Mar­tin Scor­se­ses „The Wolf of Wall Street“ ist ein groß­ar­ti­ges Stück Kino. Eine unter­halt­sa­me Fahrt in den Irr­witz des not fuck­ing strict­ly legal Bro­ker­we­sens, das zum Teil mit einer wahn­sin­ni­gen Schnitt­fre­quenz und einer Gag­dich­te daher­kommt, die man sel­ten nur bei aus­ge­mach­ten Komö­di­en ent­de­cken ver­mag. Unter der Ober­flä­che ist die­ser Film eine intel­li­gen­te Sati­re, die einem den Rausch und den Mor­gen danach immer zur glei­chen Zeit füh­len lässt. Basie­rend auf wah­ren Bege­ben­hei­ten wird Auf­stieg und Fall des Wall Street Bro­kers Jor­dan Bel­fort geschil­dert. Dabei wird die Bör­se von Anfang an als eine wil­de Orgie pro­fit­gei­ler Machos geschil­dert, die zwi­schen Dro­gen und Pro­sti­tu­ier­ten auch Kli­en­ten kon­su­mie­ren.  

Schein­bar war die­ser Over­load an Ein­drü­cken zu viel für eini­ge Zuse­her und Kri­ti­ker, denn wie schon in vie­len ame­ri­ka­ni­schen Medi­en beschwer­ten sich auch im Kino eini­ge soge­nann­te Zuse­her über die mora­li­sche Mes­sa­ge des Films. Ihr Kri­tik­punkt: Das ille­ga­le Schaf­fen von Jor­dan Bel­fort wür­den vom Film ver­herr­licht wer­den und die Dar­stel­lung von Leo­nar­do DiCa­prio wäre zu sehr auf Cool­ness und Gla­mour ange­legt. Dazu gibt es zwei Din­ge zu sagen. Zum einen exis­tiert ein Film pri­mär als eigen­stän­di­ges Werk. In auf­grund einer impli­zier­ten oder feh­len­den Aus­sa­ge, auf­grund sei­ner Moral zu kri­ti­sie­ren ist Pro­dukt einer Kri­ti­ker­welt, die sich nicht mit Fil­men son­dern mit Poli­tik und Kul­tur in Fil­men beschäf­tigt. Ich bin froh, dass es die­sen Zweig gibt in der Film­kri­tik, man ver­dankt ihm eini­ge tol­le und viel­schich­ti­ge Tex­te. Aber aus künst­le­ri­scher Sicht ist das kein Kri­te­ri­um für das Gelin­gen oder Nicht-Gelin­gen einer Komö­die. Eine amo­ra­li­sche Komö­die ist in sich schon mora­lisch. Ich ver­su­che das in gebo­te­ner Knapp­heit aus­zu­füh­ren. War­um soll­te sich der poli­ti­sche Dis­kurs, die mora­li­sche Wer­tung jedes Mal in die Bewer­tung eines Fil­mes schlei­chen? Damit der Kri­ti­ker zei­gen kann, was er weiß. Wenn ich in „Good­fel­las“ oder „Casi­no“ plötz­lich ein Gangs­ter sein woll­te oder wenn ich mich mit Mas­sen­mör­dern und ande­ren Ver­bre­chern schon iden­ti­fi­ziert habe, dann ist das Teil des Spiels. Wenn ein Film es schafft, dass ich mich mit einem Ver­bre­cher iden­ti­fi­zie­re, hat Film gesiegt.  Film gegen die Gesell­schaft. Man kann und man wird ein­wer­fen, dass Film aber immer ein gesell­schaft­li­ches Pro­dukt ist. Aber womög­lich kann sich ein gesell­schaft­li­cher Dis­kurs gera­de durch die expli­zi­te Abkehr von der Gesell­schaft äußern. Offen­sicht­lich fruch­tet das ja ganz wun­der­bar bei „The Wolf of Wall Street“, denn der Zuse­her, der auf der poli­ti­schen Sei­te kämpft, wird viel Rei­bungs­po­ten­zi­al vor­fin­den. Und natür­lich gibt es das berüch­tig­te Amok­läu­fer-Argu­ment: „Jetzt wol­len alle Kino­zu­schau­er ille­ga­le Bro­ker wer­den.“  Ich befürch­te fast, dass es ande­re Inspi­ra­ti­ons­quel­len für ziel­lo­se Jugend­li­che gibt als Fil­me. Und selbst, wenn dem so ist, dann möch­te ich ger­ne die Alter­na­ti­ve ken­nen­ler­nen: Die tota­le Zensur. 
