„Aber in der Kri­tik muß man, wenn man nicht zu Kin­dern spricht, den Hei­ne beim wah­ren Namen nen­nen dürfen.“

(Karl Kraus)

Wie jede Zeit ist auch die­se eine Zeit der Moden. Din­ge gehö­ren sich oder gehö­ren sich nicht, je nach­dem, wie der Wind gera­de steht. Was die Kri­tik und ihren Sta­tus im deutsch­spra­chi­gen (und im für die­sen Text beson­ders rele­van­ten öster­rei­chi­schen) Film­kul­tur­kon­text anbe­langt, lässt sich eine gewis­se Dop­pel­mo­ral erken­nen, zu der es eini­ges zu sagen gibt.

Zum einen muss man fest­hal­ten, dass es nicht gera­de in Mode ist, über Kri­tik zu schrei­ben, schon gar nicht auf die­se Wei­se (man wür­de sich mehr Gehör ver­schaf­fen mit einem saf­ti­gen Tweet, der per­sön­li­che Befind­lich­kei­ten in eine Nar­ra­ti­on der eige­nen Unter­drü­ckung quetscht). Zum ande­ren gilt es, besag­te Dop­pel­mo­ral zu defi­nie­ren. Was, wie sich zei­gen wird, eini­ge Begeg­nun­gen mit der eige­nen Dop­pel­mo­ral aus­löst (wenn man selbst ist, was man kri­ti­siert) und Fra­gen zur Ethik der Kri­ti­ker und Kri­ti­sier­ten auf­wirft. Also wagen wir den Ver­such – und schi­cken vor­aus, dass die­se all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen, wie die meis­ten all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen, aus per­sön­li­chen Befind­lich­kei­ten gebo­ren wurden.

Unse­re Web­site gibt es seit inzwi­schen zehn Jah­ren (wir ver­zich­ten auf jeg­li­che Fei­er­lich­keit, auch im Ton). In den ver­schie­de­nen Pha­sen unse­rer Exis­tenz war uns immer mehr am Kino gele­gen als an der Kri­tik. Wir haben uns je nach Lust und Lau­ne als cine­phi­le, nerdi­ge, freie, radi­ka­le, lieb­ha­ben­de, expe­ri­men­tie­ren­de, ent­de­cken­de Autorin­nen und Autoren ver­stan­den. Wich­tig war uns, dass wir etwas im Kino gesucht haben – wahr­schein­lich etwas mehr, als wir dort fin­den konnten.

Ein Groß­teil von uns kommt aus einer Gene­ra­ti­on, für die das Kino kei­ne gro­ße Rol­le mehr spielt. Was für uns ent­schei­dend und prä­gend in der Sozia­li­sie­rung war, gab es für vie­le unse­rer Freun­de schlicht­weg nicht. Das Kino, das ist für uns ein mythi­scher Ort, den es ein­mal gege­ben haben muss. So zumin­dest lesen wir, so erzählt man uns, so glau­ben wir auch selbst, wenn wir Fil­me aus ande­ren Tagen sehen. Die Arbeit mit dem Kino selbst (das Sehen, Hören, Lesen, Dre­hen, Träu­men etc.) ist längst einer pseu­do-pro­fes­sio­nel­len Ver­wal­tungs­ar­beit gewi­chen. Das heißt, wer in Schub­la­den passt, Schub­la­den fin­det oder ande­re Schub­la­den leer räumt, ist Pro­fi. In einer rie­si­gen Mas­se an Bil­dern ertrin­ken wir jeden Tag ein biss­chen mehr, auch weil ein Qua­li­täts­be­griff aus dem all­ge­mei­nen Dis­kurs ver­schwun­den ist. Es ist ein Misch­masch, ein Wirr­warr, ein Zuviel. Wahr­schein­lich ist die­se sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung nicht veri­fi­zier­bar, aber aus die­sem Gefühl erwuch­sen Frus­tra­tio­nen und Begehr­lich­kei­ten. Ers­te­re bedür­fen wohl kei­ner wei­te­ren Erklä­rung (die nicht-geteil­te Begeis­te­rung für eine Ges­te von Gary Coo­per ver­mag es, Her­zen bre­chen zu lassen).

