Tsai Ming-liang Retro: Stray Dogs

Es gibt wohl weni­ge Regis­seu­re bei denen sich eine geball­te Sich­tung ihres Gesamt­werks der­art lohnt wie bei Tsai Ming-liang. Schließ­lich bau­en sei­ne Fil­me mehr oder weni­ger auf­ein­an­der auf, man­cher schreibt gar, dass er an einem ein­zi­gen Film arbei­tet, seit er begon­nen hat zu dre­hen. Neben dem Schau­spie­ler Lee Kang-shen, der fast in allen Wer­ken des in Tai­peh arbei­ten­den Regis­seurs die männ­li­che Haupt­rol­le spielt, betrifft das auch Moti­ve wie Was­ser, Melo­nen oder leben­di­ge Gebäu­de. Unmög­li­che Bezie­hun­gen und das erbar­mungs­lo­se Ticken der Zeit, Gen­re­ver­wei­se und absur­der Humor sind wei­te­re Aspek­te sei­nes Kinos, denen man immer wie­der begeg­nen kann.

Begon­nen habe ich die Retro­spek­ti­ve, die im Rah­men der Wie­ner Fest­wo­chen im Stadt­ki­no Wien zu sehen ist, mit dem Gewin­ner des Jury­prei­ses des letzt­jäh­ri­gen Film­fes­ti­vals in Vene­dig. Dort hat­te ich „Stray Dogs“ auch zum ers­ten Mal gese­hen. Der Regis­seur ließ nach dem Film­scree­ning am frü­hen Vor­mit­tag in Vene­dig eine Vier­tel­stun­de ste­hen­de Ova­tio­nen über sich erge­hen. Zuvor ver­lie­ßen zwei Drit­tel der Besu­cher den Kino­saal. Der Grund dafür liegt nicht in den lan­gen Ein­stel­lung oder der Ver­wei­ge­rung einer her­kömm­li­chen Nar­ra­ti­on, son­dern schlicht an der Unge­duld und Into­le­ranz der Kino­zu­se­her. Tsai Ming-liang ver­dich­tet das Kino auf eine Erfah­rung, die sich nicht über gewöhn­li­che Mus­ter ver­mit­telt, son­dern eine gestei­ger­te Kino­kon­fron­ta­ti­on und Kino­hin­ga­be des Zuse­hers ver­langt. Gera­de im Rah­men eines Fes­ti­vals ist das für vie­le lei­der zu viel ver­langt. (Hier gibt es mei­nen Fes­ti­val­be­richt aus Vene­dig und hier mei­ne Bespre­chung von «Stray Dogs» bei twitchfilm)

Jiaoyou de Tsai Ming-liang (Homegreen Films)
Jia­o­y­ou de Tsai Ming-liang (Home­green Films)

Betrach­ten wir nur eine Sze­ne aus dem Gedächt­nis. Im Dun­keln fluo­res­zie­ren grü­ne Blät­ter im Taschen­lam­pen­licht des aus allen Eimern gie­ßen­den Regens. Der Vater (Lee Kang-shen), nass und mit geschwol­le­nem Gesicht, mit sei­nen bei­den Kin­dern, die vor­sich­tig tap­send über den durch­näss­ten Boden huschen, nähert sich durch das Gestrüpp. Ein rie­si­ger Baum (wir haben ihn bereits ken­nen­ge­lernt), ein altes Holz­boot liegt im Schilf und bewegt sich leicht im Sturm. Der Vater will mit sei­nen Kin­dern los­fah­ren. Durch die Kro­ne des wild wehen­den Bau­mes dringt ein kräf­ti­ger Licht­strahl. Das Boot zu lösen ist schwer. Es ist mit einem dicken Seil am Baum fest­ge­macht. Lang­sam nähert sich eine Frau. Viel­leicht ken­nen wir sie aus dem Super­markt. Das Seil ist offen. Sie hilft den Kin­dern vom Boot. Der Vater will die Kin­der behal­ten. Sie schubst den Vater aufs Boot. Er treibt nach drau­ßen. Lang­sam. Der Regen fällt. Mit ihren blau­en und rosa Regen­capes ver­schwin­det die Fami­lie im Wald. Es gibt kein «War­um» für die­se Sze­ne, kein «Wes­halb» und schon gar kei­ne Erklärung.

