WdK Tag 4: «Unfertig/​Unfinished» – Reaktionäre Träume: California Dreams von Mike Ott

Der Film beginnt mit dem Cas­ting. Men­schen spre­chen Mono­lo­ge aus ihren Lieb­lings­fil­men fron­tal in die Kame­ra. Unkon­trol­liert aber lei­den­schaft­lich sind die Vor­trä­ge. Die Vor­spre­chen­den sind alle­samt Lai­en. Mit gro­ßen Augen erzäh­len sie von Lie­be, Ruhm und Glück, von Ent­täu­schung, Tod und Selbst­mord. Die gro­ßen Gefüh­le: Big­ger than life. Das Kino als Traum­fa­brik. Aber nur den kras­ses­ten Außen­sei­tern unter den Cas­ting-Teil­neh­mern wer­den die Ima­gi­na­tio­nen der Maschi­ne zuteil, sie wer­den in den nächs­ten 80 Minu­ten wie­der zurück auf die Lein­wand geholt um in mehr oder weni­ger fik­tio­na­li­sier­ten For­men von ihren eige­nen tris­ten Leben und dem Traum eines ande­ren zu erzählen.

Cali­for­nia Dreams ent­wi­ckelt die­se Träu­me direkt aus der kali­for­ni­schen Land­schaft. Unweit des para­die­si­schen Grüns Nord­ka­li­for­ni­ens und den Stu­di­os Hol­ly­woods leben die Prot­ago­nis­ten des Films in einer dür­ren, lebens­feind­li­chen Wüs­te aus Fel­sen, Gestrüpp, Fast-Food Restau­rants, her­un­ter­ge­kom­me­nen Vor­stadt­bun­ga­lows und end­lo­sen High­ways. Doch die Son­ne ist die­sel­be wie jene, die ein wenig wei­ter west­lich auch die Sets der größ­ten Fil­me beleuch­tet und Träu­me sind hier ungleich wich­ti­ger. In die­sem Licht ver­wan­delt sich das unwirt­li­che Land immer wie­der in die dra­ma­ti­schen For­ma­tio­nen einer aus­ge­such­ten Film­lo­ca­ti­on; und auch in den Orten des kali­for­ni­schen All­tags­le­bens fin­det Mike Otts Kame­ra Spu­ren der Mythen des ame­ri­ka­ni­schen Kinos. Als Corey, der ewi­ge Haupt­dar­stel­ler von Mike Otts Fil­men, eine Video­kas­set­te auf­nimmt um sei­nen Traum der Schau­spie­le­rei zu ver­fol­gen, ent­schei­det er sich für eine alte Holz­hüt­te als Dreh­ort. Eine kur­ze Kame­ra­fahrt auf das unver­glas­te Fens­ter der Hüt­te ruft unwei­ger­lich den Anfang von John Fords The Sear­chers ins Gedächt­nis. Corey kann das nicht hel­fen, schon nach weni­gen Sät­zen kommt er mit sei­nem Mono­log aus The Out­si­ders ins Straucheln.

WDK17, California Dreams, © Number 7 Films_04

Der Struk­tur des Films liegt die­se Tech­nik des Kon­trasts zugrun­de, die auch die Insze­nie­rung der ande­ren Prot­ago­nis­ten bestimmt. Unter ihnen ist Patrick, ein 28-jäh­ri­ger phil­ip­pi­ni­scher Ein­wan­de­rer mit Akne­nar­ben und Schnauz­bart, der seit Jah­ren als Park­platz­wär­ter arbei­tet und noch nie eine Frau geküsst hat. Ein sehr expli­zi­tes Gespräch mit Corey, im Auto vor einer glor­rei­chen kali­for­ni­schen Abend­land­schaft, erzählt von sei­nen sexu­el­len Erfah­run­gen und Wün­schen. Die Ant­wort des Films folgt sogleich: In anhal­ten­der Zeit­lu­pe sehen wir eine blon­de Strip­pe­rin die Bei­den in einem Motel­zim­mer auf­su­chen. Patrick sitzt zusam­men mit Corey rau­chend an einem run­den Tisch und lässt die Show ganz cool über sich erge­hen, kein biss­chen Auf­re­gung im Blick, als hät­te er das schon hun­dert­mal gemacht. Musik, die an Scores des Clas­si­cal Hol­ly­wood erin­nert, ent­rückt die Sze­ne end­gül­tig in die Sphä­ren eines kine­ma­to­gra­fi­schen Traums. Auch das ist Kino, zumal ame­ri­ka­ni­sches: eine Welt in der die eige­nen Defi­zi­te tem­po­rär aus­ge­setzt sind, in der die ers­ten eben­so wie die letz­ten Bedürf­nis­se befrie­digt wer­den; Kino als kur­zer aber wie­der­keh­ren­der Traum eines ande­ren Lebens. Der Strip­tease geht naht­los über in die Wie­der­ho­lung von Patricks Cas­ting-Mono­log aus For­rest Gump, einer Beschwö­rung des Selbst­be­wusst­seins und der eige­nen Kraft, der aus dem Off zu hören ist, wäh­rend Patrick ein­sam und zusam­men­ge­kau­ert auf der War­te­bank einer Bus­hal­te­stel­le sitzt.

