Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Taubenblicke XV

Sich im Schlaf auf die ande­re Sei­te dre­hen und dabei in einen ande­ren Traum hineinfallen

Im Café Wei­din­ger spielt der bebrill­te Kell­ner mit schul­ter­lan­gen Haa­ren allei­ne Bil­lard, das Zusam­men­sto­ßen der roten, gel­ben und wei­ßen Bäl­le klar hör­bar in der Nach­mit­tags­stil­le, und im Innen­hof flim­mern die Schat­ten der von den Insek­ten zer­fres­se­nen, grün­brau­nen Kas­ta­ni­en­blät­ter auf den Metalltischen

Das Sum­men der Kran­ken­schwes­ter, wäh­rend sie mein Blut abnimmt, die Melo­die wie eine Wie­ge, sodass ich für einen kur­zen Augen­blick einschlafe

Das Ver­gnü­gen beim Lau­schen der Gesprä­che von Grei­sin­nen im Gar­ten des Alters­heims, die aus den Sät­zen bestehen: „Mor­gen ist Fron­leich­nam“, „Schon wie­der ist es Som­mer“, „Als Kin­der wür­den wir …“, „Ah schau! Der Hund da“

Im Vor­bei­ge­hen an einem offe­nen Fens­ter hören, wie eine Frau­en­stim­me das Wort „Nach­mit­tags­schlaf“ sagt, und gleich ent­ste­hen Bil­der von hei­ßen, trä­gen Som­mer­ta­gen, schat­ti­gen Schlaf­zim­mern, einer an einem Heiz­kör­per auf­ge­häng­te Bade­ho­se, feuch­ten Bett­la­ken, toten Flie­gen auf einem Fens­ter­brett, einem Kind, das müde in die Son­ne blickt

Am Haupt­platz in Wolfs­berg par­ken meh­re­re Men­schen gleich­zei­tig ihre Autos, doch ohne aus­zu­stei­gen; sie alle sit­zen am Lenk­rad und star­ren nach­denk­lich vor sich hin, als ob sie ver­su­chen, sich an den Traum der vori­gen Nacht zu erinnern

Die SPAR-Kas­sie­re­rin, die mit der einen Hand die Ein­käu­fe über den Bar­code-Scan­ner schiebt und mit der ande­ren ein Eis isst; bei der Rück­ga­be des Wech­sel­gel­des steckt sie das gan­ze Eis in ihren Mund (Blei­burg, Kärnten)

Vor einem geschlos­se­nen Buch­la­den, des­sen Fens­ter ein schie­fes Schild mit „Zu Ver­mie­ten“ ziert, hän­gen wei­ße Bade­tü­cher zum Trock­nen, die in der ereig­nis­lo­sen Sonn­tags­ru­he vom Wind leicht hin und her wehen und dann sofort zum Ste­hen kom­men, als ein Zug am nahe­lie­gen­den Bahn­hof ein­fährt (Blei­burg, Kärnten)

Die Müdig­keit des Auto­bus­fah­rers, nach dem lan­gen Tag des Hin- und Zurück­fah­rens zwi­schen Kla­gen­furt und Graz, zeigt sich durch sein lang­sa­mes Kopf­sen­ken bei der Ankunft am Bahnhof

Eine Frau in einem blau­gel­ben Kleid sitzt im Scha­ni­gar­ten des Gra­zer Stadt­park-Cafés; ein Sta­pel Post­kar­ten neben ihr auf dem Tisch, die sie eine nach der ande­ren mit Adres­sen beschrif­tet und dann plötz­lich vom Wind fort­ge­bla­sen wer­den, an Baum­stäm­men haf­ten, auf Neben­ti­schen lan­den, in Regen­pfüt­zen fallen

Todes­angst in der Mit­ter­nachts­dun­kel­heit auf der Erz­her­zog-Johann-Brü­cke beim Anblick der brau­sen­den, abgrund-schwar­zen Mur, sodass selbst das Kunst­haus am Lend­kai mir wie ein Unge­heu­er erscheint, das auf den rich­ti­gen Moment war­tet, bis es sich auf mich stürzt

Obwohl ich in den letz­ten Wochen an ver­schie­de­nen Orten war und mit meh­re­ren Ver­kehrs­mit­teln lan­ge Stre­cken fuhr, kom­men mir vie­le Men­schen, die ich jetzt sehe, bekannt vor: der Mann, der auf den Post­bus am Wolfs­ber­ger Bus­bahn­hof war­te­te, saß mir ges­tern gegen­über im Zug von Wien-Meid­ling nach Kla­gen­furt und sah so aus, als wür­de er sich beim Bli­cken auf die vor­bei­zie­hen­de Land­schaft in Gedan­ken­aus­flü­gen ver­lie­ren; die jun­ge Frau, die in Graz am Ufer der Mur saß und eine Was­ser­me­lo­ne aß, stand letz­te Woche für eine län­ge­re Zeit neben mir vor dem Gemäl­de eines wel­li­gen, blau­grau­en Mee­res unter einem stark bewölk­ten Him­mel in der Stutt­gar­ter Staats­ga­le­rie und fuhr sich immer wie­der mit der Hand durch ihre Haa­re; die alte Buch­händ­le­rin in der Gra­zer Alt­stadt mit einem gro­ßen Pickel auf der Nasen­spit­ze war vor zwei Wochen die Schaff­ne­rin im Zug nach Inns­bruck; das Kind, das wäh­rend der gesam­ten Zug­fahrt zwi­schen Salz­burg und Mün­chen den Gang lachend auf und ab lief, ist das­sel­be, das den Ruf eines Kuckucks im Gmun­de­ner Tos­ca­na­park nach­ahm­te; und zurück in Wien stand in der Schlan­ge auf dem Post­amt die Post­kar­ten­schrei­be­rin von vor zwei Tagen aus dem Gra­zer Stadt­park vor mir