Zum ers­ten Mal seit lan­gem wie­der mit einem Nicken von einer Tau­be begrüßt wer­den, die sich in der trost­lo­sen, zu die­ser frü­hen Stun­de fast lee­ren War­te­hal­le des Bahn­hofs Meid­ling ver­irrt hat und auf der Sitz­leh­ne einer Bank steht; das unauf­hör­li­che Zucken ihres Kop­fes – eine Bewe­gung, die übli­cher­wei­se eine Art Unbe­ha­gen in mir erzeugt – neh­me ich die­ses Mal als war­me Abschieds­ges­te wahr, und mit die­sem Bild stei­ge ich in den Zug ein (Unter­wegs nach Vero­na über Inns­bruck, 7. April, kurz vor Sonnenaufgang)

Inner­halb weni­ger Minu­ten nach der Abfahrt des Zuges sind bereits alle Pas­sa­gie­re um mich her­um ein­ge­schla­fen, die aber dann sofort von der hell­wa­chen Stim­me des Fahr­kar­ten­kon­trol­leurs geweckt wer­den (ihr hek­ti­sches Her­um­kra­men in ihren Taschen auf der Suche nach ihren Fahrkarten)

Die Plat­ten­bau­ten in der Vor­ort­land­schaft ste­hen in der Mor­gen­son­ne ganz selbst­ver­ständ­lich da; sie brau­chen kei­nen Kom­men­tar (Ein­fahrt nach St. Pölten)

Die­se schö­ne öster­rei­chi­sche Land­schaft, mit ihren vie­len nied­li­chen Dör­fern und schnee­be­deck­ten Ber­gen im Hin­ter­grund, mit einem dicken schwar­zen Stift durch­strei­chen wollen

Auf dem Sitz­platz vor mir liest ein Mann einen Rei­se­füh­rer über das Pied­mont (das Geräusch des Sei­ten­um­blät­terns ist das Ein­zi­ge im Zug), wäh­rend sei­ner Frau neben ihm schläft

Und jetzt ist sei­ne Frau wach und liest einen Kri­mi­nal­ro­man (und der Mann schläft)

Immer noch, wenn ich jeman­den sehe, und sei es auch nur flüch­tig auf der Stra­ße, in der War­te­schlan­ge im Super­markt, im Gedrän­ge der U‑Bahn, der mei­ne Wut erweckt – wegen einer bös­ar­ti­gen Mie­ne, einer aggres­si­ven Hal­tung, einer unwir­schen Bemer­kung – stel­le ich mir vor, wie die­se Per­son auf einem Fami­li­en­fo­to hei­ter und sanft in die Kame­ra lächelt, damit sie mir sym­pa­thi­scher, erträg­li­cher wird, so wie ich es gera­de jetzt getan habe, um mei­nen Ekel vor dem mus­ku­lö­sen, laut schmat­zen­den Leber­kä­se­fres­ser auf dem Sitz gegen­über von mir zu überwinden

Dann ist der Zug so spär­lich besetzt, dass ich belie­big den Sitz­platz wech­seln kann; mal auf der lin­ken Sei­te, mal auf der rech­ten, gegen die Fahrt­rich­tung, ent­ge­gen der Fahrt­rich­tung, bis mir lang­sam, durch die vie­len Blick­wech­seln, schwind­lig wird

Mei­ne stän­di­ge mit Schup­pen befleck­te Bril­le als Seh­stö­rung beim Schau­en aus dem Zugfenster

Tau­ben­schwarm über dem Bahn­hofs­platz, sei­ne Wider­spie­ge­lung in den Fens­tern der abfah­ren­den Auto­bus­se (Inns­bruck)

Sobald die alte Frau ihren Sitz­platz neben mir ein­ge­nom­men hat, ist sie schon ein­ge­schla­fen, schnarcht mit offe­nem Mund und auf den Sit­zen vor mir sind zwei fran­zö­si­sche Kin­der, die flüs­ternd reden, als ob sie sie nicht wecken wol­len (jetzt im Zug nach Verona)

Die ers­te erleb­te Far­be nach dem Pas­sie­ren der Gren­ze nach Süd­ti­rol: Das Gelb eines auf­ge­las­se­nen Bahn­hofs mit­ten in den Bergen

