La mujer sin cabeza von Lucrecia Martel

Verstellte, auf den Kopf gestellte Wirklichkeiten: La Mujer sin cabeza von Lucrecia Martel

Wäh­rend des Vor­spanns hört man zuerst das Flüs­tern der Insek­ten und ein unbe­stimm­tes Geräusch. In der ers­ten Auf­nah­me, einem ziem­lich raschen Tra­vel­ling, folgt die Kame­ra einem Jun­gen, der mit einem her­um­tol­len­den Hund spielt. Zwei ande­re Jun­gen schlie­ßen sich ihnen an; die Vie­rer­ban­de über­quert eine Stra­ße im Nir­gend­wo; sie wer­den bei­na­he von einem Wagen über­fah­ren. Am ande­ren Ran­de der Stra­ße befin­det sich eine Art aus­ge­trock­ne­ter Kanal, der womög­lich kurz davor steht, vom Regen­was­ser gefüllt zu wer­den, da sich auf der Ton­spur ein Gewit­ter ankün­digt. Im Fens­ter eines Autos spie­geln sich die Gesich­ter zwei­er Frau­en, die sich gera­de schmin­ken. Eine Nah­auf­nah­me folgt, wel­che das ver­zerr­te Gesicht eines im Auto sit­zen­den Kin­des zeigt.

Bis­her ist es schwie­rig, eine „Haupt­fi­gur“ zu erken­nen, weil die Kame­ra sich von der Hand­lung bewusst fern­hält, selbst wenn Gesich­ter in Nah­auf­nah­men gezeigt wer­den. Schließ­lich taucht sie aber end­lich auf. Zwar tritt die Figur nüch­tern in den Vor­der­grund, sie wird aber deut­lich von den ande­ren Figu­ren abge­ho­ben. Am auf­fäl­ligs­ten wirkt die Fri­sur die­ser Frau. Hel­le, gold­blon­de, in einem locke­ren Dutt zusam­men­ge­hal­te­ne Haa­re, die aber bald gelöst wer­den. Sie trägt einen roten Pul­li. Blond und Rot, die­se Paa­rung hat man schon gese­hen, etwa in Alfred Hitch­cocks Mar­nie, in dem die Span­nung der Insze­nie­rung fast aus­schließ­lich aus dem abs­trak­ten Spiel zwi­schen die­sen bei­den Far­ben besteht. In der letz­ten Ein­stel­lung die­ser ers­ten Sequenz gra­tu­liert der Blon­di­ne eine Freun­din zu ihrer Fri­sur, fragt sie aber auch, ob sie sich ihre Haa­re hat fär­ben lassen.

Die blon­de Frau bejaht, fügt aber hin­zu, dass die Fär­bung bereits leicht ver­blas­sen wür­de. Schließ­lich steigt sie in ihr Auto ein. Wo man in den aller­ers­ten Minu­ten der Sequenz nicht wirk­lich imstan­de war, zu begrei­fen, was die zwei Grup­pen ver­band – jene der Kin­der und jene der bür­ger­li­chen Frau­en –, so zeich­net sich jetzt eine Ver­bin­dung ab: durch die Wind­schutz­schei­be ist die lee­re Stra­ße aus den ers­ten Ein­stel­lun­gen zu sehen. Dabei wird im Nach­hin­ein deut­li­cher, dass die ers­ten zwei „Haupt­stü­cke“ der Sequenz eigent­lich durch eine Art ver­zö­ger­te Par­al­lel­mon­ta­ge anein­an­der ange­schlos­sen waren. Eine Mon­ta­ge, die aber kei­ne kla­re, durch­sich­ti­ge Kau­sa­li­täts­ket­te bil­det: an kei­ner Stel­le unter­stellt die Fil­me­ma­che­rin, dass das, was sich am Ende der Sequenz ereig­net, das zwangs­läu­fi­ge, unmit­tel­ba­re Ereig­nis der Ent­ge­gen­set­zung zwi­schen den bei­den Grup­pen von Men­schen, ist. 

