Punk. Pea­ches ist zu Gast. Pro­gramm. Juli­an Ross, Film­ku­ra­tor beim Fes­ti­val in Rot­ter­dam, soll der zwei­te Mit­wir­ken­de bei einer Debat­te unter dem Stich­wort «Ausbruch/​Breakout» sein. Das Objekt der Debat­te: Arou­sed by Gym­no­pe­dies, ein Soft­por­no des alt­ehr­wür­di­gen japa­ni­schen Stu­di­os Nik­katsu, eine Hom­mage an die haus­ei­ge­nen Roman Por­no Fil­me der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­re. Die Woche der Kri­tik auf der Suche nach Kon­tro­ver­se? Ein radi­ka­ler Film für Pea­ches, eine radi­ka­le Pro­gram­mie­rung für Juli­an Ross, und die Hoff­nung auf eine Debat­te, die selbst ein­mal den Aus­bruch probt. Los geht’s.

Ein ziem­lich abge­wrack­ter Mann wacht voll ange­zo­gen auf und schleicht durch eine Jung­ge­sel­len­kü­che, aus dem Off fällt Musik ins Zim­mer, zieht ihn rüber in die weich­ge­zeich­ne­te David Hamil­ton-Welt des Blu­men­zim­mers neben­an. Aus dem Ankün­di­gungs­text weiß ich: der Mann ist ein altern­der Regis­seur auf Wan­de­rung durch die Trüm­mer sei­ner ver­gan­ge­nen Kar­rie­re. Und am Weges­rand nimmt er sich eine Frau nach der Ande­ren. Da sitzt dann auch eine jun­ge Frau im roten Kleid am spie­gel­glat­ten schwar­zen Kla­vier und tropft lang­sam und schwer Erik Saties titel­ge­ben­de Gym­no­pe­die I ins Gegen­licht. Die Far­ben sind saf­tig ins pas­tel­le­ne über­steu­ert und alle Blu­men ste­hen in vol­ler Blü­te. Ein paar Sekun­den Ima­gi­na­ti­on, dann – nach einem Gegen­schuss auf den Mann – ist die Frau ver­schwun­den, mit­samt dem Weich­zeich­ner und den über­dreh­ten Far­ben. Die blü­hen­de Ima­gi­na­ti­on ist ver­welkt, oder so. Das Zim­mer ist mit einem Mal kalt und ein­fach. Der kleb­ri­ge Kitsch trifft auf die spie­gel­glat­te Erfah­rung von künst­le­ri­scher Impo­tenz. Rutsch nicht aus, alter Mann.

Logi­scher­wei­se folgt die ers­te Sex­sze­ne sogleich, kei­ne Zeit ver­lie­ren, eine Sex­sze­ne alle 10 Minu­ten ist Vor­schrift. Gera­de erst mit lee­rem Blick am Fens­ter hin­ter dem nun lee­ren Kla­vier ange­kom­men, ist er auch schon gefan­gen vom Anblick der Frau an der Wäsche­lei­ne im Gar­ten neben­an, die Blick­kon­takt sucht, sich lang­sam ent­blößt und anfängt sich an einer Haus­ecke zu rei­ben. Nach kur­zem unbe­ein­druck­ten Zögern beginnt der Mann hin­term Fens­ter zu mas­tur­bie­ren; mehr pflicht­be­wusst als lust­voll. Ziem­lich pro­sa­isch das Gan­ze. Und genau wie mit dem künst­le­ri­schen, will es dann auch mit dem sexu­el­len Erguss nicht so ganz funk­tio­nie­ren. Der Mann packt wie­der ein und ver­lässt das Haus, die Frau schaut ihm mit unge­stillt lust­vol­lem Blick hin­ter­her. Es wird eine Woche vol­ler sexu­el­ler Erleb­nis­se, von­stei­gen­der Aggres­si­vi­tät und Ver­zweif­lung, folgen.

Aroused by Gymnopedies Still II

Nach die­ser Eröff­nung ist die Hoff­nung groß: dar­über soll­te man doch reden kön­nen. Zahl­lo­se Fra­gen sind weit offen: Was ist das Ver­hält­nis von künst­le­ri­scher Impo­tenz und sexu­el­ler Lust­lo­sig­keit bzw. sexu­el­lem Pflicht­be­wusst­sein? Sind die sexu­el­len Aben­teu­er ein Ver­such die Ver­gan­gen­heit oder eine ver­lo­re­ne Ima­gi­na­ti­ons­kraft zu reani­mie­ren? Wer­den die­se Ver­su­che tat­säch­lich von ihm initi­iert oder sich nur oppor­tu­nis­tisch ange­eig­net? Kön­nen sie erfolg­reich sein? Wer ist hier aktiv und wer pas­siv? Wer ver­führt wen und wie kon­sti­tu­ie­ren sich Macht­ver­hält­nis­se in den Sex­sze­nen? Gibt es Moment der Selbst­er­mäch­ti­gung bei den Frau­en? War­um ist er so unver­hoh­len und aus­nahms­los unat­trak­tiv und die Frau­en alle eben­so aus­nahms­los schön? Und was fin­den die alle an dem? Kann man das über­haupt psy­cho­lo­gi­sie­rend fas­sen oder muss man es als eine Mecha­nik ver­ste­hen, die der Film vor­aus­setzt? Gibt es so etwas wie Nähe zwi­schen den Figu­ren? Mit wem sym­pa­thi­siert der Film und wie urteilt er über sei­ne eige­nen Dar­stel­lungs­mo­di? Gibt es eine Distan­zie­rung von auf den ers­ten Blick miso­gy­nen Bild­ty­pen? Wie ist das Ver­hält­nis von empha­ti­schem Kitsch und nüch­ter­ner Sach­lich­keit? Und ent­steht dar­aus eine Komik? Sind das zum Ende des Films Ver­ge­wal­ti­gungs­sze­nen? Hin­ter­fragt der Film die­se Bil­der? All­ge­mei­ner: wie stellt der Film Sexua­li­tät dar? Und ist das pro­ble­ma­tisch oder viel­leicht doch subversiv?

