Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

The Spirit New Sensation Takes Hold: Be tartib ya bedun‑e tartib? von Abbas Kiarostami

Bevor Abbas Kiaros­t­ami mit Kha­ne-ye dust koja­st zu einer fes­ten Grö­ße im inter­na­tio­na­len Fes­ti­val­ki­no auf­stieg, dreh­te er für das Insti­tu­te for the Intellec­tu­al Deve­lo­p­ment of Youth (eine offi­zi­el­le deut­sche Über­set­zung gibt es nicht) Fil­me für die Bil­dung und Erzie­hung von Kindern. 

Die dort ent­stan­de­nen Fil­me haben oft einen erkenn­bar erzie­he­ri­schen Impe­tus. Didak­ti­sche Kon­zep­te wer­den mit ein­fa­chen Erzähl­mus­tern auf­ge­löst. War­um ist es bes­ser, einen Streit mit Wor­ten zu schlich­ten als mit Fäus­ten? Weil bei der zwei­ten Vari­an­te so viel kaputt geht! 

Be tar­tib ya bedun‑e tar­tib? arbei­tet ähn­lich. Doch in die­sem Film schleicht sich ein wider­stän­di­ger Geist ein, der immer enor­mer wird und schließ­lich die Prä­mis­se des Fil­mes selbst offen­legt und widerlegt.

Der Film zeigt uns eini­ge Sze­nen in zwei Varia­tio­nen. Einer­seits sehen wir geord­ne­te Abläu­fe. Dann sehen wir die­sel­ben Momen­te wie­der, aber dies­mal in unge­ord­ne­ter Manier. Es han­delt sich um ganz ein­fa­che Situa­tio­nen, die Kiaros­t­ami zeigt: Kin­der ver­las­sen das Klas­sen­zim­mer und das Schul­ge­bäu­de. Sie gehen zum Was­ser­spen­der im Pau­sen­hof. Sie stei­gen in den Schul­bus. Immer­zu sehen wir: geord­net läuft alles gut ab, ohne Ord­nung dau­ert alles län­ger und geht kaputt. Auf der Meta­ebe­ne jedoch stellt der Film die­se Struk­tur in Fra­ge. Das ers­te Bild zeigt eine Film­klap­pe. Sie ent­hält fol­gen­de Infor­ma­ti­on: “Geord­net, Einstellung/​Szene 1, Take 1”. Direkt vor dem ers­ten Bild sagt eine Stim­me zu Schwarz­bild: “Ton. Kame­ra”. Es ist die Stim­me Kiaros­t­amis, wel­che die übli­chen Kom­man­dos eines Film­sets ver­laut­bart, um die Film­auf­nah­me zu star­ten. Ein­stel­lung und Stim­me keh­ren im Lau­fe des Fil­mes wie­der­holt zurück. Vor jeder neu­en Sze­ne gibt es eine Klap­pe, die uns sagt ob wir als nächs­tes eine “geord­ne­te” oder eine “unge­ord­ne­te” Sze­ne sehen werden. 

Nach der zwei­ten Sze­ne, die einen geord­ne­ten Ablauf zeigt, hören wir Kiaros­t­amis Stim­me: “Gut, Cut!”. Die­se Stim­me erhält im Lau­fe des Fil­mes eine immer stär­ker wer­den­de Prä­senz. Bald sind es nicht mehr nur Anwei­sun­gen, die Kiaros­t­ami aus­spricht, son­dern auch ein Kom­men­tar zu den Bil­dern selbst. Nach­dem die Kin­der geord­net nur unge­fähr eine Minu­te brau­chen um einen Schul­bus zu betre­ten, brau­chen sie in der unge­ord­ne­ten Ein­stel­lung viel län­ger. Nach zwei­ein­halb Minu­ten gibt der am lin­ken unte­ren Bild­rand mit­lau­fen­de Timer auf. Doch Kiaros­t­ami ver­si­chert, dass dies gut sei. Je län­ger sie brau­chen, des­to bes­ser. Schlie­ßich ist das doch die gan­ze Idee hin­ter dem Film. 

