WdK Tag 5: «Apparatus» – Die Selbstkritik der Anderen: I am not Madame Bovary von Feng Xiaogang

Der Appa­rat. Der Staats­ap­pa­rat. Der tota­li­tä­re Staats­ap­pa­rat? Der Appa­rat­schik? Seit Ver­ab­schie­dung der bipo­la­ren Welt­ord­nung, ruft die Ver­bin­dung der Wör­ter Staat und Appa­rat selt­sa­me Nicht-Erin­ne­run­gen, weil meist nie selbst erleb­te, an Fünf­jah­res­plä­ne, Arbeits­er­fül­lungs­quo­ten und weit ver­zweig­te Laby­rin­the kah­ler, mit Lin­ole­um aus­ge­leg­ter Kor­ri­do­re her­vor; und hin­ter jeder Tür, dahin­ten am tie­fen Ende jedes Span­holz­schreib­ti­sches ein Mann vom Apparat.

Im dar­an anschlie­ßen­den Den­ken ist der Appa­rat für den ein­zel­nen Bür­ger einer­seits ein Außen, über­ge­stülpt, die Gott­ma­schi­ne, die alles am Lau­fen hält, ver­bun­den mit kaf­ka­es­ken Vor­stel­lun­gen von Unüber­sicht­lich­keit, Unadres­sier­bar­keit und Unbe­ein­fluss­bar­keit. Ande­rer­seits ist der Appa­rat höhe­re Vor­se­hung, in wel­che der Bür­ger ein­ge­ord­net ist, die er als Zahn­rad oder Dich­tungs­ring oder Schrau­be und so wei­ter in rei­bungs- und ver­lust­frei­er Bewe­gung hält, aller­dings ohne sei­ne genaue Funk­ti­on oder sei­nen genau­en Platz in Bezie­hung zu den ande­ren Tei­len des Appa­rats zu kennen.

Die west­li­che Kunst- und Kul­tur­sze­ne erwar­tet aus jenen Regio­nen der Welt, denen man im ers­ten Schritt zuschreibt, nach die­ser Logik des Appa­ra­tes zu ver­fah­ren, im zwei­ten Schritt eine dis­si­den­te Kunst, die doch bit­te erkennt, wie schlimm das alles ist, für die Frei­heit des Indi­vi­du­ums und die Selbst­be­stim­mung und die dann – aus die­sem Akt der ver­meint­li­chen Erkennt­nis nach den Maß­stä­ben und zur Bestä­ti­gung einer schon lan­ge kom­mer­zia­li­sier­ten Selbst­fin­dungs-Meta­phy­sik her­aus – eine Ges­te des Pro­tests, des indi­vi­du­el­len Auf­stands gegen das Sys­tem insze­niert. Erst das Zahn­rad, das plötz­lich bemerkt, dass es ein­ge­sperrt und benutzt ist, aber ja gar nicht weiß was es ist und war­um über­haupt, und dann der ein­sa­me Stin­ke­fin­ger der Selbst­er­kennt­nis vor den grau­en Toren des Sys­tems. Ai Wei­wei kann nun auch nichts dafür, dass er berühmt gewor­den ist und her­hal­ten muss als der gute Dis­si­dent, der die gute kri­ti­sche Kunst zu machen hat; nach Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on war halt noch Chi­na übrig. Das Effi­zi­en­te an die­ser Logik der west­li­chen Selbst­be­stä­ti­gung über den Umweg der Selbst­kri­tik der Ande­ren ist, dass sie im Abstand zu dem ver­schwom­me­nen Dort bei­na­he jede künst­le­ri­sche Posi­ti­on zu einer ihr gemä­ßen indi­vi­dua­lis­ti­schen Kri­tik umdeu­ten oder redu­zie­ren kann. In regel­mä­ßi­gen Abstän­den adop­tiert auch das soge­nann­te Art­house-Kino einen Film aus Russ­land oder Chi­na oder dem Iran, um ihn nach die­ser Logik zu ver­wer­ten und sei­nem treu­en Publi­kum einen woh­li­gen lau-kal­ten Schau­er über den Rücken zu jagen.

Ai Weiwei - Stinkefinger
Ai Wei­wei zeigt den Stinkefinger.

