Une petite voix qui sourd et gronde que je suis seule au monde: Le 158 von Chantal Akerman und Samy Szlingerbaum

Zu sei­ner Wie­der­eröff­nung prä­sen­tiert das Arse­nal Kino in Ber­lin Le 158 von Chan­tal Aker­man und Samy Szlin­ger­baum, einen Film, der nach Jah­ren rela­ti­ver Obsku­ri­tät zuletzt häu­fi­ger gezeigt wur­de. Die Arbeit von Aker­man und ihrem Kind­heits­freund (in ihren Auf­zeich­nun­gen nann­te sie den Regis­seur des bemer­kens­wer­ten Bru­xel­les-tran­sit nach des­sen frü­hen Tod einen Petit Prin­ce), ist ein sti­li­sier­tes Por­trät der in Paris leben­den Fin­nin Chris Myl­ly­ko­ski, eine jener Men­schen, die einem im Kino gele­gent­lich mit flüch­ti­ger Prä­senz ent­ge­gen­tre­ten, bevor man sie nie wie­der sieht. Man wun­dert sich, ob es sie wirk­lich gibt und gege­ben hat. Gleich eines Geis­tes posiert sie vor der Kame­ra, steht mit Blu­men im Trep­pen­haus, legt sich auf den Boden, trinkt und isst, raucht und packt und öff­net die Tür.

Wich­tig ist den Fil­me­ma­chern dabei immer, wie das Licht auf Haa­re und Gesicht fällt. Die Kame­ra sucht nach einem wort­wört­li­chen Augen­blick der Unbe­darft­heit, der Unschuld, im sich selbst beob­ach­ten­den Tun und Nicht-Tun von Myl­ly­ko­ski. Man fragt sich, wie wohl die Regie­an­wei­sun­gen klan­gen und dabei ent­steht ein selt­sa­mer Druck, ein Unbe­ha­gen, das man zunächst kaum zuord­nen kann. Die­se Frau wird zum Bild­nis einer vagen Stim­mung und im Gegen­satz zu jenen Fil­men, in denen Aker­man sich selbst oder berühm­te Dar­stel­le­rin­nen in ähn­lich ein­ge­übt bei­läu­fi­gen Ges­ten gefilmt hat, wirkt sie schutz­los, als wäre das Ziel der Mon­ta­ge und Mise-en-scè­ne, ihre zer­brech­li­chen Punk­te zu fin­den. Hier wird nichts in die Luft gesprengt, nie­mand ermor­det. Es gibt kei­nen Aus­bruch, nur ein aus­weg­lo­ses Geplät­scher, aus dem sich das Dilem­ma einer Begeg­nung schält.

Eine jun­ge Fin­nin in Paris. Sie lebt auf nichts zu. Ande­re Fil­me begin­nen hier mit einer Begeg­nung. Hier gibt es nur jene zwi­schen ihr und der Kame­ra. Myl­ly­koskis insze­nier­tes Dahin­wel­ken übt sich gleich­zei­tig in Ges­ten der Ver­füh­rung, wobei vor allem ihr wie­der­hol­ter Blick ins Objek­tiv auf­fällt, die­ser von Berg­man bis Mar­ker in die Erschöp­fung getrie­be­ne Sekun­den­schock, der die Zeit für all jene anhält, die dar­an glau­ben, dass es die Men­schen auf der Lein­wand wirk­lich gibt.

Dabei hört man, nur von klei­nen Pau­sen der Stil­le unter­bro­chen, ihre som­nam­bu­le Stim­me, die stets so klingt, als kön­ne sie jeden Augen­blick ver­sie­gen. Ein Hauch Ent­frem­dung im hei­me­li­gen Post-Nou­vel­le-Vague-Gerau­ne, die Schön­heit einer mög­li­chen Nähe, die Schön­heit von Trä­nen und sanf­ten Abgrün­den. Man­che Fil­me­ma­cher jener Zeit haben die­se Räu­me nie ver­las­sen. Aker­man schon. Was sie nie ver­lo­ren hat, ist ihr Glau­be dar­an, dass die Kame­ra die ver­bor­ge­ne Ver­lo­ren­heit der Men­schen sicht­bar macht.

