Text: Ger­hard Friedl & Lau­ra Horelli

Die bei­den Tex­te stam­men aus Ger­hard Friedl – Ein Arbeits­buch, erschie­nen 2019 bei Öster­rei­chi­sches Film­mu­se­um /​Syn­e­ma.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen hier.

Wie dan­ken der Samm­lung des Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­ums, Syn­e­ma, dem Her­aus­ge­ber Vol­ker Pan­ten­burg, sowie Lau­ra Horel­li und Bene­dik­te Dam­köh­ler für die freund­li­che Erlaub­nis, die Tex­te hier zu veröffentlichen.

-

CU Local 226

Doku­men­tar­film
75 Minu­ten – HD

Buch, Regie: Lau­ra Horel­li, Ger­hard Friedl
Kame­ra, Mon­ta­ge: Ger­hard Friedl
Pro­duk­ti­on: Mischief Films Wien

CU Local 226 ist ein Doku­men­tar­film über Las Vegas. Der Film stellt Leu­te vor, die hier arbei­ten und leben.

Las Vegas ist die schnellst­wach­sen­de Stadt der USA. Die Ein­woh­ner­zahl hat sich in den letz­ten 12 Jah­ren auf 2 Mil­lio­nen ver­dop­pelt. Seit 1989, dem Jahr der Eröff­nung des ers­ten „Mega­res­ort­ho­tels“, des Mira­ge, wer­den jähr­lich meh­re­re tau­send Hotel­zim­mer neu auf den Markt gebracht. Die Hotels sind archi­tek­to­nisch über­aus kom­ple­xe Gebil­de mit Schlaf­tür­men, Spiel­hal­len, Restau­rant- und Shop­ping­la­by­rin­then, his­to­ri­schen The­men­parks, flie­ßen­den und brü­chi­gen Über­gän­gen, Schocks und Sen­sa­tio­nen, Spie­geln, Dis­plays, Licht­spie­len. Einen Ort, von dem aus Distanz und Über­blick mög­lich wäre, gibt es nicht. Archi­tek­to­nisch hat der Las Vegas Bou­le­vard, die Stra­ße, an der die Hotels ste­hen, ein exzes­si­ves Erscheinen.

Las Vegas ist eine extre­me Stadt, und aus euro­päi­scher Per­spek­ti­ve stellt sich die Fra­ge, ob Las Vegas eine Stadt ist. Dem Las Vegas Bou­le­vard (und der Fre­mont Street, der älte­ren Casi­no­st­ra­ße) ste­hen end­lo­se Ein­fa­mi­li­en­häu­ser­sied­lun­gen gegen­über. Der Über­gang vom einen Bereich zum ande­ren ist unver­mit­telt. „Mas­ter­plan­ned com­mu­ni­ties“ wer­den Jahr für Jahr neu in die Wüs­te hin­aus errich­tet und verkauft.

In den popu­lä­ren Dar­stel­lun­gen von Las Vegas, etwa in Scor­se­ses Casi­no, wird die Stadt nost­al­gisch ver­klärt. In ande­ren Fil­men ist Las Vegas ein „non site“ außer­halb der eigent­li­chen Welt, Simu­lak­rum, schie­res Kul­tur­ku­rio­sum. Die Durch­schnitts­auf­ent­halts­dau­er eines Besu­chers ist 3 Tage, auf die­se Zeit hin ist das gebau­te und gespiel­te Spek­ta­kel aus­ge­rich­tet. Wer hier arbei­tet, sieht die­se Stadt als Arbeitsstadt.

Der „Las Vegas Dream“, so der Titel eines Gewerk­schafts­agi­ta­ti­ons­films, besteht dar­in, dass in die­ser Wachs­tums­stadt neu geschaf­fe­ner Reich­tum rela­tiv fair ver­teilt wird und Hotel- und Casi­no­ar­bei­ter gute Aus­sich­ten haben, sich nach weni­gen Jah­ren ein Haus zu kau­fen. Eben­so wich­tig sind von der Gewerk­schaft aus­ge­han­del­te Pen­si­ons­ver­si­che­rung, Kran­ken­ver­si­che­rung, das senio­ri­ty-Prin­zip (also Lohn­hoch­stu­fung und Urlaubs­aus­wei­tung bei mehr­jäh­ri­ger Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit). All das ist nicht selbst­ver­ständ­lich in den USA.

