WdK Tag 7: «Überschwang/​Exuberance» – Beauty without Pain? Planetarium von Rebecca Zlotowski + Fuddy Duddy von Siegfried A. Fruhauf

«Beau­ty wit­hout pain». Der deut­sche Fil­me­ma­cher Phil­ip Grö­ning gibt wäh­rend der letz­ten Dis­kus­si­on der dies­jäh­ri­gen Woche der Kri­tik eine Mini­mal­de­fi­ni­ti­on von Kitsch um sein Erleb­nis der ers­ten 15 Minu­ten von Pla­ne­ta­ri­um zu beschrei­ben. Er habe sich im fal­schen Film gewähnt, so leer sei die­se Schön­heit. Der Film bedie­ne da anfangs eine Retro-Ästhe­tik in vol­len, war­men Far­ben, die sich irgend­wann im Lau­fe der letz­ten Jah­re durch die unre­flek­tier­te Über­nah­me von einem peri­od Film zum immer nächs­ten als ver­meint­lich prä­zi­se Dar­stel­lung der ers­ten Hälf­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts eta­bliert habe.

Es gibt die­se Ästhe­tik, man muss sich nur die letz­ten Fil­me von Woo­dy Allen anschau­en. Das ist wirk­lich sedier­tes, schmerz­be­frei­tes Kino, so unauf­dring­lich loung­ig wie die ewig plät­schern­de Jazz Musik, die aus dem Off kleis­tert oder auf den Par­tys der Café Socie­ty für die rech­te Stim­mung der Indif­fe­renz sorgt (viel­leicht hät­te der in Can­nes pas­sen­der die Eröff­nungs­par­ty eröff­net als das Film­pro­gramm?). Sti­lis­tisch scheint Pla­ne­ta­ri­um sich da anfangs ein­zu­rei­hen: war­me Farb­pa­let­te, schwe­re Kon­tras­te, wohl­kadrier­te Ein­stel­lun­gen, eine flie­ßen­de Kame­ra, his­to­risch kor­rek­te Kos­tü­me in säu­ber­lich akku­ra­ten Sets und, bit­te, ange­nehm geschnit­ten das Gan­ze, kei­ne Expe­ri­men­te. Auch inhalt­lich passts, oder? Ein Schelm, wer da an Magic in the Moon­light denkt: in Zlo­tow­skis Film sind es zwei jun­ge ame­ri­ka­ni­sche Frau­en, Schwes­tern (Nata­lie Port­man und Lily-Rose Depp), die im Paris der spä­ten 30er Jah­re mit­hil­fe ihrer Fähig­keit Kon­takt zu Geis­tern auf­zu­neh­men an ein wenig Geld und Ruhm kom­men wol­len. Wie Emma Stone in Magic in the Moon­light tref­fen sie dabei auf einen Mann, der irgend­wie im sel­ben Geschäft tätig ist, in dem der Illu­si­on. Der älte­re Mann ist nun aber kein zyni­scher Zau­ber­künst­ler wie Colin Firth, son­dern ein fran­zö­si­scher Film­pro­du­zent namens Kor­ben (Eman­nu­el Salin­ger), der sich der Schwes­tern annimmt um mit­hil­fe ihrer Fähig­kei­ten das Kino zu sei­ner wah­ren Bestim­mung zu füh­ren: einen ech­ten Geist filmen!

Ver­steht man Fil­me als die Sum­me ihrer Zuta­ten, die, wenn streng nach Rezept addiert, das Erwart­ba­re erge­ben, dann kann man nach 15 Minu­ten von Pla­ne­ta­ri­um sagen (und es wur­de in der Kri­tik gesagt): Alles da! Freu­en wir uns auf ein psy­cho­lo­gi­sches, schö­nes und ergrei­fen­des Peri­od Pie­ce! Dann wird man aber auch nach spä­tes­tens 50 Minu­ten ent­täuscht sein (und auch das war die Kri­tik), denn Zlo­tow­skis Film bricht und durch­lö­chert nach und nach die vor­ge­fer­tig­ten gül­ti­gen For­men eines 30er Jah­re Deka­denz-und-Zusam­men­bruch-Epos. Es gibt da ein Zuviel, einen ‹Über­schwang›, der die gesetz­ten Erwar­tun­gen über­dehnt und den Schmerz ein­holt um den Kitsch zu über­ho­len. Zu viel Prä­senz, die Kame­ra rückt den Gesich­tern und Tex­tu­ren zu nah und führt sie über einen psy­cho­lo­gi­schen Dar­stel­lungs­mo­dus hin­aus. Salin­gers gro­ße run­de Augen sind so uner­gründ­bar trau­rig, Lily-Rose Depp ist so groß­ar­tig blut­leer und aus­drucks­los. Das Kino, die Kame­ra ernäh­re sich para­si­tär von ihrem Leben, bemerkt Phil­ip Grö­ning in der Dis­kus­si­on. Die Kos­tü­me sind zu extra­va­gant und die Sets zu abgrün­dig, die rie­sen­haf­ten Knöp­fe an Nata­lie Port­mans Hosen­an­zug wei­sen dar­auf hin, genau­so wie die aus­ge­stell­ten toten Mäu­se in Salin­gers Haus: Das ist eine Film­welt, his­to­ri­sche Wahr­hei­ten gibt es hier nicht ein­fach so zu sehen. Aber was gibt es in Pla­ne­ta­ri­um dann?

