The Life of Oharu von Kenji Mizoguchi

Il Cinema Ritrovato 2018: The Life of Oharu von Kenji Mizoguchi

Ken­ji Mizo­guchis The Life of Oha­ru erin­nert an ein tief­trau­ri­ges Mär­chen. Eine Art Mäd­chen mit den Schwe­fel­höl­zern, bloß ohne die Erlö­sung des Todes. Bei­de Geschich­ten han­deln von der Art und Wei­se, wie Men­schen über ande­re urtei­len. Doch wäh­rend das klei­ne Mäd­chen bei Hans Chris­ti­an Ander­sen von ihrer Groß­mutter in den Him­mel mit­ge­nom­men wird, merkt man im Film schon früh, dass Oha­ru ein sol­cher Aus­weg ver­wehrt bleibt.

The Life of Oha­ru erzählt die Geschich­te des sozia­len Abstiegs der Titel­hel­din. Zu Beginn wird sie als jun­ge Frau guten Stan­des prä­sen­tiert, die durch Unglück, aber vor allem durch die Herz­lo­sig­keit ihrer Mit­men­schen, immer wei­ter ins Unglück hin­ab­sinkt. Man kommt nicht dar­an vor­bei, sich vor­zu­stel­len, dass der Film bei­spiels­wei­se bei Robert Bres­son einen Ein­druck hin­ter­las­sen haben muss, denn die Figur der Oha­ru wirkt wie ein mensch­li­cher Balthazar.

Der Film stammt zwar aus Japan, aber beim Sehen muss­te ich immer wie­der ans Chris­ten­tum den­ken. Womög­lich liegt das an mei­enr christ­li­chen Erzie­hung, doch wenn man sich Oha­rus Geschich­te ansieht erkennt man dar­in eine Lei­dens­ge­schich­te, wie ich sie sonst eher weni­ger aus ande­ren Reli­gio­nen erken­ne. Obwohl Oha­ru gleich am Anfang des Fil­mes einen bud­dhis­ti­schen Tem­pel besucht, ist ihre Geschich­te eher eine klas­si­sche Pas­si­ons­ge­schich­te. Auch die Tat­sa­che, das aus­ge­rech­net die ärms­ten Men­schen die­ser Erzäh­lung, die ein­zi­gen sind, die eine Art mora­li­sche Rein­heit besit­zen ist ein Recht christ­li­cher Gedan­ke. Tat­säch­lich ist Mizo­guchi sowohl in sei­nem pri­va­ten Leben als auch fil­misch eng mit dem Chris­ten­tum und christ­li­chen Bil­dern in Bezie­hung (man den­ke zum Bei­spiel an die Madon­na mit Kind aus Oyu­ki The Vir­gin).

Die Tra­gik und Unschuld der Figur könn­ten aus einer femi­nis­ti­schen Bibel­er­zäh­lung stam­men. All­ge­mein zieht sich eine spi­ri­tu­el­le Atmo­sphä­re durch den Film. Mit Ruhe und Distanz wer­den tra­gi­sche Situa­tio­nen im Film oft­mals gera­de­zu kalt beob­ach­tet. Mizo­guchi mei­det offen­sicht­li­che for­ma­le Mit­tel um Emo­tio­nen zu erhö­hen. Egal wie viel Unglück man sieht und wie viel Zorn dies aus­löst, die Kame­ra fährt nicht in einem dra­ma­ti­schen Track-In auf ein Gesicht zu und es gibt kei­ne sen­ti­men­ta­le Musik, um Trä­nen für Oha­ru zu moti­vie­ren. Statt­des­sen gibt es meist nur Stil­le, oder das Wehen des Win­des, und eine leicht erhöh­te Kame­ra­po­si­ti­on mit der auf alles geblickt wird.

Früh im Film ver­liert Oha­ru ihre sozia­le Stel­lung, weil sie beim Geschlechts­ver­kehr mit einem Die­ner ertappt wird, den sie liebt. Sie wird mit ihren Eltern ins Exil ver­bannt, wäh­rend ihr Lieb­ha­ber exe­ku­tiert wird: Er spricht sei­ne letz­ten Wor­te, aber sein Lei­den wird been­det. Oha­ru hin­ge­gen muss für die­ses Ver­ge­hen lei­den, sie wird vom Sui­zid abge­hal­ten. Sie muss mit die­ser Schan­de leben, ohne auf Ver­ständ­nis zu sto­ßen. Stän­dig wird sie an ihre Feh­ler erin­nert. Die letz­ten Wor­te ihres Lieb­ha­bers ermu­ti­gen Oha­ru, nie­mals ohne Lie­be zu hei­ra­ten und auf jeden Fall glück­lich zu wer­den. Man ist ver­lei­tet zu glau­ben, dass Oha­ru auf den Getö­te­ten hören wird. Doch Mizo­guchi ist nicht so sen­ti­men­tal. Und Oha­ru nicht so stolz und naiv, statt­des­sen wird sie gebro­chen, getre­ten, geschmäht. Man sieht eine Gesell­schaft, die auf schwa­che Frau­en hin­ab­blickt und sich an die­ser Macht­stel­lung ergötzt. Mizo­guchi klagt die­se Gesell­schaft zor­nig an.