Aber eigent­lich ist die­se Argu­men­ta­ti­on in Bezug auf die­sen Film völ­lig unnö­tig. Mar­tin Scor­se­se ist am Doku­ment inter­es­siert. Das war er schon immer. Es geht ihm dar­um das Leben von Bel­fort zu zei­gen. Dazu gehört der Spaß, der Irr­sinn und auch eine gewis­se Unschuld gegen­über dem scho­nungs­lo­sen Mate­ria­lis­mus. Bel­fort und sei­ne Mit­ar­bei­ter glau­ben dar­an tat­säch­lich. Und genau das macht der Film klar. Denn wer die­sem Film eine Glo­ri­fi­zie­rung des Ver­bre­chens vor­wirft, der hat nicht zuge­se­hen. Irgend­wo zwi­schen Cap­tain fuck­ing Ahab und Moby fuck­ing Dick erstreckt sich ein blut­ge­färb­tes Meer aus Abgrün­den. Sie spie­len sich in den Gesichts­zü­gen von DiCa­prio ab, sie wer­den mit klei­nen Cut-Aways unter­ge­ju­belt und sie lie­gen in der stän­di­gen Über­trei­bung, dem Schwel­gen im Exzess selbst. Wer drei Stun­den Men­schen dabei beob­ach­tet wie sie Dro­gen neh­men, sich durch die Welt vögeln und ille­gal Geld machen, der wird in eine Reflek­ti­on kom­men. Wenn nicht wäh­rend des Films, dann dan­nach. Die Angst von soge­nann­ten intel­lek­tu­el­len Men­schen, die das ja alles durch­schaut haben, ist dass das nicht jeder, vor allem der soge­nann­te „nor­ma­le“ (fuck­ing nor­mal) Kino­zu­se­her das nicht tun wür­de. Mit ande­ren Wor­ten: Der Kino­zu­se­her ist dumm, des­we­gen geben wir ihm auch unse­re Ster­ne als Bewer­tung, damit er nicht lesen muss, was wir über ihn schrei­ben. Scor­se­se wirft gar einen Blick von oben auf sei­ne Figu­ren. Sie wer­den in Albern­heit zum Teil vor­ge­führt, es kommt zu aber­wit­zi­gen „Pineapp­le Express“ arti­gen Dro­gen­sze­nen (Lie­ber Mar­ty, bit­te mache kei­ne komi­schen Spie­le mit Spe­cial Effects wie ein 15jähriger) und vor allem kommt es zum berühm­ten drit­ten Akt. Die­ser mag viel­leicht nicht ganz so harsch aus­fal­len wie man das bei Gangs­ter­fil­men aus den 30ern gewohnt war, aber er hält sich an die Rea­li­tät und er ist in sei­ner Krass­heit durch­aus ein Schlag in den Magen. Außer­dem mag man dem Fil­me­ma­cher durch­aus zuge­ste­hen, dass ein mora­lisch nach­denk­li­ches Ende durch­aus zu einer erwei­ter­ten Reflek­ti­on füh­ren kann wie dies auch in sei­nem „Taxi Dri­ver“ der Fall war. Wür­den alle Ver­bre­cher bestraft wer­den, wür­de man den Film womög­lich gar nicht auf jene so hoch­ge­hal­te­ne Gesell­schaft bezie­hen, son­dern ihn nur als Film wahr­neh­men. Kennt die­se Gene­ra­ti­on die Folgen?
Die­se in allen Belan­gen süch­ti­gen Men­schen haben offen­sicht­lich gro­ße Pro­ble­me. Wer das nicht gese­hen hat, der hat sei­ne Arbeit als Kri­ti­ker oder sei­ne Arbeit als Zuse­her ver­ges­sen. Die Über­trei­bun­gen und der komö­di­an­ti­sche Stil, so liest man, sei­en Teil der Ver­harm­lo­sungs­stra­te­gie. Mei­ner Mei­nung nach wird durch den Kon­trast zwi­schen alber­nen und erns­ten Sze­nen sogar die Wir­kung der letz­te­ren ver­stärkt. Eigent­lich über­treibt es Scor­se­se fast mit sei­ner zyni­schen Bos­heit, in die sich sei­ne Gewalt aus den frü­he­ren Gangs­ter­bal­la­den wie „Good­fel­las“ nun ver­kehrt hat. In man­cher Zeit­lu­pen­se­quenz oder man­chem over-fuck­ing-acting Gesicht eines Neben­dar­stel­lers spielt sich die mora­li­sche Kri­tik des Fil­me­ma­chers selbst zu sehr mit. Da spie­len Men­schen blin­de Geld­gier, indem sie Men­schen spie­len, die Geld­gier spielen. 
