Unruhiges Kino: Auf dem Weg von Peter Schreiner

Auf dem Weg von Peter Schrei­ner han­delt, anders als der Titel ver­mu­ten lie­ße, weni­ger von der Ver­fil­mung einer Rei­se, als eher vom Ver­such, den zer­brech­li­chen Zustand ver­ge­hen­der Zeit in einer Kap­sel zu ver­wah­ren. Was es heißt, auf dem Weg zu sein, lässt sich mit den Mit­teln eines Films zwar beschrei­ben oder in Bil­dern wie­der her­stel­len, aber lässt es sich auch emp­fin­den, so als könn­te man mit einer Hand im Vor­über­ge­hen eine Wand strei­fen? Es scheint, als ver­su­che Peter Schrei­ner die­ser Berüh­rung mit den inti­men Bil­dern der eige­nen Fami­lie oder Erleb­nis­sen sei­ner Freun­de nahe­zu­kom­men. Über den Film hin­weg, ver­streu­en sich offen­bar zusam­men­hang­los Sze­nen, die wie Moment­auf­nah­men aus einem Foto­al­bum her­aus­tre­ten. Der Film erfährt tat­säch­lich eine gewis­se tak­ti­le Dimen­si­on und erin­nert so viel­leicht an das Blät­tern zwi­schen den Sei­ten. Als wol­le man sich ver­ge­wis­sern, ob der Ein­druck der Erin­ne­rung noch mit dem Bild über­ein­stimmt, ent­steht zwi­schen den fil­mi­schen Frag­men­ten eine suchen­de Bewe­gung, die kein bestimm­tes Ziel kennt, außer womög­lich sich selbst.

Ver­ein­zelt blickt Peter Schrei­ner selbst vom Bild­rand in die Kame­ra. In die­ser Hin­sicht zeugt der Film nicht nur von der Per­spek­ti­ve einer Suche, son­dern wohl auch von der einer Ent­de­ckung. Man hat zunächst Mühe, die­sem Blick zu fol­gen. Erst all­mäh­lich stellt sich ein gewis­ses Ver­trau­en zu den Bil­dern ein, was para­dox ist, da sich letzt­lich Schrei­ner mit die­sen Bil­dern dem Publi­kum anver­traut. Anstatt sich den Bil­dern hin­zu­ge­ben, stür­zen sie auf einen her­ein. Infol­ge­des­sen ver­hielt sich auch das Publi­kum unge­wöhn­lich unru­hig, vor dem der Film anläss­lich des dok.at-Jubiläums im Film­mu­se­um gezeigt wur­de. Die Bil­der, so sub­til und ver­träg­lich sie auch wir­ken mögen, ver­lan­gen etwas ab. Etwas, das man viel­leicht vor dem Kino zurück­ge­las­sen hat? Über zwei Stun­den hin­weg ver­lie­ßen nach und nach Per­so­nen ihre Plät­ze. Es fällt schwer, dem kei­ne Auf­merk­sam­keit zu schen­ken, denn die Unru­he – im Wider­spruch zur Ele­gie des Films – mischt sich mit der Fra­ge, wel­che Ver­bin­dung sich der Film zu sei­nem Publi­kum erwar­tet. Wäre es den Bil­dern ange­mes­sen, sie ein­fach nur anzu­er­ken­nen oder muss das Auge ihnen eine beson­de­re Bedeu­tung zukom­men lassen?

Springt der Fun­ke des Films zwi­schen Autor und Publi­kum nur über, wenn bei­de eine bestimm­te Vor­stel­lung von Film im All­ge­mei­nen tei­len? Oder ist das Gegen­teil der Fall: Sie müs­sen sich anein­an­der reiben?

Ein Film sei ein Haus, sag­te Peter Schrei­ner im anschlie­ßen­den Gespräch mit Bar­ba­ra Wurm. Ein Haus ist ein Ort, in dem man sich ein­rich­ten kann, den man nach eige­nem Belie­ben gestal­tet. Aber ein Haus ist auch ein Ort, bei dem man in der Regel die Tür schließt, nach dem man über die Schwel­le getre­ten ist. Ein Haus hat eine Adres­se, einen Anfahrts­weg und manch­mal auch eine Hecke, über die man hin­weg­spä­hen kann. Aus dem Gestrüpp des Gar­tens ragt ver­steckt eine Fas­sa­de her­aus. Durch die Fens­ter lässt sich Leben in den beleuch­te­ten Zim­mern erah­nen. Immer wie­der ertap­pe ich mich selbst bei einem nächt­li­chen Heim­weg, mit Bli­cken einen Moment zu lang an den Fens­tern fest­zu­hän­gen, mei­nen Vor­stel­lun­gen über die Frem­den nach­zu­hän­gen. Ange­kom­men, schaue ich aus dem Fens­ter zurück auf die Hal­te­stel­le vor unse­rem Haus – tags­über gefüllt von Men­schen, die sich auf die Füße tre­ten und nachts wie leer­ge­fegt. Ohne Zwei­fel liegt der Unter­schied zwi­schen Fil­me machen und Fil­me schau­en dar­in, an wel­cher Stel­le man sich befin­det, die Fra­ge ist viel­leicht nur, ob man über die Schwel­le tritt, auch wenn die Tür offensteht.