Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Schneekino

Hät­te nichts dage­gen, wären alle Fil­me im Schnee gedreht. So könn­te ich die Bewe­gun­gen der Men­schen bes­ser sehen, denn sie wären schwer­fäl­li­ger, bedach­ter. Die Flüch­tig­keit läge unter einer Decke, sie könn­te nicht flie­hen, wie sie es sonst so ger­ne tut. Licht brä­che dif­fus, es wür­de in alle Rich­tun­gen über die Lein­wand strah­len und so wei­ter. Es mag wie ein All­ge­mein­platz klin­gen, aber Schnee unter­schei­det sich hier tat­säch­lich von, sagen wir, dem im Kino meta­pho­risch über­la­de­nen Regen oder einer blü­hen­den Blu­me: Die Wir­kung des Schnees in einer Land­schaft und jene im Kino ist unter Abzug der Käl­te ziem­lich iden­tisch. Schnee ist eben vor allem Licht, auch wenn mir die Spitz­fin­di­gen da leicht wider­spre­chen kön­nen. Sol­len sie nur, ich habe Schnee getrun­ken und es hat geschmeckt wie Licht. Ich habe Licht­bäl­le gewor­fen und so fort. Wenn es in einem Film schneit, wird es lei­ser. Der Schnee beweist, wie abs­trakt das Wirk­li­che ist, indem er For­men (bei­spiels­wei­se die Umris­se mensch­li­cher Kör­per) her­aus­stellt, die sich als Abdrü­cke in ihm bewah­ren. Oder Far­ben (haupt­säch­lich ist es die Far­be des Blu­tes) inten­si­viert. Oder Ent­fer­nun­gen rela­ti­viert, etwa jene zwi­schen dem Hori­zont und dem Boden. Oft lässt er die deut­lich gerin­ger erschei­nen, als es Geo­gra­phie und Optik zu leh­ren ver­su­chen. Es spielt letzt­lich kei­ne Rol­le, womit eine sol­che Vor­lie­be zu begrün­den ist. Der Schnee im Kino ist des­halb so schön, weil er Weiß ist. Und weil er knirscht, wenn wer einen Schritt in ihm wagt. (Auch weil die Hand­lung aus­zu­set­zen scheint, weil alle nur noch den Schnee betrach­ten kön­nen) Und weil die Äste der Bäu­me zei­gen, was sie alles aus­hal­ten kön­nen. Wenn es schneit, was nicht gleich­be­deu­tend ist mit Schnee, der bereits auf der Erde liegt, ver­än­dert sich auch der Blick. Dann muss man sich ent­schei­den, ob man die Flo­cken sieht oder das, was sich hin­ter ihnen abspielt. Dann rauscht es im Kopf, bis es wie­der schmilzt. Wenn es schmilzt, wird man der Zeit gewahr, die ver­geht, ohne dass man ein­grei­fen kann. Das ist auch das Schö­ne am Schnee auf der Lein­wand: Er berich­tet von einer Zeit (man nennt das heu­te: Zeit­lich­keit), die man eigent­lich gar nicht erzäh­len kann im Kino, bei­spiels­wei­se jener zwi­schen den Jah­res­zei­ten oder jener, die man erlebt, wäh­rend man ver­gisst, was eigent­lich gesche­hen ist. Letz­te­res klingt für die Spitz­fin­di­gen sicher etwas zu nebu­lös, schwam­mig gera­de­zu, aber das ist ja das Schö­ne am Schnee, dass er genau die­se Wahr­neh­mung aus­löst und nicht jene, die glaubt, dass man wirk­lich etwas Bestimm­tes erken­nen kann im Gestö­ber der Welt und des Kinos.