"Unstill Life" von Zeitguised

Vienna Independent Shorts: Eröffnung oder «Über den Lauf der Dinge und den Sinn des Lebens»

Über Ostern war ich als Jugend ohne Film-Außen­kor­re­spon­dent in Kopen­ha­gen unter­wegs, nun wechs­le ich die Sei­ten und berich­te die nächs­ten Tage qua­si als Innen­kor­re­spon­dent vom Vien­na Inde­pen­dent Shorts Fes­ti­val aus Wien.

Der Kurz­film wird oft bloß als „Aus­bil­dungs­me­di­um“ für den „ech­ten Film“ wahr­ge­nom­men, aber wenn schon Alain Res­nais die­se Auf­fas­sung nicht teil­te, brau­che ich das auch nicht zu tun. Kurz­fil­me sind groß­ar­tig: Sie kor­re­spon­die­ren mit mei­ner Auf­merk­sam­keits­span­ne. Sind sie schlecht, so dau­ert die Qual wenigs­tens nicht all­zu lan­ge, und sind sie gut füh­ren sie zu Momen­te luzi­der Klar­heit, die durch ihre Kür­ze nie an Fri­sche und Élan ver­lie­ren. Ein wei­te­rer ent­schei­den­der Aspekt: die fil­mi­sche Avant­gar­de, die mir immer mehr ans Herz wächst, greift zumeist auf die Kurz­form zurück – auf Fes­ti­vals wie dem VIS erwar­te ich mir also eine geball­te Ladung expe­ri­men­tel­ler, visu­el­ler Geschmacksexplosionen.

Nicht zuletzt möch­te ich die Umstän­de beto­nen, in denen Kurz­fil­me gezeigt wer­den: Ist beim Lang­film das Dou­ble Fea­ture das höchs­te der Gefüh­le, so kann ein Kura­tor eines Kurz­film­pro­gramms aus dem Vol­len schöp­fen und die ein­zel­nen Fil­me zu einem grö­ße­ren Gan­zen emporheben.

"Unstill Life" von Zeitguised
Unstill Life von Zeitguised

Nach die­ser kur­zen Vor­re­de nun ein kon­kre­ter ers­ter Ein­blick in das bun­te Trei­ben: Frei­tag­abend lud das Fes­ti­val zur fei­er­li­chen Eröff­nung im Gar­ten­bau­ki­no. Wobei fei­er­lich viel­leicht das fal­sche Wort dafür ist. Das VIS gibt sich betont stu­den­tisch-hip-alter­na­tiv. Zum einen weil es dem per­sön­li­chen Cha­rak­ter des jun­gen Teams ent­spricht, zum ande­ren wohl auch aus bud­ge­tä­ren Grün­den. Die Prä­sen­ta­ti­on des Fes­ti­vals und der Part­ner gestal­tet sich dem­entspre­chend schlank, redu­ziert, humor­voll, selbst­iro­nisch. Gespro­chen wur­de erfreu­li­cher­wei­se nur ver­gleich­bar kurz – dafür auf Eng­lisch – den Haupt­teil des Abends bil­den die Fil­me selbst. Neun Wer­ke wur­den gezeigt, die die vol­le Band­brei­te des Kurz­films reprä­sen­tie­ren. Von abs­trak­ter Digi­tal­kunst bis Ultra­kurz­do­ku­men­tar­film war alles dabei, der ältes­te Bei­trag (Bert Haan­stras Zoo) stamm­te aus dem Jahr 1962, der jüngs­te (Momo­ko Setos Pla­net Σ) wur­de erst vor zwei Wochen fertiggestellt.

Trotz die­ser Pro­gram­mie­rung wir­ken die Fil­me nie zusam­men­ge­wür­felt und zer­fah­ren. Die­sen Effekt ruft aller­dings das unmög­li­che Publi­kum her­vor, das sich nach dem ers­ten Block in Mas­sen aus dem Saal begibt um sich mit Geträn­ken zu ver­sor­gen. Solch ein Ver­hal­ten stößt bei mir auf Unver­ständ­nis – zumal die Reden, wie bereits erwähnt, kurz­ge­hal­ten waren. Von dem Titel „Mani­fest für ein geschlos­se­nes Kino“ für die­sen Arti­kel habe ich dann doch abge­se­hen. Aber gera­de ein Fil­me Bor­ing Angel, Clon­al Colo­nies oder Unstill Life ver­lie­ren enorm an Effekt, wenn die Auf­merk­sam­keit durch öff­nen­de Kino­tü­ren gestört wird.

"Zoo" von Bert Haanstra
Zoo von Bert Haanstra

Nach dem Fes­ti­val­trai­ler (groß­ar­tig: ein explo­die­ren­der Gold­fisch) durf­te John Micha­el Bolings Bor­ing Angel das Fes­ti­val fil­misch eröff­nen. Der Film ist eine Abfol­ge von gän­gi­gen und weni­ger gän­gi­gen Emo­ti­cons in wech­seln­der Geschwin­dig­keit vor wei­ßem Hin­ter­grund. Das mag abs­trakt klin­gen, lässt sich aber nar­ra­tiv als die Geschich­te des Lebens deu­ten (der Film endet mit einem Toten­kopf). Neue Dimen­sio­nen eröff­nen sich aber durch einen ästhe­ti­schen Blick. Die rasche Abfol­ge eini­ger die­ser Emo­ti­cons führt zu einem über­lap­pen­den Ein­druck – ein Fest­mahl für Gestalt­theo­re­ti­ker – der Film zeigt mehr als sei­ne Einzelbilder.