The Life of Oharu von Kenji Mizoguchi

Das Tra­gi­sche an der Figur von Oha­ru ist jedoch nicht bloß das furcht­ba­re Aus­maß ihres Lei­dens, son­dern der Kon­trast zwi­schen der Art wie sie ist, und der Art, wie sie gese­hen wird. Denn hier liegt womög­lich die größ­te Ähn­lich­keit zu ihrem tie­ri­schen Gegen­stück bei Bres­son. Wie Balt­ha­zar wird Oha­ru nicht für ihre Ver­ge­hen bestraft, son­dern von jenen bestraft, wel­che die eigent­li­chen Ver­bre­chen bege­hen. Sie wird durch die Schul­den ihrer Fami­lie schnell in die Pro­sti­tu­ti­on gezwun­gen, in der sie ernied­rigt und stän­dig dar­an erin­nert wird, dass sie gekauft wur­de. Sie ver­sucht danach in „anstän­di­ge­ren“ Anstel­lun­gen zu arbei­ten, doch ihr Ruf ist bereits rui­niert. Ihr unschul­di­ges Lächeln ist nichts mehr Wert. Die Män­ner, denen sie begeg­net, sehen nicht die die Fröh­lich­keit eines jun­gen Mäd­chens, son­dern das einer ver­sau­ten Hure. Sie pro­ji­zie­ren ihre lüs­ter­nen Gedan­ken auf Oha­ru, die dann durch Geld oder Gewalt dazu gezwun­gen wird, die­se Gedan­ken und Fan­ta­sien zu Wirk­lich­keit zu machen. Aber Oha­ru muss für die­ses Ver­hal­ten der Män­ner büßen. Sie ist die­je­ni­ge, die wie­der­holt ent­las­sen wird, sich nicht mehr zei­gen darf. Sie muss die Scham einer ver­klemm­ten Gesell­schaft aus­ba­den, die sich ihre Sexua­li­tät nicht erlau­ben will.

Nur sind es nicht nur die Män­ner, unter denen Oha­ru lei­det, die Frau­en sind eben­so bös­ar­tig. Sobald Oha­rus Ver­gan­gen­heit ans Licht kommt, wird ihr unter­stellt, sie wol­le Ehe­män­ner ver­füh­ren und aus­span­nen. Nach lan­gem Lei­den ent­schließt Oha­ru sich, jeg­li­chen irdi­schen Gelüs­ten und Wün­schen völ­lig zu ent­sa­gen und tritt ins Klos­ter ein. Doch auch dort währt die Ruhe nicht lan­ge. Oha­ru trifft einen alten „Freund“ wie­der. Die­ser zwingt sie gewalt­voll zum Sex und wird dabei von einer Non­ne ertappt. Er kann flie­hen und wird die Kon­se­quen­zen nie­mals spü­ren, doch Oha­ru (von der man nur den Schat­ten sieht) bleibt beschämt sit­zen, mit gesenk­tem Haupt. Sie bit­tet die Non­ne um Ver­ge­bung, erklärt, dass er sie über­wäl­tigt habe, doch auch die Non­ne zeigt kein Ver­ständ­nis. In Mizo­guchis Augen sind auch die Got­tes­die­ner um kei­nen Deut bes­ser, viel­leicht sogar noch schänd­li­cher. Jene, die Oha­ru aus­nut­zen und dann weg­schmei­ßen, tun zumin­dest nicht so, als ob ihnen am Wohl ande­rer etwas lie­gen wür­de. Die Non­ne sieht in Oha­ru ledig­lich jeman­den, der sei­nen sexu­el­len Begier­den nach­ge­ben darf, wäh­rend sie nicht kann – dafür muss sie büßen.