Mit den Begehr­lich­kei­ten dage­gen ver­hält es sich etwas kom­ple­xer. Denn was man sucht in einer sol­chen Situa­ti­on – und da geht es uns nicht anders als vie­len Gene­ra­tio­nen vor uns – ist ein Ort, an dem man mit der Lei­den­schaft sein kann, eine Zuge­hö­rig­keit, ein Ver­ständ­nis. Für man­che von uns war frü­her oder spä­ter auch klar, dass es ein beruf­li­ches Leben mit dem Kino geben soll. In Öster­reich gab es ver­schie­de­ne Anlauf­stel­len dafür und letzt­lich immer die Fil­me selbst, die in ihrer ein­neh­men­den Art eine Gemein­sam­keit (im Kino­saal) sug­ge­rier­ten. Aller­dings ent­pupp­te sich die hie­si­ge Film­sze­ne, was inzwi­schen allen­falls noch zu abwin­ken­dem Zynis­mus oder zu einem Run­ning Gag taugt, als sehr, sehr klein.

Je näher man ihr kommt, des­to deut­li­cher sieht man, dass die­se Begehr­lich­kei­ten sich, sobald man ange­kom­men ist, in Abhän­gig­kei­ten ver­wan­deln. Das heißt, es gibt da eine zähe, in sich völ­lig ver­kop­pel­te Mas­se, die davon lebt, dass sie eine gesell­schaft­li­che Bedeu­tung hat. Aber die rela­ti­ve Grö­ße die­ser Mas­se zur Umge­bung (der Gesell­schaft, der Kul­tur) wird klei­ner. Das liegt zum einen dar­an, dass das Kino nur noch mar­gi­na­le gesell­schaft­li­che Rele­vanz ver­zeich­net, und zum ande­ren dar­an, dass in die­ser Mas­se alle so furcht­bar abhän­gig, ja para­no­id sind.

Die durch­aus unschul­di­gen, wenn auch ehr­gei­zi­gen Ver­su­che, anzu­do­cken, irgend­wo mit­zu­ma­chen, wer­den daher oft von einer Dop­pel­er­kennt­nis beglei­tet: 1. Ja, wie schön. Hier sind alle nett und auch nur Men­schen. 2. Ja, wie pro­ble­ma­tisch, hier den­ken alle nur an sich selbst und hin­ter der schein­ba­ren Offen­heit steckt ein zutiefst von (finan­zi­el­len und geschlechts­be­zo­ge­nen) Ungleich­hei­ten getra­ge­nes Sys­tem. Die­ses Sys­tem steht auf den Schul­tern von Indi­vi­du­en, die selbst kei­ne Kon­trol­le haben, die sich an etwas klam­mern, nen­nen wir es Macht, und schon lan­ge ver­ges­sen haben wes­halb. Irgend­wann haben sie auch ange­fan­gen, sie haben viel und gut gear­bei­tet und irgend­wann ist ihre Zeit gekom­men, nicht dei­ne, nicht unse­re, nein, ihre Zeit. Die­se Erkennt­nis lie­ße sich wohl leicht auf ande­re Bran­chen über­tra­gen. Aller­dings ist die Fall­hö­he ob des auf der Lein­wand ver­mit­tel­ten Idea­lis­mus deut­lich höher.

Kura­to­ren, die in ihren Pro­gram­men bes­se­re Wel­ten beschrei­ben, Kri­ti­ker, die den Kapi­ta­lis­mus angrei­fen, Fil­me­ma­cher, die in ihren Arbei­ten ein Leben außer­halb der Nor­men ver­mit­teln: Sie alle ent­täu­schen umso mehr, wenn sie in ihrem All­tag ande­re Maß­stä­be anwen­den und wenn ihre Ideen sich all­zu leicht den Regeln des Mark­tes beu­gen. Jenes Mark­tes, der sich stän­dig selbst recht­fer­tigt, obwohl er im Kino zu nichts ande­rem geführt hat als zu des­sen suk­zes­si­ver Selbstauflösung.

