Text: Urs Kamber

Der Regen jagt die Leu­te vor dem alten Frank­fur­ter Uni­cam­pus davon oder in die Pupil­le und speist die gro­ßen Pfüt­zen, die sich allent­hal­ben zei­gen. Der zwei­te und letz­te Teil des Pro­gramms der Fil­me Uta­ko Koguchis beginnt, erst mit einem kur­zen und auf­re­gen­den Film, dem ich nicht fol­gen kann, und dann mit dem zwei­ten Teil der Ode­ka­ke Diaries.

Wie der Titel erwar­ten lässt, glei­tet der Film durch Sze­nen des All­täg­li­chen in loser Ver­knüp­fung. Er beginnt mit einem Zahn­arzt­be­such in stren­gem Licht und der spür­ba­ren Anstren­gung, die zum Zie­hen eines Zahns nötig ist. Im blu­tig klaf­fen­den Mund wird eine Span­ge ein­ge­setzt, indem die Dräh­te an den ein­zel­nen Zäh­nen fest­ge­zurrt wer­den. Das Mäd­chen starrt mit offe­nem Mund in den Raum, wäh­rend die digi­ta­le Zeit­an­ga­be am unte­ren Bild­rand nur müh­sam vorankommt.

Auf ein­mal ande­res: eine Frau in roter Jacke steht auf der Stra­ße. Auf Tata­mi­mat­ten ver­teilt lie­gen Kaker­la­ken rück­lings. Brau­se löst sich im Bade­was­ser auf. Die Kame­ra bewegt sich lang­sam durch ein unauf­ge­räum­tes Fern­seh­zim­mer. Eine Hand greift nach der am Haken hän­gen­den roten Jacke der unbe­kann­ten Frau.

Ab hier beginnt ein Streif­zug durch die nächt­li­che Stadt. Zunächst sind Bil­der einer behelfs­mä­ßig abge­sperr­ten Bra­che zu sehen. Dar­auf­hin Men­schen in einem unter­grün­di­gen Bahn­hof. Sie leh­nen an den Wän­den und Pfei­lern oder sit­zen auf den wei­ßen Kacheln am Boden. Sie bewe­gen sich kaum, bei­nah in einem ande­ren Zeit­re­gime, und seh­nen reg­los die Ankunft ihrer Züge mit dem Tages­an­bruch herbei.

In einem Bahn­wag­gon, durch den die Kame­ra eilt, drängt sich unver­se­hens eine Erin­ne­rung auf. Der Film schnei­det auf von war­men Far­ben gesät­tig­te Bil­der. Sie bezeu­gen einen aus­ge­las­se­nen Nach­mit­tag mit einem ver­trau­ten, lächeln­den Mann im Trei­ben der Stadt, inmit­ten des gro­ßen Andrangs um einen Tem­pel, in dem ein ste­tes Feu­er brennt.

Die Nacht kehrt zurück und die Kame­ra irrt allei­ne durch die Gas­sen der Wohn­quar­tie­re. Sie öff­net ein ent­rie­gel­tes Tor, betritt den Innen­hof, hält eine lan­ge Sekun­de inne und ver­lässt ihn wie­der. Wie eine Mot­te vom Hel­len ange­zo­gen, ver­harrt die Kame­ra an beleuch­te­ten Inseln am Stra­ßen­rand, wun­dert sich über die ange­las­se­nen Lich­ter in den Fens­tern, und glei­tet unter glit­zern­den Schmet­ter­lings­de­ko­ra­tio­nen an den ewig brum­men­den Geträn­ke­au­to­ma­ten ent­lang. Mit dem Rhyth­mus einer Ampel leuch­tet eine Taschen­lam­pe die Stra­ßen­ecken auf und wie­der ab. Eine miss­mu­ti­ge Kat­ze lässt sich kurz betrach­ten und streicheln.

Schließ­lich gelangt der Film an eine ver­schlos­se­ne Tür, hin­ter der der ver­trau­te Mann lesend gewar­tet hat. Die Kame­ra ver­birgt sich im Schrank, wäh­rend eine Frau den Raum betritt und den Mann begrüßt. Nun beob­ach­tet sie die bei­den in ihrer Zwei­sam­keit, bis sie unter der Bett­de­cke ver­schwin­den. Da kommt die Kame­ra aus ihrem Ver­steck, und tritt beim Über­stei­gen der bei­den immer wie­der mit einer hilf­lo­ser Rache auf den Knö­chel sei­nes blo­ßen Fußes, bis die­ser von einer Hand ergrif­fen und unter die Decke gezo­gen wird.

