I’m all lost in the supermarket, I can no longer shop happily: Nocturama (Bertrand Bonello)

Text: Max Grenz & Kas­par Aebi

«Paris is instant­ly reco­g­nisable» wirbt der Back­pa­cker-Rei­se­füh­rer Lonely Pla­net auf sei­ner Web­sei­te. Dazu ein Luft­bild von Paris in den rot und grün getünch­ten Sepia­far­ben, die spä­tes­tens seit Le fabu­leux destin d’Amélie Pou­lain unmiss­ver­ständ­lich für die Stadt ste­hen. Damit wird die Nost­al­gie nach einem roman­ti­schen Paris bedient, in dem man noch ver­zau­ber­te, von Waren­för­mig­keit und Glo­ba­li­sie­rung ver­schon­te Win­kel fin­den kann: eine Ver­mark­tung der Markt­lo­sig­keit. Die Kup­pel des Inva­li­den­doms leuch­tet im gedämpf­ten Licht der Abend­son­ne, links steht der Eif­fel­turm und dahin­ter erhebt sich, naht­los inte­griert in die Innen­stadt aus dem 19. Jahr­hun­dert, die Sky­line mit Glas­fas­sa­den. Unter dem Foto folgt eine Lis­te der Gebäu­de, die wie ein Beweis für den Wer­be­slo­gan wir­ken: Eif­fel­turm, Arc de Triom­phe, Lou­vre, Cent­re Pom­pi­dou, Sacré-Coeur – jeweils mit einem Bild ver­se­hen, auf dem man das Gebäu­de auf den ers­ten Blick erkennt. «Brand awa­re­ness refers to the ext­ent to which cus­to­mers are able to recall or reco­g­ni­se a brand», fasst Wiki­pe­dia tro­cken zusam­men. Paris ist eine Top-Mar­ke. Bis zu dem Punkt, an dem die Mar­ken­stär­ke zum Haupt­ar­gu­ment für eine Rei­se in die Stadt wird.

Im Anholt-GfK City Brands Index℠ (CBI℠), einem vom ame­ri­ka­ni­schen Able­ger des welt­weit fünft­größ­ten Markt­for­schungs­kon­zerns Gesell­schaft für Kon­sum­for­schung erstell­ten Ran­king, belegt Paris für sein posi­ti­ves Mar­ken­image den ers­ten Platz. Vor allem in den Kate­go­rien «Place» («its phy­si­cal out­doors aspect and trans­port») und «Pul­se» («inte­res­t­ing things to do») kön­ne die Stadt überzeugen.

Das Insti­tut schreibt in der Pres­se­mit­tei­lung: «Our sur­vey was con­duc­ted befo­re the Novem­ber attacks in Paris – but, if past expe­ri­ence is any­thing to go by, such attacks do not chan­ge people’s per­cep­ti­ons of the city in any signi­fi­cant or long-las­ting way. The­re may be a tem­po­ra­ry chan­ge in people’s beha­vi­or towards Paris – but the attacks do not affect the reasons why peo­p­le might admi­re the city’s beau­ty, cul­tu­ral life, oppor­tu­ni­ties, etc. and this is what CBI mea­su­res.» Trop­fen auf den hei­ßen Stein also. Die Mar­ke ist stärker.

Noc­tura­ma von Betrand Bonel­lo beginnt mit einer Luft­auf­nah­me von Paris in der Däm­me­rung. Die Kame­ra filmt aus dem Sei­ten­fens­ter eines Heli­ko­pters, der in einer fast unmerk­li­chen Kur­ve über die Stadt fliegt. Kein Hori­zont ist zu sehen, nur die iko­ni­sche Pari­ser Innen­stadt: Ein dich­tes Gewe­be aus Stein, Häu­sern und Stra­ßen, dazwi­schen die Sei­ne mit ihren Brü­cken. Man kann die Pont Neuf und den Not­re Dame aus­ma­chen, irgend­wann schie­ben sich auch das Lou­vre mit dem Jar­din de Tui­le­ries und das Cent­re Pom­pi­dou ins Bild. Doch die Bild­kom­po­si­ti­on schich­tet die ein­zel­nen Gebäu­de zu einem kom­pri­mier­ten Mus­ter. Die Stadt wirkt nicht luf­tig, wie in der Auf­nah­me von Lonely Pla­net, son­dern ver­dich­tet. Und obwohl der Film zuerst die sofort erkenn­ba­ren, kon­su­mier­ba­ren Sehens­wür­dig­kei­ten zeigt, sieht man sie nicht als klar trenn­ba­re Ein­zel­stü­cke. Paris ist ein kom­ple­xes Gemen­ge aus Schich­ten, Stra­ßen, Stei­nen, Schmuck.

Im Bild auf der Web­sei­te von Lonely Pla­net erstreckt sich die Stadt zu einem hoff­nungs­vol­len Hori­zont hin. Im Gegen­satz dazu bedeu­tet «Paris» in Noc­tura­ma kein Fern­weh-Aben­teu­er – dafür das Aben­teu­er sich aus­zu­ken­nen und die­ses Orts­wis­sen tak­tisch nut­zen zu können.