Dass das Kino lügt, wäre nun aber wirk­lich kei­ne beson­de­re Beob­ach­tung, nein; hier geht es um die Falsch­heit hin­ter der Lein­wand. Der ober­fläch­lich net­te Ges­tus, in dem alle poten­zi­el­le Arbeit­ge­ber der ande­ren sind, in dem man sich kennt, nei­det und schätzt, zum Essen ver­ab­re­det, um sich zu bestä­ti­gen in der all­ge­mei­nen Hal­tung zur Welt, in dem Pres­se­ar­beit Lob­by­ar­beit oder Rekla­me ist, in dem, mit einem Wort, die beton­te Fami­lia­ri­tät zuguns­ten einer nach „Außen“ getra­ge­nen Bedeut­sam­keit hoch­ge­hal­ten wird – all das ist fatal. Denn hier fragt sich nie­mand mehr nach dem „Außen“, nach dem, was eine Kul­tur eigent­lich am Lau­fen hält. Vor die­sem Hin­ter­grund eine Kri­tik zu schrei­ben, ist auto­ma­tisch ein Akt der Stö­rung. Noch fata­ler ist, dass die­ser Text kei­ne Ent­wick­lung beschreibt, son­dern einen his­to­ri­schen Zustand. Es gibt kei­nen Glau­ben dar­an, dass irgend­et­was anders lau­fen könn­te, es ist also nur die Bestands­auf­nah­me eines Schei­terns, ein Schrei in den lee­ren Wald.

Nun haben wir, wie bereits erwähnt, in der Regel aus einer Lie­be zum Kino geschrie­ben. Von zehn Tex­ten, die man auf die­ser Web­site fin­den kann, sind fünf mal mehr oder weni­ger gelun­gen dem Gen­re der Schwel­ge­rei­en zuzu­schrei­ben, wei­te­re vier bemü­hen sich öfter weni­ger als mehr gelun­gen um theo­re­ti­sche Kon­struk­te, und ein ein­zi­ger trägt eine Kri­tik (sei es in einem Neben­satz oder als gan­zer Auf­hän­ger für den Text) in sich.

Manch­mal, so viel Eitel­keit sei erlaubt, fin­den sich auch all die­se Aspek­te in einem Text. Das mit dem per­sön­li­chen Befin­den ergibt sich, weil wir für bei­na­he alle kri­ti­sche­ren Tex­te von Insti­tu­tio­nen oder Fil­me­ma­chern atta­ckiert wur­den. Sei es via Email, Tele­fon, durch plötz­li­che Abwen­dung aus eigent­lich guten per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen oder gar unter Andro­hung beruf­li­cher Kon­se­quen­zen (sei es ein „Run­ter­neh­men“ von einer Pres­se­lis­te oder tat­säch­li­che Job­ver­lus­te). Aus die­sem Grund also gibt es die­sen Text. Er han­delt aber nicht davon.

Statt­des­sen han­delt er von einer Dop­pel­mo­ral, die auch dar­in begrün­det ist, dass Kri­tik eigent­lich erwünscht scheint. Es gibt ein gro­ßes öffent­li­ches Auf­be­geh­ren, das durch­ge­hend in den Sozia­len Medi­en Kri­tik übt. Dabei wird ein bis­wei­len befremd­li­cher mora­li­scher Code ange­wandt, und die zumin­dest in Anstö­ßen gege­be­ne Kri­tik ver­kommt meist zu einer rei­nen Verurteilung.

Auf Film­fes­ti­vals gibt es öffent­li­che Kri­ti­ker­dis­kus­sio­nen, der Zustand der Film­kri­tik ist prin­zi­pi­ell ein The­ma. Kri­ti­ker bekom­men im Rah­men von Fes­ti­vals Arbeit, sie dür­fen schrei­ben, dis­ku­tie­ren, mode­rie­ren. Sie wer­den zu Pre­mie­ren ein­ge­la­den, besu­chen Pres­se­vor­füh­run­gen und irgend­wer schickt ihnen jeden Tag unauf­ge­for­dert Mate­ria­li­en zu. Die finan­zi­el­len Rah­men­be­din­gun­gen sind bru­tal. Man zahlt dafür, schrei­ben zu dürfen.

