Wenn der Bordstein zur Skyline wird

Text: Ruben Kircher

Ursprüng­lich han­delt es sich bei «neo­li­be­ral» um einen Begriff aus der öko­no­mi­schen Theo­rie, sodass bei dem Ver­such die­sen auf den urba­nen Raum zu über­tra­gen die ers­ten Asso­zia­tio­nen meist Räu­me sind, wie sie in den Finanz‑, Kon­sum- und Tran­sit­zen­tren der Welt zu fin­den sind: Glat­te Ober­flä­chen, kla­re Kon­tu­ren, geo­me­tri­sche For­men, Mini­ma­lis­mus. Eigen­schaf­ten also, die auch skan­di­na­vi­sches Design der Gegen­wart oder die Archi­tek­tur des Bau­haus aus­zeich­nen. Im Unter­schied zu den huma­nis­ti­schen Grund­ge­dan­ken des letz­te­ren ste­hen die­se Attri­bu­te aller­dings auch sinn­bild­lich für die Effek­te und Pro­zes­se des wirt­schaft­li­chen Neo­li­be­ra­lis­mus: Delo­ka­li­sier­te, abs­trak­te Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, Effek­ti­vi­tät, Geschwin­dig­keit. Die damit ver­bun­de­ne Archi­tek­tur, wie auch weni­ger reprä­sen­ta­ti­ve, infra­struk­tu­rel­le Orte dazwi­schen, beschreibt der fran­zö­si­sche Anthro­po­lo­ge Marc Augé in sei­nem gleich­na­mi­gen Buch als Nicht-Orte: Ästhe­tisch voll­kom­men aus­tausch­bar und an das Tex­tu­re Map­ping eines gra­fisch limi­tier­ten Com­pu­ter­spiels der 90er Jah­re erin­nernd, sind sie rein instru­men­tel­len Zwe­cken wie schnel­lem Tran­sit, rei­bungs­lo­sem Kon­sum oder effek­ti­vem Arbei­ten unter­wor­fen. Raum und Gebäu­de wir­ken glatt, abs­trakt und mono­li­thisch, ein «Dahin­ter» ist kaum vor­stell­bar. Die Gebäu­de stel­len ledig­lich einen bedeu­tungs­lo­sen Rah­men für den eigent­li­chen Zweck dar.

Bei­spiel für Tex­tu­re Map­ping, also die gra­fi­sche Aus­stat­tung von 3D-Kör­pern mit Ober­flä­chen­ei­gen­schaf­ten, anhand eines Screen­shots aus dem 1997 erschie­ne­nen Renn­spiel­klas­si­ker Need for Speed II

Dass die­se Asso­zia­tio­nen ihre Daseins­be­rech­ti­gung haben, zeigt die Domi­nanz funk­tio­nal-ästhe­ti­scher Mono­kul­tur im urba­nen Raum der Gegen­wart, ins­be­son­de­re in den Zen­tren poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Macht. So wie der Neo­li­be­ra­lis­mus aller­dings längst den Kern­be­reich Öko­no­mie ver­las­sen hat, lässt sich gleich­zei­tig auch die Ent­wick­lung einer ver­meint­lich gegen­sätz­li­chen Raum­pro­gram­ma­tik beob­ach­ten: Weg vom rein funk­tio­na­len und hin zum kul­tu­ra­li­sier­ten, iden­ti­täts­stif­ten­den städ­ti­schen Raum, den Lokal­ko­lo­rit und archi­tek­to­ni­sches Erbe eben­so aus­zeich­nen wie eine leben­di­ge Kunst- und Alter­na­tiv­sze­ne, eine immer weni­ger vor­han­de­ne Tren­nung zwi­schen Woh­nen und Arbei­ten, sowie eine brei­te Gas­tro­no­mie­land­schaft und zahl­lo­se Kon­sum­mög­lich­kei­ten. Gera­de das von groß­flä­chi­gem Leer­stand gepräg­te Nach­wen­de-Ber­lin erscheint eben­so sym­pto­ma­tisch wie anschau­lich für die­se Ent­wick­lun­gen, die zum Teil auch durch die offi­zi­el­le Kul­tur­po­li­tik des Ber­li­ner Senats lan­ciert wur­den. Sym­pto­ma­tisch dafür steht der vom ehe­ma­li­gen Ober­bür­ger­meis­ter Klaus Wowe­reit getä­tig­te Aus­spruch, Ber­lin sei «arm, aber sexy»: Trotz oder gera­de durch infra­struk­tu­rel­le, öko­no­mi­sche und sozi­al­po­li­ti­sche Defi­zi­te hat sich die Stadt­ver­wal­tung einen pro­duk­ti­ven Mehr­wert durch die kul­tu­rel­le Bespie­lung des in den 90er Jah­ren brach­lie­gen­den urba­nen Raums ver­spro­chen. Ziel dabei: Die Kon­kur­renz­fä­hig­keit mit ande­ren natio­na­len wie inter­na­tio­na­len Groß­städ­ten sowie die Kon­so­li­die­rung des maro­den Lan­des­haus­halt. Zen­tral war dabei die Kom­mer­zia­li­sie­rung der Sub- und Gegen­kul­tu­ren und der Kunst­sze­ne (Ost-)Berlins, mit­tels wel­cher ein Mythos von Ber­lin als glo­ba­lem Krea­tiv­stand­ort der New Eco­no­my geschaf­fen wer­den sollte.