I am not Madame Bova­ry von Feng Xiao­gang scheint sich auf den ers­ten Blick die­ser Pra­xis anzu­bie­dern, so wie etwa Andrey Zvyag­int­s­ev es mit sei­nem Kri­ti­ker­lieb­ling Levia­than tat, der bereits für ein west­li­ches Publi­kum gemacht schien und sich schon selbst, ohne dass viel nach­zu­hel­fen nötig gewe­sen wäre, im Honig­topf für Dis­si­den­ten ertränkt hat­te (Patrick hat dazu einen ande­ren Ansatz). Die jun­ge Li Xue­li­an (Fan Bing­bing) wur­de von ihrem Mann betro­gen und kämpft sich nun mutig, aber erfolg­los, durch die Insti­tu­tio­nen des chi­ne­si­schen Rechts­sys­tems: für Gerech­tig­keit … oder für Wie­der­gut­ma­chung? Oder für Rache? Oder aus Zer­stö­rungs­lust? Oder ein­fach um zu gewin­nen? Beim Ver­such auf einen Begriff zu brin­gen, begin­nen schon die so not­wen­di­gen Pro­ble­me, die den Film davor bewah­ren könn­ten, ver­wurs­tet zu wer­den, aber wahr­schein­lich eben­so davor bewah­ren wer­den in Deutsch­land über­haupt gezeigt zu wer­den. I am not Madame Bova­ry lässt sich nicht auf­lö­sen in einen psy­cho­lo­gi­schen Rea­lis­mus, wel­cher den Selbst­be­stä­ti­gungs­me­cha­nis­men stets am gele­gens­ten kommt, weil er das Indi­vi­du­um, so hart es auch atta­ckiert wird, stets als sei­nen Mit­tel­punkt behaup­tet. Lue Xue­li­an ist nicht die­se voll­kom­men trans­pa­ren­te Ver­si­on einer jun­gen, star­ken Frau, die ihre mar­gi­na­li­sier­te Stel­lung in der Gesell­schaft schmerz­haft bei­gebracht bekommt und dar­aus die unheim­li­che Kraft für ihren Kampf zieht. Wir haben es nicht mit der Geschich­te einer Bewusst­wer­dung zu tun, die in all ihren Moti­va­ti­ons­mo­men­ten offen­ge­legt wird und so auf eine erwart­ba­re Iden­ti­fi­ka­ti­on hin ange­legt ist. Li Xue­li­an ist eine ein­fa­che Frau vom Land, die ein­fach nicht zu ver­ste­hen ist. Sie berät sich mit ihrem Och­sen über ihr wei­te­res Vor­ge­hen, schleift ein gro­ßes Mes­ser unten am Was­ser, will töten und ist dann wie­der ganz ruhig. Die streng und total kadrier­ten Bil­der des ers­ten Teils geben immer wie­der Momen­te der Distan­zie­rung und, durch das iko­ni­sche kreis­run­de Münz­for­mat des Bil­des, Momen­te der mythi­schen Auf­la­dung der Figur Li Xue­li­an. In eini­gen Ein­stel­lun­gen erin­nert sie an eine Räche­rin aus der Sagen­welt, der jeg­li­che psy­cho­lo­gi­sche Moti­va­ti­on äußer­lich ist, die han­delt aus Funk­ti­on oder aus einem Trieb, der tie­fer liegt als das Kausalpsychische.

Vie­les über die­se Frau bleibt im Dun­keln, immer wie­der ver­lie­ren wir sie für lan­ge Zeit aus den Augen und der Film ver­tieft sich statt­des­sen in die Insti­tu­tio­nen, die ihre wah­re Mühe mit ihr haben und von der leben­di­gen Viel­zahl ihrer Moti­va­tio­nen und Hand­lun­gen genau­so über­rascht sind wie wir. In der Gegen­über­stel­lung von Indi­vi­du­um und Insti­tu­ti­on wird am deut­lichs­ten, wo der Film den Mecha­nis­men eines dis­si­den­ten Kinos aus­bricht. Er teilt nicht auf in ein­an­der äußer­li­che Sphä­ren, selbst­ver­ständ­lich auch nicht in Gut und Böse. Es ste­hen sich hier nicht das Indi­vi­du­um und die graue Mas­se des Appa­ra­tes gegen­über, deren Moti­va­tio­nen und Hand­lun­gen unver­ein­ba­ren Wel­ten zuge­hö­rig sind. Genau­so wie die Figur der Lue Xue­li­an pri­vat­psy­cho­lo­gi­sche (die ent­täusch­te Lie­be) mit insti­tu­tio­nel­len (die Schein­schei­dung und ihre Hin­ter­grün­de in Poli­tik und Arbeit) und mythi­schen (eine alte Belei­di­gung, ein Fluch der gesühnt wer­den muss) Moti­va­tio­nen ver­webt, errei­chen die Män­ner der Insti­tu­tio­nen teil­wei­se eine star­ke Indi­vi­dua­li­sie­rung (der besu­del­te Jus­tiz­chef, der in der letz­ten Sze­ne des Films wie­der­auf­taucht), bewei­sen in ihrer Rede immer wie­der aus­ge­präg­te Ver­nunft (der hohe Vor­sit­zen­de beim natio­na­len Par­tei­kon­gress) und sogar Empa­thie (der Gou­ver­neur am Ende); aber eben auch in ande­ren Sze­nen das Gegenteil.

Eine nicht über­blick­ba­re Viel­zahl von Mecha­nis­men und Moti­va­tio­nen grei­fen in die­sem Film inein­an­der, deren Ver­hält­nis­se – und viel­leicht ist das, um sich von einem fest­le­gen­den dis­si­den­ten Kino abzu­gren­zen, noch wich­ti­ger als die ein­fach quan­ti­ta­ti­ve Unüber­sicht­lich­keit – in jedem Auf­ein­an­der­tref­fen von Lue Xue­li­an und den Funk­tio­nä­ren, aber auch in jedem Tref­fen der Funk­tio­nä­re unter­ein­an­der neu aus­ge­han­delt wer­den. I am not Madame Bova­ry nimmt die Kon­tin­genz und Wider­sprüch­lich­keit des ewig zu ver­han­deln­den gesell­schaft­li­chen Lebens auf in sei­ne durch­aus kri­ti­sche Betrach­tung des chi­ne­si­schen Rechts­sys­tems und ent­geht dadurch – hof­fent­lich – der Gefahr der Aneig­nung durch den west­li­chen Selbstbestätigungsapparat.