Kiaros­t­amis Fil­me sind geprägt von “sanf­ter” Sub­ver­si­on und Mani­pu­la­ti­on. Sei­nen “Lügen” wird oft eine gewis­se Ver­spielt­heit oder Weis­heit zuge­spro­chen. Wenn Kiaros­t­ami lügt, dann um eine Wahr­heit aus­zu­spre­chen. In Be tar­tib ya bedun‑e tar­tib? wird gelo­gen. Gleich in der ers­ten Ein­stel­lung ist ver­mut­lich eine Lüge zu fin­den: “Geord­net, Einstellung/​Szene 1, Take 1.” Wie hoch ist die Wahr­schein­lich­keit, dass wir hier den ers­ten Take sehen? Sehr gering. Es ist nicht viel weni­ger wahr­schein­lich, dass wir auch in der ers­ten Einstellung/​Szene von Unord­nung und in den wei­te­ren Einstellungen/​Szenen von Ord­nung und Unord­nung bis zur fünf­ten Ein­stel­lung jeweils den ers­ten Take sehen. Nein, das kann gar nicht sein. Statt­des­sen wird die­se Lüge als nar­ra­ti­ves Mit­tel ver­wen­det. Alles läuft ein­wand­frei und geplant, bis es zur fünf­ten Sze­ne kommt. Bis hier­hin bestärkt oder erlügt der Film sei­ne The­se: Man kann der Welt eine geord­ne­te und eine chao­ti­sche Ein­stel­lung zugleich abringen.

Wie kommt es dazu, dass in die­ser fünf­ten Sze­ne das Sys­tem des Films in sich zusam­men­stürzt? Mit der vier­ten Sze­ne begibt sich der Film her­aus aus der Welt des Schul­all­tags. In der geord­ne­ten Sequenz sehen wir Kin­der, die brav die Stra­ße über­que­ren, und auf die Ver­kehrs­zei­chen ach­ten. Der Film selbst quert hier aus der Welt der Kin­der in jene der Erwach­se­nen. Hier­in liegt der (erzähl­te) Kon­troll­ver­lust Kiaros­t­amis. In der unor­dent­li­chen vier­ten Sequenz sehen wir wie­der das Über­que­ren der Stra­ße an der viel befah­re­nen Kreu­zung. Die Men­schen hal­ten sich nicht an die Regeln des Stra­ßen­ver­kehrs. Men­schen gehen wann sie wol­len, Autos hupen. Den­noch scheint die­se Unord­nung gut zu funk­tio­nie­ren. Im Cha­os miss­ach­te­ter Regeln liegt eine eige­ne Ordnung.

Nun springt der Film gleich zu einer sechs­ten Sze­ne, und ent­hält uns die fünf­te vor. Wie­so das der Fall ist, ver­ste­hen wir erst wirk­lich, sobald wir die fünf­te Sequenz sehen. Sie ist die letz­te Sze­ne des Fil­mes. In ihr ver­su­chen Kiaros­t­ami und sein Kame­ra­mann wie­der eine Kreu­zung zu zei­gen. Sie wird von oben auf die Stra­ße her­un­ter gefilmt (wahr­schein­lich ist die Kame­ra auf einem Gebäu­de). Zuerst zei­gen sie uns wie­der die Ein­stel­lung unter der Bezeich­nung “geord­net”. Doch die Men­schen im Bild hal­ten sich nicht an die Ord­nung, die der Film von ihnen ver­langt. Die Stra­ße wird statt­des­sen unge­ord­net von Pas­san­ten über­quert. Ein Motor­rad­fah­rer rollt bei Rot über die Kreu­zung. Die Auf­nah­me wird abge­bro­chen. Nun sehen wir zum ers­ten Mal einen zwei­ten Take in der Nar­ra­ti­on des Films. Das ist natür­lich schwer zu glau­ben. Wir wer­den uns der bis­he­ri­gen Lüge bewusst. Die­ses Stil­mit­tel, das vor­gab, uns hin­ter die Kulis­sen der Fik­ti­on bli­cken zu las­sen, wird selbst als Fik­ti­on ent­larvt. Auch der zwei­te Anlauf schei­tert, sowie ein drit­ter und vier­ter. Nicht ein­mal ein Stra­ßen­po­li­zist, den Kiaros­t­ami und sein Kame­ra­mann erspä­hen, schafft Ord­nung. Die bei­den Fil­me­ma­cher bera­ten sich und geben auf. Schnell dre­hen sie statt­des­sen die “unge­ord­ne­te” Vari­an­te der Sze­ne. Die­se klappt natür­lich auf Anhieb. Für eine unge­ord­ne­te Sze­ne ist es per­fekt, meint Kiaros­t­ami. Doch wo könn­te man eine geord­ne­te Kreu­zung dre­hen? Es ist doch über­all das Gleiche.