Aber wann kri­ti­siert ein Kri­ti­ker? Oder anders gefragt: Soll ein Kri­ti­ker eigent­lich kri­ti­sie­ren? Eine nur auf den ers­ten Blick leicht zu beant­wor­ten­de Fra­ge. In meh­re­ren Gesprä­chen, die wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit poten­zi­ell Kri­ti­sier­ten (Fil­me­ma­chern, Insti­tu­tio­nen, Kura­to­ren, Mode­ra­to­ren) führ­ten, wur­de ent­we­der auf die Irrele­vanz der Kri­tik oder aber auf deren Unge­rech­tig­keit (sie sei angeb­lich nur Aus­druck von Frus­tra­tio­nen) verwiesen.

Zur Irrele­vanz ist zu sagen, dass sie nicht ganz abzu­strei­ten ist. Schließ­lich bemü­hen sich ins­be­son­de­re die Tages­zei­tun­gen, aber auch die weni­gen „frei­en“ Autoren, die sich im Inter­net merk­wür­di­ger­wei­se in Imi­ta­tio­nen des Tages­jour­na­lis­mus ver­su­chen, um die Abschaf­fung der Kri­tik. Erwünscht ist eigent­lich nur ein schön geschrie­be­ner, even­tu­ell nuan­cier­ter, aber im Gro­ßen auf den Kino­be­such Lust machen­der Text. Schließ­lich geht es dem Kino schlecht, man muss helfen.

Das trifft noch­mal stär­ker zu, wenn es um öster­rei­chi­sche Arbei­ten oder gar gan­ze Retro­spek­ti­ven geht, zu denen es kaum wirk­li­che kri­ti­sche Stel­lung­nah­men gibt, son­dern nur Ver­wei­se und das gute, alte feuil­le­to­nis­ti­sche Gesu­del, das kaum von bes­se­ren Pres­se­tex­ten unter­scheid­bar ist und in dem man jeder­zeit spürt, dass die Autoren sich in den gelun­ge­ne­ren Fäl­len im Vor­feld eini­ge Fil­me ansa­hen, recher­chier­ten, um dann über die jewei­li­gen The­men zu schrei­ben, als gäbe es den Rah­men nicht, in dem die­se prä­sen­tiert wer­den. Das aller­dings ist kei­ne Kri­tik, es ist Werbung.

Auch ist es kaum so, dass es heu­te noch vie­le Kri­ti­ker gibt. Die meis­ten „Kri­ti­ker“ sind auch und ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach ganz unbe­dingt etwas ande­res, sei es Kura­to­ren, Fes­ti­val­ar­bei­ter, Autoren, Film­nerds, Fil­me­ma­cher, Musi­ker, Bar­ten­der oder arbeits­los. Das gilt auch für uns. Es stel­len sich also durch­aus exis­ten­zia­lis­ti­sche Fra­gen, wenn man Tex­te über Bil­der, Wör­ter, Ideen von Ande­ren schreibt. Die­ses Vor­ge­hen trägt schon an sich eine Ten­denz zum Para­si­tis­mus in sich. Die Fra­ge, was ein Schrei­ben über Film zusam­men­hält, kann meist nur mit „Geschmack“ beant­wor­tet wer­den. Ein der­art all­ge­mei­ner Begriff ist nicht für jeden Autoren genug, vor allem, wenn man bemerkt, wie Geschmack sich ändert. Im Ide­al­fall muss das nicht so sein, dann kann ein Schrei­ben über Film auch eine Spra­che und Welt­sicht eta­blie­ren. In jenem eng gesteck­ten Rah­men, in dem die­ses Schrei­ben der­zeit in Öster­reich prak­ti­ziert wird, scheint das aller­dings nur sehr bedingt mög­lich zu sein.

Zur Unge­rech­tig­keit ist zu sagen, dass sie zwar ein inte­gra­ler Teil der Kri­tik ist, aber gleich­zei­tig nicht wirk­lich exis­tiert. Obwohl es vie­le Mög­lich­kei­ten gibt, die Gerech­tig­keit einer Kri­tik zu erhö­hen, zum Bei­spiel durch Genau­ig­keit, Recher­che, Spra­che oder Wis­sen, bleibt da immer ein Rest, der jeder Begeg­nung mit etwas Frem­dem gemein ist. Zumal die­ses Frem­de über ande­re Medi­en (Bil­der, Töne) auf uns ein­wirkt, nicht über die Spra­che, in der man ihm begeg­net. Ja, man könn­te sich zu sehr über den zu betrach­ten­den Gegen­stand stel­len. Oder ihm mit Vor­ur­tei­len begeg­nen. All das pas­siert zwei­fel­los unent­wegt, doch es ist unvermeidbar.