Eine bekann­te, fröh­li­che Melo­die läuft im Auto­ra­dio. Mit dem Klin­geln eines Han­dys wech­selt die Kame­ra den Stand­punkt: das rech­te Pro­fil der Schau­spie­le­rin wird jetzt gezeigt, als die Frau nach ihrem Han­dy sucht – sie fin­det es aber nicht. Genau in die­sem Moment erschüt­tert ein Auf­prall das Fahr­zeug. Das Auto hält plötz­lich an. Kaum hat die Frau das Steu­er wie­der in den Griff genom­men, schon wird sie aufs neue gewalt­sam geschüt­telt. Was ist denn gera­de passiert?

La mujer sin cabeza von Lucrecia Martel

Gezeigt wer­den uns nichts als Zei­chen und Spu­ren eines phy­si­schen wie psy­chi­schen Ereig­nis­ses. Zum Bei­spiel klei­ne Hand­spu­ren – wahr­schein­lich von Kin­dern hin­ter­las­sen – die man erst nach dem Zwi­schen­fall auf dem Auto­fens­ter bemerkt: von wel­chen Kin­dern sind sie genau hin­ter­las­sen wor­den? Erschüt­tert, fängt die Fah­re­rin an leicht zu wei­nen. Sie reißt sich wie­der zusam­men und fährt los, ohne aus dem Auto zu stei­gen, um fest­zu­stel­len, wor­auf sie gesto­ßen war. Sie setzt die Bril­le wie­der auf die Nase, nimmt sie wie­der weg, hält letzt­lich an und steigt end­lich aus.

Die Kame­ra bleibt im Auto; im lin­ken Teil des Bil­des ist die geöff­ne­te Tür zu sehen; durch die­se Öff­nung bie­tet sich eine unschar­fe Sicht auf die Land­schaft. Wir ver­lie­ren die Frau aus den Augen; es fängt an zu reg­nen. Die Trop­fen fal­len mit einem gedämpf­ten Geräusch auf die Wind­schutz­schei­be. Das inne­re Gewit­ter, das sich in die­sen ers­ten Minu­ten von La Mujer sin cabe­za, dem drit­ten Kino­film der argen­ti­ni­schen Fil­me­ma­che­rin Lucre­cia Mar­tel, lang­sam und lücken­haft andeu­tet, um plötz­lich los­zu­bre­chen, ist ein klu­ger und form­be­wuss­ter Gebrauch des „Außer­halbs“ des Einstellungsrahmens. 

Alles, was wir sehen müs­sen, um dem Film zu fol­gen, liegt vor unse­ren Augen oder in unse­ren Ohren. Alles, was wir sehen möch­ten, ist uns jedoch gleich­zei­tig ver­bor­gen. Die­se Ästhe­tik der Ver­bor­gen­heit ist es, wonach die­ser Film von Ein­stel­lung zu Ein­stel­lung trach­tet, weni­ger in dem Sin­ne, dass Lucre­cia Mar­tel mit dem Zuschau­er ein Rät­sel­spiel anzu­fan­gen ver­sucht – indem sie zum Bei­spiel Hin­wei­se inner­halb jeder Ein­stel­lung ver­ste­cken wür­de –, als gera­de umge­kehrt, indem sie die­se Ver­bor­gen­heit mit­ten in der Wirk­lich­keit der Haupt­fi­gur ver­or­tet und ent­wi­ckelt, sich so aus­dehnt, dass sie unse­re Wahr­neh­mung als Zuschau­er stets ver­än­dert und verwirrt.

In die­ser Hin­sicht erin­nert La Mujer sin cabe­za mehr an ein gewis­ses ame­ri­ka­ni­sche Kino, wel­ches sich auf die Hol­ly­wood-Klas­sik bezieht, indem es eini­ge ihrer Grund­zü­ge wie­der auf­nimmt, um sie zugleich zu bear­bei­ten. Über Mar­nie hin­aus ist der Film von Mar­tel durch eine Ver­wandt­schaft zu aktu­el­le­ren Fil­men gekenn­zeich­net, die, indem sie an Hitch­cock und beson­ders an die­sen Film von Hitch­cock erin­nern, das Motiv der Haar­far­be zu einer fast meta­phy­si­schen Fra­ge machen. Der Auf­prall des Autos wirkt hier wie ein zeit­ver­dre­hen­der Moment, wel­cher nicht nur das Leben der Prot­ago­nis­tin aus den Bah­nen wirft, son­dern auch den Film in eine neue Dimen­si­on bringt, in wel­cher die Gren­zen zwi­schen den Toten und den Leben­den, der All­täg­lich­keit und dem Land der Alb­träu­me völ­lig durch­ein­an­der gebracht werden.

