Den Abend mit nur einem Film zu verbringen, ist Verrat am Kino, dem so gern besungener Ort der Begegnung. Zwei Filme sollten es mindestens sein, denn anders kann man den einzelnen kaum verstehen. So trafen sich kürzlich Béla Tarrs Kárhozat und Sohrab Shahid Saless’ طبیعتبیجان (Tabiate bijan) im Frankfurter DFF. Beides Filme, in denen der Alltag stillgestellt wird. Er spielt sich in permanenten Wiederholungen ab, die an die existenzielle Last der äußeren Bedingungen geknüpft ist. Ein Widerspruch entsteht zwischen der aufgehobenen Sinnhaftigkeit des Tuns und der vergeblichen Hoffnung durchs Weitermachen den Sinn erneut aufzuspüren. Die Atmosphäre ist einzeln nur unzulänglich zu beschreiben, denn es könnte sowohl eine bleierne Schwere wie ein atemberaubendes Vakuum sein. Dabei wollen sich die Menschen in den Filmen weniger auf der Stelle bewegen, als es die Haltung der Filme selbst zulässt.
In Kárhozat dreht sich ein Lastenzug, der geförderte Kohle aus einem Tagebau transportiert, unaufhörlich von Beginn des Films bis zum Ende. Vom jedem Fenster aus sichtbar, ziehen sich die unzählbaren Masten bis an den Horizont, wo vermutlich die Abbruchkante liegt. Zu Gesicht bekommt man sie nie. Tarrs dogmatischer Blick spiegelt sich darin, so wie sich die Polonaise in der Dorfkneipe darin fortsetzt. Mit horizontalen Bewegungen schiebt er Karrer, den arbeitslosen Dichter, ins Bild. Er schlägt einen Schmuggelauftrag aus, weil er den Ort nicht verlassen kann und stattdessen lieber das Unzählbare zählt. Zudem sucht Karrer seine alte, erkaltete Liebe wieder auf, die in Tarrs Bildern aber auch nur noch an stumpfen Wiederholungen derselben kaum-körperlich-sexuellen Regungen zu haften scheint. Hier driftet die Kamera ebenso langsam nach links ab, wie sie den ermatteten Helden zuvor gefunden hat. Es bleibt wohl das Einzige, das Abdriften, was sich unveränderlichen Zuständen entgegensetzen lässt. Man endet am Rand. Die ältere Frau von der Garderobe, Karrers Orakel, weiß Bescheid.
Gar nicht Bescheid weiß der alte Bahnarbeiter, Mohamad Sardari, beschäftigt an einem ländlichen Schienenübergang, in Tabiate bijan. Sein Leben verlief bislang in monotonen, aber geregelten Geleisen, bis er in den Ruhestand versetzt wird und damit seine Existenzgrundlage für sich und seine Frau verliert. Auch hier gibt es eine gewisse Verdopplung mit der gleichförmigen Arbeit seiner Teppich knüpfenden Frau, wodurch die Wiederholungen physisch-filmisch beglaubigt wird. Aber anders als bei Tarr verläuft dieser Film jedoch nicht ringförmig, vielmehr ist es nämlich die Auflösung des Kreislaufs. Die Schranken, die er betätigte, liegen nun in den Händen eines jüngeren Kollegen. Da sein Protest bei seinem Vorgesetzten erfolglos bleibt, muss er seine Bleibe mit ungewissem Ausgang verlassen. Und so selten wie man hier Züge sieht, bleibt auch die Kamera unbewegt. Das Stillleben wird durch den Blick aufgezwungen – es dezentriert die Perspektive. Eingebettet in eine triste Landschaft, lässt Saless die zeitliche Veränderung den Farben weichen. Das abblätternde Blau der winzigen Wohnung, das Rostgelb der Draisine oder die schillernden, roten Werbeschriftzüge im städtischen Café. Alles, nur auch hier keine Versprechen auf die Zukunft.
Obwohl die Nähe der beiden Filme ihre Ähnlichkeit beansprucht, wirkt es nicht als würden sie parallel, sondern eher einander entgegenlaufen. Man könnte eine Verdopplung der Monotonie vermuten, in der alles noch übrige Eigensinnige endgültig verschwindet – eine Auflösung im Gleichklang. Genauso drängt aber die Kreuzung darauf, davon abzusehen und vom Sinnfälligen gleich ganz abzudriften. So begegnen sich dort, wo direkt vor der Frankfurter Untermainbrücke Schaumainkai auf Schweizerstraße trifft, nach einem Arbeitstag unzählige Menschen, die auf dem Heimweg aber letztlich am Kino vorübergehen. Im oft leeren Saal fragt man sich, ob sie nicht etwas verpassen. Tritt man wieder hinaus, wirkt dieselbe Kreuzung wie leer gefegt, als würde sie gar nicht existieren, sodass man an der für notwendig gehaltenen Begegnung zweier Filme plötzlich zweifeln muss. Auch das womöglich eine aufgezwungene Haltung des Sehens, die sich eher mit dem Gesehenen kreuzt, als sie sich darauf wirklich übertragen lässt. Sie sind sich begegnet, ohne sich gesehen zu haben. Kein Stillstand also. Beide Filme lassen sich übrigens noch einmal sehen. Nur nicht mehr gemeinsam. Ein Unfall?