Acht Per­so­nen – alle irgend­wo auf der Schwel­le zwi­schen Jugend und Erwach­sen­sein – bewe­gen sich auf ziel­ge­rich­te­ten Pfa­den durch die ver­schlun­ge­nen Stra­ßen der Stadt. Still und sicher nut­zen sie das Metro­sys­tem, betre­ten Hotels und Büros, durch­que­ren Tief­ga­ra­gen und Hoch­häu­ser. Ihre Wege kreu­zen sich, ver­lau­fen wie­der aus­ein­an­der, manch­mal schei­nen sie sich zu ken­nen, manch­mal nicht. Die Kame­ra beglei­tet ihre prä­zi­sen Bewe­gun­gen auf Augen­hö­he mit schnel­len, kon­trol­lier­ten Fahr­ten. Wie eine Kom­pli­zin ist sie per­fekt auf ihre Aktio­nen abge­stimmt, scheint jeden Schritt bereits im Vor­aus zu ken­nen. Flie­ßend geht sie von einer Per­son zur nächs­ten über, lässt die streng getak­te­te Cho­reo­gra­fie ihrer indi­vi­du­el­len Zeit­plä­ne sicht­bar wer­den. Im Schnitt wer­den die Hand­lun­gen wie ein Staf­fel­stab von Per­son zu Per­son wei­ter­ge­reicht: Einer geht über die Stra­ße in einen Metro­ein­gang – der nächs­te sitzt war­tend in der U‑Bahn – eine drit­te betritt an einem ande­ren Ort wie­der die Straße.

Ein gemein­sa­mer Bewe­gungs­fluss ent­steht über die räum­li­chen Abstän­de hin­weg, klang­lich rhyth­mi­siert durch den stän­di­gen Wech­sel zwi­schen eilen­den Schrit­ten und regungs­lo­sem War­ten. Immer wie­der die­sel­ben Ges­ten bei ver­schie­de­nen Per­so­nen: para­no­ide Sei­ten­bli­cke, ver­un­si­cher­tes Inne­hal­ten, ein schnel­ler Blick auf die Arm­band­uhr. Die Zeit tickt unab­läs­sig wei­ter. Bild­fül­lend ein­ge­blen­de­te Uhr­zei­ten: 14H07. 15H30. 16H18. 16H50. Irgend­et­was schwebt in der Luft. Alle Hand­lun­gen sind aus­ge­rich­tet auf eine unmit­tel­ba­re Zukunft, die unauf­halt­sam näher rückt. Um 19H15 explo­die­ren an meh­re­ren Orten zugleich die Bomben.

Die minu­tiö­se Orches­trie­rung der Bewe­gun­gen rückt Noc­tura­ma in die Nähe des Heist Films. So wie Einbrecher*innen den Grund­riss und die Arbeits­ab­läu­fe einer Bank aus­wen­dig ler­nen, um gezielt in sie ein­drin­gen zu kön­nen, nut­zen die Jugend­li­chen ihre Kennt­nis der Infra­struk­tur der Stadt, um sich Zugang zu den Zie­len ihrer Anschlä­ge zu ver­schaf­fen. In bei­den Fäl­len ver­wan­deln sich all­täg­li­che Orte und Vor­gän­ge in ein eng­ma­schi­ges Netz raum­zeit­li­cher Struk­tu­ren, durch das die Kri­mi­nel­len in per­fek­ter Cho­reo­gra­fie hin­durch­glei­ten. Ganz Paris erscheint in Noc­tura­ma wie ein ein­zi­ges gro­ßes Sicherheitssystem.

Doch trotz der Affi­ni­tät zu Gen­re-Bil­dern behal­ten die Sze­nen im ers­ten Teil des Films immer eine All­täg­lich­keit bei. Wenn die Jugend­li­chen in der Bahn sit­zen und mit lee­rem Blick vor sich hin star­ren, unge­dul­dig auf dem Gleis auf und ab gehen oder plötz­lich ihren Schritt beschleu­ni­gen, um das rich­ti­ge Abteil zu erwi­schen, dann könn­ten sie genau­so gut auf dem Weg zur Uni, ins Café oder auf eine Par­ty sein. Ihr Ver­hal­ten fällt nicht aus dem All­tag her­aus, son­dern ist naht­los in ihn inte­griert. Sie bewe­gen sich auf offe­ner Stra­ße unter den rest­li­chen Fußgänger*innen, wer­den wie alle ande­ren von Über­wa­chungs­ka­me­ras regis­triert, pas­sie­ren im sel­ben Tem­po die Fahr­kar­ten­kon­trol­len, nut­zen öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel. Die Durch­füh­rung ihres minu­tiö­sen Plans basiert auf dem genau getak­te­ten Fahr­plan der Pari­ser Metro, der eine Per­fek­tio­nie­rung des Zeit­ma­nage­ments nicht nur ermög­licht, son­dern all­täg­lich von uns allen abverlangt.

Was man sieht, betrifft den eige­nen All­tag: die Bli­cke aufs Smart­phone, neben­bei, in Bewe­gung – um Zeit zu spa­ren. Der eige­ne Kör­per ist den abrup­ten Wech­sel zwi­schen beschleu­nig­tem Gehen und nutz­lo­sem War­ten gewohnt. Die Bewe­gun­gen sind in die städ­ti­sche Infra­struk­tur inte­griert. Die Metro, selbst eine mythisch auf­ge­la­de­ne Pari­ser Iko­ne, ver­bin­det nicht nur tou­ris­ti­sche Wahr­zei­chen oder fährt Men­schen zur Arbeit, son­dern kann auch als Werk­zeug für poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on genutzt wer­den. Sie ist gleich­zei­tig kom­mu­na­les Gemein­gut und wich­ti­ge Grund­la­ge für das Funk­tio­nie­ren einer pro­fit­ori­en­tier­ten Wirtschaft.