Dass die­ser Erfolg mög­lich ist, liegt an der Arbeit der ein­fluss­rei­chen ört­li­chen Hotel- und Casi­no­ar­bei­ter­ge­werk­schaft, der CU Local 226. Die­se Gewerk­schaft hat etwa 60 000 Mit­glie­der, und ihr Haupt­au­gen­merk gilt nicht sosehr der Aus­hand­lung bes­se­rer Löh­ne, son­dern vor allem der wei­te­ren Orga­ni­sie­rung der noch nicht orga­ni­sier­ten und der neu zuge­zo­ge­nen Arbeiter.

Die Gewerk­schaft hat einen rela­tiv klei­nen Über­bau von Orga­ni­sa­to­ren, die alle aus der Arbei­ter­schaft selbst kom­men, und sich durch Cha­ris­ma, Ein­satz, stra­te­gi­sches Geschick als füh­ren­de Gewerk­schaf­ter emp­foh­len haben. Im Fall einer Kampf­si­tua­ti­on kann mit den Mit­teln gewerk­schaft­li­cher Arbeit und Streiks schnell reagiert werden.

Der Erfolg bei den Ver­hand­lun­gen zwi­schen Gewerk­schaf­ten und Hotel­un­ter­neh­mern ist aber insta­bil, Errun­gen­schaf­ten kön­nen in weni­gen Jah­ren wie­der ver­lo­ren wer­den. Die Ver­hand­lun­gen wer­den in einer eigens ein­ge­rich­te­ten stra­te­gi­schen Recher­chestel­le vor­be­rei­tet. Hier arbei­ten vier Leu­te dar­an, über Plä­ne und Ver­än­de­run­gen auf Sei­ten der Hotel­be­trei­ber früh­zei­tig infor­miert zu sein, um bei Ver­hand­lun­gen ent­spre­chen­de For­de­run­gen stel­len zu kön­nen. Sie ana­ly­sie­ren Wirt­schafts­nach­rich­ten wie Reu­ters, Bloom­berg, Finan­cial Times, Fach­zeit­schrif­ten usw. Täg­lich wer­den neue Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­tet. Damit wis­sen die Leu­te von CU Local 226 über die mög­li­chen Hin­ter­grün­de und Moti­ve ihrer Ver­hand­lungs­part­ner Bescheid.

Dee Tay­lor, Stra­te­ge der CU Local 226, weiß um den Erfolg und um den nöti­gen Ein­satz zu die­sem Erfolg. Auf die Fra­ge, ob die CU Local 226 ein Bei­spiel für Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaf­ten in den USA sein könn­te, sagt er, so ver­mes­sen wür­de er nicht sein wol­len. Und er meint damit auch, dass in den USA, anders als in Euro­pa, Gewerk­schafts­ar­beit, vor allem Orga­ni­sie­rung, vor Ort wach­sen muss und eine lang­fris­ti­ge gedul­di­ge Auf­bau­ar­beit, ange­passt an die ört­li­chen Bedin­gun­gen, nötig ist.

Eini­ge The­men, die mich auch für Panik von 94 inter­es­siert haben, fin­den sich in die­sem Pro­jekt wie­der. Gewerk­schafts­ar­beit in den USA ist lokal und kon­junk­tur­ab­hän­gig. Nur bei Indus­trien, die sich lang­fris­tig sta­bil hal­ten kön­nen, konn­ten sich auch dau­er­haf­te gewerk­schaft­li­che Struk­tu­ren herausbilden.

Es wird in die­sem Film dar­um gehen, aus der Per­spek­ti­ve der Hotel- und Casi­no­an­ge­stell­ten Las Vegas nach­zu­voll­zie­hen. Wir wer­den nicht die Stadt und ihre Archi­tek­tur fil­men, son­dern eini­ge Prot­ago­nis­ten über ihr Leben, ihre Wün­sche, ihre Art, die­se Stadt zu erfah­ren, befra­gen. Sie wer­den ihre Arbeit und ihre Arbeits­plät­ze beschrei­ben. Ihre Wün­sche, ihre Schwie­rig­kei­ten, ihre Ein­sam­keit, ihre Freu­den, ihre Gemeinschaften.