Der ehe­ma­li­ge Reichs­bahn­bun­ker in Ber­lin-Mit­te, der nach jah­re­lan­gem Leer­stand zunächst ver­schie­de­ne Clubs und mitt­ler­wei­le die renom­mier­te pri­va­te Kunst­samm­lung Boros Coll­ec­tion beher­bergt /​Foto: Jean-Pierre Dal­bé­ra, licen­sed under crea­ti­ve commons

Wie es für Ber­lin über­haupt mög­lich war, aus einem ver­meint­li­chen Defi­zit – Leer­stand, post­in­dus­tri­el­ler Ver­fall, maro­de Infra­struk­tur – Kapi­tal zu schla­gen, ver­an­schau­licht dabei das sozio­lo­gi­sche Kon­zept des «grit as gla­mour». Der Sozio­lo­ge Andre­as Reck­witz beschreibt damit für gewöhn­lich als schä­big oder nichts­sa­gend bewer­te­te phy­si­sche Aspek­te urba­ner Räu­me, die plötz­lich als inter­es­sant, his­to­risch wert­voll und authen­tisch wert­ge­schätzt und einer Umnut­zung unter­wor­fen wer­den. Dies betrifft lan­ge als unmo­dern und inef­fi­zi­ent igno­rier­te und plötz­lich begehr­te Alt­bau­woh­nun­gen eben­so wie die Umfunk­tio­nie­rung ver­wahr­los­ter Indus­trie- und DDR-Bau­ten in Bezir­ken wie Mit­te, Prenz­lau­er Berg oder Fried­richs­hain zu Clubs, Ate­liers, Bou­ti­quen und Start­up-Büros. Ehe­mals dem Ver­fall preis­ge­ge­be­ne, jetzt aber als bewah­rens­wert und kul­tu­rell wert­voll bewer­te­te Stra­ßen­zü­ge und Häu­ser­blö­cke beher­ber­gen plötz­lich «crea­ti­ve clus­ter» neu­er Sze­n­e­be­zir­ke: Raum­kon­stel­la­tio­nen in denen Sub‑, Gegen­kul­tu­ren und Kunst­sze­ne auf Kon­sum- und Krea­ti­v­öko­no­mie treffen.

Die­se Ent­wick­lun­gen zeich­nen Reck­witz zufol­ge zahl­lo­se moder­ne Groß­stadt­vier­tel der Gegen­wart aus. Den­noch bot kaum eine ande­re Stadt mehr «grit» – also His­to­rie sowie ver­meint­li­che Ori­gi­na­li­tät und Authen­ti­zi­tät – als das Nach­wen­de-Ber­lin und der dort mit dem Fall der Mau­er frei­ge­wor­de­ne, über vie­le Jah­re ver­nach­läs­sig­te inner­städ­ti­sche Raum. Auch des­halb umgibt Ber­lin bis heu­te der Mythos eines «Neo-Bohe­mi­as». Das Kon­zept des «grit as gla­mour» beschreibt gera­de im Gegen­satz zu den ein­gangs beschrie­be­nen Asso­zia­tio­nen eine neue, vor allem sinn­lich-atmo­sphä­ri­sche Qua­li­tät urba­ner Räu­me und deren phy­sisch-mate­ri­el­ler Eigen­schaf­ten: Glät­te, Funk­tio­na­lis­mus und Mono­to­nie ste­hen Abwechs­lungs­reich­tum, Hete­ro­ge­ni­tät und einer umfang­rei­chen Kul­tu­ra­li­sie­rung gegen­über. Gera­de in Ber­lin zeigt sich aber, inwie­fern der urba­ne Raum mit die­ser neu­en Qua­li­tät auch eine neue Art neo­li­be­ra­ler For­mung erfährt: die (Re-)Vitalisierung der Bezir­ke im Ber­li­ner Osten wur­de in das pri­mär von wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen gelei­te­te poli­ti­sche Pro­gramm des «arm, aber sexy» eingepasst.