Die größ­te und wich­tigs­te Her­aus­for­de­rung für den Kri­ti­ker (wie auch für den/​die/​das Kri­ti­sier­ba­re) ist, dass es in einer Kri­tik immer um Wahr­neh­mung geht. Die­se Wahr­neh­mung ist sub­jek­tiv, sie ist hilf­los und bes­ten­falls ein Aben­teu­er. Denn es geht hier­bei um einen Sprung ins Was­ser, nicht um das Säu­bern des Pools vom Rand aus. Es ist bezeich­nend, dass sich die Angrif­fe auf unse­re kri­ti­schen Tex­te bei­na­he aus­nahms­los auf ethi­sche Grund­sät­ze bezo­gen: Man kann so etwas nicht schrei­ben, weil die­ses oder jenes nicht geklärt wur­de, weil man ja eigent­lich im sel­ben Boot sitzt, weil es nicht stimmt.

Die alte Fra­ge nach der Hen­ne und dem Ei lässt sich im Ver­hält­nis von Film und Kri­ti­ker zwar leicht beant­wor­ten, aber das gilt nicht für die Wahr­neh­mung (und dem­zu­fol­ge auch Rele­vanz) einer Arbeit. In der Geschich­te des Films gab es unfass­bar vie­le Miss­ver­ständ­nis­se: Fil­me, die über­se­hen, zu Unrecht an den Pran­ger gestellt oder für die fal­schen Din­ge kri­ti­siert wur­den. Es gibt unzäh­li­ge Schma­rot­zer unter den Kri­ti­kern, noch mehr sol­che, die weder Bezug zu ihrem Gegen­stand noch zur Spra­che haben (die Sel­fies an der Croi­set­te spre­chen da jedes Jahr für sich). Sie und die all­ge­mein um sich grei­fen­de Wurs­tig­keit des­sen, was als demo­kra­ti­scher, kri­ti­scher Geist durch die Gesell­schaft weht (von rechts und links), haben den Begriff der „Kri­tik“ nicht nur vie­ler­orts nega­tiv besetzt, son­dern das, für was er einst stand, mehr oder weni­ger abgeschafft.

In der öster­rei­chi­schen Film­sze­ne gibt es durch­aus eine Geschich­te der unan­ge­neh­men, for­dern­den, unan­ge­pass­ten Film­men­schen, von denen sich vie­le auch als Kri­ti­ker ver­such­ten. Nun muss es heu­te nicht unbe­dingt dar­um gehen, zu ihren oft ego­ma­ni­schen (und stets männ­li­chen) Hah­nen­kämp­fen zurück­zu­keh­ren. Zumal es die­se Gene­ra­ti­on mit ihren Dog­men und Pro­vo­ka­tio­nen ver­ab­säumt hat, aus den Begehr­lich­kei­ten einer immer schon ver­streu­ten Cine­phi­lie eine Har­mo­nie zu for­men. Weil sie sich oft ledig­lich dar­auf kon­zen­trier­te, Fol­lower (zeit­ge­nös­sisch gespro­chen) zu gene­rie­ren, statt an einer gemein­sa­men Idee des Kinos zu arbeiten.