Sla­vica arbei­tet in den Hotel­tür­men des Cae­sars Palace. Sie hat pro Schicht wahl­wei­se 18 Zim­mer oder 12 Sui­ten zu rich­ten. Ihre Arbeit ist zeit­lich gemes­sen. Es gibt eine Frau, die ihre und die Arbeit ihrer Kol­le­gen über­prüft. Und eine, die die­se Frau und ihre Kol­le­gin­nen über­prüft usw. Der gesam­te Arbeits­ab­lauf ist zeit­lich genau gere­gelt. Die Zeit, in der sie das Hotel nach der Arbeit zu betre­ten und zu ver­las­sen hat, ist auf 5 Minu­ten genau fest­ge­legt. Wenn sie die Rege­lun­gen nicht ein­hält, kommt es zu einer Beschwer­de. Wie­der­holt sich eine Unre­gel­mä­ßig­keit, wird man ent­las­sen. Da Sla­vica gewerk­schaft­lich orga­ni­siert ist, könn­te sie sich über den Beschwer­de­weg und Rechts­hil­fe durch die Gewerk­schaft Recht verschaffen.

Dimi kommt aus Sofia, Bul­ga­ri­en und arbei­tet im Ban­kett­ser­vice. Sie hat sehr unre­gel­mä­ßi­ge Arbeits­zei­ten, manch­mal 16 Stun­den am Stück. Obwohl es hier eine gro­ße bul­ga­ri­sche Gemein­schaft gibt, hat sie, wie sie sagt, sel­ten Zeit, sich mit Leu­ten aus ihrer Hei­mat zu tref­fen. Sie sieht ihre Zeit hier als Arbeitszeit.

Paul ist Bell­boy im Bell­agio und hat frü­her in Tam­pa, Flo­ri­da als Kame­ra­mann gear­bei­tet. Er emp­fängt anrei­sen­de Hotel­gäs­te und hilft ihnen, ihr Gepäck ins Hotel­zim­mer zu brin­gen. Er ver­dient nun, auch wegen des Trink­gel­des, wesent­lich mehr als in sei­nem frü­he­ren Beruf. Und er zieht die­se Arbeit der alten vor.

Die­ses Pro­jekt ist eine Gemein­schafts­pro­duk­ti­on von Lau­ra Horel­li und mir. Der Stand die­ses Pro­jek­tes ist: Wäh­rend einer Recher­che­rei­se haben wir 20 Inter­views mit ver­schie­de­nen Leu­ten aus Las Vegas gemacht, Kon­tak­te zur Gewerk­schaft, sowie zum Manage­ment der Hotels her­ge­stellt. Wir wer­den ver­su­chen, das Pro­jekt bis zum Sep­tem­ber 2008 pro­duk­ti­ons­reif zu machen.

-

Cae­sars Fla­min­go Sahara
För­der­an­trag Pro­jekt­ent­wick­lung für einen Dokumentarfilm

90 Minu­ten Farbe

Kurz­in­halt

Im Jahr 2007 hat die Zahl der Ein­woh­ner von Las Vegas die 2‑Millionenmarke erreicht. Damit ist die Stadt nun 20 Jah­re in Fol­ge die schnellst­wach­sen­de Stadt der USA. Die­se Stadt ist das, was man frü­her eine cor­po­ra­te city nannte.

Eine Stadt, die von einer Bran­che, in die­sem Fall der Hotel­bran­che, bestimmt wird: die Hotels sind hier um Glücks­spiel gewach­sen. In Las Vegas gibt es bei wei­tem die größ­te Dich­te an Hotel­zim­mern weltweit.

Nir­gends in den USA gibt es eine stär­ke­re loka­le Gewerk­schaft für Dienst­leis­ten­de als hier.

Die­ser Doku­men­tar­film ist nicht nur an den spek­ta­ku­lä­ren Per­spek­ti­ven am Las Vegas Bou­le­vard inter­es­siert – er legt die sozia­len und poli­ti­schen Schich­ten die­se Stadt der Extre­me frei, er fragt, was wir hier über glo­ba­le Ent­wick­lun­gen ler­nen können.

Zur For­mu­lie­rung unse­res Dreh­buchs ist ein gut vor­be­rei­te­ter drei­wö­chi­ger Recher­che­auf­ent­halt nötig. Das bis­he­ri­ge Mate­ri­al haben wir im Dezem­ber 2007 wäh­rend eines von der Vil­la Auro­ra Los Ange­les finan­zier­ten Auf­ent­halts in Las Vegas zusam­men­ge­stellt und nachbearbeitet.

Dies ist der ers­te Lang­film von Lau­ra Horel­li und der ers­te Film nach dem Stu­di­um von Ger­hard Friedl.

