Fuad Suleiman in "The Time That Remains"

Die Suche nach der Heimat: The Time That Remains von Elia Suleiman

Ein israe­li­scher Taxi­fah­rer, ein Dampf­plau­de­rer, auf sei­nem Weg vom Flug­ha­fen durchs israe­li­sche Nie­mands­land. Der Fahr­gast auf der Rück­bank ist zunächst nur sche­men­haft zu erken­nen. Blitz und Don­ner­grol­len kün­di­gen ein Gewit­ter an und schon bald ist von der Welt rund um den Wagen nicht mehr zu erken­nen, als ein ver­schwom­me­ner Regen­schlei­er. Der Fah­rer hadert mit sei­nem Schick­sal, ver­liert die Funk­ver­bin­dung zur Taxi­zen­tra­le und schließ­lich die Ori­en­tie­rung: „Was ist das für ein Ort? Wie kom­me ich wie­der nach Hau­se? Wo bin ich?“

Mit einer lang­sa­men Schwarz­blen­de ver­las­sen wir Fah­rer, Taxi und Fahr­gast und bege­ben uns ins Naza­reth des Jah­res 1948, wo gera­de der Kampf zwi­schen Israe­li­schen und Ara­bi­schen Trup­pen tobt. Unser Inter­es­se gilt nun Fuad Sulei­man, dem Vater von Elia, dem Fahr­gast von zuvor und Alter Ego des Regis­seurs. Nach der Kapi­tu­la­ti­on der ara­bi­schen Frei­heits­kämp­fer stellt Fuad nun Waf­fen für den Wider­stand her, wäh­rend Tei­le sei­ner recht wohl­ha­ben­den Fami­lie ver­su­chen das Land zu verlassen.

Mutter und Vater im Jahr 1948Wer mit dem Werk des paläs­ti­nen­si­schen Fil­me­ma­chers Elia Sulei­man bereits ver­traut ist, wird sogleich die star­ken poli­ti­schen Töne und sorg­fäl­tig kon­stru­ier­ten Tableaus erken­nen, die sein Werk prä­gen. Auch in ande­rer Hin­sicht bleibt sich Sulei­man in The Time That Remains treu: Sei­ne Alter Egos – alters­be­dingt in drei­fa­cher Aus­füh­rung – blei­ben den Film über stum­me Beob­ach­ter und der Film ist geprägt von einer Rei­he absur­der Pos­sen, die sich in gewohn­ter Dead­pan-Manier abspie­len. The Time That Remains ist im Kern trotz­dem ein unty­pi­scher Sulei­man-Film. Dem his­to­ri­schen Kon­text und sei­nem Quel­len­ma­te­ri­al – Brie­fe und Tage­bü­cher sei­ner Eltern – geschul­det, fin­den sich ver­mehrt län­ge­re Dia­log­sze­nen und die ver­schie­de­nen Epi­so­den des Films sind chro­no­lo­gisch anein­an­der­ge­reiht. Die Epi­so­den­haf­tig­keit, sprich nar­ra­ti­ve Frag­men­tie­rung, die in frü­he­ren Fil­men ein Ver­frem­dungs­ele­ment dar­stell­te, wird so zur Kon­ven­ti­on. Des­halb wirkt der Film ein wenig schal und all­zu bemüht sei­ne poli­ti­sche Ein­deu­tig­keit hin­ter Slap­stick-Komik zu ver­ber­gen. Anders als in Suleim­ans frü­he­ren Wer­ken ergibt sich die Ambi­va­lenz des Poli­ti­schen, die sowohl das israe­li­sche, als auch das paläs­ti­nen­si­sche Publi­kum zu spal­ten gewusst, und dem Regis­seur von bei­den Sei­ten Kri­tik ein­ge­bracht hat, nicht aus der Form selbst her­aus, son­dern wirkt auf­ge­setzt. Nur in weni­gen Sze­nen gelingt es Sulei­man die Radi­ka­li­tät sei­ner poli­ti­schen Bot­schaft in einer Poin­te auf­ge­hen zu las­sen (und nicht umge­kehrt die Poin­te aus der poli­ti­schen Bot­schaft zu ent­wi­ckeln) – auf­fal­len­der Wei­se han­delt es sich dabei immer um kur­ze Teil­stü­cke, die bloß in die Nar­ra­ti­on ein­ge­scho­ben zu sein schei­nen. So zum Bei­spiel am Anfang des Films, als sich ein Trupp israe­li­scher Sol­da­ten mit den Kopf­tü­chern deser­tier­ter Ara­ber kos­tü­miert und durch die Stadt patrouil­liert. Eine ara­bi­sche Frau am Stra­ßen­rand hält die Sol­da­ten für Lands­leu­te und feu­ert sie an, wor­auf sie einer der Sol­da­ten buch­stäb­lich „im Vor­bei­ge­hen“ erschießt. Das ist der stärks­te Moment des Films, ein gro­ßer „Gag“, bei dem einem aller­dings das Lachen im Hals ste­cken bleibt. Spä­ter im Film folgt eine Sze­ne, in der ein tele­fo­nie­ren­der Paläs­ti­nen­ser nicht bemerkt, dass er nur weni­ge Meter vor einem Pan­zer auf und ab geht. Der Pan­zer folgt jeder sei­ner Bewe­gun­gen mit sei­nem Turm – qua­si um ihn im Visier zu behal­ten – Suleim­ans Alter Ego E.S. (ein paläs­ti­nen­si­scher Mon­sieur Hul­ot) ver­folgt das Gesche­hen hin­ter der nächs­ten Stra­ßen­ecke. In einer ande­ren Sze­ne gleich im Anschluss wird eine Stra­ßen­schlacht zwi­schen paläs­ti­nen­si­schen Demons­tran­ten und israe­li­schen Trup­pen durch eine Frau mit Kin­der­wa­gen unter­bro­chen. Auf die Auf­for­de­rung des israe­li­schen Kom­man­dan­ten heim­zu­ge­hen erwi­dert sie: „Geht ihr doch heim!“