Tourist*innen gelan­gen effi­zi­ent zu Sehens­wür­dig­kei­ten und Ange­stell­te zu ihren Arbeits­plät­zen. Gleich­zei­tig koor­di­niert der Takt­fahr­plan aber auch die Bewe­gun­gen der Jugend­li­chen und ihre Anschlä­ge. Die öffent­li­che Metro gene­riert pri­va­ten Pro­fit, ermög­licht aber gleich­zei­tig den Wider­stand dage­gen. Die ers­te Hälf­te von Noc­tura­ma zeigt städ­ti­sche Infra­struk­tur als Poli­tik. Das zeigt sich auch an den Dreh­be­din­gun­gen: «So haben wir die Metro­sze­nen in einem fast schon doku­men­ta­ri­schen Stil gedreht. Wir haben kei­ne Loca­ti­on ‚pri­va­ti­siert’. Wir waren immer mit­ten­drin», schreibt Bonel­lo im Pres­se­heft.

Ein dunk­ler Raum. Es ist Nacht. Die Jugend­li­chen spie­len Games, die man nur in den Spie­ge­lun­gen der Fens­ter hin­ter ihnen sieht. Sie hän­gen zer­streut durch die Woh­nung, spre­chen mit­ein­an­der, wech­seln den Ort. Alle mit allen und doch alle schein­bar für sich. Spä­ter tan­zen sie im Gewim­mel durch­ein­an­der, gehen kur­ze Bin­dun­gen ein und tren­nen sich wie­der. Soli­da­risch und trotz­dem völ­lig los­ge­löst sind sie ent­kop­pelt vor sich hin­trei­ben­de Ein­zel­ne: Auf sich gestellt, zusam­men, in eksta­ti­scher Trance, sediert.

Wer sind die­se Jugend­li­chen? Sie gehö­ren kei­ner bestimm­ten Klas­se an, sind nicht Teil einer Min­der­heit oder Mehr­heit. Man­che schei­nen aus gut­si­tu­ier­ten Eltern­häu­sern zu kom­men, ande­re aus den Ban­lieues, man­che aus post­mi­gran­ti­schen Fami­li­en, wie­der ande­re aus dem fran­zö­si­schen Eta­blis­se­ment. Sowohl Frau­en als auch Män­ner, und auch da sind die Iden­ti­tä­ten brü­chig. Das ein­zi­ge, was sie eint, ist ihr Alter. Sie pla­nen poli­ti­sche Anschlä­ge. Ihre Zie­le sind das prunk­vol­le fran­zö­si­sche Innen­mi­nis­te­ri­um, ein gol­de­nes Jeanne‑D’Arc-Denkmal – das unter ande­rem als Ort einer jähr­li­chen Zere­mo­nie der Front Natio­nal dient – und Insti­tu­tio­nen der glo­ba­len Finanz­wirt­schaft wie bei­spiels­wei­se die bri­ti­sche Groß­bank HSBC, die auf einer Lis­te von «glo­bal­ly sys­te­mi­cal­ly important banks» des Finan­ce Sta­bi­li­ty Board (dem unter ande­rem die Welt­bank, die EZB, die EU-Kom­mis­si­on und Insti­tu­tio­nen der G20 ange­hö­ren) weit oben auftaucht.

Doch die poli­ti­schen Zie­le der Jugend­li­chen kön­nen nicht einer gemein­sa­men Iden­ti­tät zuge­ord­net wer­den, für die gekämpft wird. «Die Prä­mis­se des Films ist zugleich sein fik­tio­nals­ter Aspekt: der Wunsch, jun­ge Leu­te unter­schied­li­cher geo­gra­fi­scher und sozia­ler Her­kunft zusam­men­zu­brin­gen, wäh­rend die Gesell­schaft sie mit allen Mit­teln aus­ein­an­der­brin­gen will. Und sie mit einem gemein­sa­men Ide­al zusammenzubringen.»

Die­ses Ide­al bleibt offen, aus­ge­stal­tet zu wer­den. Was die Jugend­li­chen jedoch ver­bin­det, ist eine gemein­sa­me his­to­ri­sche Erfah­rung. Sie sind alle in den 90er-Jah­ren gebo­ren und in den 2000ern groß gewor­den. Ihre Vor­stel­lun­gen von Zukunft sind geprägt durch Alter­na­tiv­lo­sig­keit: Mar­ga­ret That­chers Mot­to «the­re is no alter­na­ti­ve» hat sich euro­pa­weit durch­ge­setzt und ließ kei­ne Mög­lich­kei­ten mehr für ein ande­res Zusam­men­le­ben. Mit dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on ist die mäch­tigs­te Gegen­spie­le­rin des kapi­ta­lis­ti­schen Wes­tens defi­ni­tiv geschei­tert. Die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Regie­rungs­par­tei­en haben sich von ihrer Nähe zu den Gewerk­schaf­ten ver­ab­schie­det und die staat­li­chen Infra­struk­tu­ren und Schlüs­sel­in­dus­trien pri­va­ti­siert, in Frank­reich vor allem unter der Regie­rung von Lio­nel Jos­pin (1997–2002). Arbeit wur­de zuneh­mend fle­xi­bel, sowohl zeit­lich durch befris­te­te Stel­len, als auch räum­lich durch glo­bal agie­ren­de Konzerne.

Der Sozio­lo­ge Pierre Bour­dieu schreibt 1997: «Pre­ka­ri­tät hat bei dem, der sie erlei­det, tief­grei­fen­de Aus­wir­kun­gen. Indem sie die Zukunft über­haupt im Unge­wis­sen lässt, ver­wehrt sie den Betrof­fe­nen gleich­zei­tig jede ratio­na­le Vor­weg­nah­me der Zukunft und vor allen Din­gen jenes Min­dest­maß an Hoff­nung und Glau­ben an die Zukunft, das für eine vor allem kol­lek­ti­ve Auf­leh­nung gegen eine noch so uner­träg­li­che Gegen­wart not­wen­dig ist.» Oder anders gesagt: Wenn die Arbeits­stel­le immer kurz davor ist aus­zu­lau­fen, kann man kei­ne lang­fris­ti­ge Zukunft pla­nen. Und ohne eine Vor­stel­lung von Zukunft ist es schwie­rig, gegen eine schlech­te Gegen­wart und für eine bes­se­re Zukunft zu kämpfen.