Aus dem Wich­tig­keits­geh­abe die­ser weni­gen ist letzt­lich genau die­se ängst­li­che Hal­tung gegen­über öffent­li­cher Mei­nungs­äu­ße­rung und Dis­kus­si­on ent­stan­den. Dabei geht es ja, zumin­dest für uns, genau nicht um die­sen Wett­kampf dar­über, wer am lau­tes­ten schreit, son­dern um einen Dia­log rund um den Gegen­stand, der prin­zi­pi­ell immer noch das Poten­zi­al hat, ein ande­res Leben, eine ande­re Welt­sicht, eine ande­re Begeg­nung mit dem Frem­den anzu­bie­ten. Aber was sich der­zeit ent­wi­ckelt, ist eine erschre­cken­de Glät­te, in der es kaum mehr Platz für die­se Dia­lo­ge gibt. In der eine um sich grei­fen­de Mar­ke­ting­ma­schi­ne­rie nach Aus­we­gen aus einer Kri­se sucht, die sie genau­so wenig ver­steht wie den Gegen­stand ihrer eige­nen Bewerbungsstrategien.

Es fehlt oft sowohl an der Ver­mitt­lung selbst (ange­fan­gen bei einer guten Begrün­dung dafür, die­sen oder jenen Film zu zei­gen) als auch an über­zeu­gen­den Ideen, wie man das „Außen“ (oder gar die Jugend) errei­chen könn­te. Und nicht zuletzt an den soge­nann­ten Pas­seu­ren; also jenen Stim­men, die uns auf eine Rei­se durch das Kino mit­neh­men – oder uns wenigs­tens, nach einem Griff in ihre Tasche vol­ler obsku­rer Land­kar­ten, einen Weg wei­sen können.

Es ist ein bizar­rer Anblick, zumal in einer der­art über­schau­ba­ren Film­sze­ne, wenn man mit anse­hen muss, wie die weni­gen, aber so wich­ti­gen Wider­sprüch­lich­kei­ten inner­halb die­ser zähen Mas­se mehr und mehr ver­schwin­den, um es sich in rosa­far­be­ner Wohn­lich­keit ein­zu­rich­ten. Natür­lich gilt das nicht für Pri­vat­ge­sprä­che und Hin­ter­zim­mer: Da lässt es sich das aris­to­kra­tisch gefärb­te Wien nicht neh­men, die alt­be­währ­te Unter­schei­dung zwi­schen öffent­li­chem Auf­tre­ten und pri­va­ter Mei­nung auf­recht­zu­er­hal­ten. Nie­mand wür­de es so for­mu­lie­ren, aber öffent­li­che Kri­tik wird nicht gern gesehen.

Es soll­te selbst­ver­ständ­lich sein, dass es hier um eine Ten­denz geht, von der es ein­zel­ne Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen aus­zu­neh­men gilt. Aber wir wol­len weder auf der einen noch auf der ande­ren Sei­te Namen nen­nen. Dabei geht es nicht dar­um, dass wir die direk­te Kri­tik scheu­en. Wir hal­ten es sehr wohl mit Karl Kraus und sei­nem zu Beginn die­ses Tex­tes zitier­ten Selbst­be­wei­ses. Aber die besag­te Ten­denz setzt sich aus der­art vie­len (und auf­grund ihrer unter­schied­li­chen Hin­ter­grün­de und Umstän­de kaum ver­gleich­ba­ren) Situa­tio­nen zusam­men, dass es schlicht unmög­lich ist, alle über einen Kamm zu scheren.

Es betrifft aller­dings Insti­tu­tio­nen wie Ein­zel­per­so­nen. Man merkt, dass sich aus dem Selbst­ver­ständ­nis die­ser in sich ver­schränk­ten Sze­ne son­der­ba­re Gepflo­gen­hei­ten im Umgang mit den Medi­en (und in unse­rem Fall mit einem Medi­um ohne Rele­vanz) erge­ben. Koope­ra­ti­ons­an­ge­bo­te, die aus­nahms­los ohne die Mög­lich­keit einer Film­sich­tung gemacht wer­den (auf Nach­fra­ge gibt es dann Schwei­gen oder einen Link). Fil­me­ma­cher, die sich ent­we­der wün­schen, man wür­de ihr Schaf­fen bewer­ben – oder sich ent­rüs­tet zei­gen, wenn man kri­ti­sche Wor­te über sel­bi­ges ver­liert. Insti­tu­tio­nen, die aus Angst, ihr Image zu beschä­di­gen (oder ihre inne­re Zer­ris­sen­heit nach Außen zu tra­gen), glau­ben, dass sie Inhal­te auf einer Web­site wie der uns­ri­gen mit immer­fort wech­seln­den, wider­sprüch­li­chen Argu­men­ten beein­flus­sen können.