In den bei­den letz­te­ren Fäl­len ist das Ton­de­sign essen­ti­ell für die Ent­wick­lung der Poin­te. Das Sur­ren der Hydrau­lik des Pan­zers ist auf der Ton­spur iso­liert und über­tönt den Umge­bungs­lärm, und trotz­dem scheint der tele­fo­nie­ren­de Mann den Pan­zer nicht zu bemer­ken. Wie in einem Film von Jac­ques Tati (auf Par­al­le­len zu Tati wer­de ich noch genau­er ein­ge­hen) sug­ge­rie­ren die­se Ton­ef­fek­te ein Eigen­le­ben eines unbe­leb­ten Objekts. Im Fal­le der Stra­ßen­schlacht, die E.S. von sei­ner Woh­nung aus beob­ach­tet, wird er erst auf die Situa­ti­on auf­merk­sam, als der Kampf­lärm durch das Auf­tau­chen der Frau abebbt. Nicht die Stra­ßen­schlacht ist also das beson­de­re Ereig­nis, dem man im besetz­ten Paläs­ti­na sei­ne Auf­merk­sam wid­met, son­dern die Stil­le, das Aus­blei­ben von Aufruhr. Die Mutter mittlerweile gealtert an der Seite von E.S.

War­um funk­tio­nie­ren aber nun die­se ein­zel­nen Sze­nen bes­ser als das fil­mi­sche Gesamt­kon­strukt? Um die­se Fra­ge zu beant­wor­ten hole ich etwas wei­ter aus: Michel Chion bezeich­ne­te Jac­ques Tati ein­mal als „Wel­ten­er­schaf­fer“. Im Gegen­satz zu Chap­lins Tramp, dem sei­ne Miss­ge­schi­cke in einer Welt wider­fah­ren, die der unse­ren gleicht, spie­len sich die Gescheh­nis­se rund um Tatis Mon­sieur Hul­ot und sei­ne ande­ren Figu­ren in einer absur­den, bei­na­he abs­trak­ten Welt ab, in der die Rela­ti­on von nor­ma­len zu abstru­sen Vor­komm­nis­sen ver­scho­ben ist. Bezeich­nend also, dass Tatis gigan­ti­sches Set für sein magnum opus Play­ti­me „Tati­ville“ getauft wur­de („Tativ­erse“ wäre viel­leicht sogar tref­fen­der gewe­sen). In Play­ti­me wird die kon­stru­ier­te Natur des Tati’schen Uni­ver­sum am deut­lichs­ten, aber auch in sei­nen frü­he­ren Fil­men fin­den sich Auto­rei­fen, Farb­kü­bel, Ein­bau­kü­chen oder Schwing­tü­ren, die sich anders ver­hal­ten, als wir es gewohnt sind. Des­halb feh­len in Tatis Fil­men auch die gro­ßen Lacher. Gags wer­den anti-kli­mak­tisch insze­niert, denn die wah­re Poin­te liegt in der Komik der Welt und des Ver­hal­tens sei­ner Bewohner.

