Man sieht all die­se Fil­me und je mehr man sie sieht und zu ihnen for­mu­liert, des­to ober­fläch­li­cher wird man. Das liegt nicht an einer Erschöp­fung, den­ke ich, es liegt dar­an, dass man in der Viel­zahl des Ver­schie­de­nen irgend­wann auf die eige­ne Mei­nung zurück­ge­wor­fen wird. Der ein­zel­ne Film lebt nur mehr in Rela­tio­nen. Die eige­ne Mei­nung kommt zugleich als ers­tes und als letz­tes. Dar­über hin­aus oder dar­un­ter bräuch­te man Zeit und Raum. Die Fil­me aber atmen nicht mehr. Man soll­te einen oder zwei im Jahr sehen, hat Mar­gue­ri­te Duras ein­mal gesagt. Sie hat gelo­gen und sie hat­te recht.

Bei Kle­ber Men­don­ça Fil­hos O Agen­te Secre­to fällt zunächst auf, dass es ent­ge­gen der von Wal­ter Sal­les und sei­nem Ain­da estou aqui ver­tre­te­nen Posi­ti­on wohl doch auch Schwar­ze Men­schen im Bra­si­li­en der 1970er Jah­re gab.

Lust­voll führt der Fil­me­ma­cher vor, wel­che Rolle(n) das fik­tio­na­le Kino im Ver­hält­nis zur Geschich­te ein­neh­men kann. Geschich­te als Spiel­film, Erin­ne­rung als Bil­der, die sich ande­re machen. In die­sem Sinn voll­endet der Film das, was Retra­tos Fan­tas­mas ange­fan­gen hat. Pas­send, dass bei­de in Reci­fe ange­sie­delt sind und das Kino als Ort auch hier eine wich­ti­ge Rol­le spielt.

Es ist schwer zu ver­ste­hen, war­um der Film sich bei so viel klas­si­scher Ele­ganz von Zeit zu Zeit auf vul­gä­re Gewalt- und alber­ne Sexua­li­täts­aus­brü­che ein­lässt. Es wirkt so, als wol­le der Fil­me­ma­cher sei­nen per­sön­li­chen (aber nicht gera­de idio­syn­kra­ti­schen) Spleens treu blei­ben und an und für sich ist gegen sol­che Stil­mit­tel nichts ein­zu­wen­den, hier wir­ken sie aber deplat­ziert, fast so, als wür­de er sei­nem eige­nen Bestre­ben wider­spre­chen, um zu sagen, dass das alles doch nur Kino sei. Viel­leicht ist aber das sein Bestre­ben und ich will zu viel von die­sem Film.

Neben mir im Kino sitzt ein älte­rer Herr aus Bra­si­li­en, der bei man­chen Sze­nen zufrie­den in die Hän­de klatscht, etwa als eine jun­ge Dozen­tin dem intri­gan­ten Faschis­ten ihre Mei­nung ins Gesicht schreit. Ich füh­le mich sehr wohl neben ihm.

Im Film gibt es wohl die merk­wür­digs­te Kat­ze des Kino­jah­res, eine Zwil­lings­kat­ze, die zwei Kat­zen in einer sind. Eben­so gibt es eine Art Cameo-Auf­tritt von Capy­ba­ras und selbst­re­dend eini­ge Hun­de. Letz­te­re tauch­ten in jedem Film auf, den ich an die­sem Tag gese­hen habe, als woll­ten sie dem kran­ken Hund mei­nes Nach­barn, von dem ich ges­tern berich­tet habe, Bei­stand leisten.

Im lei­der wie­der schlecht besuch­ten Coeur de gueux von Jean Epstein sucht der Fil­me­ma­cher sei­ne Spleens. Da ist wie­der das auf dem Was­ser glit­zern­de Son­nen­licht, aber auch ein Jahr­markt (auf Schiff­schau­keln mon­tier­te Kame­ras) und ein Wald. Dazwi­schen erin­ne­re ich mich dar­an, wie gut Lubit­schs Design for Living doch ist. Bemer­kens­wert aber die sich bewe­gen­de Kame­ra in man­chem Schuss-Gegen­schuss-Dia­log. Man bekommt das Gefühl, dass Epstein in die Bil­der ein­drin­gen will.

Der­je­ni­ge, der sich jeden Abend an einen Tisch setzt, um schnel­le Ein­drü­cke auf­zu­schrei­ben, begibt sich in die Gefahr, das Unfer­ti­ge mit der eige­nen Erfah­rung zu ver­wech­seln. Bes­ser wäre es viel­leicht, man wür­de ein Jahr nach einem Erleb­nis (einer Begeg­nung, einer Wan­de­rung, einem Film) schrei­ben, was einem davon geblie­ben ist. Ich möch­te glück­li­cher oder zumin­dest bereit­wil­li­ger ver­ges­sen. Aber man schreibt auch auf, damit die Din­ge über­haupt gesche­hen sind. Bei Fil­men gilt das umso mehr, hän­gen sie doch stän­dig in die­sem Zwi­schen­reich von Prä­senz und Abwe­sen­heit, Gegen­wär­tig­keit und Ver­gan­gen­heit, Mate­ri­al und Flüchtigkeit.

Ein Mann steht vor dem Gar­ten­bau­ki­no und wun­dert sich, was da los ist. «Das ist ein Kino», schreit er sei­nen Kin­dern zu, als er begreift. «Das ist ein Kino», ruft er, als wäre damit irgend­was gesagt. Dann nimmt er sie an der Hand und sie gehen wei­ter. Auch an die­sem Abend wird er ver­mut­lich nicht an Reci­fe den­ken. Viel­leicht stel­len sich die Kin­der einen Film vor, der dort gezeigt wird, nur weil sie die­ses Wort gehört und die vie­len Lich­ter gese­hen haben. Kino, den­ken sie. Viel­leicht aber auch nicht.