Dabei wird der sexu­el­le Akt in die­sem Film nie gezeigt, nicht ein­mal ein Kuss. Jeg­li­che „Unrein­heit“ exis­tiert nur in den Gedan­ken der Men­schen. Wie oft bei Mizo­guchi geht es um das Lei­den von Frau­en, die in der Sex­in­du­sti­re arbei­ten (z.B. Sis­ters of Gion, Streets of Shame). Der eigent­li­che Akt wird jedoch nie dar­ge­stellt. Nicht dass Oha­ru unglaub­lich prü­de wäre. Sie scheint ihre Sexua­li­tät ab und an durch­aus zu genie­ßen. In einer Epi­so­de des Fil­mes wird sie an einen Hof geholt um dem Herr­scher einen Nach­fol­ger zu gebä­ren, da des­sen Frau unfrucht­bar ist. Sie tut dies, doch der Mann will sie dar­über hin­aus in sei­nem Bett behal­ten. Schließ­lich wird sie auf Rat eines Arz­tes aus dem Hof ver­bannt, da die­ser meint, der Herr­scher kön­ne ster­ben, wenn er Oha­ru wei­ter­hin jede Nacht so inten­siv liebt.

The Life of Oharu von Kenji Mizoguchi

Obwohl sich der Film recht ein­fach als eine Art Pas­si­ons­ge­schich­te einer hei­li­gen Hure aus­le­gen lie­ße, wäre eine sol­che Inter­pre­ta­ti­on zu ein­fach. Ganz am Ende ihres Lei­dens­we­ges ist Oha­ru um die Fünf­zig und arbei­tet als Stra­ßen­pro­sti­tu­ier­te. So ver­sucht sie sich etwas Geld zu ver­die­nen, stellt aber schnell fest, dass das in ihrem Alter eher schwer ist. Sie ver­deckt ihr Gesicht, ver­stellt ihre Stim­me, um jün­ger zu wir­ken, wird jedoch immer wie­der ent­larvt und ver­spot­tet. Als sie end­lich einen Kun­den für sich gewinnt, nimmt die­ser sie mit, um sie ande­ren Män­nern vor­zu­füh­ren und als „alte Hexe“ zu bezeich­nen, eine Bezeich­nung, die sie im Film schon öfter zu hören bekom­men hat.

Und wenn Oha­ru kei­ne Hexe ist, wie behaup­tet wird, dann las­tet doch der Fluch einer Hexe auf ihr. Denn in den sel­te­nen Fäl­len, in denen Män­ner Oha­ru tat­säch­lich hel­fen wol­len, ster­ben sie kurz dar­auf. Anfangs ist es der Die­ner, der sie liebt. Nach lan­gem Lei­dens­weg ist es ein Fächer­ver­käu­fer, der sie hei­ra­tet, um ihr Leben etwas zu ver­bes­sern. Zuletzt kommt noch ein ehe­ma­li­ger Bekann­ter hin­zu. Er ist ein häss­li­cher Mann, der sich schon lan­ge für Oha­ru inter­es­siert hat. Sie hat lan­ge Jah­re kein Inter­es­se an ihm, aber nach­dem sie aber­mals eine Anstel­lung ver­liert und er zeit­gleich eben­falls, nimmt er sie mit sich um zu flie­hen und sich, mit gestoh­le­nem Geld, irgend­wo ein bes­se­res Leben zu machen. Oha­ru lehnt das zuerst ab, doch schließ­lich gibt sie klein bei. Jeg­li­che Hoff­nun­gen, die es anfangs viel­leicht noch gab – auf wah­re Lie­be oder einen guten Mann – sind dahin.

All dies wird von Mizo­guchi in völ­li­ger Ruhe erzählt und der Film macht noch um eini­ges zor­ni­ger, weil die Form so streng ist. Lan­ge, prä­zi­se, aber dadurch auch irgend­wie unmensch­li­che Kame­ra­fahr­ten fan­gen das Gesche­hen ein. Oft­mals nimmt die Kame­ra die Per­spek­ti­ve einer gött­li­chen Instanz ein, die mit Oha­ru fühlt, sich aber nicht ein­mischt. Mizo­guchi begreift, dass sei­ne Auf­ga­be viel­mehr dar­in besteht, die­ses Leid zu doku­men­tie­ren und uns wie einen Spie­gel vor­zu­hal­ten, anstatt sich ein­zu­mi­schen und Gna­de wal­ten zu las­sen. In der Fol­ge füh­ren die Kame­ra­fahr­ten wie­der­holt auch her­ab, bewe­gen sich hin­un­ter auf Oha­rus Höhe. An sich kei­ne beson­ders auf­fäl­li­ge Ges­te, die zudem so flüs­sig pas­siert, dass sie kaum bemerk­bar ist. Aber wahr­schein­lich das stärks­te Mit­tel in Mizo­guchis fil­mi­schem Hand­werks­kas­ten. Der Regis­seur und das Publi­kum wer­den so von höhe­ren Instan­zen zu den ein­zi­gen Genos­sen, die Oha­ru hat. So wird der Film doch noch zu etwas mehr, als einer kal­ten Beob­ach­tung des Lei­des und all dies nur mit einer Bewe­gung der Kamera.