Schilderungen aus Frankfurt: Jean Eustache im Deutschen Filmmuseum

Als der viel­leicht drei­zehn­jäh­ri­ge Dani­el in Jean Eusta­ches Mes peti­tes amou­reu­ses sein idyl­li­sches Dorf ver­lässt, zieht es ihn zuerst an den städ­ti­schen Fluss, dann ins Kino und zuletzt auf den Bou­le­vard. Mit einer früh­rei­fen Por­ti­on Unver­ständ­nis bleibt das Fla­nie­ren auf der immer­sel­ben Stel­le für ihn unbe­greif­lich. Wer dort geht, kann nur ein Idi­ot sein und außer­dem ist es nur jenen gestat­tet, die sich den Besuch eines Lycées leis­ten kön­nen. Das Milieu der ölver­schmier­ten Mecha­ni­ker bleibt auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Flus­ses, von wo aus die Kame­ra das hori­zon­ta­le Trei­ben betrach­tet. Die Ver­ti­ka­li­tät des gesell­schaft­li­chen Neben­ein­an­ders bleibt in den Köp­fen derer, die dem Fluss den Rücken zuwen­den. Im Kino stürzt ein Sport­wa­gen über eine Klip­pe ins Meer. Nicht Nicho­las Rays Rebel wit­hout a cau­se, son­dern Albert Lewins Pan­do­ra. Kein früh­zei­ti­ger Tod, aber lei­den­schaft­li­che Küs­se zwi­schen Ava Gard­ner und James Mason. Par­al­lel dazu heim­li­che Küs­se im Halb­dun­kel über zwei Sitz­rei­hen. Im Deut­schen Film­mu­se­um geht ein lei­ses Kichern aus den hin­te­ren Rei­hen her­vor, um die unheim­li­che Stil­le zu über­tö­nen. Eusta­ches Kino­be­trach­tung ist eher die eines Vier­zig­jäh­ri­gen als eines Kin­des. Kind­heit heißt hier Abschied neh­men und Über­gang, vor­zei­ti­ge wie anhal­ten­de Jugend, ohne plan­ba­re Ankunft, viel­mehr den äuße­ren Bedin­gun­gen aus­ge­setzt sein, nur mit dem Unter­schied, sich durch­set­zen zu müs­sen. Die­se Kind­heit ist aber auch eine, die uni­ver­sell und all­ge­gen­wär­tig erscheint, deren Rah­mung für sich jedoch stän­dig im Wan­del begrif­fen ist. Das lehrt die Geschich­te der Kind­heit. Eusta­che ach­tet aber wie ein Dich­ter dar­auf, sein auto­bio­gra­fi­sches Mate­ri­al nicht bloß­zu­le­gen, sodass man auf die Idee kom­men könn­te, sich mit dem Autor zu ver­wech­seln. Oder Eusta­che mit Rim­baud, von dem er sich den Titel leiht.

