Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Lissabonner Kleinigkeiten: Rechte Gesichter

Stän­di­ge Wah­len. Stän­di­ger Wahl­kampf. Im Groß­raum Lis­sa­bons bedeu­tet das: rie­si­ge Wahl­pla­ka­te an jeder Ecke. 365 Tage im Jahr. Ein Gesetz aus Por­tu­gals nach­re­vo­lu­tio­nä­rer Zeit erlaubt, dass Wahl­pla­ka­te auch nach Wah­len hän­gen blei­ben dür­fen – im Prin­zip für immer. Die­se beson­de­re Sicht­bar­keit macht sich die rechts­extre­me, oft mit den Wor­ten und einer neo­fa­schis­ti­schen Bild­spra­che des Estado Novo, Par­tei Che­ga (Por­tu­gie­sisch für „es reicht!“ oder „genug!“) zum Vor­teil. Über­all im Beschwer­de­stil for­mu­lier­te Paro­len auf wei­ßem Hin­ter­grund, mit besorgt drein­bli­cken­den Kan­di­da­ten und ihren unra­sier­ten Gesich­tern. Ihre gesät­tig­ten, fast ver­gilbt anmu­ten­den Fotos erin­nern an frü­he­re Zeiten.

So fin­det man die­se Rie­sen­pla­ka­te auf gro­ßen Plät­zen, an Auto­bahn­aus­fahr­ten und im Vor­bei­fah­ren an Zug­sta­tio­nen. Klei­ne­re Ver­sio­nen davon wer­den mit Kabel­bin­dern an Later­nen­pfos­ten fest­ge­zurrt. Sie sind im Bus sit­zend oder im Vor­bei­ge­hen kaum zu igno­rie­ren und erin­nern in ihrer lücken­lo­sen Häu­fig­keit frap­pant an die Bil­der der beflagg­ten Alleen der 1930er Jah­re. Nur hier sind es eben Plas­tik­schil­der in A3 mit einem Che­ga-Sym­bol, im Hin­ter­grund ein Umriss Portugals. 

Sehen wir uns nun die Pla­ka­te genau­er an: Einer­seits ist Par­tei­füh­rer Ven­tura immer prä­sent, meist gemein­sam mit den loka­len Kan­di­da­ten. Soweit so tra­di­tio­nell – es ist der ein­fachs­te poli­ti­sche Kniff, den natio­nal popu­lärs­ten Kan­di­da­ten immer her­zu­zei­gen, beson­ders wenn es kei­ne lokal beson­ders bekann­ten Gesich­ter gibt. Bei­spiel: PVV-Ein­zig­mit­glied und Chef Geert Wil­ders mit Kan­di­dat X. Bei­spiel: HC Stra­che und Per­son Y. Bei­spiel: Jörg Hai­der im Duo mit Tho­mas Prinz­horn („Zwei ech­te Öster­rei­cher“). Bei­spiel: Sahra Wagen­knecht bei den Land­tags­wah­len in Thü­rin­gen und Sach­sen. Ganz nach dem Mot­to: „Ich unter­stüt­ze die­se Per­son, sie wird mich nach mei­nen Wer­ten ver­tre­ten.“ Und: „Sie wäh­len auch mich mit.“

Ande­rer­seits sind die­se Gesich­ter gepaart mit einem fast schon banal klin­gen­den, ver­ein­fach­tem, aber auf die Angst abzie­len­den Slo­gan. Che­ga nutzt ihre auf Über­hö­hung getrig­ger­ten Befind­lich­kei­ten und bedient sich dabei außer­dem ver­trau­ter Wor­te der Ver­gan­gen­heit. Wie zum Bei­spiel „Sau­ber­keit“, also die Absicht, den ober­fläch­li­chen Schein von sozia­ler Ord­nung in der Öffent­lich­keit zu wah­ren, was eine zen­tra­le Stra­te­gie des Sala­za­ris­mus und schon immer ein Klas­si­ker schein­hei­li­ger Auto­kra­tien war. Hier davon ein paar Bei­spie­le, die es in den momen­tan son­nen­ge­tränk­ten Stra­ßen im Lis­sa­bon­ner Som­mer 2025 zu sehen gibt:

Alma­da sem medo – Alma­da ohne Angst
Defen­der Lis­boa – Lis­sa­bon Ver­tei­di­gen 
Endi­reit­ar Cas­cais – Cas­cais ord­nen
Liber­tar Ama­do­ra /​Oei­ras /​Sin­tra – Ama­do­ra /​Oei­ras /​Sin­tra befrei­en
Por­tu­gal pre­cisa de uma lim­pe­za – Por­tu­gal braucht eine Säuberung 

Mar­tia­li­sche Paro­len for­dern die Befrei­ung von Gegend‑X. Aber wovon? Dun­kel­häu­ti­ge Per­so­nen? (Ama­do­ra, Sin­tra) Rei­che Ausländer*innen? (Oei­ras). Ver­tei­di­gen vor wem? Tourist*innen? (Lis­sa­bon) Ohne Angst vor wem? (Alma­da und Ama­do­ra wer­den von Sozi­al­de­mo­kra­ten regiert). Die Ver­mu­tung liegt in ihrer unprä­zi­sen Andeutung. 

Selek­tiv, jedoch erstaun­lich prä­zi­se war Ven­tura hin­ge­gen unlängst in der Assem­bleia Nacio­nal, als er eine Lis­te nicht­por­tu­gie­si­scher Namen von Schul­kin­dern im Abge­ord­ne­ten­ple­num ver­las und damit die von ihm gespür­te Über­frem­dung Por­tu­gals beklag­te. Wäh­rend die Sit­zung live und gra­tis im öffent­li­chen Fern­se­hen über­tra­gen wur­de, beschwich­tig­te der Par­la­ments­prä­si­dent die­se Rede wider­spruchs­los als „freie Mei­nungs­äu­ße­rung“. Es ist eine Poli­tik der Sen­sa­tio­nen und Unglaub­lich­kei­ten, die in Über­grö­ße täg­lich vor unse­rer Nase statt­fin­det und uns dabei scham­los ins Gesicht lacht.