Die Selbst­ver­ständ­lich­keit die­ses mora­lisch frag­wür­di­gen und unpro­fes­sio­nel­len Ver­hal­tens (bei kaum einer Beschwer­de, die an uns her­an­ge­tra­gen wur­de, hat­ten wir das Gefühl, dass es ein Ver­ständ­nis oder auch nur ein Inter­es­se dafür gab, was „Jugend ohne Film“ eigent­lich macht) ist noch erschre­cken­der als das Ver­hal­ten selbst. Klä­ren­den Gesprä­chen, einer Ver­öf­fent­li­chung von Gegen­dar­stel­lun­gen oder ähn­li­chem wären wir in kei­nem der Fäl­le aus­ge­wi­chen. Die Betrof­fe­nen zogen es aber vor, sich beharr­lich gegen die blo­ße Exis­tenz von Kri­tik zu wehren.

War­um schreibt man also eine Kri­tik? Es gibt sehr vie­le fal­sche Grün­de, eine Kri­tik zu schrei­ben, aber deut­lich mehr fal­sche Grün­de, sie nicht zu schrei­ben. In der Regel schreibt man eine Kri­tik, weil man das Geld braucht. Aber die­ses Argu­ment zählt nicht für eine Platt­form wie „Jugend ohne Film“ (aus­ge­nom­men der Bei­trä­ge man­cher wis­sen­schaft­li­cher Gast­au­toren, bei denen der kar­rie­ris­ti­sche Wil­le zur Publi­ka­ti­on grö­ßer ist als Geld­sor­gen oder Idealismus).

Es mag ver­mes­sen klin­gen, aber das Kino hat in sei­ner Geschich­te min­des­tens genau­so vie­le bedeu­ten­de kri­ti­sche Tex­te über das Kino her­vor­ge­bracht wie gro­ße Fil­me. Das liegt schlicht dar­an, dass die­se Tex­te die Fil­me oft ver­or­ten und ver­deut­li­chen, in wel­cher Form sie auf die Welt bli­cken. Eine Kri­tik an einem Pro­gramm oder an einer fil­mi­schen Ent­schei­dung beschreibt bes­ten­falls weit mehr als sub­jek­ti­ves Emp­fin­den oder irgend­wel­che film­his­to­ri­schen Bes­ser­wis­se­rei­en. Sie ermög­licht uns, in einer von Bil­dern über­flu­te­ten Welt Ori­en­tie­rung zu fin­den, uns über Unsi­cher­hei­ten aus­zu­tau­schen, die Absur­di­tät von dog­ma­ti­schem oder ideo­lo­gi­schem Den­ken frei­zu­le­gen. Sie hilft uns dabei, eine kon­struk­ti­ve (oder destruk­ti­ve) Form zu fin­den, Begehr­lich­kei­ten und Frus­tra­tio­nen zu kana­li­sie­ren, sodass ein Dia­log ent­ste­hen kann. Die­ser Dia­log hat ein­mal in einer Welt in der Welt statt­ge­fun­den, die sich das Kino nann­te und deren gro­ßes Anlie­gen das Befin­den der eigent­li­chen Welt war. Und damit sind dezi­diert nicht Reak­tio­nen auf Tages­ak­tua­li­tä­ten gemeint.

Fil­me ste­hen natür­lich auch ohne Kri­tik, sie ste­hen für sich selbst. Und oft­mals wür­de man sich wün­schen, eine Reak­ti­on auf einen Film wäre inni­ger, schwei­gend, statt leer. Die Not­wen­dig­keit von Kri­tik hat nichts mit der Begeg­nung mit einem Film zu tun, sie hat mit dem Leben zwi­schen Film und Gesell­schaft zu tun. Des­halb scheint es gera­de in der heu­ti­gen Zeit so fatal, dass es kaum Kri­tik an jenen gibt, die ent­schei­den, wel­che Fil­me wir sehen dür­fen (mit Aus­nah­me der gro­ßen Strea­ming­diens­te). Es fällt offen­bar leich­ter, den nächst­bes­ten Algo­rith­mus zu hin­ter­fra­gen, als den Kura­tor, mit dem man letz­te Woche noch ein Bier trin­ken war.