In den frü­hen Fil­men von Sulei­man ver­hält sich Paläs­ti­na ähn­lich wie das „Tativ­erse“. Wie das Frank­reich Tatis ist das Paläs­ti­na Suleim­ans bloß eine Ana­lo­gie zur Ent­spre­chung die­ses Ortes in der Real­welt. Der rote Ara­fat-Luft­bal­lon in Divi­ne Inter­ven­ti­on ist hier genau­so stim­mig wie der Auto­rei­fen in Les Vacan­ces de M. Hul­ot. Anders ver­hält es sich in The Time That Remains: Gera­de weil Sulei­man den Bezug auf die rea­len his­to­ri­schen Ereig­nis­se her­stellt und sei­nen Film im „ech­ten“ Paläs­ti­na spie­len lässt, nimmt er sei­nem eige­nen Film den Wind aus den Segeln. Die Absur­di­tät sei­ner kon­stru­ier­ten Welt, in Kom­bi­na­ti­on mit aus­ge­dehn­ten Tableaus und dem Dead­pan-Geha­be sei­nes Haupt­cha­rak­ters wer­den durch den ver­stärk­ten Ein­satz von Dia­lo­gen und Schnit­ten ent­kräf­tet. Suleim­ans künst­li­ches Paläs­ti­na wird durch ein „rea­les“ Paläs­ti­na ersetzt, und sei­ne Fil­me dadurch inso­weit „gewöhn­lich“, als sie nur mehr bedingt als Alle­go­rie tau­gen. Nur in den paar Sze­nen, von denen ich eini­ge wei­ter oben ange­führt habe, bricht die absur­de Sei­te des „absur­den“ Paläs­ti­nas wie­der her­vor – des­halb sind die­se Sze­nen die effek­tivs­ten des Films. Suleimans Alter Ego E.S.

Dass Sulei­man den­noch auf die­se kon­ven­tio­nel­le Form (im wei­tes­ten Sin­ne) zurück­greift liegt an der spe­zi­fi­schen Fra­ge­stel­lung, die er sei­nem Film zugrun­de legt: „Was ist das für ein Ort? Wie kom­me ich wie­der nach Hau­se? Wo bin ich?“ Die­se Fra­gen ste­hen pro­gram­ma­tisch für Suleim­ans poli­ti­sche Agen­da. In The Time That Remains ver­sucht Suleim­ans erst­mals vor­sich­tig so etwas wie eine Ant­wort auf die­se Fra­gen zu geben, mit denen er sich schon sein gesam­tes Künst­ler­le­ben über beschäf­tigt. Wie ein­gangs ange­deu­tet, lei­tet er sei­nen Hei­mat­be­griff his­to­risch her. Genau­er, prä­sen­tiert er sei­nen Vater als Vor­gän­ger im Kampf für ein frei­es Paläs­ti­na und zeigt, in wel­cher Wei­se er mit die­sem Frei­heits­kampf fami­li­är ver­bun­den ist. Aus die­sem Grund braucht es eine gewis­se Kon­ti­nui­tät und Chro­no­lo­gie, auch wenn sie sei­nem fil­mi­schen Stil gänz­lich wider­spricht. Kri­tik ist also ent­we­der an der Wahl des Stof­fes oder am Fest­hal­ten an den Res­ten sei­nes per­sön­li­chen Stils ange­bracht. In bei­den Fäl­len müss­te man akzep­tie­ren, dass dem Film eine Fehl­kal­ku­la­ti­on zugrun­de liegt.