Die Fol­ge ist eine Per­spek­tiv­lo­sig­keit, die ein Gefühl des dump­fen kon­se­quenz­lo­sen Genus­ses her­vor­bringt, das der Kul­tur­theo­re­ti­ker Mark Fisher als «depres­si­ve Hedo­nie» bezeich­net: Pri­va­ti­sier­te Emo­tio­nen, die wis­sen, dass die Lage schlecht ist, aber nicht wis­sen wohin damit und sich ohne Ziel in eine betäub­te Par­ty stür­zen. «Die­se Schwer­mut des Hedo­nis­ten» fin­det Fisher in Alben wie Kanye Wests 808s & Heart­break und «in der tief­trau­ri­gen Art, wie Dra­ke in Marvin’s Room die Zei­len ‚We threw a par­ty /​Yeah, we threw a par­ty’ singt» wie­der. Der Sound die­ser Alben klin­ge wie die gespens­ti­sche Wie­der­kehr einer Par­ty, die vor sich hin­trei­bend die Lee­re der Ober­flä­che aus­kos­tet – eine Stim­mung, die auch in der oben beschrie­be­nen Par­ty­sze­ne wider­hallt. Die Par­ty der Jugend­li­chen ermög­licht zwar eine gemein­sa­me Soli­da­ri­sie­rung, wirkt aber para­do­xer­wei­se gleich­zei­tig wie eine Ver­län­ge­rung ihrer pre­kä­ren Lage.

Die Par­ty­sze­ne steht kom­ple­men­tär zur Job­su­che der Jugend­li­chen: Eine Rück­blen­de zeigt drei Mit­glie­der der Grup­pe im War­te­saal eines Büro­ge­bäu­des sit­zen. Zwei war­ten auf ein Bewer­bungs­ge­spräch, der Drit­te arbei­tet bereits in einem Café. Es geht um einen Job als Wach­per­so­nal in einem Park­haus – eine Bran­che, die in fle­xi­blen Zeit­plä­nen und oft über befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge orga­ni­siert ist.

«Wie vie­le neh­men die?» – «Kei­ne Ahnung.»
«Suchst du schon lan­ge?» – «Fast ein Jahr. – «Ein Jahr? Krass… Suchst du rich­tig?» – «Jeden Tag, aber nichts zu machen. Und du? Schon lan­ge?» – «Noch nicht so lange.»
«Stel­len die einen sofort ein?» – «Glaub ich nicht. Aber sie rufen sicher bald an. Hast du so was schon mal gemacht?» – «Nein, ist mein ers­tes Mal. Und du?» – «Nein.»

Ob einer der bei­den den Job krie­gen wird, ist unge­wiss. Und auch wenn jemand die Stel­le erhält, bie­tet sie kei­ne Absi­che­rung: Die meis­ten Stel­len sind auf Zeit und kön­nen fle­xi­bel gestri­chen wer­den. Jede*r könn­te jeder­zeit den Job ver­lie­ren. Die Kon­kur­renz um die Stel­le wird damit in die Arbeit sel­ber hin­ein­ver­legt: Durch die «per­ma­nen­te Dro­hung des Arbeits­platz­ver­lusts» wer­de die Kon­kur­renz um die Arbeit aus­ge­wei­tet zu «einer Kon­kur­renz bei der Arbeit, die jedoch im Grun­de auch nur eine ande­re Form der Kon­kur­renz um die Arbeit ist» schreibt Bour­dieu. Und nie­mand will der oder die sein, deren Stel­le gekürzt wird. Alle ande­ren wer­den zu Fein­den, mit denen man um Res­sour­cen kämpft. Wer sich wider­setzt kann schnell aus­ge­tauscht wer­den. Wie will man sich da gegen schlech­te Arbeits­be­din­gun­gen wehren?

Bour­dieu schlägt vor, dass die Betrof­fe­nen trotz der Ver­ein­ze­lung gemein­sam gegen die Pre­ka­ri­tät kämp­fen, um so die Kon­kur­renz unter­ein­an­der «zu neu­tra­li­sie­ren». In Noc­tura­ma ver­wirk­licht sich die­se For­de­rung in der Akti­on der Jugend­li­chen. Ihre zunächst schein­bar indi­vi­du­el­len und von­ein­an­der getrenn­ten Tages­ab­läu­fe ver­bin­den sich in der Mon­ta­ge des Films zu einem koor­di­nier­ten und koope­ra­ti­ven Han­deln, das ein gemein­sa­mes Ziel ver­folgt. Von den bei­den Bewer­bern arbei­tet einer spä­ter tat­säch­lich als Wach­mann, aber anstatt sei­nen Kon­kur­ren­ten bloß einen Arbeits­platz weg­zu­neh­men, ermög­licht er den Mit­glie­dern der Grup­pe Zutritt zu ver­sperr­ten Lie­fer­ein­gän­gen. Ein ande­rer nutzt das Pri­vi­leg eines offi­zi­el­len Ter­mins beim Innen­mi­nis­te­ri­um, um den Weg ins Gebäu­de durch die Hin­ter­tür zu öff­nen. Die Zusam­men­ar­beit über alle Unter­schie­de in sozia­ler Her­kunft und gesell­schaft­li­cher Stel­lung hin­weg erscheint wie ein radi­ka­ler Gegen­ent­wurf zu den Kon­kur­renz­be­zie­hun­gen in pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen. Unab­hän­gig von den kon­kre­ten Zie­len ihres Han­delns set­zen sie allein durch ihre Koope­ra­ti­on ein poli­ti­sches Ide­al in die Tat um.