The­ma

Cae­sars Fla­min­go Saha­ra ist ein Doku­men­tar­film über Las Vegas, Arbeit und Glück­spiel. Tou­ris­mus ist die größ­te Indus­trie der Welt gewor­den. Es geht dar­um zu sehen, was uns das Bei­spiel Las Vegas sagt. Beim Glück­spiel gibt es mit Hin­blick auf Glo­ba­li­sie­rung zwei Aspekte.

Ers­tens fin­det Glück­spiel welt­weit zuneh­mend Akzep­tanz, in Macao und in Spa­ni­en sind jeweils gro­ße Spie­ler­städ­te gebaut, bezie­hungs­wei­se geplant. In den USA ver­sucht man mit Glück­spiel, benach­tei­lig­te Wirt­schafts­räu­me (Detroit) auf­zu­wer­ten. Vie­le Städ­te in Euro­pa wer­den mit­tel­fris­tig nach­zie­hen. Glück­spiel ist zuneh­mend sozi­al aner­kannt. Aus der Per­spek­ti­ve der Hotel­be­sit­zer heißt das: Neue Casi­nos an neu­en Orten gel­ten nicht als Kon­kur­renz, son­dern hel­fen, den Markt zu erweitern.

Zwei­tens: Noch immer wächst Las Vegas, die Wachs­tums­pro­gno­sen wur­den seit 20 Jah­ren wie­der­holt nach oben kor­ri­giert. Das heißt: Men­schen zie­hen nach Las Vegas, pro Monat durch­schnitt­lich 6 000. Die Leu­te, die hier Arbeit suchen, kom­men aus dem frü­he­ren Jugo­sla­wi­en eben­so wie aus Kolum­bi­en, von den Phil­ip­pi­nen eben­so wie aus dem Iran.

Die Gewerk­schaf­ten sind in Las Vegas stark und han­deln einen Arbeit­neh­mer­an­teil am Wachs­tum aus. Sie set­zen sich ein für gerech­te Löh­ne und Sozi­al­leis­tun­gen und über­neh­men vor Ort sehr wich­ti­ge Auf­ga­ben: Sie pro­pa­gie­ren eine kul­tu­rell plu­ra­lis­ti­sche Form von Bür­ger­schaft. Und sie ver­su­chen, in ihrer Poli­tik kei­nen Unter­schied zu machen zwi­schen regu­lä­ren und undo­ku­men­tier­ten Arbeitern.

Die­se bei­den völ­lig hete­ro­ge­nen Räu­me, der der Ver­aus­ga­bung und der der Arbeit, wer­den in die­sem Film gegen­ein­an­der unter­sucht. In Las Vegas zeigt sich die­se Gegen­über­stel­lung im Extrem. Inso­fern hier ein glo­ba­les Phä­no­men sicht­bar wird, hat die­ser Film aus deut­scher Sicht eine Relevanz.

Form

Grund­la­ge der Erzäh­lun­gen in die­sem Film sind genaue Ana­ly­sen von Las Vegas und Inter­views mit den Prot­ago­nis­ten. Die Form aber ist sehr einfach:

Man sieht in die­sem Film in ruhi­gen, prä­zi­sen Bil­dern die Stadt. Die Erzäh­lun­gen wer­den mit voice over vor­ge­tra­gen. Bei­des ver­schränkt sich zu einem kom­ple­xen fil­mi­schen Gefüge.

Wie filmt man Las Vegas? Es ist unum­gäng­lich, mit fil­mi­schen Mit­teln auf das extre­me Stadt­bild von Las Vegas ein­zu­ge­hen. Einer­seits sind die auf dem Strip auf etwa 5 Kilo­me­tern anein­an­der gereih­ten Hotel­tür­me monströs.

Bei Tages­licht und bei Nacht erschei­nen sie völ­lig unter­schied­lich. Die Front der Hotels zum Las Vegas Bou­le­vard hin ist kom­plex. Die Hin­ter­sei­ten sind rein funk­tio­nal, mit Hoch­ga­ra­gen und Entlastungsstraßen.

Wir wol­len in genau­en bild­li­chen Unter­su­chun­gen die räum­li­chen Eigen­tüm­lich­kei­ten und Schwel­len, Zonen und Funk­tio­nen, etwa die Ange­stell­ten­trak­te im Hin­ter­grund, her­aus­ar­bei­ten. Die Hotels wir­ken wie rie­si­ge Kran­ken­häu­ser. Wir wer­den die Arbei­ter bei ihrer Arbeit begleiten.

