Denn so oft sieht man Filme, liest man Bücher, die man für besonders gut gemacht hält, die einem Freude machen, verführen, scheinbar berühren, um sich am nächsten Tag kaum daran zu erinnern.

Manche sehen auch gleich den nächsten Film, lesen gleich das nächste Buch, es passt ein wenig zu der fragmentierten Wahrnehmung, mit der man auch sonst so konfrontiert wird. Sie hören nicht den Wind, der entsteht, wenn man ein Buch zuklappt. Die Stimmen dringen aus den geschlossenen Seiten, so wie aus den Lichtern des Kinos in die Nacht hinein. Vielleicht wollen sie die Emotionen auch im Rausch ertränken. Immer mehr davon, die nächste Dosis, bis man sich in einem Labyrinth der Fiktionen und Weltansichten so weit verlaufen hat, dass man nicht mehr sehen muss, was das alles mit einem selbst oder der Welt zu tun hat. Es wäre womöglich auch zu schmerzhaft. Also gibt es, wie Jean-Pierre Léaud in seinem jüngsten Film Le Lion est mort ce soir sagt, jene, die das Kino sehr ernst nehmen würden und jene, die schlicht Freude daran haben. Es ist auch eine Freude, dieses Vergessen, diese Bilder, die realer scheinen, als jene, die wir heute aus der Realität vermittelt bekommen und die dennoch so viel weniger grausam sind. Vielleicht sollte man sie gerade deshalb nicht vergessen.

Eine Schwester meiner Großmutter hat im Alter nach und nach ihr Gedächtnis verloren. Ihr Mann hat mir, als ich noch jung genug war nicht die Grausamkeit, sondern das Wunder in allem zu sehen, erzählt, dass sie einmal an einem Sonntagnachmittag den gleichen Film zweimal hintereinander im Fernsehen gesehen hatte. Er beobachtete, wie sie beide Male exakt die gleichen Reaktionen auf den Film hatte, die selben Gesten, das selbe Lächeln, die selben Kommentare. Er war sich sicher, dass sie den Film beim zweiten Mal genau wie beim ersten Mal sah. Diese Anekdote übt bis heute eine ungemeine Faszination auf mich aus. Ich habe dennoch vergessen, um welchen Film es sich handelt. Man träumt so oft davon, etwas wie beim ersten Mal zu sehen und gleichzeitig will man nicht vergessen, was man gesehen hat. Vielleicht sollte man sich einen riesigen Schlüsselbund kaufen und für jedes Buch, jeden Film und auch jede andere Erinnerung einen Schlüssel haben, sodass man bald mit tausenden Schlüsseln in der Tasche beim Gehen klimpert, beinahe unter der Last zusammenbricht, aber immer wenn einem danach ist, die unsichtbaren Türen öffnet, die einen irgendwann berührt haben.