„Stray Dogs“ ist eine kom­ple­xe Sin­fo­nie der Sim­pli­zi­tät. Jede Ein­stel­lung erzählt hier etwas zwi­schen den Men­schen, zwi­schen Raum und Mensch und sogar zwi­schen den Räu­men. Viel fin­det auch zwi­schen der Zeit statt. Es gibt die Ver­gan­gen­heit, die Gegen­wart und kei­ne Zukunft. Man ist sich nie sicher, wo man sich gera­de befin­det. Wie ein streu­nen­der Hund fühlt man sich aus­ge­setzt und erlebt so, was die Figu­ren selbst erle­ben. Das Sozi­al­dra­ma um Arbeits­lo­sig­keit und Obdach­lo­sig­keit in der Stadt, das unter all dem schlum­mert und das am Beginn des Dreh­buchs stand, wird größ­ten­teils aus­ge­spart. Es wird in ein­zel­nen Bil­dern oder in Farb­tö­nen mani­fes­tiert, nie aber erzählt.

In der Reduk­ti­on mag man einen Abge­sang auf das Kino fin­den. Oder liegt gera­de dar­in Tsai Ming-liangs Hym­ne an die Mög­lich­kei­ten, jede Regung wahr­zu­neh­men, das Zwi­schen­mensch­li­che zu spü­ren. Tsai Ming-liang ist ein Asket, der sich nur mehr ein­zig der Prä­senz sei­ner Kino­bil­der wid­met und „Stray Dogs“ ist sei­ne Unter­schrift unter sein fil­mi­sches Erbe. Die Künst­lich­keit sei­ner Licht­set­zung, die Bli­cke ins Off, die Figu­ren, die zu Zuse­hern einer Welt wer­den, die sie lan­ge nicht mehr ver­ste­hen: „Stray Dogs“ ist ein Film über die Betrach­ter des Kinos, aus­ge­laugt. Der Blick des Films wird auf einen selbst zurück­ge­wor­fen. Man betrach­tet Men­schen, die betrach­ten, die suchen, die sich kaum mehr weh­ren kön­nen und dabei ver­su­chen zu fühlen.

Fas­zi­nie­ren­de, von der Feuch­tig­keit zer­fres­sen­de Wän­de in einem kur­zen Moment fami­liä­ren Lebens, die mit dem Kos­tüm der groß­ar­ti­gen Shiang-chyi Chen eine Sym­bio­se von Form und Far­be erge­ben. Plötz­lich wohnt die Fami­lie in einem Haus. Ist es vor­her oder nach­her oder ist es nicht? Es ist egal. Man wird förm­lich gezwun­gen, ein­fach nur zu schau­en. Die Bewe­gun­gen sind bedacht und lang­sam, fast ani­ma­li­sche Über­sprungs­hand­lun­gen wie der Ver­zehr eines gro­ßen Salat­kop­fes oder das Rei­ni­gen der Bade­wan­ne zei­gen Neu­ro­sen einer zer­stör­ten Bezie­hung an. Immer wie­der erwischt einen die Trau­rig­keit, die von den ellip­ti­schen Bewe­gun­gen einer zeit­lo­sen Stim­mung aus­geht, die man kennt ohne zu wis­sen woher. Der ver­such­te Eska­pis­mus ande­rer Fil­me von Tsai Ming-liang erstickt hier im Ver­such. Nicht nur die Boot-Sze­ne macht das deut­lich. Die Türen im Film sind nur noch einen mini­ma­len Spalt geöff­net, oft muss man sich mit Gewalt hin­durch quä­len. Nur eine Sekun­de lang darf der Prot­ago­nist auf einem gro­ßen Bett schla­fen, ein ande­res Leben spü­ren. Kraft­los aller­dings. Auch for­mell gibt es kei­ne Extra­va­gan­zen, kaum ein­mal ein Hauch von Humor, kei­ne sti­lis­ti­schen Wech­sel, eine ein­zi­ge Grundstimmung.

Das Schau­spiel von Lee Kang-shen gleicht dem einer Per­for­mance. Sei­ne Kör­per­lich­keit scheint durch sei­ne Hand­lun­gen, die fast immer auch sei­nen Kör­per betref­fen und dadurch erst psy­cho­lo­gisch wer­den. Immer wie­der isst er mit rasen­der Geschwin­dig­keit, wie so häu­fig uri­niert er auch. Dabei spielt sich in ihm etwas ab, das nicht durch Den­ken, son­dern durch Füh­len greif­bar wird. Der Schau­spie­ler ent­spricht der Ästhe­tik des rei­nen Über­le­bens. Es ist ein Film redu­ziert auf die Exis­tenz selbst: Waschen, Essen, Trin­ken, Schla­fen, Arbei­ten, Waschen, Essen, Trin­ken, Schla­fen, Wei­nen. Die­sen Film ein zwei­tes Mal zu sehen, beginnt ihm erst gerecht zu werden.