Der archi­tek­to­ni­schen Extrem­form des Las Vegas Bou­le­vard und sei­ner Mega­re­sorts ste­hen end­lo­se Ein­fa­mi­li­en­sied­lun­gen gegen­über. Sie stel­len ein voll­kom­men ande­res Raum­kon­zept dar. Las Vegas ist eine hori­zon­tal in die Wüs­te aus­ge­streck­te Mil­lio­nen­stadt. Man­ches ist typisch auch für ande­re Städ­te des Sun­belt – der Süd- und Süd­west­staa­ten der USA. Wir wer­den die Ein­woh­ner bei ihren Bewe­gun­gen durch die Stadt begleiten.

Die­se Form haben Lau­ra Horel­li und Ger­hard Friedl in ihren je eige­nen bis­he­ri­gen fil­mi­schen Arbei­ten erprobt. Für bei­de war unab­hän­gig von­ein­an­der die Aneig­nung und impli­zi­te Kri­tik her­kömm­li­cher For­men des Doku­men­ta­ri­schen wich­tig. Es geht um das Ver­hält­nis von Spra­che und Bild.

Tre­at­ment

Mit Mit­teln der Vil­la Auro­ra Los Ange­les haben die dor­ti­gen Sti­pen­dia­ten Lau­ra Horel­li und Ger­hard Friedl im Dezem­ber 2007 in Las Vegas eine Rei­he von Inter­views mit ver­schie­de­nen Leu­ten geführt. Sie sind mit für die­ses Pro­jekt inter­es­san­ten Per­sön­lich­kei­ten in Kon­takt gekommen.

Dabei sind die Grund­la­gen für einen Doku­men­tar­film ent­wi­ckelt worden.

Die­se Begeg­nun­gen sind Aus­gangs­punkt für das Dreh­buch und wei­te­re Dreh­vor­be­rei­tun­gen. Anstel­le eines Tre­at­ments fin­den sich hier inhalt­li­che Fra­ge­stel­lun­gen. Es wer­den kon­kre­te Erzäh­lun­gen von Ein­woh­nern in Las Vegas sein, mit denen auf die­se Fra­gen geant­wor­tet wer­den wird.

Wer sind die Prot­ago­nis­ten des Films? Wir suchen etwa 10 Per­so­nen in Las Vegas. Das sind Ange­stell­te mit ver­schie­de­nen Beru­fen in den Mega­re­sorts, Leu­te, die teils in Las Vegas auf­ge­wach­sen sind oder hier­her­ge­kom­men sind, um hier zu arbei­ten. Wel­chen Begriff von Bür­ger­schaft haben sie? Wie wich­tig ist ihnen, ihrer poli­ti­schen Stim­me Nach­druck zu ver­lei­hen? Wie ste­hen sie zur gewerk­schaft­li­chen Arbei­ter­or­ga­ni­sa­ti­on? Wie erin­nern sie die durch­aus dis­kon­ti­nu­ier­li­che Geschich­te von Las Vegas?

Wie kann man die exzes­si­ven archi­tek­to­ni­schen For­men beschrei­ben? Immer­hin ste­hen in Las Vegas die größ­ten Hotels der Welt. Die Archi­tek­tur von Las Vegas soll fas­zi­nie­ren. Das heißt auch: sie soll zwar sicht­bar sein, aber nicht eigent­lich zu sehen. Die­se Archi­tek­tur macht rat­los. Dem Design der Hotels liegt jeweils ein The­ma zugrun­de. Ägyp­ten, Vene­dig, Saha­ra. In Form von Archi­tain­ment, unter­hal­ten­der Archi­tek­tur, nicht ganz ernst gemeint, und mit einem Plot, einer Sto­ry oder einem The­ma ver­se­hen. Dem Design des Bell­agio liegt die Legen­de eines ita­lie­ni­schen Gra­fen zugrun­de, der vor 80 Jah­ren in die Moja­ve Wüs­te gekom­men sein soll, um im Wüs­ten­kli­ma sei­ne Gesund­heit zu scho­nen. Das Bell­agio wäre sein Palast.