Glei­ches gilt für die ursprüng­li­chen Träger*innen die­ser Pro­zes­se und deren urba­ne Struk­tu­ren – also bei­spiels­wei­se Street Art, Graf­fi­ti, besetz­te Häu­sern oder impro­vi­sier­te Rave Loca­ti­ons. Obwohl sie sich gezielt gegen die nor­ma­ti­ven Struk­tu­ren des Main­stream-Kapi­ta­lis­mus rich­ten oder auf­grund ihrer «grit­ti­ness» unver­ein­bar mit die­sen erschei­nen, wer­den sie zur wert­vol­len Res­sour­ce und öko­no­mi­schen Grö­ße für das Stadt­mar­ke­ting und der life­sty­le­ori­en­tier­ten Konsum‑, Krea­tiv- und Erleb­nis­öko­no­mie. Die Insze­nie­rung einer neu­en Qua­li­tät des urba­nen Lebens, das kul­tu­rel­le Ange­bot; der gesam­te Mythos rund um das «Neo-Bohe­mia» Ber­lins zieht Krea­tiv- und Wissensarbeiter*innen der New Eco­no­my und damit ver­bun­den Kapi­tal in die Stadt. Dass die­se Pro­zes­se trotz des Kul­tur mit Öko­no­mie ver­söh­nen­den Schirms des Neo­li­be­ra­li­mus auch an ihre Gren­zen sto­ßen, bewei­sen die immer brei­ter gewor­de­nen Debat­ten rund um bezahl­ba­ren Wohn­raum und das Kul­tur­ster­ben in Vier­teln wie Mit­te oder Prenz­lau­er Berg.

Neu neben alt, gla­mour neben grit: Kon­tras­te in der Gor­mann­stra­ße in Ber­lin-Mit­te, Foto: Ruben Kircher

«Du wohnt jetzt im Ghet­to, jeder soll es seh’n»

Ein Grund für die­se Debat­ten ist, dass der eins­ti­ge «grit» der Ost­ber­li­ner Bezir­ke zuneh­mend durch Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten und mehr oder weni­ger eta­blier­te Gale­rien (Mit­te) oder klein­gärt­ne­risch genutz­te öffent­li­che Grün­flä­chen und ver­kehrs­be­ru­hig­te Zonen (Prenz­lau­er Berg) ersetzt wur­de oder wird (Fried­richs­hain), so dass Raum für Woh­nen und Kul­tur größ­ten­teils einer finanz­star­ken, urba­nen Mit­tel­schicht vor­be­hal­ten bleibt. Orte wie das Tache­les in Mit­te exis­tie­ren schon lan­ge nicht mehr und eins­ti­ge Bal­lungs­räu­me der urba­nen Avant­gar­de und ver­schie­dens­ter Sub- und Gegen­kul­tu­ren beher­ber­gen mitt­ler­wei­le größ­ten­teils Flag­ship Stores ein­schlä­gi­ger Mar­ken des glo­ba­len Life­style-Kapi­ta­lis­mus, Bou­ti­quen für Besserverdiener*innen, Ate­liers zu hor­ren­den Miet­prei­sen oder Start­up-Büros der New Eco­no­my. Das bes­te Bei­spiel dafür stellt die Gegend rund um den Hacke­schen Markt dar, die tags­über über­füllt ist mit Shop­pern, Tourist*innen und Ange­stell­ten der Digi­tal- und Krea­tiv­wirt­schaft, nachts aber ein dys­to­pisch men­schen­lee­res Bild abgibt. Par­al­lel dazu hat die Suche nach bezahl­ba­rem und «authen­ti­schem» urba­nen Raum für einen Auf­schwung der tra­di­tio­nel­len Arbeiter*innenviertel Neu­kölln und Wed­ding geführt. Auch hier fand und fin­det sich mate­ri­ell-archi­tek­to­ni­scher «grit»: Kar­ge 60er-Jah­re-Archi­tek­tur und ver­nach­läs­sig­te Alt­bau­ten, Beton­wüs­ten, Alt-Ber­li­ner Eck­knei­pen, Sperr­müll in den Straßen.

