Sich im Schlaf auf die andere Seite drehen und dabei in einen anderen Traum hineinfallen
Im Café Weidinger spielt der bebrillte Kellner mit schulterlangen Haaren alleine Billard, das Zusammenstoßen der roten, gelben und weißen Bälle klar hörbar in der Nachmittagsstille, und im Innenhof flimmern die Schatten der von den Insekten zerfressenen, grünbraunen Kastanienblätter auf den Metalltischen
Das Summen der Krankenschwester, während sie mein Blut abnimmt, die Melodie wie eine Wiege, sodass ich für einen kurzen Augenblick einschlafe
Das Vergnügen beim Lauschen der Gespräche von Greisinnen im Garten des Altersheims, die aus den Sätzen bestehen: „Morgen ist Fronleichnam“, „Schon wieder ist es Sommer“, „Als Kinder würden wir …“, „Ah schau! Der Hund da“
Im Vorbeigehen an einem offenen Fenster hören, wie eine Frauenstimme das Wort „Nachmittagsschlaf“ sagt, und gleich entstehen Bilder von heißen, trägen Sommertagen, schattigen Schlafzimmern, einer an einem Heizkörper aufgehängte Badehose, feuchten Bettlaken, toten Fliegen auf einem Fensterbrett, einem Kind, das müde in die Sonne blickt
Am Hauptplatz in Wolfsberg parken mehrere Menschen gleichzeitig ihre Autos, doch ohne auszusteigen; sie alle sitzen am Lenkrad und starren nachdenklich vor sich hin, als ob sie versuchen, sich an den Traum der vorigen Nacht zu erinnern
Die SPAR-Kassiererin, die mit der einen Hand die Einkäufe über den Barcode-Scanner schiebt und mit der anderen ein Eis isst; bei der Rückgabe des Wechselgeldes steckt sie das ganze Eis in ihren Mund (Bleiburg, Kärnten)
Vor einem geschlossenen Buchladen, dessen Fenster ein schiefes Schild mit „Zu Vermieten“ ziert, hängen weiße Badetücher zum Trocknen, die in der ereignislosen Sonntagsruhe vom Wind leicht hin und her wehen und dann sofort zum Stehen kommen, als ein Zug am naheliegenden Bahnhof einfährt (Bleiburg, Kärnten)
Die Müdigkeit des Autobusfahrers, nach dem langen Tag des Hin- und Zurückfahrens zwischen Klagenfurt und Graz, zeigt sich durch sein langsames Kopfsenken bei der Ankunft am Bahnhof
Eine Frau in einem blaugelben Kleid sitzt im Schanigarten des Grazer Stadtpark-Cafés; ein Stapel Postkarten neben ihr auf dem Tisch, die sie eine nach der anderen mit Adressen beschriftet und dann plötzlich vom Wind fortgeblasen werden, an Baumstämmen haften, auf Nebentischen landen, in Regenpfützen fallen
Todesangst in der Mitternachtsdunkelheit auf der Erzherzog-Johann-Brücke beim Anblick der brausenden, abgrund-schwarzen Mur, sodass selbst das Kunsthaus am Lendkai mir wie ein Ungeheuer erscheint, das auf den richtigen Moment wartet, bis es sich auf mich stürzt
Obwohl ich in den letzten Wochen an verschiedenen Orten war und mit mehreren Verkehrsmitteln lange Strecken fuhr, kommen mir viele Menschen, die ich jetzt sehe, bekannt vor: der Mann, der auf den Postbus am Wolfsberger Busbahnhof wartete, saß mir gestern gegenüber im Zug von Wien-Meidling nach Klagenfurt und sah so aus, als würde er sich beim Blicken auf die vorbeiziehende Landschaft in Gedankenausflügen verlieren; die junge Frau, die in Graz am Ufer der Mur saß und eine Wassermelone aß, stand letzte Woche für eine längere Zeit neben mir vor dem Gemälde eines welligen, blaugrauen Meeres unter einem stark bewölkten Himmel in der Stuttgarter Staatsgalerie und fuhr sich immer wieder mit der Hand durch ihre Haare; die alte Buchhändlerin in der Grazer Altstadt mit einem großen Pickel auf der Nasenspitze war vor zwei Wochen die Schaffnerin im Zug nach Innsbruck; das Kind, das während der gesamten Zugfahrt zwischen Salzburg und München den Gang lachend auf und ab lief, ist dasselbe, das den Ruf eines Kuckucks im Gmundener Toscanapark nachahmte; und zurück in Wien stand in der Schlange auf dem Postamt die Postkartenschreiberin von vor zwei Tagen aus dem Grazer Stadtpark vor mir