Die Geset­ze, Haus­ord­nun­gen und die Defi­ni­ti­on der Räu­me sind an der Archi­tek­tur ables­bar. Der Gestal­tungs­pro­zess basiert auf der ana­ly­ti­schen Unter­su­chung der Besu­cher­strö­me. Archi­tek­tur wird aber auch nach dem Prin­zip von tri­al and error gebaut. Las Vegas ist Archi­tek­tur im per­ma­nen­ten Wan­del. So wur­de vor dem Luxor-Hotel ein „Nil“ ein­ge­rich­tet, und die Hotel­gäs­te muss­ten zunächst mit einer Bar­ke zur Recep­ti­on über­set­zen. Das war zu kom­pli­ziert, der Nil ist weg. Rem Kool­haas hat im Vene­ti­an einen Muse­ums­raum für das Gug­gen­heim Las Vegas ein­ge­rich­tet. Noch wäh­rend der ers­ten Aus­stel­lung wur­de das Muse­um geschlos­sen. Die Fas­zi­na­ti­on der Hotels ist berech­net, die Gebäu­de sind in ihren Dimen­sio­nen fak­tisch; es ist nach­ge­ra­de unmög­lich, gegen die­se Fak­ti­zi­tät eine kri­ti­sche Posi­ti­on anzubringen.

Wie ste­hen Pop­ar­chi­tek­tur und die in den Mega­re­sorts erbrach­ten Dienst­leis­tun­gen im Ver­hält­nis? In Las Vegas ste­hen mehr als in der Hotel­le­rie üblich und mit enor­mem Auf­wand her­ge­stellt zwei voll­kom­men hete­ro­ge­ne sozia­le Räu­me ein­an­der gegen­über. Der Raum der Gäste/​Spieler und jener der Dienst­leis­ter, Por­tiers etwa, Zim­mer­mäd­chen, Köche usw. Im Glit­zern und Blin­ken der Gebäu­de wird ver­ges­sen gemacht, dass hier Arbeit ver­rich­tet wird. Gast/​Spieler und Dienst­leis­ter ste­hen dem gemäß in einer Nicht­be­zie­hung zu einander.

Als das MGM Grand (größ­tes Hotel der Welt) eröff­ne­te, haben sich für die acht­tau­send ange­bo­te­nen Stel­len ein­hun­dert­tau­send Per­so­nen bewor­ben. Wäh­rend dem Gast ein first class ser­vice zu einem mitt­le­ren Preis gebo­ten wird, ver­die­nen die teils unge­lern­ten Arbei­ter, ob Park­ser­vice, Zim­mer­mäd­chen, Crou­pier, ein Mit­tel­klas­se­ein­kom­men. Ange­stell­te kön­nen schon nach zwei bis drei Jah­ren ein Eigen­heim erwerben.

Zuge­spitzt for­mu­liert könn­te man also sagen: Es begeg­net sich da eine sozia­le Klas­se – Gast und Dienst­leis­ter – selbst. Die Hotel­an­ge­stell­ten wer­den im Lohn auf­ge­wer­tet, ihre Tätig­kei­ten selbst ver­lan­gen kei­ne beson­de­ren Fer­tig­kei­ten. All das finan­ziert sich über die im Glück­spiel erziel­ten Pro­fi­te. Anders gespro­chen: damit die­ser Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess von Geld – Geld › in sei­ner Direkt­heit (der Gast gibt Bar­geld ohne eigent­li­che Gegen­leis­tung ab) dem Geschröpf­ten nicht augen­fäl­lig wird, sind ver­schie­dens­te, über­flüs­si­ge Dienst­leis­tun­gen vor­ge­schal­tet. So gese­hen wer­den die Dienst­leis­ter, von­ein­an­der durch ver­schie­de­ne Uni­for­men zu unter­schei­den, eigent­lich Teil der Ver­blen­dung. Aus Sicht der Gewerk­schaf­ten sieht das frei­lich anders aus.

Was besagt der Erfolg der Gewerk­schaf­ten in Las Vegas? In den USA hat sich die Anzahl der gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ten Arbei­ter und Ange­stell­ten seit den 1950er Jah­ren hal­biert, heu­te ist der Grad an Orga­ni­siert­heit in den USA nied­ri­ger als in irgend­ei­nem ande­ren ver­gleich­ba­ren Wirt­schafts­raum (etwa 17%). Anders in Las Vegas: Die Gewerk­schaf­ten, ins­be­son­de­re die Culina­ry Uni­on Local 226 (mit 60 000 Mit­glie­dern), haben erfolg­reich für die Arbei­ter einen ent­spre­chen­den Anteil an den Pro­fi­ten der Casi­nos als Lohn ausgehandelt.

