„ (…) Ja, Jac­ques de la lune ist Poet, wie man es zur Zeit von Tris­tan L’Hermite war. Er sucht Äpfel am Birn­baum und fin­det sie auch. Er bringt es fer­tig, eine Ein­stel­lung am Strand zu machen, nur um zu zei­gen, dass Kin­der, die ein Sand­schloss bau­en, mehr Lärm machen als die Wel­len. Genau­so filmt er eine Land­schaft, nur weil genau in dem Augen­blick das Fens­ter eines Häus­chens am äußers­ten Ende des Bild­fel­des auf­geht, und ein Fens­ter das auf­geht, ist eben komisch. Genau das inter­es­siert Tati. Gleich­zei­tig alles und nichts. Grä­ser, Dra­chen, Schlin­gel, ein klei­ner Alter, egal was, alles, was gleich­zei­tig real, bizarr und char­mant ist. Jac­ques Tati hat den Sinn fürs Komi­sche, weil er einen Sinn fürs Selt­sa­me hat.(…)“ (Jean-Luc Godard; Cahiers du Ciné­ma, Nr. 71, Mai 1957)

Inter­view with Jac­ques Tati (1977) from nana­shi no gom­be on Vimeo.

„Wenn sich Men­schen nicht ken­nen, fol­gen sie gera­den Lini­en. Wenn sie sich nahe sind, gehen sie in Kur­ven.“ (Jac­ques Tati in Jac­ques Tati (The Enter­tai­ners), Pene­lo­pe Gil­li­at, 1976)

Aus­zü­ge aus einem Gespräch mit Elfrie­de Jeli­nek aus dem Jahr 1972:

Wie ist zum Bei­spiel Play­ti­me entstanden?

TATI: Da bin auf der Stra­ße gegan­gen und habe die Gebäu­de gese­hen und die Leu­te, die dar­in ein­ge­sperrt waren, gefan­gen in ihren Möbeln, und da habe ich mir gesagt, du mußt etwas machen, du mußt ver­su­chen, das auf­zu­bre­chen und ein biß­chen Musik hin­ein­brin­gen, damit die Leu­te was zu pfei­fen haben.

Hat­ten Sie nach die­sem Miß­er­folg Schwie­rig­kei­ten, Geld für einen neu­en Film aufzutreiben?

TATI: Ich lebe in einem kapi­ta­lis­ti­schen Land. Die Leu­te, die hier das Geld geben, tun das nur, wenn sie wis­sen, daß sie es bestimmt wie­der zurück­be­kom­men. Also geben sie es nicht Herrn Tati, son­dern Mon­sieur Hul­ot, denn der hat in eini­gen Län­dern ganz schön Kas­se gemacht. Das ist das ein­zi­ge, was die­se Leu­te inter­es­siert. Für mich bleibt Play­ti­me der wich­tigs­te Film, den ich je gemacht habe. Aber ich wer­de so etwas kein zwei­tes­mal machen kön­nen. Ich wer­de nie wie­der auch nur einen Pen­ny für so einen Film bekom­men. Doch immer­hin: Ein­mal durf­te ich, und in fünf oder zehn Jah­ren wird man sehen, daß das der Anfang einer neu­en Art von Film­ko­mö­die war, und dann wer­den auch jun­ge Regis­seu­re das machen dür­fen, und es wird end­lich wie­der neue lus­ti­ge Fil­me geben, Fil­me, in denen rea­le Situa­tio­nen vor­ge­führt wer­den, die jedem pas­sie­ren kön­nen und die auf jedes moder­ne Leben, ob in Sin­ga­pur, Ber­lin, Paris oder Sid­ney, anwend­bar sind.

Im Augen­blick geschieht das Gegen­teil: Über­all wer­den die alten Chap­lin-Fil­me gezeigt.

TATI: Herr Chap­lin ist ein sehr geschäfts­tüch­ti­ger Mann. Aber das wird die Ent­wick­lung nicht auf­hal­ten kön­nen. Die Zeit der Komi­ker, die ihre Wir­kung fast nur durch Slap­stick errei­chen, ist vor­bei. Der Slap­stick ist ja nichts ande­res als ein sehr star­ker visu­el­ler Effekt. In der Stumm­film­zeit, als man zwangs­läu­fig alle Mög­lich­kei­ten visu­el­ler Komik pro­bier­te, war das auch durch­aus berech­tigt. Doch als dann der Ton­film kam und die Pro­du­zen­ten ihr Geld dafür her­ga­ben, daß die Autoren den Witz in die Wor­te leg­ten, hat die Slap­stick-Komö­die ihre Grund­la­ge ver­lo­ren. Irgend­wie ist das scha­de. Denn ein komi­sches Gesicht merkt man sich, einen lus­ti­gen Satz ver­gißt man sofort. Aber die Ent­wick­lung ist nicht rück­gän­gig zu machen. Es ist ein­fach nicht komisch, wenn man heu­te im Film jeman­dem wei­ße Far­be ins Gesicht schmiert, obwohl die Leu­te da immer lachen und obwohl man da sehr viel Far­be ver­wen­det. Nur ist das, selbst wenn man fri­sche Far­be benutzt, nicht der rich­ti­ge Weg, die Atmo­sphä­re des heu­ti­gen Lebens wie­der­zu­ge­ben und das Publi­kum für die klei­nen Scher­ze des All­tags zu öff­nen. Ich möch­te errei­chen, daß die Men­schen auf unter­halt­sa­me Wei­se ein biß­chen sen­si­bler und geschei­ter und intel­li­gen­ter wer­den. Ich möch­te sie nicht für so dumm verkaufen.

«Mon­sieur Hul­ot ist der Beweis dafür, dass das Uner­war­te­te oder Unzu­sam­men­pas­sen­de jeder­zeit auf­tau­chen kann, um die Ord­nung der Schwach­sin­ni­gen zu durch­bre­chen.» (André Bazin)

«Tatis Film ist der ers­te Film in der Geschich­te des Kinos, der nicht nur mehr­fach ange­schaut wer­den soll­te, son­dern auch aus ver­schie­de­nen Distan­zen. Wahr­schein­lich ist es der ers­te wahr­haft offe­ne Film. Wird es der ein­zi­ge blei­ben?» (Noël Bur­ch, Pra­xis du ciné­ma, 1969)

Inter­view mit Jona­than Rosenbaum

«Was mich per­sön­lich zum Lachen bringt, ist alles, was offi­zi­ell ist. Ich mei­ne, ein Clown auf der Büh­ne bringt mich weni­ger zum Lachen als ein Pre­mier­mi­nis­ter, der im Bewusst­sein sei­ner star­ken Per­sön­lich­keit auf­tritt. Ich war­te dar­auf, dass ihm ein Miss­ge­schick pas­siert.» (Jac­ques Tati)