Neben dem Zuviel gibt es ein Zuwe­nig, Lücken, die der Film in sei­ne eige­ne Form reißt. Am Anfang noch sehr eng erzählt, lösen sich die direkt kau­sa­len Bezie­hun­gen der Mon­ta­ge lang­sam auf und es blei­ben lose Enden. Plötz­lich sind die Schwes­tern getrennt und der Jude ist ent­tarnt. Dann geht alles ganz schnell: der Schrift­zug auf dem Spie­gel, die Auf­sichts­rats­sit­zung, der Schau­pro­zess, das Gefäng­nis und Kor­ben ist aus dem Film ver­schwun­den. Zwi­schen­durch scheint der Ver­such Geis­ter zu fil­men nach lan­gen Tests in einem futu­ris­ti­schen Labor gelun­gen zu sein, um sich dann vor ver­sam­mel­tem Publi­kum und den Augen der Kame­ra doch als geschei­tert zu erwei­sen. Der Film schafft hier Unsi­cher­hei­ten und unlös­ba­re Fra­gen, die mit der klas­si­schen Form des auf Linea­ri­tät ange­leg­ten ‹His­to­ri­en­dra­mas› nicht ver­ein­bar sind.

WDK17, Planetarium_01

Wäh­rend in Woo­dy Allens Magic in the Moon­light die roman­ti­sier­te Lie­bes­ge­schich­te und die nebu­lö­se, dabei stets ver­wa­schen unge­naue Zau­be­rei-Alle­go­rie in Belie­big­keit anein­an­der vor­bei­re­den, sind für Pla­ne­ta­ri­um sei­ne Refle­xio­nen des Kinos not­wen­dig Teil der Geschich­te die er erzählt und des­halb eben­so his­to­risch ein­ge­bun­den. Inein­an­der reflek­tie­ren sich die his­to­ri­schen Umstür­ze der spä­ten 30er Jah­re und die Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten der spe­zi­fi­schen fil­mi­schen Form. In sei­nem Spiel mit den Zuschau­er­er­war­tun­gen ver­sucht Pla­ne­ta­ri­um einer­seits sich aus sei­ner eige­nen Form zu befrei­en, erkennt aber zugleich, dass eine sinn­vol­le Kri­tik nur aus dem Inne­ren der Form mög­lich ist, indem ihre Unzu­läng­lich­kei­ten auf­ge­deckt wer­den. Der Film muss vor sich selbst kapitulieren.

Der Vor­wurf der Kri­tik, der Film sei ein «mean­de­ring mess», her­vor­ge­bracht von Owen Glei­ber­man für Varie­ty (und stell­ver­tre­tend für die ame­ri­ka­ni­sche Kri­tik über­haupt), lässt sich so als zunächst neu­tra­le Beob­ach­tung auf­neh­men und ins Posi­ti­ve wen­den. Die losen Enden der Erzäh­lung und eini­ger Mon­ta­ge­se­quen­zen, sowie die Aus­las­sun­gen aller Schre­ckens­bil­der, die als ewi­ge Erwar­tungs­bil­der des His­to­ri­en­dra­mas sonst da ste­cken, wo Zlo­tow­skis Film sich selbst durch­lö­chert hat – kei­ne Gesta­po im Regen, kei­ne unbe­re­chen­bar char­man­ten SS-Offi­zie­re, kei­ne Men­schen­trans­por­te, kei­ne Begräb­nis­se, ja, über­haupt kei­ne Gewalt, kein Tod im Bild – wei­sen Pla­ne­ta­ri­um als Film aus, der reflek­tiert hat, dass es Din­ge gibt die sich in einer bestimm­ten Form nicht dar­stel­len las­sen. Dabei tappt er klu­ger­wei­se nicht in die Fal­le des Bil­der­ver­bots, in die Son of Saul sich so über­zeugt hin­ein­ge­wor­fen hat, als er die Ästhe­ti­sie­rung des Schre­ckens im Bild ein­fach ersetzt hat mit der Ästhe­ti­sie­rung des Schre­ckens im Ton und einem auf­dring­lich nahen Off. Pla­ne­ta­ri­um hält die Bil­der des Schre­ckens so fern wie mög­lich, im vol­len Bewusst­sein, dass er sie eh nicht wird davon abhal­ten kön­nen, die Aus­las­sun­gen zwi­schen Fest­nah­me, Gericht, Gefäng­nis und Ver­schwin­den zu bevölkern.