Wie­der drau­ßen ist die Stadt noch abwei­sen­der als zuvor. Wir kom­men an Git­tern, Toren, Zäu­nen vor­bei, die uns beschüt­zen vor Schutt und platt getre­te­nen Grä­sern. Der Mor­gen däm­mert, als wir an einem aus dem ers­ten Teil bekann­ten Haus lan­den und nach der Mut­ter rufen.

Sie lässt eine letz­te Erin­ne­rung wach wer­den: die Enke­lin, in fest­li­chem Kimo­no, filmt Mut­ter und Groß­mutter. Die Mut­ter beglei­tet letz­te­re auf dem Weg vor dem Haus davon. Dann nimmt sie der Toch­ter die Kame­ra ab und filmt wie­der­um die­se. Sie ent­fernt sich, wobei sie sich mehr­mals umdreht und empha­tisch oder iro­nisch verneigt.

Ver­schie­dent­lich drän­gen sich mir Asso­zia­tio­nen auf. Die Groß­mutter, die am Ende kurz auf­taucht, mag die­sel­be aus dem zwei Tage zuvor gezeig­ten Kurz­film The Slee­ping Flower/​眠る花 sein, in dem die Kame­ra ganz lang­sam an der Tex­tur ihrer Haut ent­lang­fährt, und ihren Kopf im Schlaf von schwan­ken­den Spie­geln ver­viel­fäl­tigt oder von Blu­men­mee­ren umkränzt zeigt. Ich den­ke an so vie­le ande­re Groß­müt­ter in ande­ren Tage­buch­fil­men, ich den­ke an Bil­der und Erin­ne­run­gen von Stun­den in dunk­len Stra­ßen, an die Ein­sam­keit inmit­ten tau­sen­der Men­schen, an die Erschöp­fung auf dem Heim­weg einer lan­gen Nacht.

Ich den­ke auch an die Fas­zi­na­ti­on für die Figur der Drift­e­rin, die in Japan wahr­schein­lich beson­ders aus­ge­prägt ist, wo der Ein­druck erdrü­cken­der gesell­schaft­li­cher Nor­men die Ziel­lo­sig­keit erseh­nen las­sen könn­te. Zum Bei­spiel im ers­ten Teil (Ode­ka­ke Diary/​おでかけ日記), für den die Regis­seu­rin ihre Freun­de anheu­er­te, um ihr mit der Kame­ra zu fol­gen, wie sie durch die Stra­ßen streu­nert. Dort schwimmt sie in urba­nen Wei­hern, bleibt auf Geh­stei­gen und in Sei­ten­gas­sen lie­gen und wird immer wie­der von Pas­san­ten zurecht­ge­wie­sen oder nase­rümp­fend begut­ach­tet. Auf einem Berg, zu dem es sie uner­klär­lich hin­zieht, bringt eine mys­ti­sche Erfah­rung sie dazu, sich wie Ophe­lia in einen Fluss zu stür­zen, – was ich, der immer wie­der kurz ein­ge­nickt ist, erst spä­ter nachlese.

Die Tage­buch­form lie­fert die Aus­re­de für eine Erzähl­wei­se, die unver­bun­den vor­geht. Aber der Ein­druck des rein per­sön­li­chen Doku­ments weicht bald einem nar­ra­ti­ven Selbst­lauf. Was im ers­ten Teil als Preis­ga­be der Will­kür im öffent­li­chen Raum begann, sucht im zwei­ten Teil die Gebor­gen­heit in den zurück­ge­las­se­nen Men­schen. Eine noch nicht inkar­nier­te See­le, unbe­ach­tet von den Arbei­tern und Streif­gän­gern der Nacht, zieht ruhe­los umher. Sie sucht die Gefähr­ten zu Leb­zei­ten heim, sie durch­streift die von Men­schen ver­las­se­nen Orte, wo der Tru­bel des Tages und der Ver­gan­gen­heit noch spür­bar sind, und wo das Aus­kos­ten der Anony­mi­tät einen mut­ter­see­len­al­lein zurücklässt.

Wenn sie am Ende auf­ge­löst vor dem Haus ihrer Mut­ter auf­taucht, und eine vom Fern­se­her abge­film­te Auf­nah­me die drei Frau­en­ge­nera­tio­nen wie­der zusam­men­ge­führt sind, wirkt die Ver­söh­nung bei­nah kit­schig. Aber gera­de weil sie nur im Video mög­lich war, bleibt sie gezeich­net von der Gewiss­heit, dass all das unwie­der­bring­lich ver­gan­gen ist. Geblie­ben sind nur die­se Fil­me, die form­los begin­nen, und die im wei­te­ren Ver­lauf die­sen Ver­such unter­neh­men, das eige­ne Leben fil­misch zu verstehen.