Ihr Wachs­tum steht in direk­tem Zusam­men­hang mit dem Wachs­tum der hos­pi­ta­li­ty indus­try. Dabei hat sich die sehr offen­si­ve Poli­tik der Gewerk­schaf­ten seit 20 Jah­ren vor allem auf eines aus­ge­rich­tet: neue Mit­glie­der anzuwerben.

Ande­re Vor­ha­ben, wie Lohn­aus­hand­lun­gen und sozia­le Begüns­ti­gun­gen, waren dem nach­ge­ord­net. Auf­fäl­lig ist die Fokus­siert­heit und Dis­zi­pli­niert­heit der Gewerk­schaf­ten und die Auf­merk­sam­keit gegen­über neu­en Mit­glie­dern mit Füh­rungs­qua­li­tä­ten. Die Gewerk­schaf­ten sind in den Res­ort­ho­tels über­aus prä­sent. Ein Grund des Erfolgs ist das Prin­zip der shop ste­wards: das sind regu­lär Beschäf­tig­te, die zwi­schen Ange­stell­ten und nie­de­rem Manage­ment bei Beschwer­den oder Pro­ble­men ver­mit­teln. Von hier auf­wärts hält die Gewerk­schaft einen kom­ple­xen Appa­rat zur Aus­hand­lung mit dem Manage­ment bereit.

Zugleich bemü­hen sich die Orga­ni­sa­to­ren um eine gute Bezie­hung zu den Mana­gern der Hotels, intern ist aber auch die Rede vom „Feind“. D. Tay­lor, Schatz­meis­ter und Stra­te­ge der Culina­ry Uni­on meint: „Die Unter­neh­men den­ken in Welt­märk­ten, Gewerk­schaf­ten den­ken lokal“. Die Culina­ry Uni­on ver­fügt über eine eige­ne Rese­arch-Abtei­lung, die Ver­än­de­run­gen auf der Arbeit­ge­ber­sei­te (etwa Ände­rung der Eigen­tü­mer­ver­hält­nis­se) genau beob­ach­tet und daher sehr früh poli­ti­sche Maß­nah­men zur Durch­set­zung von eige­nen Inter­es­sen plat­zie­ren können.

Wel­che Funk­tio­nen haben die Gewerk­schaf­ten in Las Vegas? Aus Sicht des Urba­nen ist Las Vegas ein Pro­blem­fall. Es gibt kaum öffent­li­che Orte, wo auf brei­ter Basis Ein­woh­ner der Stadt zusam­men­kom­men wür­den. Die Culina­ry Uni­on erfüllt hier eine Rol­le, die für Gewerk­schaf­ten in den USA geschicht­lich immer wie­der cha­rak­te­ris­tisch war, auch vor dem Hin­ter­grund eines tra­di­tio­nell immer gro­ßen Zuzugs von Arbei­tern etwa aus Euro­pa, Mit­tel- und Süd­ame­ri­ka und aus Asi­en: Die Culina­ry Uni­on pro­pa­giert eine kul­tu­rell plu­ra­lis­ti­sche Form von Bür­ger­schaft. Damit hat sie eine auf macht­vol­le Wei­se eine kol­lek­ti­ve Stim­me ins Gemein­we­sen ein­ge­bracht. Dies ist eine gesell­schaft­lich inte­grie­ren­de Neu­de­fi­ni­ti­on des­sen, was Bür­ger­schaft sein kann. Das bezieht sich auch auf die Hal­tung der Culina­ry Uni­on gegen­über den nicht doku­men­tier­ten Arbei­tern in Las Vegas, deren poli­ti­sche Posi­ti­on sie abzu­si­chern suchen.

Wem gehört Las Vegas? Inter­es­sant hier ist die Fra­ge, wie sich die Eigen­tü­mer­ver­hält­nis­se in den letz­ten 50 Jah­ren ent­wi­ckelt haben. Es war ursprüng­lich Geld aus ille­ga­len Geschäf­ten, mit dem Ben­ja­min Sie­gel hier­her­ge­kom­men ist, um einen neu­en Typus von Casi­no zu ent­wi­ckeln, der für die nächs­ten 35 Jah­re typisch war. Die vie­len klei­nen und mit­tel­gro­ßen Hotel-Casi­nos waren in den Hän­den eini­ger Fami­li­en. Spä­ter war es Risi­ko­ka­pi­tal (Junk Bonds), mit dem in völ­lig neu­en Grö­ßen­ord­nun­gen geplant und gebaut wer­den konn­te. Wall Street hat das Glück­spiel als regu­lä­res Geschäft erkannt. Ein ungleich grö­ße­rer Typ von Archi­tek­tur hat sich ent­wi­ckeln kön­nen. Heu­te sind die wich­tigs­ten Mega­re­sorts im Eigen­tum von fol­gen­den Kon­zer­nen: Harrah’s Enter­tain­ment, MGM Mira­ge, Las Vegas Sand, Boyd Gam­ing und Wynn. Tra­di­tio­nell haben neben der Erlaub­nis zum Glück­spiel auch die nie­de­ren Steu­ern und die gerin­gen Inves­ti­tio­nen in Infra­struk­tur aus Las Vegas einen beson­de­ren Ort gemacht. Poli­tik und Hotel­in­dus­trie haben dabei immer sehr eng mit­ein­an­der zusammengearbeitet.