Auf die­sen rasan­ten Ein­stieg folg­te der impo­san­tes­te der neun Bei­trä­ge an die­sem Abend. Momo­ko Setos Pla­net Σ, der im Rah­men von Setos Auf­ent­halt als Artist in Resi­dence im Muse­ums­quar­tier ent­stan­den ist. Der Film ist zugleich Gene­sis wie Apo­ka­lyp­se. In beein­dru­cken­den Bil­dern (aber laut Fil­me­ma­che­rin ohne Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung) betä­tigt sich Seto als Wel­ten­schöp­fe­rin in einem frem­den Uni­ver­sum. Lässt Insek­ten aus ihrem ewi­gen Schlaf erwa­chen um ihnen schluss­end­lich den Gar aus zu machen. Eine gro­ße Para­bel über die Ent­ste­hung und den Nie­der­gang der Welt? Bestimmt aber ein atem­be­rau­ben­des visu­el­les Spektakel.

La Lam­pe du Beur­re de Yak von Hu Wei und Colon­al Colo­nies von Brett Bat­tey mit Live-Sound­be­glei­tung durch Richard Eig­ner run­de­ten den ers­ten Film­block ab. Wei zeigt einen Foto­gra­fen, der in (Tibet?) Chi­na ver­schie­de­ne Fami­li­en por­trä­tiert. Der Film wur­de begeis­tert beklatscht – die Red­un­danz und das bra­chia­le „Save Tibet!“-Gehabe schei­nen ange­sichts der poli­ti­schen Dimen­si­on des Films in den Hin­ter­grund zu tre­ten. Colon­al Colo­nies hin­ge­gen ist ein unpo­li­ti­scher Film und mit Abstand das abs­trak­tes­te was an die­sem Abend gezeigt wur­de – eine Abfol­ge von digi­ta­len Mus­tern und Gra­fik­ele­men­ten – bei­na­he halluzinatorisch.

"La lampe au beurre de yak" von Hu Wei
La lam­pe au beur­re de yak von Hu Wei

Nach einer kur­zen Zwi­schen­re­de durch die Mode­ra­to­rin folg­te das zwei­te Film­pro­gramm. Der ers­te Film des Pro­gramms Micha­el S., Ver­sam­melt ist eine famo­se, aber lei­der sehr kur­zen Doku­men­ta­ti­on über einen deut­schen Samm­ler von 8mm-Fil­men bzw. dem Ein­fluss sei­nes Hob­bys auf sein sozia­les Leben. In eine ähn­li­che Ker­be schlug Per­son to Per­son von Dus­tin Guy Defa – ein 16mm-Film über den Besit­zer eines nerdi­gen Plat­ten­la­den­be­sit­zers, der nach einer WG-Par­ty mit einer schla­fen­den Frau auf sei­nem Flur kon­fron­tiert ist. „Per­son to Per­son“ war, darf man dem Publi­kums­zu­spruch und mei­nem per­sön­li­chen Gefühl trau­en, der unter­halt­sams­te Film des Abends.

Zwi­schen die­sen bei­den Fil­men kam mit Harm­o­ny Kori­nes Snow­balls der Star des Abends im Pro­gramm (mit Kori­nes Namen wur­de aktiv für das Fes­ti­val gewor­ben und tat­säch­lich ist er wohl der pro­mi­nen­tes­te Regis­seur im Auf­ge­bot). Snow­balls eig­net sich sehr gut als absur­des Zwi­schen­spiel inmit­ten lie­be­vol­ler und per­sön­li­cher Film­por­träts, kann aber sei­nen markt­schreie­risch-schril­len Ges­tus (wie man ihn von Kori­ne gewohnt ist) nie ganz ablegen.

Die Künst­ler­trup­pe Zeit­gu­i­sed lie­fer­te mit ihrem neu­es­ten Film Unstill Life den wohl enig­ma­tischs­ten Bei­trag an die­sem Abend. Com­pu­ter­ani­ma­ti­on mit betont foto­rea­lis­ti­schem Look – bewe­gen­de For­men – sind es Beton­brü­cken? Das Leben steht nicht still – schön.

Abschlie­ßend wur­de noch ein Film gezeigt, der stell­ver­tre­tend für eines der Spot­lights des Fes­ti­vals steht. In Koope­ra­ti­on mit dem Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um und des­sen 50-jäh­ri­gem Geburts­tag zeigt das VIS ein Pro­gramm aus Fil­men, die 1962 bei der von Peter Kon­lech­ner gelei­te­ten Inter­na­tio­na­len Kurz­film­wo­che lie­fen. Der nie­der­län­di­sche Bei­trag Zoo von Bert Haan­s­tra, ein komi­sches, dia­log­lo­ses Kla­mauk­spiel, das Zoo­be­woh­ner und Zoo­be­su­cher gegen­über­stellt. Ein leicht­mü­ti­ger Abschluss für einen ange­neh­men Abend – danach durf­te wie­der ein­mal das Gar­ten­bau­ki­no-Foy­er als Tanz­flä­che von allen Par­ty­wü­ti­gen zweck­ent­frem­det werden.