Ein Bild aus dem Blog Notes of Ber­lin, der gefun­de­ne Noti­zen und Zet­tel sam­melt: Iro­nisch kom­men­tier­ter Sperr­müll ist dabei ein eben­so gern gese­he­nes Motiv wie süf­fi­sant zur Schau gestell­te öffent­li­che Aus­hän­ge mit Recht­schreib­feh­lern /​Quel­le: Notes of Berlin

Dar­über hin­aus hat aller­dings kei­nes der bei­den Vier­tel eine urba­ne oder infra­struk­tu­rel­le Lee­re wie den Osten Ber­lins aus­ge­zeich­net. Viel­mehr han­delt es sich bei bei­den um tra­di­tio­nel­le, oft migran­tisch gepräg­te Arbei­ter­vier­tel, wodurch die «Gla­mou­ri­sie­rung» von «grit» um einen bedeu­ten­den Aspekt erwei­tert wird. Der städ­ti­sche Raum hat deut­lich weni­ger Leer­stand und indus­tri­el­le Brach­flä­chen als im Ber­li­ner Osten der 90er-Jah­re und ist stark von sei­nen Bewohner*innen geprägt. Dadurch betrifft die «Gla­mou­ri­sie­rung» nicht mehr nur mate­ri­el­le Aspek­te, son­dern die gesam­te sozia­le Rea­li­tät sol­cher Bezir­ke. Sei es Lon­don-Dal­s­ton, das Pari­ser Arron­dis­se­ment de l’Entrepôt oder eben Ber­lin-Neu­kölln oder Wed­ding, es sind nun Stadt­vier­tel, die auch auf­grund ihrer mar­gi­na­li­sier­ten Bewohner*innen als hip gel­ten. Dabei sind es die häu­fig auf gesell­schaft­li­cher Aus­gren­zung beru­hen­den Lebens­be­din­gun­gen und das damit ver­bun­de­ne All­tags­han­deln, wel­ches pre­kä­re und (post-)migrantische Bewohner*innen mit­ein­an­der verbindet.

«Der Her­ren­mensch von heu­te kann alles kapitalisieren»

Was heißt das genau? Bezog sich das «arm» aus «arm aber sexy» in ers­ter Linie auf die Wirt­schafts­kraft Ber­lins im Ver­gleich zu Rest­deutsch­land und «grit» zunächst vor allem auf räum­li­che Aspek­te, reicht die Wert­schöp­fungs­ket­te mitt­ler­wei­le tief in die sozia­le Rea­li­tät hin­ein: Ange­eig­net wer­den sich nicht mehr nur ver­wahr­los­te leer­ste­hen­de Räu­me, son­dern auch bewohn­ter Raum und die Bewohner*innen eben die­ser Räu­me: Die Alkoholiker*innen in den für güns­tig und authen­tisch befun­de­nen Eck­knei­pen. Die häu­fig als eben­so beängs­ti­gend wie span­nend emp­fun­de­nen (post)migrantischen Jugend­li­chen in Track­suits. Oder auch die als sty­lisch wahr­ge­nom­me­ne «Abge­fuckt­heit» von Obdach­lo­sig­keit und Dro­gen­ab­hän­gig­keit, die erst jüngst in einer skan­dal­träch­ti­gen Rei­he von Wer­be­fo­tos des Schau­spie­lers Lars Eidin­ger vor einem Obdach­lo­sen­la­ger deut­lich wur­de. Men­schen, die sonst für ihren sozio­öko­no­mi­schen Sta­tus belä­chelt wer­den und ihr mate­ri­ell-phy­si­scher Raum – ara­bi­sche Hoch­zeits­ge­schäf­te und Rekla­me für die Fal­a­fel für einen Euro, mit Graf­fi­ti besprüh­te Back­stein­wän­de, ein Bür­ger­steig mit benutz­tem Spritz­be­steck oder Eck­knei­pen mit Holz­ver­tä­fe­lung und Flie­sen­ti­schen – gel­ten als abwechs­lungs­reich, authen­tisch, vital und inter­es­sant. Dabei über­schnei­den sich die Aneig­nung von Klas­se und migran­ti­scher Kul­tur: Hier wie dort wird der sozia­le Rand bzw. das kul­tu­rel­le Unten charismatisiert.