Eine Frau, die einen Auto­un­fall über­lebt hat, begibt sich hin­kend zur nächs­ten gro­ßen Stadt. Das ist der Aus­gangs­punkt eini­ger ame­ri­ka­ni­schen Fil­me, die die Ent­ste­hung einer ver­wirr­ten Bezie­hung zur Wirk­lich­keit – durch den Wahn­sinn, die Träu­me oder die Film­sucht – erzäh­len und insze­nie­ren. Zu die­sem The­ma könn­te man unter ande­rem Car­ni­val of Souls von Herk Har­vey erwäh­nen, in dem eine jun­ge Orgel­spie­le­rin einen Auto­un­fall an einem son­ni­gen Nach­mit­tag über­lebt. Bei einem gefähr­li­chen impro­vi­sier­ten Auto­rennen zwi­schen zwei Drauf­gän­gern fällt das Auto, in dem sie als Pas­sa­gie­rin saß, in einen Sumpf. Als die Poli­zis­ten sich bemü­hen, das Auto aus dem Was­ser her­aus­zu­zie­hen, taucht die dün­ne, blon­de Frau, durch­nässt und erschro­cken auf. Alles scheint in die gere­gel­te Ord­nung zurück­ge­bracht wor­den zu sein, bricht aber unter der ruhi­gen Ober­flä­che zusam­men. Nach dem Unfall, als die jun­ge Frau nachts zu ihrem nächs­ten Auf­tritts­ort fährt, erlebt und über­lebt sie einen zwei­ten Auto­un­fall, der zwar phy­sisch harm­lo­ser ist als der ers­te, sich aber als psy­cho­lo­gisch schwer­wie­gen­der erweist.

Der ers­te Hin­weis, dass etwas nicht stimmt, geben die Spie­ge­lun­gen der Fah­re­rin in den bei­den Fens­tern des Autos, die so wir­ken, als wäre sie in die­sem Moment von ihrem bösen gespens­ti­schen Dop­pel­gän­ger beob­ach­tet. Dann taucht plötz­lich im rech­ten Fens­ter eine erschre­cken­de Figur auf; eine Art Vam­pir, der wirkt als ob er aus einem goti­schen Stumm­film her­aus­spa­ziert wäre, und des­sen auf­ge­ris­se­ne Augen uns unbe­hag­lich anstar­ren. Die unan­ge­neh­me Erschei­nung ver­schwin­det, mel­det sich aber gleich dar­auf erneut, dies­mal mit­ten vor der Wind­schutz­schei­be. Die Fah­re­rin hält es nicht aus, dreht rasch das Steu­er nach rechts und lan­det im Stra­ßen­gra­ben. Trotz eini­ger schö­nen Insze­nie­rungs­ideen ist sich Car­ni­val of Souls sei­nes Plots all­zu­sehr bewusst, und zwar in einem sol­chen Maß, dass man längst geahnt und gera­ten hat, wor­um es eigent­lich geht: um eine Gespens­ter­ge­schich­te. Im Nach­hin­ein kann trotz­dem eine Par­al­le­le zwi­schen die­sem Film und dem von Lucre­cia Mar­tel gezo­gen wer­den: Der Anfang von La Mujer sine cabe­za könn­te wie eine noch gespens­ti­sche­re Fas­sung der oben geschil­der­ten nächt­li­chen Sze­ne in Car­ni­val of Souls gese­hen werden.