Bar­fuß im Gras ste­hen, die Hän­de in die Hüf­te gestützt, ohne sich zu bewe­gen, völ­lig still, sor­gen­los, eine ange­neh­me Lee­re im Kopf, der Kör­per wie gewichts­los, nur der leich­te Wind im Gesicht als Gegen­warts­luft und das etwas schar­fe Emp­fin­den der Gras­hal­me auf den Fuß­soh­len; oben ist der blaue Him­mel, vor­ne die hohen Zypres­sen und in der Fer­ne das Dröh­nen des Auto­ver­kehrs von unten aus der Stadt (Giar­di­no Giu­s­ti, Verona)

Rei­se­vor­stel­lung: Eine frem­de Stadt besu­chen und kei­ne ein­zi­ge Sehens­wür­dig­keit auf­su­chen, son­dern die gan­ze Zeit, die gan­zen Tage, auf einer Bank in einem unauf­fäl­li­gen Park ver­brin­gen und nichts tun außer schau­en, lesen, rau­chen (Hass auf Sehenswürdigkeiten)

Die Frau­en­grup­pe beim Was­ser­far­ben-Unter­richt am Ufer des Adi­ges, die die Pon­te Cas­tel­vec­chio malen; alle sind über ihr Werk gebeugt, mal schau­en sie auf, dann rich­ten sie die Augen wie­der auf das Papier, und unter ihnen steht die ein­zi­ge Links­hän­de­rin mit Son­nen­bril­le, etwas abseits und schaut ganz woanders

Den gan­zen Tag damit ver­bracht, die Brü­cken Vero­nas stun­den­lang zu über­que­ren, von einer Sei­te des Flus­ses zur ande­ren, und dann spät­abends, beim Bier­trin­ken bei einem Café drau­ßen auf der Piaz­za Bra, spü­re ich immer noch die Bewe­gung des Hin- und her­ge­hens als ein Vibrie­ren in mei­nen Beinen

Sich räus­pern oder hus­ten, um die Auf­merk­sam­keit eines Kell­ners oder einer Kell­ne­rin auf sich zu len­ken (aus Schüch­tern­heit wegen man­geln­der Sprachkenntnisse?)

Beim Betrach­ten des Fres­kos des Hl. Georgs und die Prin­zes­sin von Pisa­nel­lo im Sant’ Ana­sta­sia wur­de mir plötz­lich bewusst, dass ich eine gran­ti­ge Mie­ne hat­te (obwohl ich es ja gar nicht war) und ent­spann­te sofort mei­ne Gesichtsmuskeln

Alle Kun­den in der Post­fi­lia­le reden mit dem Per­so­nal, als ob sie deren Hil­fe brau­chen, um eine Lebens­kri­se zu bewäl­ti­gen – hek­tisch redend, wild ges­ti­ku­lie­rend, den Kopf mit der Hand stüt­zend, ver­zwei­felt lachend – wäh­rend ich mit mei­nem beschei­de­nen Anlie­gen, ein paar Post­kar­ten abzu­schi­cken, end­los war­te und ver­su­che, die Gelas­sen­heit in Per­son zu sein (doch irgend­wann glau­be ich, ich wer­de vor lau­ter Unge­duld platzen)

Vie­le Déjà-vu-Momen­te in Vero­na, obwohl ich zum ers­ten Mal hier bin: Zum Bei­spiel heu­te früh im Café, als ich dabei war, das Rück­geld in mei­ner Hosen­ta­sche ein­zu­ste­cken, hör­te ich gleich­zei­tig den Schrei eines Kin­des, das wei­ße Rau­schen aus dem Radio, und das Zischen der Espres­so­ma­schi­ne, und die­ses Das-habe-ich-schon-mal-erlebt-Gefühl war so stark, dass die Mün­zen aus mei­ner Hand glit­ten und zu Boden fielen

Der Anblick der rei­ten­den Kin­der auf einem Karus­sell in einem Park unweit des Adi­ges rief end­lich mal kei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen her­vor (und so konn­te die­ses Bild ein­fach für sich sein)

Stol­per­stein in der Via Duo­mo 5 (mög­li­cher­wei­se der aller­ers­te, den ich in ganz Ita­li­en wahr­neh­me?): Qui abita­va Gil­da For­ti. Nata 1896. Arresta­ta 24.11.1944. Depor­ta­ta Ravens­brück. Assassinata