Die Fas­zi­na­ti­on der Mit­tel- und Ober­schicht für pre­kä­re Stadt­vier­tel ist dabei kei­nes­wegs neu, son­dern viel­mehr Teil einer (euro­päi­schen) Kul­tur­ge­schich­te: Man den­ke nur an den fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler Charles Bau­de­lai­re, für des­sen Lyrik die Schat­ten­sei­ten der moder­nen Groß­stadt Inspi­ra­ti­on und Sujet zugleich sind. Oder an die Pari­ser Stadt­tei­le Quar­tier Latin und Mont­par­nas­se, sei­ner­zeit ver­ru­fen und im radi­ka­len Gegen­satz zur bür­ger­li­chen Gesell­schaft und heu­te qua­si syn­onym für künst­le­ri­sche und lite­ra­ri­sche Bohe­me. In der neo­li­be­ra­len Gegen­wart, in der Krea­ti­vi­tät und Kul­tur zur Wäh­rung gewor­den sind, scheint die Krea­tiv­in­dus­trie genau die­sen Gegen­satz pro­duk­tiv für sich nut­zen zu kön­nen, indem Defi­zi­te oder auch Kri­tik am Sta­tus Quo schlicht zu neu­en Akku­mu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten umge­deu­tet werden.

Lars Eidin­ger lässt sich mit einer 500 Euro teu­ren Leder­ta­sche im Design der Plas­tik­tü­te von Aldi-Nord vor Obdach­lo­sen in Ber­lin insze­nie­ren /​© Benjakon/​PB 0110

Anschau­lich wird die­se Dyna­mik durch eine von Nike insze­nier­te Kam­pa­gne im Wed­ding: Unter dem Titel Gewach­sen auf Beton wur­de 2013 gemein­sam mit den dort auf­ge­wach­se­nen Boat­eng-Brü­dern ein über­le­bens­gro­ßes Mural ein­ge­weiht und eine Fuß­ball­schuh-Kol­lek­ti­on vor­ge­stellt. Dazu gab es kur­ze Auf­trit­te der Deutschrap­per Alpha Gun und Kool Savas, die Ver­öf­fent­li­chung einer Rap-Sin­gle von Geor­ge Boat­eng, sowie ein Fuß­ball­tur­nier, bei dem die Fuss­ball­stars eben­so teil­nah­men wie zahl­lo­se Jugend­li­che aus deren ehe­ma­li­gen Heimatbezirk.

Ein von Nike gespon­ser­tes Mural mit den Kon­ter­feis der im Wed­ding auf­ge­wach­se­nen Boat­eng-Brü­dern an der U Pank­stra­ße /​Quel­le: wiki­me­dia, Foto/​User: Fri­do­lin freu­den­fett, licen­sed under crea­ti­ve commons

Har­ter Stra­ßen­rap, Beton­platz statt Rasen­flä­che, Ghet­to-Kids, der graue unge­schön­te Wed­ding, coo­le Street­art über einem Matrat­zen-Out­let – die Kam­pa­gne von Nike zeigt, wie gut es life­sty­le­ori­en­tier­te Groß­kon­zer­ne mitt­ler­wei­le ver­ste­hen, sich sub­kul­tu­rel­le Prak­ti­ken und damit gleich­zei­tig ein Arbei­ter- und Migrant*innenbezirk anzu­eig­nen. Die sozi­al­räum­li­che Lebens­rea­li­tät des Wed­ding wird dabei unter dem Schlag­wort «Beton» ver­kürzt zusam­men­ge­fasst und mit einem neo­li­be­ra­len Auf­stiegs­nar­ra­tiv ver­spon­nen – Stich­wort «Wachs­tum» – um den Nike-Mar­ken­my­thos um Cool­ness, Stär­ke, Stra­ßen­nä­he und sozia­ler Mobi­li­tät zu kreieren.

