The Water Magician von Kenji Mizoguchi

Benshi erzählt: Eine Reise in ein fremdes Land, eine Reise in die Vergangenheit

Als lei­den­schaft­li­cher Kino­gän­ger fin­det man mit­un­ter nicht nur Gefal­len an bestimm­ten Fil­men, die ent­we­der durch ihre Form oder ihren Inhalt her­vor­ste­chen, son­dern auch an bestimm­ten Vor­füh­rungs­si­tua­tio­nen, man könn­te auch sagen an Kom­po­nen­ten des media­len Umfelds, die einen Kino­be­such beglei­ten. Auch aus die­sem Grund ist das Film­mu­se­um der Hei­li­ge Hain der Wie­ner Cine­phi­lie; Per­fek­ti­on in Sachen Vor­füh­rung wird dort durch die (bei­spiel­haf­te) Loya­li­tät des Publi­kums vergütet.

Im fol­gen­den Text geht es aber (zur Abwechs­lung) nicht um das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um, son­dern um das Metro Kino­kul­tur­haus, die Spiel­stät­te des Film­ar­chiv Aus­tria. Das mag ange­sichts der obi­gen Ein­lei­tung selt­sam erschei­nen, zeich­net sich das Metro seit sei­ner Wie­der­eröff­nung im Herbst die­ses Jah­res doch gera­de durch Pro­jek­ti­ons­be­din­gun­gen aus, die einer Cine­ma­thek unwür­dig sind. Grau­si­ge Erfah­run­gen, wie das fahl­grü­ne Licht des Not­aus­gangs­lichts, denk­bar unglück­lich direkt neben der Lein­wand des Eric-Ple­s­kow-Saals plat­ziert, das Bres­sons Mou­ch­et­te trüb­te, wie­der­hol­ten sich glück­li­cher­wei­se nicht. An ande­rer Stel­le scheint den Lei­tern des Hau­ses die Über­win­dung der Kin­der­krank­hei­ten kein so gro­ßes Anlie­gen oder schlicht­weg egal zu sein. Zum Bei­spiel könn­te man mitt­ler­wei­le den Pro­jek­tio­nis­ten mit­tei­len erst dann mit der Pro­jek­ti­on zu star­ten, wenn der Vor­hang im His­to­ri­schen Saal gänz­lich zur Sei­te gefah­ren ist. Das ist zwar in den meis­ten Fäl­len irrele­vant und „eigent­lich eh egal“, aber einer sol­chen Insti­tu­ti­on ganz ein­fach nicht wür­dig. Nichts­des­to­min­der, hat die Sum­me der klei­nen Details, die „eigent­lich eh egal“ sind, schon zu einem gewis­sen Ant­ago­nis­mus gegen­über dem Haus geführt, des­sen Eröff­nung ich damals als Erwei­te­rung des Wie­ner Film­an­ge­bots sehr begrüßt hatte.