Alles kon­tro­ver­se Fra­gen, deren Ant­wor­ten kei­nes­falls selbst­ver­ständ­lich sind, aber auch alles Fra­gen, die nach ihrer sehr durch­sich­ti­gen Kon­struk­ti­on in der ers­ten Sze­ne zuneh­mend aus der Ober­flä­che des Films ver­schwin­den und sich in tie­fe­ren Schich­ten ansie­deln, wo sie unter den belang­lo­sen und lang­wei­li­gen Not­wen­dig­kei­ten eines kom­mer­zi­el­len soft­por­no­gra­phi­schen Films begra­ben lie­gen. In einem mecha­ni­schen Trott führt der Film von Sex­sze­ne zu Sex­sze­ne, ohne die oben gestell­ten Fra­gen jemals expli­zit zu machen oder gar in einem Akt des Expe­ri­ments radi­kal umzu­wer­ten. Statt­des­sen: gleich­mä­ßi­ge Gedan­ken, betäu­ben­de Wie­der­ho­lung. Was für eine gro­ße Belang­lo­sig­keit, dach­te ich im und auch noch lan­ge nach dem Kino.

Aber viel­leicht, den­ke ich jetzt wäh­rend des Schrei­bens, liegt gera­de in die­ser repe­ti­ti­ven Struk­tur die radi­ka­le Dar­stel­lung einer Welt­erfah­rung, in der nicht mal mehr das sexu­el­le Aben­teu­er – sonst oft Sinn­bild eines trans­gres­si­ven Erle­bens – eine Zustands­ver­än­de­rung her­bei­füh­ren kann, so sehr man sich auch bemüht. Sex wäre für den Prot­ago­nis­ten dann nicht mit Lust­ge­winn, Befrie­di­gung oder gar Tran­szen­denz ver­knüpft, son­dern mit har­ter, wil­lent­li­cher Anstren­gung die in Gewalt endet. Im Ende, in dem die Ver­gan­gen­heit – die im Koma lie­gen­de Ehe­frau – zuerst durch beson­ders gewalt­sa­men Sex mit der behan­deln­den Kran­ken­schwes­ter reani­miert wird, um kurz dar­auf doch zu ster­ben, wür­de dann der gan­ze Zynis­mus des Films offen­bar. Der fil­mi­sche ‹Aus­bruch› wür­de gera­de dar­in lie­gen, ein abso­lut unüber­wind­ba­res aus­ge­schlos­sen sein von ande­ren Men­schen und der eige­nen Ver­gan­gen­heit zu insze­nie­ren … Vielleicht.

Den Zuhö­rern sol­che Les­ar­ten zu ermög­li­chen, um sie dann gemein­sam dis­ku­tie­ren und kri­tisch befra­gen zu kön­nen, soll­te die Auf­ga­be einer Film­de­bat­te sein. Nach Arou­sed by Gym­no­pe­dies, der sei­ne inter­es­san­ten und mög­li­cher­wei­se radi­ka­len Fra­gen sicher hin­ter den Belang­lo­sig­kei­ten einer Soft­por­no-Hom­mage ver­steckt hält, wäre die­se Sicht­bar­ma­chung durch eine gute Debat­te beson­ders wich­tig gewe­sen. Umso ent­täu­schen­der, dass Den­nis Vet­ter und Juli­an Ross, statt die wich­ti­gen Fra­gen zu stel­len, dem Film durch die exten­si­ve his­to­ri­sche Ein­ord­nung der Hom­mage in eine längst ver­gan­ge­ne Zeit des japa­ni­schen Kinos noch das Letz­te an Dring­lich­keit neh­men, wäh­rend Pea­ches, nicht beson­ders ela­bo­riert, ver­sucht die Sex­dar­stel­lung des Films auf das ein­fa­che Stich­wort «Ver­ge­wal­ti­gung» her­un­ter zu bre­chen und so direkt mal eine hohe mora­li­sche Mau­er auf­türmt vor dem gelob­ten Land der offe­nen Dis­kus­si­on. Wenn man sich eine Pun­ke­rin ein­lädt und über ‹Aus­bruch› reden will, dann muss man an so einer Stel­le inter­ve­nie­ren und eine Gegen­the­se ver­tre­ten, sonst nimmt man den pro­gram­mier­ten Film nicht ernst und ver­bannt ihn wie­der zurück in eben jene Belang­lo­sig­keit aus der man ihn geholt hat um ein pun­ki­ges Pro­gramm zu machen. Da muss man auch mal das Risi­ko ein­ge­hen, die eine oder ande­re vor den Kopf zu sto­ßen, und sei sie auch ein Gast. Kri­ti­sche Gesprä­che ent­ste­hen nicht, wo alle der Betei­lig­ten im Sicher­heits­mo­dus blei­ben. Wenn es nur dar­um gin­ge nichts Fal­sches zu sagen, dann wür­de viel­leicht nie etwas Rich­ti­ges gesagt.