Auch die hete­ro­ge­ne Zusam­men­set­zung und spe­zia­li­sier­te Arbeits­tei­lung der Grup­pe erin­nert an Ein­bruchs­teams aus Heist Fil­men. In sei­ner Stu­die zum Gen­re weist Daryl Lee dar­auf hin, dass in der detail­lier­ten Dar­stel­lung der Arbeits­vor­gän­ge beim Heist immer auch eine Kri­tik an den herr­schen­den Arbeits­be­din­gun­gen for­mu­liert wird, der die Kri­mi­nel­len eine ande­re Form der Zusam­men­ar­beit ent­ge­gen­set­zen: «Doo­med or not, embedded in the desi­re to form a new social rea­li­ty is a cri­tique of socie­ty and its sys­tem of values, be they poli­ti­cal, eco­no­mic, aes­the­tic or other. At its most abs­tract, this repres­ents a uto­pian impul­se […] to form an uncon­ven­tio­nal coll­ec­ti­ve on the mar­gins of socie­ty.» Noc­tura­ma greift das poli­ti­sche Poten­zi­al des Gen­res in der Insze­nie­rung der Anschlä­ge auf. Am deut­lichs­ten wird der Bezug zum Heist Film, wenn man zum ers­ten Mal alle Mit­glie­der der Grup­pe zusam­men in einem Bild sieht.

Sie sit­zen an einem Tisch und bespre­chen, wel­chen Spreng­stoff sie für die Anschlä­ge ver­wen­den wer­den. Die­ser Moment ent­spricht der im Heist Film arche­ty­pi­schen Pla­nungs­sze­ne. Als Wort­füh­rer erweist sich Greg, einer der Bewer­ber aus dem War­te­saal. Er ist als ein­zi­ger deut­lich älter als die Jugend­li­chen und über­nimmt die gen­re­ty­pi­sche Rol­le des Men­tors: Die Grup­pe trifft sich in sei­ner Woh­nung, er hat den Spreng­stoff orga­ni­siert, besitzt offen­bar kri­mi­nel­le Erfah­rung und gibt sein Wis­sen an die ande­ren wei­ter. Doch wäh­rend der Anschlä­ge fällt sei­ne Akti­on völ­lig aus dem cho­reo­gra­fier­ten Plan her­aus. Anstatt wie die ande­ren Bom­ben zu legen, erschießt er einen unbe­kann­ten Mann in des­sen Woh­nung. Auch Gregs Schick­sal nach dem Mord bleibt unge­wiss, er ver­schwin­det ein­fach am hell­lich­ten Tag in einer Stra­ße und damit aus dem Film.

Unter den Mit­glie­dern der Grup­pe behält nie­mand als Mas­ter­mind den Über­blick über das gesam­te Gesche­hen. Nie­mand ent­wi­ckelt aus der geteil­ten Unzu­frie­den­heit ein gemein­sa­mes poli­ti­sches Pro­gramm. Alle blei­ben ver­strickt, nie­mand kennt den einen Aus­weg. Aber die Jugend­li­chen sind kei­ne Nihilist*innen. Die uto­pi­sche Dimen­si­on ihrer Akti­on erklärt sich nicht dadurch, wofür sie han­deln, son­dern zeigt sich dar­in, dass sie es tun. In der Wei­ge­rung, ein­fach immer so wei­ter­zu­ma­chen wie bis­her – egal wie flüch­tig und insta­bil ihre Alli­anz ist und selbst wenn sie mit der Zün­dung der Bom­ben genau­so schnell wie­der zersplittert.

Es ist 19H15. Zum ers­ten Mal ist die Zeit­ein­blen­dung im Bild nicht an eine Hand­lung gekop­pelt. Alles steht still. Nach den Bewe­gun­gen durch das Gewirr des Ver­kehrs­net­zes zeigt Noc­tura­ma erneut ein Pan­ora­ma über die Stadt und hält inne. Ein­zel­ne Häu­ser sind im Dun­kel der Däm­me­rung kaum noch zu erken­nen, aber die Sil­hou­et­te des Eif­fel­turms mar­kiert wie ein Mar­ken­lo­go die Stadt. Wie für das Foto auf der Web­sei­te von Lonely Pla­net stand die Kame­ra auf der Aus­sichts­platt­form des Tour Mont­par­nas­se, gebaut im Rah­men der umstrit­te­nen Stadt­er­neue­rungs­maß­nah­me Maine-Mont­par­nas­se, für die ab 1957 gro­ße Tei­le des von Armut gepräg­ten Mont­par­nas­se-Vier­tels abge­ris­sen wur­den; heu­te ist das Büro­hoch­haus vor allem für sei­ne Aus­sichts­platt­form mit «Blick über Paris, auf den Eif­fel­turm und alle his­to­ri­schen Sehens­wür­dig­kei­ten der Stadt» bekannt.