Historischer Saal des Metro Kinos

Als schwa­cher Geist mit inhal­tis­ti­schen Begier­den zieht es mich trotz­dem immer wie­der, an die­sen ver­dam­mens­wer­ten Ort (Nein, nicht wirk­lich ver­dam­mens­wert, aber mir gefällt der Pathos, den das Wort mit sich bringt). In der Regel zieht es mich dann zu den kano­ni­schen Klas­si­kern, als zu den gro­ßen Retro­spek­ti­ven, die der öster­rei­chi­schen Film­ge­schich­te gewid­met sind. Eines der Pro­gram­me, das im Moment, und nur noch die­se Woche, im Metro gezeigt wird, tran­szen­diert aber die Gren­zen von Film­ka­non und öster­rei­chi­scher Film­ge­schich­te: „Ben­shi erzählt – Japa­ni­sche Stumm­film­ta­ge“ nennt sich die­se Schau. Zu sehen sind frü­he Stumm­fil­me von unter ande­rem Yasu­ji­ro Ozu, Ken­ji Mizo­guchi und Mikio Naru­se, aber, um wie­der zum Ein­gangs­pa­ra­gra­fen zurück­zu­keh­ren, im Fal­le von „Ben­shi erzählt“ geht es nicht so sehr dar­um wel­che Fil­me gezeigt wer­den, son­dern die Art und Wei­se wie sie gezeigt wer­den, denn Benshis sind Japa­ni­sche Film­erzäh­ler, also Ange­hö­ri­ge jenes (aus­ge­stor­be­nen) Berufs­stan­des, die in der Früh­zeit des Kinos, die damals dra­ma­tur­gisch noch unaus­ge­reif­ten Fil­me durch ora­le Nar­ra­ti­on beglei­te­ten und erklär­ten. Wäh­rend die­se Kino­er­zäh­ler im west­li­chen Kul­tur­kreis schon in den 1910er Jah­ren prak­tisch ver­schwun­den waren, hiel­ten sie sich in Japan bis in die 30er Jah­re, was unter ande­rem dazu führ­te, dass dort erst Ende die­ses Jahr­zehnts der Ton­film reüs­sie­ren konn­te. In der Ein­füh­rung vor dem dienst­tä­gi­gen Film­pro­gramm, wird erwähnt, dass es eini­gen Benshis zu ver­dan­ken ist, das der gezeig­te Film, Die Was­ser­zau­be­rin von Ken­ji Mizo­guchi über­haupt die Jah­re und Jahr­zehn­te über­stan­den hat; die Über­lie­fe­rungs­ra­te japa­ni­scher Stumm­fil­me liegt bei nur drei Pro­zent (Nitro­film­la­ger und Erd­be­ben­re­gio­nen ver­tra­gen sich schlecht). Ichi­ro Katao­ka betritt in tra­di­tio­nel­ler japa­ni­scher Tracht die Büh­ne und nimmt auf der einen Sei­te der Lein­wand Stel­lung, auf der ande­ren hat bereits Ger­hard Gru­ber am Kla­vier Stel­lung bezo­gen. Zuerst erklingt bloß das Klim­pern der Kla­vier­tas­ten, bis die Erzäh­lung ein­setzt. Meis­ter Katao­ka spricht Japa­nisch, die Zwi­schen­ti­tel wer­den Eng­lisch unter­ti­telt, und obwohl man somit nur jene Pas­sa­gen ver­steht, in denen der Ben­shi die Dia­lo­ge der Zwi­schen­ti­tel nach­spricht, ist der Effekt ein ganz ande­rer. Ver­schie­de­ne Stimm­la­gen, emo­tio­na­le Auf­la­dun­gen und allein schon die stimm­li­che Prä­senz dyna­mi­sie­ren die Film­hand­lung unge­mein. Wie ein zwei­tes Instru­ment ergänzt die Stim­me des Erzäh­lers die Ton­ebe­ne. Das Kla­vier agiert sozu­sa­gen als Hin­ter­grund­mu­sik und die emo­tio­na­len Akzen­te wer­den durch den Spre­cher gesetzt.

Das Resul­tat ist also einer­seits wis­sen­schaft­lich-his­to­risch inter­es­sant, da es einen Ein­blick gibt, wie Auf­füh­rungs­si­tua­tio­nen im frü­hen Kino womög­lich von­stat­ten­gin­gen, ande­rer­seits bie­tet der Ben­shi schlicht und ein­fach eine tol­le Show, die man als sol­che wür­di­gen muss. Film als audio­vi­su­el­les Hör­buch in einer frem­den Spra­che, Kino um eine thea­tra­le Dimen­si­on erwei­tert, und das ist nicht im nega­ti­ven Sin­ne gemeint, ein Ein­blick in eine frem­de Kul­tur und eine viel­leicht weni­ger pure, aber dafür umso span­nen­de­re Filmerfahrung.

Kenji Mizoguchi am Set