Ges­tern Abend, als ich oben auf dem San Pie­tro Hügel an einem Baum saß und zuschau­te, wie die Son­ne unter dem Hori­zont ver­schwand (herr­li­che Däm­me­rungs­far­ben am Him­mel, ein unbe­schreib­li­ches Inein­an­der­grei­fen und Zusam­men­schmel­zen von Rosa-Gelb-Oran­ge mit klei­nen Spu­ren von Tages­blau dazwi­schen, wäh­rend die Stadt unten schon bereits in einem Abend­dun­kel getaucht war), nahm ich zum ers­ten Mal im Leben an einer Ver­lo­bung teil, indem ich sah, wie der jun­ge Mann auf die Knie ging und die ent­schei­den­de Wor­te sag­te (ich konn­te sie nicht hören); wie die jun­ge Frau ihre Hän­de vor ihrer Brust hielt, etwas zöger­te und dann ant­wor­te (was ich eben­falls nicht hören konn­te); wie der Mann rasch auf­sprang, die Frau in den Armen nahm und sie (sehr) lan­ge küss­te und wir alle klat­schen in die Hän­de (aller­dings hat­te ich im Nach­hin­ein den Ein­druck, dass die­se Sze­ne zu kino­haft, zu insze­niert war, um echt zu sein)

Einer alten Gewohn­heit aus der Kind­heit fol­gend, neh­me ich vom Hotel­zim­mer Abschied, indem ich dem Raum zuwin­ke und lau­te sage: »Dan­ke für die Unterkunft!«

Als der Zug am Haupt­bahn­hof Padua hielt, wo ich letz­ten Novem­ber für ein paar Tage war, dach­te ich: »Schön war die Zeit dort, damals, das Herbst­licht und die vie­len Stun­den im Bota­ni­schen Gar­ten, so trau­rig und hoffnungsvoll«

Als ich meh­re­re Stun­den auf den Trep­pen des Vene­di­ger Bahn­hofs San­ta Lucia saß und auf den Zug nach Wien war­te­te, (bewölk­ter Him­mel in des­sen Grau die schrei­en­den See­mö­wen ihre Krei­se zogen), schoß mir ein Bild durch den Kopf von einem Kind, das sei­ne von sei­ner Mut­ter in Vene­dig gekauf­te See­manns­müt­ze von einer Gon­del in den Canal Gran­de wirft, und erst Tage spä­ter, als ich bereits zurück in Wien war, erin­ner­te mich, dass ich die­ses Kind war

Über­hör­tes Gespräch im Bord­re­stau­rant zwi­schen zwei Frem­den: »Und wo waren Sie?« »In Ita­li­en.« »Ja, aber wo genau?« »Oh, ein­fach hier und da.«

Rau­chen am Bahn­steig des Grenz­bahn­hofs Tar­vi­sio Bosco­ver­de: Die ver­ein­zel­ten, fast durch­sich­ti­gen Schnee­flo­cken an den Fens­tern des brum­men­den, war­ten­den Zuges vor­bei wehend; die gel­ben Wes­ten der schwei­gen­den Grenz­po­li­zis­ten in der Abend­däm­me­rung hin­ein­leuch­tend; das lang­sa­me Auf- und Abge­hen der ande­ren, eben­falls stum­men, Pas­sa­gie­re; der straff ste­hen­de Bahn­hofs­wär­ter, auf des­sen dun­kel­blau­er Uni­form eini­ge grö­ße­re Schnee­flo­cken kle­ben und der eine Ziga­ret­te in sei­ner lin­ken Hand her­um­dreht; der Hau­fen her­ren­lo­ser, der Näs­se aus­ge­setz­ten schwar­zen Kof­fer am Bahn­steig; der Ruf eines Vogels von irgend­wo aus dem ver­ne­bel­ten Fich­ten­wald jen­seits der Bahn­hofs, die Käl­te beim Ein­at­men in den Nasen­lö­chern; und alles von einem süßen, trau­ri­gen Win­ter­ge­fühl umhüllt, wie eine war­me Decke; ein selt­sa­mes Gefühl der Gebor­gen­heit, hier, an die­sem ereig­nis­lo­sen Zwi­schen-Ort (Abschied von Italien)

Wie­der zuhau­se, und alle Hosen- und Jacken­ta­schen sind voll mit zer­knit­ter­ten Rech­nun­gen (für Espres­sos, Ziga­ret­ten, Ein­tritts­kar­ten usw.), als ob sie die ein­zi­gen Din­ge sind, die von der Rei­se übrig blei­ben wer­den (11. April, kurz nach Mitternacht)