Die The­ma­ti­sie­rung von Homo­se­xua­li­tät und Krank­heit ist sicher nichts Beson­de­res im Werk von Tsai Ming-liang, die Tat­sa­che jedoch, dass er die­se wirk­lich the­ma­ti­siert, erscheint unge­wohnt unnö­tig und ermü­dend. Als Auf­trags­ar­beit für die Serie „Sto­ries of the Red Rib­bon“ , die die Aus­brei­tung von AIDS in Asi­en anhand von fünf Bei­trä­gen behan­del­te, ent­stand der Film „My new fri­ends“, der aus zwei län­ge­ren Gesprä­chen von Tsai Ming-liang mit erkrank­ten Tai­wa­ne­sen besteht. Der for­ma­lis­ti­sche Kniff dabei ist, dass man die Gesich­ter der Erkrank­ten nie sieht. Die Kame­ra fokus­siert sich auf Kör­per­tei­le, den Regis­seur oder ein Objekt ver­sperrt die Sicht. Die selt­sa­me Wir­kung ist, dass man das von der Gesell­schaft als fremd emp­fun­de­ne dadurch als Zuschau­er auch als fremd und vor allem als flüch­tig wahr­nimmt. So ein­fach gestal­tet sich das Vor­ha­ben von Tsai Ming-liang dann aber doch nicht.

Blickt man ein wenig in die Pro­duk­ti­ons­ge­schich­te, so wird klar, dass es den Pro­du­zen­ten eigent­lich um AIDS als trans­na­tio­na­le Krank­heit ging. Tsai Ming-liang jedoch leg­te gegen die Ansa­ge der Pro­duk­ti­on den Fokus auf Homo­se­xua­li­tät. Das ermög­lich­te ihm die Miss­ver­ständ­nis­se und Vor­ur­tei­le gegen­über Homo­se­xu­el­len und der Krank­heit in Tai­wan aus dem Weg zu räu­men. In bei­den Gesprä­chen gelingt es ihm ein mensch­li­ches Bild vol­ler Schwä­chen, Lei­den­schaf­ten und Auf­rich­tig­keit her­vor­zu­keh­ren. Dadurch, dass er die­se Men­schen nicht zeigt, stellt er wich­ti­ge Fra­gen an die Reprä­sen­ta­ti­on. Das Nicht zei­gen der Män­ner ist ein Stil­mit­tel, das fast aus dem Kopf von Abbas Kiaros­t­ami stam­men könn­te. Nicht nur sagt der Regis­seur damit, dass jeder auf der ande­ren Sei­te des Gesprächs sit­zen könn­te, son­dern er ver­zich­tet auch auf die Offen­le­gung durch die Kame­ra, die sonst wie ein Spot­light auf DEM Kran­ken lie­gen wür­de. Das ist aber gar nicht, wor­auf „My new fri­ends“ hin­aus will, weil er doch deut­lich all­ge­mei­ne­re The­men verhandelt.

Tsai Ming-liang
Tsai Ming-liang

Der grau­sa­me Video­look und die ama­teur­haf­te Kame­ra­füh­rung schmer­zen jedoch genau­so wie die Tat­sa­che, dass man in jeder Sekun­de spürt, dass dies kein fil­mi­scher Ver­such ist, son­dern ein poli­ti­scher. Tsai Ming-liang möch­te einen Punkt über Homo­se­xua­li­tät in Tai­wan machen. Das gelingt ihm, sei­ne Doku­men­ta­ti­on war eine der ers­ten, die die­ses The­ma über­haupt auf­griff, aber ein­ge­bet­tet in sei­ne gro­ßen Kunst­wer­ke wirkt die­ser Film wie eine Radio­sen­dung. Dort könn­te man ihn auch ohne wei­te­res aus­strah­len. Trotz­dem bekom­men die Krank­hei­ten aus „The Hole“, „The River“ oder „I don’t want to sleep alo­ne“ einen neu­en Touch durch die direk­te The­ma­ti­sie­rung von AIDS im Werk von Tsai Ming-liang. Als Hsiao-kang in „Rebels of the Neon God“ in einem Van­da­lis­mus­akt auf einen Motor­rol­ler „AIDS“ schreibt, ist dies auch Aus­druck einer gesell­schaft­li­chen Angst, die den Jugend­li­chen beschäftigt.