Im gro­ßen Saal der Cine­ma­te­ca Por­tu­gue­sa war im Rah­men des Catch-All-Film­fes­ti­vals Indie­lis­boa unlängst Espel­ho de Car­ne von Anto­nio Car­los da Fon­tou­ra zu sehen. Da der Film online nur in einer sehr aus­geb­li­che­nen VHS-Ver­si­on auf­find­bar ist, kann man behaup­ten: Die hier gezeig­te „neue Restau­rie­rung“ ist tat­säch­lich eine dank­ba­re Ver­bes­se­rung zum Ori­gi­nal. Der Ton war aber ble­chern, die Far­ben auf maxi­ma­le Sät­ti­gung kolo­riert – ver­mut­lich von einer Vor­führ­ko­pie anstatt des Nega­tivs ent­nom­men – und die Bild­sta­bi­li­tät abwechs­lungs­reich. Trotz­dem konn­te man froh sein, dass es den Film ein­mal auf einer Lein­wand zu sehen gab. Die Prä­mis­se: fünf Freund*innen der Hau­te-Bour­geoi­sie von Rio de Janei­ro tref­fen sich in einem nagel­neu­en Hoch­haus­a­part­ment mit Edel­stadt­blick und ver­fal­len einem ver­häng­nis­vol­len Möbel­stück: einem Spie­gel der Lust. Álva­ro erstei­gert das his­to­ri­sche Stück, das vor­her in einem Bor­dell hing, bei einer Auk­ti­on für sei­ne Frau und ihr gemein­sa­mes Schlaf­zim­mer. Und bald befällt die­se, so wie spä­ter ihre Freund*innen, beim Blick in den Spie­gel ein unbän­di­ger sexu­el­ler Drang, den es zu befrie­di­gen gilt. Dabei wird aus vor­mals spie­ßi­gen Yup­pies im Cham­pa­gner- und Whis­ky­rausch ein hedo­nis­ti­sches jede*r mit jede*m – ent­ge­gen der bür­ger­li­chen Moral. 

Anders lust­voll ging es am 25. April zu, an dem jähr­lich der Nel­ken­re­vo­lu­ti­on des Jah­res 1974 in Por­tu­gal mit einer gro­ßen Demons­tra­ti­on gedacht wird. Gedenk­ver­an­stal­tun­gen zie­hen oft unwei­ger­lich eine mili­tä­ri­sche Zur­schau­stel­lung mit sich (sie­he öster­rei­chi­scher Natio­nal­fei­er­tag). Nicht so hier, obwohl der Bub mit dem Barett am Kopf und roter Nel­ke in der Hand all­jähr­lich auf dem Dach eines Pan­zers die Ave­ni­da de Liberda­de hin­un­ter­fährt. Das Sym­bol­bild der unblu­ti­gen Revo­lu­ti­on. Dazwi­schen gibt es kein Antre­ten der Gar­de oder Düsen­jet-Über­flug mit Tri­ko­lo­re, son­dern Tech­n­obass, laut­stark gesun­ge­ne anti­fa­schis­ti­sche Lie­der und per­si­flie­ren­de Polit­kri­tik auf Papp­schil­dern. Der 25. April ver­mag Por­tu­gal für einen Moment zu ver­ei­nen und gibt dem Geden­ken – als Zei­chen für den Frie­den und gegen den Faschis­mus – etwas uni­ver­sell gültiges.

Am spä­te­ren Abend, lan­ge, nach­dem sich die Mas­sen wie­der in die ande­ren Stadt­tei­le ver­streut haben, und nach einer Run­de Kirsch­li­kör bei Rubi, zog es uns in den schumm­ri­gen Osten. In einer Hin­ter­gas­se, die aus einem Jack-the-Rip­per-Lon­don ent­nom­men sein könn­te, gin­gen wir durch einen Tor­bo­gen und einen kopf­stein­ge­pflas­ter­ten Hügel hin­auf. Der enge Pfad war nur durch eine Later­ne in fahl­gel­bem Licht beleuch­tet. Wür­de unser Hin­ter­mann bald zuste­chen? Wir gelang­ten unbe­scha­det um die Ecke und es eröff­ne­te sich ein so harm­lo­ser wie stim­mungs­vol­ler Ort vor uns: die Bar A Xab­re­guen­se. Eine still­ge­leg­te Bahn­tras­se dahin­ter, umher tol­len­de Kin­der am Vor­platz, der Bil­lard­raum war gut gefüllt mit Spie­lern und im Bar­raum lief ein Fuß­ball­spiel auf dem Fern­se­her. Die Qua­li­tät des Fuß­balls war mäßig. Wir bestell­ten Geträn­ke, setz­ten uns an den Tisch mit bes­ter Aus­sicht zum Ein­gang hin, beob­ach­te­ten Leu­te und rede­ten über Japan. Ich über­nahm mich mit dem kla­ren Wein­brand (Baga­ço). Alles war wie immer, dach­ten wir uns. End­lich ein Lis­sa­bon, das wie­der auf­blüht: wenn räu­dig, dann lust­voll und nicht weni­ger läs­sig entspannt.