Bei Lucre­cia Mar­tel ist der Zwi­schen­fall zwar auch von einer unbe­hag­li­chen Erschei­nung ver­ur­sacht, nur bleibt die­se aus; es han­delt sich nicht um ein häss­li­ches Mons­ter, son­dern um Erschöp­fungs­er­schei­nun­gen – inne­re Zei­chen eines Ner­ven­zu­sam­men­bru­ches also, deren Deu­tung aber unzu­rei­chend ist, um sich in eine beru­hi­gen­de Erklä­rung zu flie­hen. Im Lau­fe der Erzäh­lung ver­dich­tet sich die­se Flüs­sig­keit der Zei­chen noch wei­ter, als die Freun­din­nen und Ver­wand­ten Vero­ni­cas – so heißt die Haupt­fi­gur, die von Maria Onet­to gespielt wird – sich bemü­hen, jede Spur ihrer Anwe­sen­heit vom Tat­ort zu ent­fer­nen, bis hin zu ihrem eige­nen Schuld­ge­fühl. Bald gibt es kei­ne Zei­chen mehr – nur die­ses Ver­wi­schen der Spu­ren bleibt spür­bar und unbe­zwei­fel­bar, auf­grund des­sen der Film sich immer deut­li­cher in einer „Zeit des Ver­dachts“ bewegt. 

Dabei hat er mit einem ande­ren Film ziem­lich viel gemein­sam, auch wenn die Impli­ka­tio­nen ihrer Ähn­lich­kei­ten weit aus­ein­an­der­lie­gen – näm­lich Mul­hol­land Dri­ve von David Lynch. Schon auf der Ebe­ne des Sound­de­signs lässt sich eine Ähn­lich­keit beob­ach­ten. Bei­de Fil­me arbei­ten mit sub­ti­len, stump­fen, gedämpf­ten Tönen und Geräu­schen, die inner­halb des ansons­ten natür­li­chen, rea­lis­ti­schen Sound­tracks, auf eine Innen­welt hin­wei­sen, wel­che teils erschlos­sen wird, teils ver­schlos­sen bleibt.

Auf der Erzähl­ebe­ne fin­den sich eben­falls Gemein­sam­kei­ten. Genau wie Rita/​Camilla (Lau­ra Har­ring) nach ihrem Auto­un­fall am Anfang von Mul­hol­land Dri­ve, ver­liert Vero­ni­ca nach dem Auf­prall des Autos ihr Gedächt­nis. Lang­sam wächst aber in bei­den Figu­ren so etwas wie eine Erin­ne­rung – es wird befürch­tet, dass etwas Tra­gi­sches pas­siert ist, dass jemand tot ist. Und in bei­den Fil­men beginnt eine Art Unter­su­chung; man kehrt zu den Tat­or­ten zurück, sucht nach wei­te­ren Hin­wei­sen, fin­det aber nichts. Denn das Gescheh­nis ist tief im Inne­ren ver­wur­zelt, im Boden des Unbe­wuss­ten, rührt dabei nicht am Tod eines Frem­den, son­dern am eige­nen Ableben.

Doch so über­füllt mit Sym­bo­len sie auch sein mögen, hüten sich die­se zwei Fil­me davor, die Schich­ten die­ses Unbe­wuss­ten zu ein­fach zu ent­äu­ßern. Eines der weni­gen Zei­chen, das gege­ben wird, macht die Fri­sur der Haupt­fi­gu­ren aus, wel­che in bei­den Fäl­len eine Rück­kehr in den Mythos der Film­ge­schich­te dar­stellt. His­to­risch betrach­tet ist es nie eine belie­bi­ge Ent­schei­dung, wenn eine Frau sich am Anfang oder im Lau­fe eines Fil­mes die Haa­re färbt oder fär­ben lässt. Immer wird dadurch die Hoff­nung eines Neu­an­fangs geäu­ßert: Man ändert die Far­be sei­ner Haa­re, um die Iden­ti­tät einer Ande­ren anzu­neh­men, um sein ver­gan­ge­nes Selbst end­gül­tig hin­ter sich zurückzulassen.