Woher kommt die­se zuneh­men­de gesell­schaft­li­che Akzep­tanz von Glück­spiel? In Neva­da war Glück­spiel seit den 1930er Jah­ren gesetz­lich erlaubt – heu­te ist es dies in einer Mehr­zahl von Län­dern der USA. Nie­der­ge­gan­ge­ne Wirt­schafts­räu­me wie Detroit sol­len so auf­ge­wer­tet wer­den, es wer­den Hotel-Casi­nos in Bos­ton, Con­nec­ti­cut und New Orleans geplant. Macao wird zur größ­ten Spie­ler­stadt Asi­ens auf­ge­baut. Glück­spiel ist glo­bal gewor­den und ein seriö­ses Geschäft. Was sagt die­se neue Akzep­tanz aus zu gegen­wär­ti­gen gesell­schaft­li­chen Umbrü­chen? Wel­che Vor­stel­lun­gen waren davor maß­geb­lich? Es gibt his­to­risch meh­re­re Stu­fen. Der Erfolg der Casi­nos in den 50er Jah­ren hat wesent­lich mit dem wirt­schaft­li­chen Auf­schwung in den USA nach der gro­ßen Kri­se anfangs der 30er Jah­re und mit dem zusätz­lich ver­füg­ba­ren Ein­kom­mens­über­schuss zu tun. Damals galt Glück­spiel mehr noch als heu­te auch als Ver­aus­ga­bung. Die gro­ße Wen­de zur poli­ti­schen Akzep­tanz von Glück­spiel ist mit dem Bau des Mira­ge 1989 zu datie­ren, und mit einer stra­te­gi­schen Aus­wei­tung des Ziel­pu­bli­kums, nun wer­den alle gesell­schaft­li­chen Schich­ten angesprochen.

Von der Per­spek­ti­ve des Geset­zes aus: wie hän­gen Gesetz und Geschäft zusam­men? Gesetz ist, wie man an Las Vegas erken­nen kann, orts­bil­dend. Die­se Pro­duk­ti­on von (sozia­lem) Raum wer­den wir am kon­kre­ten Bei­spiel der Hotels-Casi­nos unter­su­chen. Dabei wol­len wir Gesetz nicht nur als staat­lich-sozia­le Grund­le­gung unter­su­chen, son­dern auch im Sin­ne von Pri­va­te Pro­per­ty, Haus­ord­nung, Ver­hal­tens­maß­re­geln, kom­ple­xen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­sen und Vor­ga­ben inner­halb der Casi­nos und unter den Ange­stell­ten an den ver­schie­de­nen Orten der Gebäu­de. Glück­spiel hat­te etwas Exter­ri­to­ria­les. Inter­es­sant neben­bei: Las Vegas ist im Kern auch außer­halb der Zeit. In Casi­nos gibt es weder Fens­ter noch gibt es Uhren. Alles ist dar­auf aus­ge­rich­tet, dass man sich ver­gisst. Im Durch­schnitt spie­len Men­schen in Las Vegas 6 Stun­den am Tag, sie blei­ben 3 Tage. Las Vegas war die ers­te Stadt, in der Geschäf­te, Super­märk­te, Ein­zel­han­del und der­glei­chen für 24 Stun­den ver­füg­bar waren.

Man­da­lay Bay Hotel
Har­mon Ave­nue, Las Vegas
Employ­ment Office, Las Vegas

Bau­stel­le Down­town Las Vegas, ehe­ma­li­ges Ambassa­dor East Motel

Culina­ry Uni­on Gewerk­schafts­ge­bäu­de, Mit­tags­pau­se wäh­rend der Orga­ni­sa­ti­on von Vor­wah­len im Dezem­ber 2007