Mit der Adi­das Foot­ball Base in den Wed­din­ger Ufer­hal­len hat bereits kur­ze Zeit spä­ter auch Nikes Haupt­kon­kur­rent das Poten­ti­al des Wed­dings für sich ent­deckt. Auch sonst scheint die Nike-Kam­pa­gne einen Zeit­geist zu illus­trie­ren, in wel­chem Diver­si­tät von Klas­se und Eth­ni­zi­tät inner­halb eines begrenz­ten städ­ti­schen Raums zu stil­prä­gen­den Kul­tur­for­men feti­schi­siert und in ein Wert­schöp­fungs­sys­tem rund um Kon­sum und Unter­hal­tung ein­ge­passt wer­den. Gera­de die Mode ist dahin­ge­hend beson­ders anschau­lich, wie der sorg­fäl­tig auf Street-Style-Blogs kura­tier­te «grit» hoch­prei­si­ger Fashion­la­bels wie Vete­ments oder die eng mit den Chart­erfol­gen von Trap und Stra­ßen­rap ver­bun­de­ne Logo-Mania unter Jugend­li­chen zei­gen. Auch an deut­schen Seri­en wie 4 Blocks oder Dogs of Ber­lin zeigt sich die neue Cool­ness urba­ner Räu­me: die in 4 Blocks gezeich­ne­te ste­reo­ty­pe migran­ti­sche Kri­mi­na­li­tät und Männ­lich­keit gehört zu den erfolg­reichs­ten deut­schen Seri­en­pro­duk­tio­nen über­haupt. Dogs of Ber­lin ist zwar etwas weni­ger erfolg­reich, doch an den bei­den Haupt­prot­ago­nis­ten zeigt sich die Ver­schrän­kung von Eth­ni­zi­tät und Klas­se umso deut­li­cher: Zwei Poli­zis­ten mit zwie­lich­ti­ger Ver­gan­gen­heit, einer als migran­ti­scher Neu­köll­ner, der ande­re als Ost­deut­scher aus Hellersdorf.

«Wir tra­gen die­sen Look mit Stolz, aber auch mit Stig­ma. Für euch ist es ein Trend, den ihr bald wie­der able­gen könnt»

Hin­ter «grit as gla­mour» steckt sub­ti­le sozia­le Gewalt, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Ver­schrän­kung von «grit» mit Klas­se, Eth­ni­zi­tät oder dem hier nicht wei­ter aus­ge­führ­ten Gen­der. Um die­se zu begrei­fen erscheint es hilf­reich, den Blick jen­seits abs­trak­ter Kul­tur­be­grif­fe und kapi­ta­lis­ti­scher Groß­un­ter­neh­men auf das Indi­vi­du­um zu rich­ten. In der Sozio­lo­gie wird unse­re spät­mo­der­ne, von einer Krea­ti­vi­täts­ma­xi­me getrie­be­ne Kul­tur als eine Kul­tur der Mit­tel­schicht beschrie­ben. Es sind Men­schen aus der Mit­tel­schicht, die auf der Suche nach der Ver­wirk­li­chung ihrer post­ma­te­ria­lis­ti­schen Wer­te in die Städ­te strö­men. Es ist die Mit­tel­schicht, die ihr Leben der krea­ti­ven Arbeit ver­schreibt und es sich leis­ten kann, bestimm­te Stadt­tei­le als als «hip» oder eben nicht zu erklä­ren. Alt­ein­ge­ses­se­ne Wed­din­ger oder Neu­köll­ner, fern­ab der Mit­tel­schicht und auf­grund ihrer Eth­ni­zi­tät oder Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit stig­ma­ti­siert, kön­nen dies meist nicht. Sie kön­nen auch nicht in den Prenz­lau­er Berg, einen ver­gleich­ba­ren Bezirk oder gar aus der Stadt zie­hen, falls ihnen ihre Umge­bung zu stres­sig, zu schmut­zig oder nicht mehr hip genug erscheint. Urba­ne Mobi­li­tät ist gewis­ser­ma­ßen eine Ein­bahn­stra­ße, zugäng­lich für die Mit­tel- und Ober­schicht. Gera­de von Armut gepräg­te Umge­bun­gen die­nen momen­tan aller­dings in einem bemer­kens­wer­ten Aus­maß als visu­ell-ästhe­ti­sche Res­sour­ce für Codes zur urba­nen Auf­wer­tung, zur Kul­tu­ra­li­sie­rung von urba­nen Räu­men und für die Iden­ti­täts­kon­struk­tio­nen jun­ger, hip­per Men­schen. Die Mar­gi­na­li­tät, Armut und sozia­le Insta­bi­li­tät wird dadurch auf ein Ober­flä­chen­phä­no­men redu­ziert und essen­tia­li­siert‚ so dass «grit as gla­mour» auch eine Form des Voy­eu­ris­mus dar­stellt, die sich auch durch Refle­xi­vi­tät und Iro­nie kaum beschö­ni­gen lässt.