Dabei sind Hitch­cocks Mar­nie und Ver­ti­go Mus­ter­fil­me: Fünf Minu­ten nach dem Beginn von Mar­nie wascht sich die titel­ge­ben­de Klep­to­ma­nin in ihrem Hotel­ba­de­zim­mer die Haa­re. Ins Wasch­be­cken fal­len dunk­le schwar­ze Trop­fen, dann folgt die ers­te Nah­auf­nah­me auf das Gesicht der Haupt­dar­stel­le­rin, die, wie sich her­aus­stellt, statt schwar­zer, eigent­lich lan­ge blon­de Haa­re hat. Die ers­te wich­ti­ge Ent­schei­dung, wel­che die Haupt­fi­gur nach ihrer Flucht trifft, ist jene die Far­be aus ihren Haa­ren zu waschen. In Mul­hol­land Dri­ve sieht es etwas anders aus: Erst gegen Mit­te des Plots wech­selt Rita ihre Fri­sur und Haar­far­be, als ihr ihre Freun­din Bet­ty (Nao­mi Watts) eine hell­blon­de Perü­cke auf den Kopf setzt, damit sie nicht mit einer ver­stor­be­nen Frau ver­wech­selt wird.

Marnie von Alfred HitchcockMarnie von Alfred Hitchcock

Die Kon­ver­sa­ti­on zwi­schen den Freun­din­nen am Anfang von La Mujer sin cabe­za weckt Erin­ne­run­gen an die­se bei­den Sze­nen, wirkt dabei aber irgend­wie beängs­ti­gen­der – die ers­te sub­stan­zi­el­le Infor­ma­ti­on, die wir über die Haupt­fi­gur Vero­ni­ca bekom­men, betrifft ihre Haar­fär­bung. Das erweckt in uns das Gefühl, dass sie eine schwe­re Ver­gan­gen­heit hin­ter sich hat, als käme sie aus einem Film noir. Als das Ende des Films sich nähert, wird Vero­ni­ca wie­der zur Schwarz­haa­ri­gen – der letz­te Schritt im Aus­lö­schen ihrer Spu­ren, wel­cher die blon­de Fah­re­rin vom Beginn ins Nichts zurückweist.

Im Gegen­teil zu dem, was sich in den Fil­men von Hitch­cock oder Lynch ereig­net, scheint jedoch die­ser Wech­sel hier kei­ne beson­de­re Bedeu­tung in sich zu tra­gen. Wo er von den bei­den ame­ri­ka­ni­schen Fil­me­ma­chern zur ech­ten dra­ma­tur­gi­schen Wen­dung gemacht wird, so stellt er bei Lucre­cia Mar­tel höchs­tens einen miss­lun­ge­nen Ver­such dar, ein schmerz­haf­tes Gescheh­nis unge­sche­hen zu machen. Die­sen Ver­such könn­te man stell­ver­tre­tend für das ästhe­ti­sche Pro­jekt ver­ste­hen, das Lucre­cia Mar­tel in La Mujer sine cabe­za ver­folgt, in dem Sin­ne, dass sie bestän­dig unse­re Wahr­neh­mung der Zeit her­aus­for­dert und ver­wirrt, etwa indem sie die Zeit zu einem unge­wis­sen, unste­ti­gen Still­stand zu brin­gen ver­sucht. Die­ses „Unge­sche­hen­ma­chen“ ist selbst­ver­ständ­lich auch auf einer poli­ti­sche­ren Ebe­ne zu betrach­ten. Auch wenn die ärms­ten Schich­ten der argen­ti­ni­schen Gesell­schaft in dem gan­zen Film gewis­ser­ma­ßen abwe­send sind, oder gera­de viel­mehr wegen die­ser Abwe­sen­heit, könn­te das eige­ne Schuld­ge­fühl der Haupt­fi­gur, obzwar die­ses Gefühl unprä­zi­se ist, als das Schuld­ge­fühl des Bür­ger­tums an sich gel­ten. In La Mujer sin cabe­za ist aber die­se „poli­ti­sche“ Stel­lung­nah­me umso inter­es­san­ter, als sie die Form einer ein­sei­ti­gen Bot­schaft nie annimmt, wel­che Lucre­cia Mar­tel in ihre Bil­der zwän­gen wür­de. Die­se manch­mal viel zu vor­her­seh­ba­re Bis­sig­keit dem argen­ti­ni­schen Bür­ger­tum gegen­über, wel­che die Haupt­schwä­che der ers­ten zwei Kino­fil­me von Mar­tel war, ist in die­sem Film irgend­wie sanf­ter gewor­den – eine Sanft­heit, die viel effek­ti­ver wirkt, weil sie die sorg­sa­me Insze­nie­rung nicht stört, und weil sie das Poli­ti­sche auf einen rein leib­li­chen Aus­druck einschränkt. 