Zeit­lich noch vor die­ser idyl­lisch gezeich­ne­ten Hom­mage gedreht, inter­es­siert sich Eusta­che in La Maman et la Putain hin­ge­gen für das, was nach dem Wan­del kommt. Also für die Zeit nach dem kur­zen rebel­li­schen Auf­bäu­men, in dem sich die gesell­schaft­li­che Ord­nung zwi­schen jenen links und rechts des Flus­ses auf­he­ben soll­te. Sym­bol des Über­dau­erns sind pein­li­che Poe­ten mit dem Gesicht von Jean-Pierre Leaud, des­sen Extra­va­ganz erst zum Lachen ist, aber sich all­mäh­lich als viel all­ge­mei­ne­re Ver­lo­ren­heit ent­hüllt. So viel ist bekannt, über den Film, am Abgrund des Kults: Beob­ach­tun­gen und Sät­ze, die Köp­fe auf der Suche nach Ori­en­tie­rung nicken las­sen. Weni­ger klar ist die lang­sa­me Ver­schie­bung des Films, weg von Alex­and­re und sei­nen Wort­spie­len, hin zu Véro­ni­ka, die von Fran­çoi­se Lebrun gespiel­te Kran­ken­schwes­ter, und ihrem stil­len, trun­ke­nen Auf­stand. Erst ganz am Ende, als ihr zum Kot­zen ist, bewegt sich die Kame­ra wie­der und zwar in einem ein­zi­gen lang­sa­men Schwenk zurück zu Alex­and­re. Von Scham, Wür­de oder einem Fin­ger­zeig kann kei­ne Rede sein. Viel­mehr kommt ver­blüf­fen­der­wei­se end­lich Sprach­lo­sig­keit zum Aus­druck, in einem Film der vor lau­ter Wor­te fast platzt. Noch vol­ler ist er nur mit Kino – Jean Dou­ch­et und Jean-Clau­de Biet­te hocken in den Ecken der unzäh­li­gen Café­sze­nen. Wäh­rend­des­sen ist das Kino, in dem er lief, nahe­zu leer, zumin­dest ist das Lachen lei­ser als am Tag davor. Nun eher ein Gluck­sen. Davor lief Wim Wen­ders Room 666, eine erstaun­li­che Kom­bi­na­ti­on. Manch­mal wun­dert man sich nicht nur, wie vier Stun­den ver­ge­hen, son­dern auch, wie wenig man von Men­schen im Kino um sich her­um mit­be­kommt. So gese­hen, schei­nen Eusta­ches Fil­me mit Frank­furt so wenig zu tun zu haben, wie Kino mit Fern­se­hen, doch das könn­te ein Irr­tum sein. Rote Sitz­be­zü­ge laden mehr zum Ver­schwin­den ein als Schwar­ze, das Wie­ner Ban­kett. Kaum zu glau­ben. Viel­leicht müs­sen sei­ne Fil­me aber auch gene­rell mit nichts und nie­man­den mehr irgend­et­was zu tun haben. Ein tröst­li­cher Gedan­ke, wahr­schein­lich ein kindlicher.

Eusta­che, des­sen Fil­me hier von Grand­film auf die Lein­wand gebracht wur­den, sind wohl weder ver­ges­sen noch wie­der­ent­deckt wor­den. Den­noch kommt eine Retro­spek­ti­ve sel­ten ohne sol­che Attri­bu­te aus und macht sich somit von allein ver­däch­tig, erst recht, solang die Fra­ge nach dem War­um offen bleibt. Die­se könn­te man auch an Grand­films Neu­auf­la­ge von Bar­ba­ra Lodens Wan­da stel­len. Als gelern­ter Cine­phi­ler beant­wor­tet Eusta­che die­se Fra­ge aller­dings lie­ber von selbst, was man in einem dün­nen Heft des Wie­ner Film­mu­se­ums nach­le­sen kann, wo sich sei­ne Fil­me bezeich­nen­der­wei­se eher sel­ten sehen las­sen. Wahr­schein­lich, weil die Kopie gera­de nach Frank­furt und den Rest der Welt reist:

»Vom Publi­kum auf dem lin­ken Sei­ne-Ufer behaup­tet man, es sei so anspruchs­voll. Dabei ist es gera­de das­je­ni­ge, das – es gibt nichts ähn­li­ches in Frank­reich – am meis­ten von den Medi­en abge­rich­tet ist. Wür­de man hun­dert bil­li­ge Berufs­sän­ger ver­sam­meln, wären sie weni­ger ihrer Zeit zurück. Um die­ses Publi­kum ken­nen­zu­ler­nen, muß man oft in die Ciné­ma­t­hè­que gehen: dort lachen die Leu­te über die Fil­me von Mur­nau. Wenn etwas groß oder gene­rös ist, fin­den sie es zum Lachen. Und auf die­se Leu­te ist der ›gute Film‹ – der ohne­hin das Ego­is­ti­sche und Ser­vils­te ist, was es in der Film­welt Frank­reichs gibt – ange­wie­sen. So fürch­ten sie sich vor der Grö­ße, vor dem Groß­mut, vor Gefüh­len, die der ame­ri­ka­ni­sche Film nicht scheu­en muß­te. Und eben die­ses Publi­kum fällt auf alles her­ein, was an der Kunst äußer­lich oder kul­tur­voll ist. Genau genom­men ist es das Gegen­teil von anspruchs­voll.«
— Jean Eusta­che im Gespräch mit Jean Collet