Als wür­de man den Blick schwei­fen las­sen, nimmt die Kame­ra nun ein­zel­ne Sehens­wür­dig­kei­ten in den Blick: Auf das Pan­ora­ma folgt ein Blick vom Tour Mont­par­nas­se über den Jar­din du Luxem­bourg auf den Not­re Dame, danach ein Rie­sen­rad, das Cent­re Pom­pi­dou, und schließ­lich das fran­zö­si­sche Innen­mi­nis­te­ri­um, nun wie­der von der Stra­ße aus auf­ge­nom­men. Eine Bewe­gung run­ter vom Tour Mont­par­nas­se zurück in die Stadt. Einen kur­zen Moment hält die Kame­ra vor dem Innen­mi­nis­te­ri­um inne, dann explo­diert die ers­te Bom­be. Die zwei­te lässt auf sich war­ten: Eine der Jugend­li­chen steht im Nie­mands­land zwi­schen Büro­ge­bäu­den und blickt auf einen Glas­bau­kom­plex. Die Zeit ver­rinnt; die Kame­ra nimmt ihre anein­an­der­rei­hen­de Auf­zäh­lung wie­der auf und schnei­det kurz zur Sta­tue von Jean­ne D’Arc und vor den Palace Brong­niart (der von Napo­lé­on Bona­par­te als Sitz der Pari­ser Bör­se in Auf­trag gege­ben wur­de und heu­te den fran­zö­si­schen Sitz der inter­na­tio­na­len Bör­se Euron­ext beher­bergt). An bei­den Orten brennt es jetzt.

19H16: Die jun­ge Frau blickt unge­dul­dig auf die Uhr. Wie im Show­down eines Wes­terns steht sie dem Glas-Tower gegen­über. Die drei Tür­me ste­hen sto­isch da und erwi­dern ihren Blick, dann explo­die­ren sie.

Mit der zwei­ten Explo­si­on beginnt die Zeit zu zer­split­tern. Unter­bro­chen durch die Eva­ku­ie­rung des Luxus­kauf­hau­ses, in dem sich die Jugend­li­chen ver­ste­cken wer­den, wie­der­holt sich die Auf­zäh­lung in ver­än­der­ter Rei­hen­fol­ge erneut: Der Blick auf die Uhr, gefolgt vom Pan­ora­ma über Paris, dem Rie­sen­rad und dem Cent­re Pom­pi­dou. Zum Schluss mün­det die zer­split­ter­te Auf­zäh­lung in einen Split­screen, der alle vier Explo­sio­nen gleich­zei­tig im räum­li­chen Neben­ein­an­der auf der Bild­flä­che zeigt und sich in den vier­ge­teil­ten Über­wa­chungs­auf­nah­men aus dem Luxus­kauf­haus fort­setzt. Ereig­nis­se wer­den wie­der­holt gezeigt, Rei­hen­fol­gen ver­keh­ren sich oder brei­ten sich über die Bild­flä­che aus, als wäre eine Flüs­sig­keit aus­ge­kippt. Die Zeit ist aus den Fugen. Sie zer­split­tert in klei­ne Stü­cke, in klei­ne Hand­lun­gen, in hedo­nis­ti­sches Fei­ern, ein­ge­kes­selt in einem Luxus­kauf­haus, in dem Unge­wiss­heit und Angst steckt. Sprün­ge und Wie­der­ho­lun­gen, vor und zurück, wie eine ver­bo­ge­ne Schall­plat­te oder eine leicht zer­kratz­te CD.

Nach den Anschlä­gen tref­fen die Jugend­li­chen im Kauf­haus zusam­men. Mit der Eva­kua­ti­on des Gebäu­des ver­stummt das rege Durch­ein­an­der, der Ort bleibt wie aus­ge­stor­ben zurück; die Roll­trep­pen hal­ten an, das Licht geht aus. In der Dun­kel­heit fin­det die Kame­ra die Jugend­li­chen in ihren Ver­ste­cken wie­der. Regungs­los war­ten sie, bis eine Stim­me die Stil­le durch­bricht und Ent­war­nung gibt. Ein Mit­glied der Grup­pe hat das Sicher­heits­sys­tem unter sei­ne Kon­trol­le gebracht. Für die­se Nacht gehört das Luxus­kauf­haus den Jugendlichen.

Der Plan scheint sich naht­los fort­zu­set­zen – erst der Heist, dann die Flucht ins Ver­steck. Trotz­dem kommt es mit dem Wech­sel in das Kauf­haus in der zwei­ten Hälf­te des Films zu einem Bruch der Insze­nie­rung. Wäh­rend die Jugend­li­chen auf den Stra­ßen von Paris trotz getrenn­ter Wege durch eine gemein­sa­me Bewe­gung ver­bun­den waren, ver­lie­ren sie sich nun in den weit­läu­fi­gen Gän­gen des Kauf­hau­ses. Bereits wäh­rend der ers­ten Lage­be­spre­chung sind alle Mit­glie­der in Groß­auf­nah­men ver­ein­zelt und auch danach fin­den sie nie wie­der in einer gemein­sa­men Ein­stel­lung zusam­men. Auf die Zer­split­te­rung der Zeit folgt eine zer­split­ter­te Räumlichkeit.

Die räum­li­che Struk­tur des Kauf­hau­ses erin­nert an Fred­ric Jame­sons Ana­ly­se post­mo­der­ner Archi­tek­tur, die er 1984 exem­pla­risch anhand des Bona­ven­ture Hotels in Los Ange­les ent­wi­ckelt hat. Wie die­ses Gebäu­de zeich­net sich auch das Luxus­kauf­haus durch eine rigo­ro­se Her­me­tik aus. Es hat kei­ne Fens­ter und ist schall­dicht gegen die Außen­welt abge­si­chert. Ein per­fek­tes Ver­steck und eine siche­re Fal­le. Schnell ver­brei­tet sich ein Gefühl des Gefan­gen­seins unter den Jugend­li­chen, treibt sie aus­ein­an­der, auf Aus­flü­ge durch die ver­wor­re­nen Eta­gen. In sei­ner Abge­schlos­sen­heit ist das Gebäu­de «dar­auf ange­legt, als tota­ler Raum zu gel­ten, als eine in sich voll­stän­di­ge Welt, eine Art Miniaturstadt».

