Notiz zu La condanna von Marco Bellocchio

Gut, möchte man meinen, dass Sigmund Freud keine Filme drehte. Hätte er aber doch würde das Ergebnis wohl in etwa so aussehen wie Marco Bellocchios seltsamer La condanna. Teilweise gedreht im betörenden Halblicht der Villa Farnese in Caprarola und in Anwesenheit eines beratenden Psychologen balanciert der Film auf einem mehr als fragwürdigen Drahtseil was Fragen der sexualisierten Männlichkeit betrifft. Zunächst zeigt der Film, wie eine Frau und ein Mann sich in einem geschlossenen Museum verführen. Die beiden sind dort eingesperrt, so glaubt die Frau, bis der Mann später gesteht, dass er den Schlüssel habe. Daraufhin zeigt die Frau den Mann wegen Vergewaltigung an. Vor Gericht breitet der Angeklagte dann seine Philosophie über das Unbewusste der Sexualität und die Wahrheit des weiblichen Orgasmus aus. Die zuvor gezeigten Bilder im Museum geben ihm Recht, es ist ganz klar, auf wessen Seite der Filmemacher steht. Der etwas lachhaft inszenierte Staatsanwalt, der (man hört den psychoanalytischen Holzhammer) seine Partnerin nicht zum Orgasmus bringen kann, wird von der in sich ruhenden Aftershave-Aura des Angeklagten angestachelt und verunsichert und verliert sich in einer existenzialistischen Krise. Diese armen, schwitzenden Männer.

Die Frauen im Film, auch diejenige, die den Mann anklagte, fühlen sich alle vom verurteilten Vergewaltiger angezogen. Sie starren ihn verliebt an und werfen ihm eine Rose zu. Die Botschaft ist so eindeutig wie abartig: Die Frauen, meint Bellocchio, würden genau jene Eigenschaft in einem Mann suchen und bewundern, die diesen auch dazu veranlassten, sie zu vergewaltigen. Aha. Man blickt einigermaßen schockiert auf einen solchen Satz genau wie man die moralischen Entwicklungen im eigentlich gediegen daherkommenden Film betrachtet. Ob das nun bloße Provokation oder ernstgemeinte Auseinandersetzung mit der Komplexität sexueller Begegnungen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das Problem ist, dass die durchaus mysteriöse, zumindest ambivalente Stimmung des Anfangs mit einer seltsamen Eindeutigkeit aufgelöst wird, indem behauptet wird, dass ein wie auch immer geartetes Verhalten in der Natur eines Geschlechts angelegt sei. Das ist dann nicht nur auf lächerliche Weise simplifizierend, sondern genauso reaktionär wie die bürgerlichen Vorstellungen von Sexualität, die Bellocchio womöglich angreifen wollte.