Die Stim­me erzählt von einer Furcht vor Hun­den und wie sie vom Lon­don der 20er Jah­re träumt. Ennui flirrt als gera­de noch sicht­ba­res Staub­par­ti­kel in den Licht­fel­dern der Pari­ser Woh­nung. Dahin­ter bil­det sich lang­sam ein Abgrund. Myl­ly­ko­ski erzählt von einem Mann, der sie an der Stra­ße ange­spro­chen hat, obwohl sie das nicht woll­te. Sie erzählt von den Bli­cken, die auf sie fal­len. Plötz­lich fällt ihr schein­bar ziel­lo­ses Beob­ach­tet­wer­den in über­be­lich­te­ten Räu­men mit ihrer Erfah­rung auf sie fal­len­der Bli­cke zusam­men. Der Blick wird bewusst. Nur kurz. Dann legt sich wie­der eine dump­fe Schön­heit über alles.

Es ist schwer, jeman­dem nahe zu kom­men, selbst auf engs­ten Räu­men. Das Gefa­sel, in all sei­ner umher­schwei­fen­den Mensch­lich­keit, ver­deckt die tie­fe­ren Sor­gen, Wün­sche und Gedan­ken. Man­che spre­chen, damit sie über­le­ben kön­nen. Sie spre­chen für die Wor­te, um die sie sich erleich­tern. In den Nah­auf­nah­men herrscht Distanz. Man zeigt sich nicht, wenn man ange­blickt wird. Zwar beglei­tet der Film eine Art All­tag, aber in die­sem erzählt sich nichts. Was man erfährt, liegt eigent­lich zwi­schen den Ein­stel­lun­gen, zwi­schen den Erzäh­lun­gen, man könn­te von einer Ver­lo­ren­heit oder Ein­sam­keit spre­chen, aber dann müss­te man sich fra­gen, ob die nicht nur einem ange­lern­ten Ver­ste­hen sol­cher Fil­me entspringen.

Man wun­dert sich, wes­halb man sich eigent­lich so ver­traut in die­ser Woh­nung auf­ge­hal­ten hat. Was sind das für Räu­me, die sich für den Blick öff­nen? Am Ende steht Myl­ly­ko­ski an der Tür. Sie kann ent­schei­den, ob sie öff­net oder schließt. Nicht sie ist die­je­ni­ge, für die sich der Film inter­es­siert, son­dern ihr Gefühl vor der Kame­ra, in den Augen ande­rer. Es ist ein Film über die Bewusst­wer­dung des Blicks, viel­leicht auch der Macht der Filmemacher.

Aker­man hat sich oft selbst gefilmt, sie kennt die­ses Gefühl, und Szlin­ger­baum stand 1981 vor der Kame­ra von Gérard Cou­rant, für einen von des­sen Ciné­ma­ton-Por­träts. Er tän­zelt vor einem Kiosk in Ost-Ber­lin, fuch­telt mit einer Wurst her­um und trinkt eine Coca-Cola. Der auf ihn ruhen­de Blick der Kame­ra ver­an­lasst ihm zum Geham­pel. Das Por­trät, für Man­che als Umzeich­nung von Schat­ten am Anfang aller Kunst ver­or­tet, ent­hält immer mehr, als sich in den Umris­sen zeigt. Die fes­te oder zit­tern­de Hand der­je­ni­gen, die den Schat­ten nach­fah­ren, berich­tet von einer Bezie­hung zwi­schen Kör­per und Schat­ten, Maler und Por­trä­tier­ten sowie die­ser bestimm­ten Zeit, dem einen Tag, nach­dem der Film benannt ist, an dem es mög­lich wur­de, etwas abzu­bil­den, einen Zustand, eine Art des Seins, die 168 nicht mehr exis­tiert haben könn­te oder bis heu­te existiert.