Schneekino

Hätte nichts dagegen, wären alle Filme im Schnee gedreht. So könnte ich die Bewegungen der Menschen besser sehen, denn sie wären schwerfälliger, bedachter. Die Flüchtigkeit läge unter einer Decke, sie könnte nicht fliehen, wie sie es sonst so gerne tut. Licht bräche diffus, es würde in alle Richtungen über die Leinwand strahlen und so weiter. Es mag wie ein Allgemeinplatz klingen, aber Schnee unterscheidet sich hier tatsächlich von, sagen wir, dem im Kino metaphorisch überladenen Regen oder einer blühenden Blume: Die Wirkung des Schnees in einer Landschaft und jene im Kino ist unter Abzug der Kälte ziemlich identisch. Schnee ist eben vor allem Licht, auch wenn mir die Spitzfindigen da leicht widersprechen können. Sollen sie nur, ich habe Schnee getrunken und es hat geschmeckt wie Licht. Ich habe Lichtbälle geworfen und so fort. Wenn es in einem Film schneit, wird es leiser. Der Schnee beweist, wie abstrakt das Wirkliche ist, indem er Formen (beispielsweise die Umrisse menschlicher Körper) herausstellt, die sich als Abdrücke in ihm bewahren. Oder Farben (hauptsächlich ist es die Farbe des Blutes) intensiviert. Oder Entfernungen relativiert, etwa jene zwischen dem Horizont und dem Boden. Oft lässt er die deutlich geringer erscheinen, als es Geographie und Optik zu lehren versuchen. Es spielt letztlich keine Rolle, womit eine solche Vorliebe zu begründen ist. Der Schnee im Kino ist deshalb so schön, weil er Weiß ist. Und weil er knirscht, wenn wer einen Schritt in ihm wagt. (Auch weil die Handlung auszusetzen scheint, weil alle nur noch den Schnee betrachten können) Und weil die Äste der Bäume zeigen, was sie alles aushalten können. Wenn es schneit, was nicht gleichbedeutend ist mit Schnee, der bereits auf der Erde liegt, verändert sich auch der Blick. Dann muss man sich entscheiden, ob man die Flocken sieht oder das, was sich hinter ihnen abspielt. Dann rauscht es im Kopf, bis es wieder schmilzt. Wenn es schmilzt, wird man der Zeit gewahr, die vergeht, ohne dass man eingreifen kann. Das ist auch das Schöne am Schnee auf der Leinwand: Er berichtet von einer Zeit (man nennt das heute: Zeitlichkeit), die man eigentlich gar nicht erzählen kann im Kino, beispielsweise jener zwischen den Jahreszeiten oder jener, die man erlebt, während man vergisst, was eigentlich geschehen ist. Letzteres klingt für die Spitzfindigen sicher etwas zu nebulös, schwammig geradezu, aber das ist ja das Schöne am Schnee, dass er genau diese Wahrnehmung auslöst und nicht jene, die glaubt, dass man wirklich etwas Bestimmtes erkennen kann im Gestöber der Welt und des Kinos.