Hier gibt es tat­säch­lich alles: einen Super­markt mit Kaf­fee, Toast­brot, Wein oder But­ter­kek­sen, eine voll aus­ge­stat­te­te Küche, Mode von Bade­an­zü­gen bis Hoch­zeits­klei­der, Arm­band­uh­ren, Ket­ten, Eye­li­ner, Lip­pen­stift, Bade­wan­nen, Bade­män­tel, Bet­ten, Fern­se­her, Sound­an­la­gen, Spiel­kon­so­len, Bar­bie­pup­pen, Strom und flie­ßen­des Was­ser, Spiel­zeug­waf­fen, Feu­er­lö­scher, ein Go-Kart. Alles wird aus­pro­biert, kon­su­miert, umfunk­tio­niert. Doch bereits eine der ers­ten Erkun­dungs­tou­ren endet abrupt in einer Sack­gas­se, wenn einer der Jugend­li­chen, Yaci­ne, nach weni­gen Metern einer iden­tisch geklei­de­ten Schau­fens­ter­pup­pe gegen­über­steht. Die Ver­hei­ßun­gen der gren­zen­lo­sen Ein­kaufs­wel­ten kol­la­bie­ren schlag­ar­tig in end­lo­se Wie­der­ho­lun­gen. Selbst die Kon­fron­ta­ti­on mit dem künst­li­chen Dop­pel­gän­ger wie­der­holt sich spä­ter im Film.

Für Jame­son ist die ver­meint­li­che Selbst­ge­nüg­sam­keit die­ser Archi­tek­tur in zwei­fa­cher Hin­sicht trü­ge­risch. Ers­tens ver­dop­pelt sie in ihren Innen­räu­men ein­fach die Struk­tu­ren der Außen­welt, anstatt eine ech­te Alter­na­ti­ve zu ent­wer­fen. Zwei­tens kappt sie alle Ver­bin­dun­gen zu ihrer Umge­bung und lässt kei­ne Aus­sicht auf Ver­än­de­rung mehr zu. Die Jugend­li­chen befin­den sich «Im Her­zen von Paris», wie es in den spä­te­ren Fern­seh­be­rich­ten hei­ßen wird, und haben den­noch jeg­li­chen Bezug zur Stadt und sogar ihren eige­nen Taten ver­lo­ren. Wie hyp­no­ti­siert star­ren sie auf die Video­über­tra­gung der bren­nen­den Anschlags­or­te, ohne erkenn­ba­re Reaktionen.

Der tota­le Raum ver­hin­dert, sich in ihm zu ver­or­ten zu kön­nen. Die Kame­ra springt zwi­schen den Eta­gen von Per­son zu Per­son oder ver­liert sich mit ihnen in laby­rin­thisch ver­zweig­ten Gän­gen. Abtei­lun­gen schei­nen zusam­men­hangs­los anein­an­der­ge­reiht. Pro­duk­te sind säu­ber­lich sor­tiert, Far­ben und For­men heben sich klar von­ein­an­der ab und doch sieht im ste­ri­len Licht der LED-Lam­pen alles gleich aus. Bis zum Schluss blei­ben die räum­li­chen Ver­hält­nis­se im Ungewissen.

Die Unmög­lich­keit, einen kla­ren Stand­punkt ein­zu­neh­men, wird von Jame­son auf «ein noch grö­ße­res Dilem­ma» über­tra­gen: «die Unfä­hig­keit unse­res Bewußt­seins (zur Zeit jeden­falls), das gro­ße, glo­ba­le, mul­ti­na­tio­na­le und dezen­trier­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­flecht zu begrei­fen, in dem wir als indi­vi­du­el­le Sub­jek­te gefan­gen sind.» Mehr als drei­ßig Jah­re spä­ter scheint sich dar­an kaum etwas geän­dert zu haben. Die Grup­pe in Noc­tura­ma zer­fällt im zwei­ten Teil so schnell, wie sie sich im ers­ten for­miert hat­te. Die tak­ti­sche Aneig­nung des Stadt­raums schlägt um in ori­en­tie­rungs­lo­ses Her­um­ir­ren, aus Anschlags­zie­len wer­den Zufluchts­or­te, poli­ti­sche Akti­on ver­kehrt sich in hedo­nis­ti­schen Konsum.

Und doch ent­zieht sich der Film die­ser sche­ma­ti­schen Gegen­über­stel­lung. Denn die zer­split­ter­ten Räu­me eröff­nen gera­de in ihrer Zusam­men­hangs­lo­sig­keit unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten, mit­ein­an­der kom­bi­niert zu wer­den. Im losen Neben­ein­an­der abs­trak­ter For­men, ein­far­bi­ger Wän­de und Spie­gel­flä­chen wer­den die Bil­der selbst zu Split­screens, kol­la­gen­ar­ti­gen Ober­flä­chen, auf denen sich immer neue Bezie­hun­gen her­stel­len lassen.

So beschreibt Bonel­lo im Pres­se­heft das Kauf­haus in ähn­li­chen Wor­ten wie Jame­son das Bona­ven­ture Hotel, gelangt jedoch zu einer ambi­va­len­te­ren Ein­schät­zung des Ortes: «Ein Kauf­haus ist eine eige­ne Welt in der Welt. Eine Welt des Kon­sums, sicher­lich, aber eine kom­plett auto­no­me. Eine Welt der unend­li­chen Mög­lich­kei­ten, der Grenz­über­schrei­tung und sei es nur für ein paar Stun­den.» Die Waren des Kauf­hau­ses lösen sich für die Nacht aus ihrer mate­ri­el­len Ver­wer­tungs­lo­gik, erlau­ben Spiel­räu­me für krea­ti­ve Ima­gi­na­ti­on. Wenn die Jugend­li­chen ver­su­chen die­se Frei­hei­ten aus­nut­zen, dann schwan­ken ihre Hand­lun­gen zwi­schen banal und sub­ver­siv, erschei­nen mal idea­lis­tisch, hedo­nis­tisch, ver­spielt oder ernsthaft.