Genau das wird etwa zwan­zig Minu­ten nach Beginn des Fil­mes in einer Sze­ne beein­dru­ckend insze­niert – wie­der­um in einer Art und Wei­se, die an Mul­hol­land Dri­ve erin­nert. Als Vero­ni­ca nach dem Unfall zu Hau­se ankommt, wird sie von einem schein­bar frem­den Mann – spä­ter erfährt man, dass es eigent­lich ihr Ehe­mann ist – über­rum­pelt. Sie geht die Trep­pe run­ter, steht still vor dem Frem­den, der in der Küche beschäf­tigt zu sein scheint. Im Vor­der­grund, links, die Trep­pe. Mit­ten im Bild, Vero­ni­ca. Im Hin­ter­grund, die Haus­tü­re. Im rech­ten Teil des Bil­des kann man den Frem­den sehen; man fragt sich aber, war­um Vero­ni­ca dann nicht in sei­ne Rich­tung schaut, son­dern nach links. Der Mann hebt den Kopf und ver­schwin­det aus dem Bild, bis man ver­steht, dass es sich eigent­lich um eine Spie­ge­lung han­del­te. Nun ist der Mann mit­ten im Bild; aus Angst geht Vero­ni­ca die Trep­pe wie­der hoch, sie wird von ihm ver­folgt. Da sperrt sie sich im Bade­zim­mer ein. In der nächs­ten Ein­stel­lung sieht man links einen kreis­för­mi­gen Spie­gel, in dem Vero­ni­cas Kopf halb abge­schnit­ten ein­ge­rahmt wird. Das auf der Tür ange­brach­te Glas­qua­drat nimmt den rech­ten Teil des Bil­des ein; durch die­ses Qua­drat erscheint unklar der Kopf des Frem­den. Rat­los, schal­tet Vero­ni­ca die Dusche an und duscht mit ihren Kleidern.

Durch die­se leich­te Zer­split­te­rung des Rau­mes ver­setzt uns Lucre­cia Mar­tel in die­ser Sze­ne in eine unbe­stimm­te Traum­zeit, genau­so wie es David Lynch in einer ganz ähn­li­chen Sze­ne von Mul­hol­land Dri­ve gemacht hat­te. Als sie im Haus ihrer Tan­te ange­kom­men ist, ent­deck­te Bet­ty unter der Dusche, im Bade­zim­mer, die ori­en­tie­rungs­lo­se und ver­ängs­tig­te Frem­de, die zu Beginn des Films in einen Unfall ver­wi­ckelt war. Mar­tel und Lynch legen den Fokus jeweils auf klei­ne Details, die eine Unstim­mig­keit in sich zu ber­gen schei­nen – bei David Lynch, die Tat­sa­che, dass die­se Frem­de es sich gestat­tet, in einem frem­den Haus zu duschen und bei Lucre­cia Mar­tel, dass Vero­ni­ca beklei­det unter die Dusche geht. Vor allem zei­gen sie behä­bi­ge Kör­per, die noch unter dem Schock eines Auto­un­falls ste­hen, und die jede Sekun­de dro­hen, in den Schlaf zu sinken. 