Der wich­ti­ge­re Unter­schied scheint mir aber zu sein, das Nicht-Zei­gen mit den Not­wen­dig­kei­ten einer his­to­ri­schen Situa­ti­on und einer inhä­ren­ten For­men­kri­tik zu ver­bin­den, statt sich wie Son of Saul damit zu brüs­ten eine ‹Ant­wort› auf ein etwa­iges, exter­nes Bil­der­ver­bot gefun­den zu haben. Pla­ne­ta­ri­ums zuneh­mend gestör­ten Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten reflek­tie­ren den his­to­ri­schen Zustand einer Welt, die, je näher sie dem erwart­ba­ren Abgrund kommt, umso weni­ger ver­ste­hen und glau­ben mag von dem bevor­ste­hen­den Fall. Die­se Ver­wir­rung von Erwar­tun­gen kann der Film for­mal ein­ho­len, weil er sich einer klas­si­schen, erwar­tungs­be­la­de­nen Form bedient, aus der er sich eben­so wenig zu befrei­en ver­mag, wie Salin­ger, der noch im Gefäng­nis an das gute Ende glaubt. Das Pro­blem des Ver­ste­hens eines his­to­ri­schen Pro­zes­ses wird hier kon­se­quent in ein Pro­blem der For­men des Den­kens über­führt. Wenn die For­men des Den­kens nicht Schritt hal­ten kön­nen mit den his­to­ri­schen Ereig­nis­sen, dann wird ein Ver­ständ­nis unmög­lich. Das neo­klas­si­sche His­to­ri­en­dra­ma dekon­stru­iert sich hier selbst, aber schafft es im Ein­klang mit der Geschich­te nicht, sich ganz zu zer­stö­ren, um Platz zu machen für eine neue Form, ein neu­es Verstehen.

Der im Anschluss vor­ge­führ­te Fud­dy Dud­dy, ein etwa 5 Minu­ten lan­ger Expe­ri­men­tal­film von Sieg­fried A. Fru­hauf, macht die­ses Form­pro­blem offen­sicht­lich. Voll­kom­men evi­dent erscheint mir die gemein­sa­me Pro­gram­mie­rung der bei­den Fil­me: Fud­dy Dud­dy macht die Bil­der, die Pla­ne­ta­ri­um nicht mög­lich sind. Eine Ord­nung von Qua­dra­ten zer­stört sich in aggres­si­vem Dau­er­fla­ckern selbst und bil­det die Illu­si­on einer Tie­fe, eines Abgrun­des in der Mit­te der Lein­wand. Das ist die Umpo­lung des Kinos – voll auf Angriff! –, die mit Kriegs- und Schre­ckens­bil­dern qua­si die Lücken von Pla­ne­ta­ri­um aus­füllt und einen direk­ten Schmerz erfahr­bar macht. Der Schmerz in Pla­ne­ta­ri­um selbst ist immer ein indi­rek­ter, der aus den Dis­kre­pan­zen zwi­schen dem for­mal zu Erwar­ten­den, dem Gezeig­ten und den all­seits bekann­ten his­to­ri­schen Fak­ten ent­steht. Am Ende des Films, im Jahr 1943, steht Lau­ra Bar­low (Nata­lie Port­man), inzwi­schen Schau­spie­le­rin, im Set an einem Fens­ter, schaut in den Ster­nen­him­mel aus Lich­ter­ket­ten und spricht in ihrer Rol­le als Wai­sen­mut­ter: «Tomor­row will be a gre­at day!»