Vienna Independent Shorts: Zwischenbericht

Vorweg: Ich werde diesem Festival nicht ganz gerecht. Champions League Finale und Unistress verhindern, dass ich mich täglich von früh bis spät im Kino vor der frühsommerlichen Sonne verstecke. Diesen bedauerlichen Zustand werde ich jedoch versuchen als Chance zu nutzen: Weniger Programme heißt mehr Konzentration auf die einzelnen Filme (gerade bei Kurzfilmprogrammen kann es teilweise eine Herausforderung darstellen, den Überblick zu behalten).

Aus der Not eine Tugend gemacht, habe ich mich dazu entschlossen Schwerpunkte zu setzen. Dazu zählt u.a. der „Animation Avantgarde“-Wettbewerb. Das erste Programm dieser Reihe lief bereits gestern am späten Nachmittag, und durch den sintflutartigen Regen kämpfte ich mich ins gutbesuchte Stadtkino im Künstlerhaus.

"Boogodobiegodongo" von Peter Millard

Boogodobiegodongo von Peter Millard

Diesem Programm nähere ich mich hinterrücks an, beginnend mit dem (nominell) letzten Film im Programm Boogodobiegodongo von Peter Millard. Hierbei handelt es sich um eine wilde Mischung aus OReillyscher Komik, Formenspiel in der Tradition früher europäischer Avantgarde à la Richter und Eggeling und naiv-primitiver Malstiftästhetik. Ein wilder Ritt voller Energie am Ende eines Programms, das zwischen Rasanz und bewusster Langsamkeit zu zerreißen droht. Ebenfalls auf der flotteren Seite: Daniel van Westens Recently in the Woods, ein Film, kaum eine Minute lang, der Slapstickelemente mit Schadenfreude vereint. Ähnlich kurz aber weitaus enigmatischer Richard Negres Atelier 1.0 – eine kurze Studie zum Widerspruch von analog und digital mit einem Schuss weirdness.

Ebenfalls kurz, aber abstrakter wurde es mit Steven Woloshens 1000 Plateaus, der laut Angaben des Filmemachers über den Zeitraum von zehn Jahren in seinem Auto entstanden ist. Der Film erinnert an eine upgedatete Version eines Len Lye Films – „Scratching im 21. Jahrhundert“. Noch abstrakter: die 3D Modelle Bonnie Mitchells in Sweeping Memories, die tranceartig aus sich selbst erwachsen zu scheinen und schließlich wieder verschwinden. Die Klangebene korrespondiert dabei kongenial mit der visuellen Darbietung – kaleidoskopartiges, algorithmisches Monstrum.

Ähnlich konstruiert kommt Michel Klöfkorns X-X-XX–XX–Gewobenes Papier daher Allerdings handelt es sich dabei um eine analoge Arbeit bei der Klöfkorn einen Webvorgang abfilmt. Außergewöhnlich ist dabei das verwendete Material– in Streifen zerlegte Illustrierte. Frauenkörper aus Modezeitschriften werden zerstückelt und neu verwoben – darin liegt aber wohl weniger ein feministisches Interesse (auch wenn sich diese Lesart durchaus anbietet), als die Faszination für das systematische Ergründen textueller Oberflächen.

"Apariciones" von Maria Luz Olivares Capelle

Apariciones von Maria Luz Olivares Capelle

Auf der anderen Seite beinhaltete das Programm auch schwerere, geradezu barocke Werke. Im Herzen des Programms, Maria Luz Olivares Capelles Apariciones, der wohl als eigenständiger Film (also nicht in einem Programm eingebettet) besser zur Entfaltung kommt. Auch als Installation würde der Film wohl besser funktionieren als inmitten von deutlich kürzeren und dynamischeren Kurzfilmen. Erschwerend kam noch hinzu, dass der Film aus technischen Gründen doch am Ende und nicht in der Mitte des Programms gezeigt wurde – damit wirkte er noch langatmiger und schwerfälliger. So ist der Eindruck des Films stark verzerrt – eine bedrückende Collage aus multimedialen Spielereien – technisch recht imposant aber eben im Zusammenhang mit den anderen Filmen tot und staubig.

Unter das Stichwort „Barock“ fällt auch Magda Matwiejews Morphette. Die Künstlerin verschmilzt 3D Computeranimationen mit Frauenfiguren in klassischen Gemälden, erweckt diese zum Leben und präsentiert so mit beschwingter Leichtigkeit den Wandel, oder besser Nicht-Wandel, der Frauendarstellung im Lauf der Zeit.

Ebenfalls in die Reihe der eher schwermütigen Filme ist Mount Song von Shambhavi Kaul einzuordnen. Kaul orientiert sich an indisch-asiatischen Geisterwelten und schafft mit exzessivem Trockeneiseinsatz ein atmosphärisch aufgeladenes Paradebeispiel eines Films, von dem man nicht so richtig weiß, ob er selbst Teil des Genres ist, das er zitiert oder ein avantgardistisches Kunstprodukt.

"Morphette" von Magda Matwiejew

Morphette von Magda Matwiejew

Etwas lebendiger, aber mindestens ebenso existenzialistisch wie die eben genannten Beiträge präsentiert sich North Sea Riviera des britischen Künstlers Josh Wedlake. Grobe 3D-Computeranimation meets US-Coming-of-Age-Indie-Sundance-Melancholie, garniert mit einem Strauß Surrealismus. Der Sprung ins Unbekannte? Der Sprung in den sicheren Tod? Springen und Schwimmen als Lebenszweck?

Für Freunde technischer Schmankerl (also Menschen wie mich) fanden sich auch ein paar Leckerbissen. Allen voran, Los Andes des Duos Cristobal León und Joaquín Cociña, ein ökologisches Manifest (?) mit Kampfrhetorik vorgetragen und mit viel Pappmaché und flinken Bastelfingern realisiert – ein echtes Festivalhighlight.

Ähnlich imposant, jedoch in anderer Hinsicht – Yann Chapotels Tentative d’Épuisement d’un Lieu Parisien. Bei der Beschreibung dieses Films stößt man schnell an die Grenzen der Sprache – dieser Film will gesehen werden. Der sperrige Titel gibt schon den ersten Hinweis: Es geht um einen bestimmten Ort in Paris, den Chapotel im Laufe eines Jahres dokumentierte und dann mit Hilfe von 3D-Animation ineinanderschachtelte. Ein furioses, humorvolles urbanes Porträt.

"1000 Plateaus" von Steven Woloshen

1000 Plateaus von Steven Woloshen

Ich schließe den Bogen mit einem Film, der sich kaum in eine der oben angeführten Gruppen ein- bzw. einem der Stile zuordnen lässt. Es handelt sich um Anomalies von Atsushi Wada. Was beginnt wie ein vergleichbar konventioneller Zeichentrickfilm wird schon bald zu einem surrealistischen Musterstück in bestem Sinne. Unwirkliche Tiergestalten, Essen und absurde menschliche Karikaturen agieren dabei als Protagonisten – unendlich interessanter und farbenfroher als gewöhnliches narratives Animationskino – ganz wie Boogodobiegodongo.

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