In einem gewis­sen Sin­ne könn­te man La Mujer sin cabe­za als einen Schlaf­film bezeich­nen. Nicht weil er lang­wei­lig ist, son­dern weil Lucre­cia Mar­tel sich vor­nimmt, die­sen schwer bestimm­ba­ren Über­gang zwi­schen dem Ein­schla­fen und dem Erwa­chen durch ihre geo­me­tri­schen Bil­der spür­bar zu machen. In den ers­ten Minu­ten, die dem Unfall fol­gen, wird die­ser schwan­ken­de Über­gang auf eine sehr schö­ne Wei­se ange­deu­tet. Im Hotel ange­langt, nach­dem sie bei­na­he in Ohn­macht gefal­len war, legt sich Vero­ni­ca aufs Bett. In der ers­ten Ein­stel­lung sieht man, dass sie auf dem Bett liegt. Durch ein recht­ecki­ges lan­ges Fens­ter im Hin­ter­grund fällt das Nach­mit­tags­licht ins Zim­mer. In der nächs­ten Ein­stel­lung, im Gegen­schuss, wird eine Putz­frau gezeigt, wel­che die noch ein­schla­fen­de Vero­ni­ca anspricht. Die drit­te Ein­stel­lung zeigt wie­der das Zim­mer, die lang­sam erwa­chen­de Vero­ni­ca im Bett, nur ist es jetzt nachts, wie man dank des Fens­ters sieht.

Inner­halb nur weni­ger Sekun­den geht also die Erzäh­lung vom Tages­licht in die nächt­li­che Dun­kel­heit über, ohne dass die­ser Über­gang einer Ellip­se ähnelt. Dadurch spie­gelt sich viel­mehr das auf­ge­wühl­te inne­re Leben der Prot­ago­nis­tin wider, deren Wirk­lich­keit sich wie ein Albtraum anfühlt; wie eine mora­li­sche Ach­ter­bahn­fahrt, die kei­nen Hal­te­punkt hat. Dann bleibt nichts mehr als der ver­schwom­me­ne Anblick einer Hun­de­lei­che, die auf der Stra­ße liegt und die man durch die hin­te­re Wind­schutz­schei­be hin­durch sah, als das Auto sich vom Tat­ort ent­fern­te. Ein Hund, klei­ne, kind­li­che Hand­spu­ren auf dem Auto­fens­ter – das sind wohl die ein­zi­gen Hin­wei­se, die wir erfasst haben. Man hät­te Lust, zur Ödnis der Stra­ße des Unfalls zurück­zu­keh­ren. Die­se hat sich aber schon längst zu einer vagen Erin­ne­rung ver­wüs­tet, die Erin­ne­rung eines noch trü­be­ren Albtrau­mes; eines Trau­mes ohne Wiederkehr.

Als der Abspann erscheint, muss ich an Chan­tal Aker­man den­ken, vor allem an Sud, einen Doku­men­tar­film, den die bel­gi­sche Fil­me­ma­che­rin im Süden der USA gedreht hat, und in wel­chem es dar­um ging, die unsicht­ba­ren Spu­ren des von wei­ßen Supre­ma­tis­ten began­ge­nen Mor­des eines schwar­zen Man­nes durch lan­ge, tief­grei­fen­de Ein­stel­lun­gen zu hin­ter­fra­gen. Erst in der letz­ten Ein­stel­lung des Films wer­den deut­li­che Bewei­se des grau­sa­men Ereig­nis­ses gezeigt, näm­lich die mitt­ler­wei­le getrock­ne­ten Spu­ren einer Blut­pfüt­ze auf der Stra­ße. Das Opfer war mit einer Ket­te am Fuß an einen Wagen gebun­den und dann meh­re­re Meter auf der Stra­ße hin­ter­her­ge­schleppt wor­den. Auch wenn La Mujer sin cabe­za sich an eine gewis­se poli­tisch-gesell­schaft­li­che Kri­tik Argen­ti­ni­ens her­an­wagt, beson­ders indem der Film das Aus­schal­ten des mora­li­schen Gewis­sens des Bür­ger­tums betont, dann fehlt ihm jedoch ein sol­ches Beweis­bild wie in Sud. Eine nicht zu schlie­ßen­de Lücke; eine unbe­ant­wor­te­te und drin­gen­de Fra­ge, wel­che noch Tage spä­ter tief in uns bohrt.