In die­ser Sze­ne wird deut­lich, wo Cali­for­nia Dreams unwie­der­bring­lich schief­geht. Statt eine Selbst­er­mäch­ti­gung sei­ner Prot­ago­nis­ten zu ermög­li­chen, stülpt der Film jedem Ein­zel­nen vor­be­stimm­te Nor­men über. Von vorn­her­ein sind Patricks Defi­zi­te bestimmt: er hat kei­nen Sex und kein Selbst­be­wusst­sein. Das ist unauf­rich­tig und denun­zia­to­risch in einem Film der einen Teil sei­nes Rei­zes aus der Non­kon­for­mi­tät sei­ner Außen­sei­ter­ban­de zieht, sie auf die­se Wei­se aber für Momen­te der Lächer­lich­keit preis­gibt. Nie gibt es den Ver­such das aus­ge­stell­te Anders­sein tat­säch­lich für ein Ver­ständ­nis zu öff­nen. Der Film ver­merkt es nur schnell in einer schon fest­ge­leg­ten Wer­te­ma­trix und kramt dann das ver­meint­lich pas­sen­de ima­gi­na­ti­ve Gegen­mit­tel her­aus. Trotz des teil­wei­se siche­ren Gefühls für die Ver­weis­kraft sei­ner Bil­der, reflek­tiert der Film nicht ein ein­zi­ges Mal in kri­ti­scher Wei­se die gesell­schaft­li­che Her­kunft und Her­vor­brin­gung die­ser Wer­te­ma­trix und der auf­ge­ru­fe­nen Gegen­bil­der. In einem Film, der mit Recht auf die ima­gi­na­ti­ve und befrie­di­gen­de Kraft des Kinos ver­weist, soll­te man erwar­ten kön­nen, dass auch die ande­re Sei­te die­ser Medail­le gezeigt wird: Die Kon­for­mi­sie­rung und Kom­mer­zia­li­sie­rung der zu befrie­di­gen­den Bedürf­nis­se durch das Kino, im Beson­de­ren durch das – in Cali­for­nia Dreams viel her­bei­zi­tier­te – ame­ri­ka­ni­sche Unterhaltungskino.

Zudem blei­ben die in dop­pel­zün­gi­ger Rede zugleich affir­mier­ten und lächer­lich gemach­ten Kino-Ima­gi­na­tio­nen der Prot­ago­nis­ten – im Fall einer Obdach­lo­sen ist es die ins Bild gesetz­te Oscar-Dan­kes­re­de in roter Robe und Spot­light – stets Eska­pis­mus und Flucht in eine Unmög­lich­keit, die klar abge­grenzt ist von der umso här­te­ren Rea­li­tät. Am Ende, als Corey in einer über­dreh­ten Sze­ne Geld auf der Stra­ße fin­det, ver­bin­det sich das Kino zumin­dest ober­fläch­lich mit dem Leben, aber eben nur in der reduk­ti­ven Wei­se in der Mike Otts Film Kino denkt: rein als Traum- und Befrie­di­gungs­ma­schi­ne, die es auch ist, aber nie­mals aus­schließ­lich. Das Kino kann Mög­lich­keit sein, tat­säch­lich Ein­fluss auf das Leben haben, indem es etwas denk- und fühl­bar macht, das abseits liegt, an den wah­ren Außen­sei­ter­po­si­tio­nen der Welt­erfah­rung. Indem es zum Bei­spiel zeigt, was Sexua­li­tät auch sein kann. Wenn der Film in sei­ner letz­ten Sze­ne in anru­fen­der Manier Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der erwähnt, dann möch­te man sich knei­fen und aus die­sem reak­tio­nä­ren Kino-Traum erwachen.