Scor­se­se ist zum Komö­di­ant gewor­den und er ist ein bril­lan­ter Komö­di­ant. Das liegt auch und zu gro­ßen Tei­len an sei­nem Haupt­dar­stel­ler. Die fuck­ing ran­ge, die DiCa­prio bedient, der Mut, den er trotz sei­ner Star­per­sön­lich­keit beweist und die unan­tast­ba­re Fähig­keit sich völ­lig in einer Per­son zu ver­lie­ren und dabei immer DiCa­prio zu blei­ben, bewei­sen ein­mal mehr sei­ne Aus­nah­me­stel­lung. In einem ver­lo­cken­den Spiel könn­te man den Film auch als iro­ni­schen Kom­men­tar auf die bis­he­ri­ge Kar­rie­re von DiCa­prio lesen, denn er wird in vie­le Situa­tio­nen gewor­fen, in denen er so mehr oder weni­ger bereits war. „Catch me if you can“ scheint am augen­schein­lichs­ten, da wir es hier mit einem locker-leich­ten Hoch­stap­ler zu tun haben, aber auch der neu­ro­ti­sche scor­se­sees­que „I want to fuck­ing be the grea­test“ Drang eines Howard Hug­hes in „The Avia­tor“ spielt mit rein. Selbst „The Depar­ted“ wird mit einer Ver­ka­be­lung zitiert, genau­so wie DiCa­prio mal wie­der auf einem unter­ge­hen­den Schiff zu sehen ist. Es läuft ihm der Sab­ber aus dem Mund wie in „What’s Eating Gil­bert Gra­pe“, er ver­liert kom­plett die Kon­trol­le wie in „Total Eclip­se“. Ja, man kann sogar wei­ter gehen. Er wacht in einem Flug­zeug auf wie in „Incep­ti­on“, er schmeißt legen­dä­re Par­tys wie in „The Gre­at Gats­by“, er rennt durch sein eige­nes Haus und strei­tet mit sei­ner Frau wie in „Revo­lu­tio­na­ry Road“, und immer so wei­ter. In wirk­lich neu­en Situa­tio­nen sieht man DiCa­prio kaum. Aber DiCa­prio ist in der Lage die fast unschul­di­ge Recht­fer­ti­gung in den Hand­lun­gen von Bel­fort mit­zu­spie­len. Die­ser Mann, der einen mora­li­schen Irr­glau­ben in Köp­fe pflan­zen kann. DiCa­prio spielt den poli­ti­schen Dis­kurs eben nicht mit. Ähn­li­ches kann man auch von einer außer­ge­wöhn­li­chen Per­for­mance von Jonah Hill sagen, der die „Fuck­ing-Super­bad-Gene­ra­ti­on“ an die Bör­se bringt. 
„The Wolf of Wall Street“ ist ein Film bei dem man sich auf jede Sze­ne freut. Manch­mal ist er ein stu­pi­des Abfil­men mög­lichst kras­ser Sze­nen, die dann immer wie­der dem glei­chen Gesetz fol­gen: Die Figu­ren gehen sehr weit, sie gehen zu weit. Etwas pas­siert, sie wer­den zurecht­ge­wie­sen oder gestoppt. Aber es ist ihnen egal, sie lachen dar­über und machen noch etwas viel hef­ti­ge­res.   Im grö­ße­ren Rah­men folgt Scor­se­se sei­ner gelieb­ten Drei­tei­lung. Es gibt eins aus­lö­sen­des Ereig­nis in der Kind­heit, Jugend oder hier im jun­gen Erwach­sen­al­ter. Dann zeigt er den Auf­stieg und den Rausch des Erfolgs wie auch in „Raging Bull“ oder „Good­fel­las“ und schließ­lich drückt der Wahn­sinn immer mehr gegen die Tür bis sie auf­bricht und der Fall beginnt. Thel­ma Scho­on­ma­ker fährt ihre vir­tuo­sen Schnit­te manch­mal gar etwas zu vir­tu­os. Natür­lich bedient die Form hier den Inhalt, aber manch­mal schlam­pen sie und Scor­se­se der­art bei Über­gän­gen, dass man sich fragt, ob sie das ernst mei­nen. Aber viel­leicht war auch genau das das Ziel die­ser Tech­nik, denn in außer­ge­wöhn­lich abge­lenk­ten Voice-Over Pas­sa­gen mani­fes­tiert sich das Stre­ben nach einer fil­mi­schen Fol­gen­lo­sig­keit noch viel deut­li­cher. Vie­le Regis­seu­re ver­lie­ren im Alter ihre Ecken und Kan­ten. Nicht Scor­se­se, der sie mit einem fuck­ing dri­ve zur Komö­die am Leben erhält. Auch „The Depar­ted“ ist streng genom­men schon eine Komö­die gewe­sen und „The Wolf of Wall Street“ fügt sich damit wun­der­bar ein in das Schaf­fen von Scor­se­se. Als zynisch-komö­di­an­ti­sches Por­trait einer zeit­ge­nös­si­schen Gene­ra­ti­on wird der Film nur schwer zu über­tref­fen sein.