Aber, um ein Sci-Fi-Bild zu evo­zie­ren: im Kampf Algo­rith­mus gegen Mensch wür­den wir gut dar­an tun, gemein­sam zu über­le­gen, was gut an einem Film­pro­gramm, an einer Film­aus­wahl, an einer archi­va­ri­schen Ent­schei­dung, an der Sicht­bar­ma­chung von Geschich­te ist – und was letzt­lich nur die Mecha­nis­men der bösen Algo­rith­men imi­tiert. Es ist ja nichts Neu­es, dass die Mensch­heit an ihrer eige­nen Roboter­wer­dung arbeitet.

Egal, ob die­ser Dia­log ver­krampft, pro­vo­zie­rend, ver­ständ­nis­voll, mit­rei­ßend oder kom­pli­ziert geführt wird, er bringt uns näher an etwas Ech­tes. Etwas, was man schwer beschrei­ben kann, was die­ser Gesell­schaft aber mehr und mehr abhan­den kommt. Die öster­rei­chi­sche Film­sze­ne hät­te das Poten­zi­al, die­se Rei­bungs­flä­chen zuzu­las­sen – gera­de, weil sie so über­schau­bar ist. Es mag auch das nicht gera­de in Mode sein, aber es wäre gut, wenn sich die Men­schen auch ein­mal anschrei­en im Kino, anstatt alles immer irgend­wie in Ord­nung oder egal sein zu las­sen. Es soll­te jeden­falls gespro­chen wer­den, und vor allem: zuge­hört. Und es wäre schön, wenn es um die jewei­li­ge Sache gin­ge – nicht um jene, die spre­chen und schrei­en. Aber die­se Flos­keln sind abge­nutzt, sie sind müde. Was hilft (immer sel­te­ner), ist einen Film zu sehen. Viel­leicht ist das auch das Kino: jede Gene­ra­ti­on muss ent­de­cken, dass es das Kino und damit auch die­sen Dia­log schon lan­ge nicht mehr gibt, nur noch ein paar Fil­me, ver­streut. Am schwie­rigs­ten ist dabei, dass die­ser Text von einer Per­son geschrie­ben wur­de, die vehe­ment ein „Wir“ behaup­tet, das wahr­schein­lich auch nur in Ansät­zen existiert.

„Kri­ti­ker, die Nicht-Betei­lig­ten des Betriebs, gibt es als sol­che Nicht- oder Noch­nicht-Betei­lig­ten nicht mehr. Vor Jah­ren schon, nach dem 100. Film, den sie mise­ra­bel vor­fan­den, haben sie auf­ge­hört den 101. Film für mise­ra­bel zu hal­ten. Sie haben die Nutz­lo­sig­keit und und Ohn­macht ihrer Arbeit ein­ge­se­hen und ein­ge­stan­den. Aus der Sinn­lo­sig­keit ihrer Funk­ti­on haben sie es ver­stan­den eine Exis­tenz­be­rech­ti­gung zu machen, eine Funk­ti­on des Betriebs ist aus ihnen gewor­den, real, nicht mehr bloß objek­tiv nach­zu­wei­sen. Sie sind Ange­stell­te gewor­den. Ange­stell­te der Ver­la­ge, der Musik­fir­men, der Film­pro­duk­tio­nen, des Fern­se­hens. Schrä­ge Vögel, zwei­fel­haf­te Exis­ten­zen, unsi­che­re Zeit­ge­nos­sen, die sie mal gewe­sen sind, hat man sie jetzt fest im Griff. Ihre Ohn­macht, die ein­mal nichts ande­res gewe­sen ist als das, was Ohn­macht ist, ist jetzt zu einer Nütz­lich­keit nicht mehr für son­dern des Sys­tems gewor­den. Sie ste­hen auf der Gehalts­lis­te der Bewusst­seins­in­dus­trie wie die Waren­tes­ter auf der Gehalts­lis­te der Her­stel­ler und die For­scher auf der Gehalts­lis­te der Geldgeber.“

(Hart­mut Bitomsky/​Felix Hof­mann, 1978)