Eine roman­ti­sche Hoch­zeit wird genau­so insze­niert wie Sex­fan­ta­sien mit einer Schau­fens­ter­pup­pe. Indi­vi­du­el­ler Genuss trifft auf Soli­da­ri­tät, wenn ein Mit­glied der Grup­pe ein obdach­lo­ses Ehe­paar in das Gebäu­de ein­lädt. In jedem Fall zeigt sich eine Viel­zahl unter­schied­li­cher Begeh­ren, Wün­sche, Ängs­te und Fan­ta­sien, die nicht ein­fach auf einen gemein­sa­men Begriff gebracht wer­den kön­nen. Sei­nen Höhe­punkt erreicht das Ver­klei­dungs­spiel in einer Karaōke-Per­for­mance von My Way: Frank Sina­tras Hym­ne auf männ­li­che Selbst­be­haup­tung wird in der Ver­si­on von Shir­ley Bas­sey gespielt, die von einer Frau statt einem Mann singt, und sze­nisch inter­pre­tiert von Yaci­ne, mit Lip­pen­stift und einer Perü­cke, die er sich im fina­len Auf­schwung der Musik mit gro­ßer Ges­te vom Kopf reißt. Abblende.

3H30. Die letz­te Zeit­ein­blen­dung des Films. Es ist tiefs­te Nacht. Eine Kat­ze schleicht in der Stil­le durch einen lee­ren Gang des Kauf­hau­ses. Weni­ge Minu­ten spä­ter wird ein Son­der­ein­satz­kom­man­do auf dem­sel­ben Weg laut­los in das Gebäu­de ein­drin­gen. Noch schla­fen die Jugend­li­chen, oder strei­fen ver­ein­zelt durch die Ein­kaufs­lä­den. Nur Sabri­na scheint den nahen­den Tod zu ahnen. Ihr lee­rer Blick wird plötz­lich vom bren­nen­den Ant­litz der Jean­ne d’Arc-Statue erwi­dert. «On va tous mour­ir» – «Wir wer­den alle ster­ben» sagt sie wie­der und wie­der, das Gesicht in Schre­cken erstarrt.

Ihre Erin­ne­rung an die berühm­te Mär­ty­re­rin erweist sich als Visi­on, wenn die nächs­te Ein­stel­lung das genau­so fas­sungs­lo­se Gesicht eines ande­ren Jugend­li­chen zeigt. Er steht vor einer Wand aus Moni­to­ren, deren Bil­der alle die Außen­sei­te des Kauf­hau­ses zei­gen. Noch beob­ach­ten die Fern­seh­ka­me­ras das Ver­steck aus siche­rer Distanz, aber eine Fol­ge lang­sa­mer Zooms auf die Jugend­li­chen nimmt den bevor­ste­hen­den Angriff bereits vorweg.

In der Außen­per­spek­ti­ve erscheint das Kauf­haus nur als dunk­le Fas­sa­de, eine Black Box, die von Medi­en und Regie­rung zum abso­lu­ten Feind erklärt wird. Anzahl und Iden­ti­tät der Ter­ro­ris­ten sei­en unbe­kannt, heißt es in den Nach­rich­ten, aber es hand­le sich um Staats­fein­de, daher sei eine Ver­hand­lung nicht mehr not­wen­dig. Die Ver­ein­heit­li­chung der Grup­pe ist hier sprich­wört­lich Gewalt­akt, sie legi­ti­miert die unter­schieds­lo­se Tötung aller Per­so­nen im Gebäu­de. Sogar die bei­den Obdach­lo­sen wer­den spä­ter auf die­sel­be kon­trol­lier­te Art mit ein­zel­nen Schüs­sen exe­ku­tiert. Als sich die Neu­ig­keit all­mäh­lich unter den Jugend­li­chen ver­brei­tet, zeigt eine Par­al­lel­mon­ta­ge noch ein­mal ihre Hete­ro­ge­ni­tät. David sucht mit Sarah nach einem Flucht­weg, André legt Spreng­stoff in den Zugän­gen, Mika hat einen Alp­traum, Omar tanzt zur apo­ka­lyp­ti­schen Ghet­to-Para­noia von Chief Keef’s I Don’t Like und Yaci­ne lässt sich ein Bad ein. Für die ein­drin­gen­de Spe­zi­al­ein­heit spie­len die­se Dif­fe­ren­zen und Wider­sprü­che kei­ne Rol­le mehr.

Als letz­tes Lied vor dem Angriff spie­len die Jugend­li­chen Call Me von Blon­die und Gior­gio Moro­der. Es ist der Titel­song von Paul Schr­a­d­ers Ame­ri­can Gigo­lo, der wie kein ande­rer Film die Ober­flä­chen­äs­the­tik der 80er-Jah­re ein­lei­te­te, in denen sich auch in den USA und Euro­pa eine neo­li­be­ra­le Poli­tik durch­zu­set­zen begann. Unter­bro­chen von Auf­nah­men der her­an­na­hen­den Spe­zi­al­ein­heit drü­cken die Jugend­li­chen über die Dau­er des Lie­des das ambi­va­len­te Erbe die­ser Zeit aus. In einem fina­len Toten­tanz tau­meln sie zwi­schen lust­vol­lem Rol­len­spiel und Eksta­se, Erschöp­fung und Ver­zweif­lung ihrem eige­nen Unter­gang entgegen.